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Full text of "Vom Mittelmeer zum Persischen Golf durch den Haurän, die Syrische Wüste und Mesopotamien"

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Dr. Max Freiherr von Oppenheim 



VOM JMITTELMEER ZUM PERSISCHEN GOLF. 



Öl.. ... 

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Yom B[ittelmeer zum Persischen Golf 

DURCH DEN HAURÄN, 
DIE SYRISCHE WÜSTE UND MESOPOTAMIEN. 



Dr. Max Freiherrn von Oppenheim. 



MIT VIER ORIGINALKARTKN VON' DR. RICHARD KIliPERT. 

EINER UEÜER.SICinSKARTE 

UND ZAHLREICHEN .AliUlLDUXGE.N. 



EHSTEI; BAHD. 



HERLIX iS(;9. 
DIETRICH REIHER (ERNST VOHSEN). 

c 



Jli!e flechte der Uebersetzung und der Vervielfältigung vorbehalten. 




Druck von Otto Eltner, Berlin S. 



Vorwort. 



Das vorliegende Werk baut sich auf den Tagebüchern auf, die ich 
im Sommer 1893 während einer Reise von Berüt durch den Haurän, die 
Syrische Wüste und Mesopotamien nach Bardäd und dem Persischen 
Golf geführt habe. Doch wollte ich keine blosse Reisebeschreibung 
geben, sondern war bemüht, Land und Leute in ihrer geschichtlichen 
Entwickelung und in ihrer ethnographischen und religiösen Eigenart zu 
schildern. Dabei habe ich es für meine Pflicht gehalten, die reichhaltige 
Litteratur, welche Geschichte und Geographie von Syrien und Mesopo- 
tamien behandelt und welche neben Werken klassischer griechisch - 
römischer und arabischer Autoren sowie moderner arabischer Chronisten 
eine ganze Reihe älterer europäischer Reisewerke und sehr zahlreiche 
neuere wissenschaftliche Arbeiten umfasst — die zum Teil in schwer zu- 
gänglichen Zeitschriften verstreut sind — von F'all zu Fall anzuziehen. 

Bei meinen Aufzeichnungen habe ich auf die genaue Feststellung 
der arabischen Orts- und Personennamen Bedacht genommen, die ich 
an Ort und Stelle von einem gebildeten Syrier in arabischen Lettern 
niederschreiben Hess. Diese Arbeit wurde von mir dauernd überwacht 
und bereits unterwegs, wenn sich die Gelegenheit bot, auf ihre Richtigkeit 
geprüft. 

Die dem Buch beigegebenen Karten sind von Herrn Dr. Richard 
Kiepert gezeichnet, den ich dazu gewinnen konnte, ein kartographisches 
Gesamtbild von Syrien und Mesopotamien auszuführen, für welches ausser 
den Ergebnissen meiner Reise auch die übrigen bisher veröflentlichten 
Resultate der geographischen Wissenschaft über jene Gebiete und zahl- 
reiche bisher unedierte Manuskriptkarten verwertet sind. Die mühevolle 
Arbeit, der sich Herr Dr. Kiepert in dankenswertester Weise unterzog, 
hat ihn länger als anderthalb Jahre in Anspruch genommen. 



\''[ Vorwort. 

Besonderen Dank schulde ich meinem verehrten Lehrer, Herrn 
Professor Dr. Moritz, der die Güte hatte, die von mir mitgebrachten 
arabischen Namen und die Transskriptionen im Text und in den Karten 
zu kontrollieren. Ebenso bin ich Herrn Professor Dr. Hart mann für die 
Revision eines grossen Teiles der vorkommenden Namen während der 
Drucklegung verpflichtet. 

Die von mir gesammelten Pflanzen, die mir als Vertreter der 
Sommerflora der Syrischen Wüste und Mesopotamiens von Interesse 
schienen, sind durch Herrn Professor Dr. Ascherson bestimmt, und ich 
verweise diesbezüglich auf den dem zweiten Bande beigegebenen bota- 
nischen Kxkurs. Die Pflanzen haben in dem Herbarium des Herrn Pro- 
fessor Dr. Schweinfurth Aufnahme gefunden. Die dem Werke bei- 
gegebenen Illustrationen sind zum Teil nach eigenen Aufnahmen, zum 
Teil nach Photographien und Zeichnungen angefertigt, die von den Herren 
Burchardt, v. Carnap, Koldewey, Konsul Lütticke, Dr. Reinhardt. 
Dr. S tu bei in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt oder ander- 
weitig erworben wurden. 

Wiederholt habe ich die Welt des Islam durchstreift: meine Reisen 
haben mich vom Atlantischen Occan bis zum Ganges und nach Zanzibar 
und Deutsch -Ostafrika geführt, und in Kairo habe ich, im arabischen 
Viertel wohnend, mehrere Monate hindurch in ausschliesslichem Verkehr 
mit Kingeborencn meine Studien des Arabischen und der muhamme- 
danischen Sitten und Anschauungen zu vervollständigen gesucht. Ein 
vorläufiger Bericht über die Reise, die den Gegenstand dieser Blätter 
bildet, i.st nebst einer Routenkarte in Petermanns Geographischen Mit- 
teilungen 1896 erschienen. Dass die Herausgabe des vorliegenden Werkes 
sich bis jetzt verzögert hat, erklärt sich dadurch, dass die ganze Anlage 
meines Buches mich zu eingehenden Studien nötigte. Dazu kam, dass 
ich im Frühling des Jahres 1896 meinen Wohnsitz nach Kairo verlegen 
musste, wo mich meine amtlichen Obliegenheiten völlig in Anspruch 
nahmen. Inzwischen habe ich wiederholt in Svrien greweilt und da- 
durch Gelegenheit gehabt, mich über die neuesten F*ortschritte und 
Ereignisse im Lande, insbesondere die Aufstände der Haurandrusen, zu 
unterrichten. 

Der erste Teil meiner Darstellung umfasst den Weg von Bcrut 
durch den Ijaurän und die dahinterliegendc Steinwüste il Harra, welche 
ich von Sali bis Dumer auf einer fast durchweg neuen Route durch- 
kreuzte, wobei es mir gelang, die Safavulkane zu besteigen (Kap. I — VI). 
Der zweite Teil führt von Dumer zunächst nach dem Bir Zubede, so- 
dann nach Karjeten durch ebenfalls noch unbekanntes Terrain und darauf 
über Palmyra durch die Syrische Wüste nach Der ez Zur am h^uphrat 
(Kap. VII bis IX). Hiermit schliesst der erste Band. 



Vorwort. VII 

Den dritten Teil bildet die zum grrossen Teil neue Route durch 
Mesopotamien, an den Flüssen Chabür und C^arg^ar entlang nach Xe:5ibin, 
zu dem damals nördlich des Sin^ar lagernden Schanimarschech Färis 
und weiter durch die mesopotamische Steppe nach Mösul (Kap. X bis XIII). 
Der vierte und letzte Teil umfasst die Flossfahrt den Tigris stromabwärts 
nach Bardäd und die Fahrt nach Ba.sra und durch den Persischen Golf 
(Kap. XIV bis XVIII). 

Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass die folgenden Blätter als 
Beitrag zur Kenntnis des heutigen Syriens und Mesopotamiens einer nach- 
sichtigen Aufnahme begegnen werden. 

Kairo, im März 1899. 

Max Freiherr von Oppenheim. 



Transskription des arabischen Alphabets. 



Für die Umschreibung der arabischen Buchstaben ist das folgende 
System angenommen worden, das sich im allgemeinen der von den 
meisten deutschen Orientalisten und namentlich der Deutschen Morgen- 
ländischen Gesellschaft befolgten Transskription anschliesst. Es dürfte 
fiir die deutsche Wiedergabe der arabischen I^ute genügen, wiewohl die 
Anwendung von Doppelbuchstaben (mit Ausnahme von ch und seh), 
sowie griechischer Buchstaben etc., welche vielfach beliebt sind, ver- 
mieden worden ist. 



b 

t 

t ^wie d;Ls enji^lischo th) 

g jneist wie französisches j. 
ilaneben auch wie dj, d.sch. 
fj oder j" 

b wie scharfes h 

ch wie im deutschen Worte 
Rache« 

d 

d .'wie weiches t 

r Zungen-r, K dramatique] 

Z wie das fran/. weiche z"^ 

s 
seh 

S .wie verstärktes s' 



Q .^mit l'Jmphase zu sprechen] 

t mit Emphase zu sprechen 

d, Z 

/ein eigentümlicher, scharfer 
Kehllaut; 

r ^weiches, in der Kehle zu 
sjirechendes r 

f 

k dialektisch g, isch 

k 

I 

m 
n 
h 
w, li 



Der arabische Artikel wird in Syrien il (id, ir, is, it etc.), in 
Mesopotamien dagegen gewöhnlich el (ed, er, es, et etc.) ausgesprochen. 
Da viele Kigennamen im Arabischen ursprünglich Appellativa sind, so 
sollten diese eigentlich sämtlich mit dem Artikel versehen sein. Da 
aber über diesen Punkt bei den Arabern selbst keine Uebereinstimmunj:^ 
herrscht und auch bekannte Ortsnamen, wie Mösul, von den einen mit. 
von den andern ohne Artikel gesprochen werden, habe ich in dem 
vorliegenden Buche solche Namen bald mit, bald ohne Artikel wieder- 
gegeben, je nachdem, wie sie gerade in den betreffenden Gegenden 
selbst gewöhnlich gesi)rochen wurden. 



is des ersten Bandes. 



>citc 



[. Kapitel. Berüt und das Libanon-Gebiet i 

Die Stadt Berüt. — Stmssenleben. — Baustil. — Geschichte von Berüt. — 
Der Hafen. — Nach ("^lünije. — Die syrische Bevölkerung. — Keli^onen und 
Sekten in Syrien. — Missionen. — Schulbildung-. — Die christlichen Syrier. — 
Die Auswanderung. — Die arabische Presse. — Französische Sprache in 
Syrien. — Frankreich und die Maroniten. — Sonstige internationale Be- 
ziehungen. — Deutsche in Syrien. — Handel und Schiffahrt. - - Syrische 
Eisenbahnen. - Der Schienenweg Berüt — Damaskus. — Libanon und Anti- 
libanon. — Syrische Sommerfrischen. — Bet id Dm, die Sommerresidenz des 
Libanon -Gouverneurs. — Ba^al^lin und Der il Kamar. — Das Reglement 
organique des Libanon -Bezirkes: Verwaltung, Gerichtsverfassung, Finanzen, 
Militär. — Mein Aufenthalt in Berüt 1893. — Mit der Diligence nach Schtörn. 
— Syrischer Weinbau. — Ba'albek. — Im Hause des Habib Pascha Mufrän. — 
Ankunft in Damaskus. 

IL Kapitel. Damaskus und Aufbruch zur Reise 49 

Die Lage der Stadt. — Geschichte von Damaskus. - Alte Baudenkmäler. 
— ■ Die Häuser und ihr Inneres. — Europäischer Kinfluss. — Bazare und 
Chane. — Damaskus als Sammelpunkt der Pilgerkarawanen. — Gewerbfleiss. — 
Handel. — Die (>ärten. — Einwohnerzahl. — Christen und Muhammedaner. — 
Europäische Kolonie. — Kleidung und Strassenleben. — Der wilde Hund. — 
Erholungsstätten. — Genussmiltel im Orient. - Schech Seijid il Giläni. — 
Bruderschaften in der arabischen Türkei. — Verwaltung und Garnison. — Die 
. Umgebung. — Organisation meiner Karawane. — Mein Personal. — Die 
Wasserfrage. — Sonstige Ausrüstungsgegenstände. — Der .Aufbruch. — Mit 
der Eisenbahn nach Schech Miskin. — Ungünstige Xachrichten. — .Vnkunft 
ira Zeltlager. 

III. Kapitel. Der H^turan und seine Hauten Sj 

Haurän als geographischer und politischer Name. — Die I.lauran-Ebene 
(NuVra). — Der (iebel I.Iauran. — Die Trachone. — Die Leyja. — Die Harra 
und die Diret it Tulül. — Die Städtewüste des Haurän. — (reschichte des 
Haurän. — Höhlenbewohner. — Jemenische Einwanderer. — Tenuchiden, 
Gafniden, Rassaniden. — Korns Oberhoheit, die Aera Bostrensis. — Die 
Sassanidcn im Haurän. - Die muhammedanische Invasion. — Die zweite 
Blütezeit des Haurän zur Zeit der Kreuzfahrer. — (ränzliche Verödung. — 
Die Neubesiedlung durch die Drusen. — Die Ilauränbauten. — Vermischung 



X Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

griechisch-römischer Kunst mit jemenischen Gedanken. — Babylonisch-assyrische 
Anklänge. — Persische Einflüsse oder selbständige Weiterentwicklung. — Syrien 
und der Haurnn als Wiege der arabischen Kunst. 

IV. Kapitel. Die Drusen und ihre Geschichte 109 

Allgemeine Charakteristik der drusichen Religion und des Drusenvolkes. — 
Ethnographische Stellung. — Die Litteratur. — Mündliche Mitteilungen eines 
gebildeten Drusen als Quelle der folgenden Darstellung. — Einzug der süd- 
arabischen Hirenser unter Emir *Aun in Svrien. — Emir Arslnn führt seine 
Leute in den Libanon, in das Gebiet der Marditen. — Weitere arabische Ein- 
wanderungen. — Tenüch, *Alem id Din, Ma*n. — Nichtarabische Zuzüge: 
(lumblät. *Amäd, Nakad. — Der Stammbaum der Arslan. — Der Mangel einer 
Erbfolgebestimmung als Grund der Auflösung des Reiches Mubamme<1s. — 
Die Kämpfe der Omaijaden und der Abbasiden. — Die Stellung der Perser. — 
Sektenbildung in Persien. — Die Inkamutionstheorien und der Chalif Man^ür. — 
Die Zindi|>. — Die Idee des Mahdi. — IsmaMlier. — 'Abdallah ibn Maimün. — 
Sein l^hrsystem. — Flucht aus Persien und Festsetzung in Salamja in Syrien. 

— I.Iamdän der Karma( ibn Abmed. — Sa*id *(;)beidalläh il Mahdi begründet 
<lie Herrschaft der Karmaten in Nordafrika. — Salamja von den Abbasiden 
aufgehoben. — Karma^ische Beduinen suchen Zuflucht im Libanon. — Lahsa 
in Bahren, Sitz des Karmatentums. — Zusammenstoss der Fatimiden und ilor 
Babrener. — Die Chalifen Mo'izz und '.\ziz. — Der Chalife lläkim, «1er 
Wiederbeleber des IsmaMliertums. — Sein Priester id Darazi flüchtet nach 
Svrien und findet am Wädi it Tem die ersten Anhänyrer. — Uamza. Der 
Alte vom Berge und die Assassinen. - Die Noseirier. — Die Dnisen. — 
Statistik. — Das dru.sischc Religionssystem. — Beziehungen zum Islam. — 
Drusischo Moral. — Feudalsystem. — Familien und Kasten. — Die Tracht. - - 

— Die (ieschichte des Libanon. — Die Ma'n. — Die Schihab. - Fachr iil Dm I., 
Korkmas und Fachr id Dm II. — Kaisi und Jemeni. — Die Schlacht bei 
*Aindära, Auswanderung der Jemeni nach dem I.Iaurnn. — Jczbeki und (iumblaji. 

— Die egyptische Invasion. - Emir Beschir Schihab I. — Zweimalige Flucht 
nach Eir>'pten. — Aufstaml und Ende des Beschir Guniblai. — Mubammed *Ali 
wird Herr in Syrien. - Aufstand der I.Iaurandruseu. — Das Ende der egy]>- 
tischen Herrschaft in Svrien. — Emir Beschir Schihäb wird nach Malta 
gebracht. — Die Entwicklung der Beziehungen /wischen Drusen und Maroniten. 

— Emir Beschir Schihäb II. — Kämpfe zwischen Christen und Drusen. — 
Verwaltung.srefi)rm im Libanon. — Der französische Generalkonsul und «ler 
maronitische Patriarch. — Die Blutbäder in Hasbejä und Der il Kamar. — 
Die Intervention Europas, die Neuordnung der Dinge im Libanon. — Neue 
Parteibildungen, Scha|>räwi und Samadi. — Frankreichs und Englands Stellung 
zur syrischen Frage. — Die I.Iaurändrusen. -- Plünderung von Bu.^r il Harin. 

— Erstes Eingreifen der Türkei und Verwaltungsreform im llaurän. — Schibli 
il Atrasch. — Die Belagerung der Türken in Mezrä'a. — Generalpardon untl 
neue* Flmpörung. - Die K:issara und die Zarräba. — Die Mission Edhem 
Paschas. — Die Schlacht bei Kirate. — Umgestaltung der Vorwaltung und 
Demütigung der Drusen. — Die Schlacht bei *Ijün. — Die Belagerung von 
Suwedä. — Die .Vufregung in Damaskus. — Der Kampf am Teil il Hadid. - - 
Der Fall Suwedäs. - Die Schlacht am Teil il Kuleb. — Der Fall von .Schuh ba. 
1— Unterwerfung der Drusen. — Gegenwärtiger Zustand im Haurän. 



InhalUTcnekhiiii. 



V. Kapitel. Durch das Haurän-Gebirgc (Oebel id Dniz) . . 184 

Bufr il l^ariri. — [1 Meira'a. — SnwedS. — IbmhEm P;ischa i1 Alraich. — 
Gin Feitmahl bei den Drusen, — II RanawSl. — 'Ire. — ^ieiDcrrin. — Boi^rn 
Eski SchSni. -_ fisJchad. — Schcch Mnbnmined il A^tkich, — Körneratrosseii. 

— Sali. — Die Nekropole bei Siili. 

VI. Kapitel. Harra und SafS 213 

EnropäJBche Forschungsreisende in der Kntibc. — Die Kis;. — Aufbruch 
von Sali. — Sa'ne. — Der Eintritt in die l.lurra. — Die Wusserslelle il 
Ijafaie. — Die l^leb. — Ein Zwiachenfall. — Ein Znsummenitoss mit den Kint. — 
Friedliche Lösunir. — Netnüra. — Sehech SerSIf. — Die Ruljbe. — Im Zeltlager 
der V.xi(. — Die Ucsteij.'UDil der Siifnberue- — I'ie Choschiw. — Tulul if Safn. 

— Die Zuncla'u. — Niederlassungen auf der ^ata. — Klora und I''.iuna, — Kaft 
il Abjad. — Schlechte Gaatfreunile. — N'eui.' Sch«ierii.'keilen. ~ IIlt Aufliruch 
aus der Rabbe. _ Der Bir Lmm il Räljil. — Der t'lebel Sea und seine Kuinen. — 
Der östliche 'I'rachon. — Ankunft in l.lumer. 

VII. Kapitel. Von IJumcr nach I'almyra 252 

Dumer. — Tempel. — Nürdlichste nabatäischc Inscbrilt. — W liste npost. — 
Abschied von Dablän. — Durch diu »Thidmuldc« des llamnd. — 11 Mak^ura. — 
Chan Abü'sch Schnmät. — Chane und Kischlas in der Wüsle. — Der Zubcdu- 
Brunnen. — Abu '1 llajaja. — Das Gi;birge iwischeii Duinör und I'almyra. — 
Die Vulkane il 'Abd wil '.\bdc. — Der kaiu am Ilufeijir. — 11 Karjeten. — Das 
Wüslenschlosa Ka^r il l.lcr. — 'Ain il Uuclä. — Snndslurm. Das Gräberlhal 

von Palniyra. 

VIII. Kapitel. I'almyra 2;S 

Der Name l'almvrn - Tudiiiur, — Die [.ai;i-' und die hntsli-hunc der 
Stadt. — PalmjTa als Centrum tles 'rranailhandcls der .Syrischeu WUste, — 
Wohliland und Kürgersion. - Trjchten der allen Halmyrener, ^ Thi.nsiej.tl 
und Inschriften. — Sprache und Kinwulinersühafl. — Die Stellung l'almyraa 
lu Rom. - Hairanrs I„ Odenath [., Ilairanes II., ndenalh 11. -- Kampfe diT 
Römer und Palmyrener get'en den Peraerkünii; Sapor. — Die IJIan/.ieii 
Palmyras. — Die K^migin Zcnobia. — Ihre A^s'^mmunu und Persönlichkeit. — 
Kämpfe mit Kum. — Kaiser Aurclian. ~ Niederlage Zeiiobias in Kßypten. — 
Die Schlacht in der Ebene von "Amt. — Zenobias Flucht. — Bclacerung und 
Fall Pal myras. — Zenobias DcmütiipinK und Enilc. — l'abnyra wird ehriatlieh, 

— Der Isiuzug des Islam. — P^ilmyra bei den arabischen Ucographen di'S 
Mittelalters. — Wieilerentdeckun^ der ' lasenstadt durch europäische Reisende. — 
Die Ruinen von Palmyr». — Die Säuleiialleen und der Sonnen loinpel. - - Die 
Grubtürmc. — Mumien. — Das i>al-al ibn Ma'n. — Quellen und Itninnen. — 
Das moderne Tudmur. 

IX. Kapitel. Von Palmyra durch die Syrische Wü.stc zum 

Kuphrat 3^'^ 

Aufbruch von I'almyra. — Der SalMee, — Der Mama.!. — Hiiheniiluc im 
llamäd, — Krck. — Suchne. — II Mul)«fir. — Eine Karawane in der Steppe. 

— Fat« Morcana. ■ - It Gabagib. — Ankunft in Der ci Zur ain Euphrat. — 
Der e* Znr einst und jetit. ^ Der Verwaltungsbeiirk von ed l)er, — 
.Strassen, Kirchen, Chane. — Der Mntejarrif Snlifi Pascha. — Nä'iira und Gird. 



Verzeichnis der Abbildungen im ersten Band. 



Mein Zelt rilelbild 

I. Kapitel. 

Seile 

Berüt 2 

FeUeninschriften am Nähr il Kelh . . .... 7 

Syrische Typen 13 

Christliche Syrierin . 15 

Maronitischer Patriarch ... 16 

Libanon-Landschaft ^Vollbild' 22 

Auf einer Kisenbahnstation im Libanon 23 

Schwefät im Libanon (Vollbild' .... 26 

Das Serai von Bteddin ... 28 

Bteddin 29 

Das Serai von Bteddin A'ollbild' .... .... 30 

Der il Kamar .... 31 

Na'*üm Pascha, Gouverneur des Libanongebietes, in seiner Drat^oner-Kaseme ... 34 

Libanon-Militär .... 40 

Syrische Typen . . 42 

Ba'albek ^VoUbild; 42 

Der Jupitcrtempel von Ba*albek . . ... 44 

Das Innere des Jupitertempels in B:i*albck Vollbild] . . 46 

Bild des Helios aus Ba'albck (im Besitze des Berliner Museums' 47 

II. KapiteL 

Damaskus .... 50 

Damaskus und die Vorstadt Sälibije .^Vollbild; ... 50 

Damaskus: die Omaijadcn-Moschee vor dem Brande . .... ... 54 

Damaskus: das Innere der Omaijaden-Moschee vor dem Brande ^Vollbild, .... 54 

Damaskus: Reste eines Portals der alten Kirche (im Bazar neben der Omaiiaden- 

Moschee} . 55 

Damaskus: Inneres eines Hauses 5^ 

Damaskus: Hof eines Hauses (Vollbild) 58 

Strasse in Damaskus 60 

Arabischer Gelehrter in seiner Bibliothek 61 

Damaskus: die ^osse Tekkije am Baradä 62 

Damaskus: die alten Bazare I lalle des sop^enannten Griechen- Bazar^ 63 

Aus dem Midän in Damaskus 64 



Verzeichnis der Abbildungen. 



XIII 



S«ic« 

Damaskus: CitadcUe und Bazare (Vollbild) 64 

Strasse in der Vorstadt Sälibije (Vollbild) 66 

Damaskus: Frauen im Strasscnkostüm 6$ 

Damaskus: chrislliche Frauen 69 

Damaskus: der Serai-Platz 75 

Türkisches Militär, Syrisches Bataillon in Konstantinopel (Vollbild) 76 

Mein Bef^lciter Man^ür 78 

Modell eines Wasserkastens 82 

Bemalter marokkanischer Thonkrufr, eine Zemzemije darstellend (Vollbild) .... 82 

Emir »Abd U Kädir 85 

III. Kapitel. 

Muhammedanischcr Hauränbauer 88 

Steinernes llaus aus dem ilaurän 92 

Inschriftenstein aus Negrän am Südrand der Lcgä 93 

I9 Sanamen 94 

Aus der christlichen Zeit des Ilaurän 95 

Sabäische Bauten im Haurnn .^Vollbild^ 96 

Stein mit nabatäischer Inschrift aus 'Ire 97 

*Atil im Haurän (VollbilcO 100 

Aus den Ruinen von *Atil im Ilaurän 101 

Aus den Ruinen von Teil Lö .;im Besitze des Louvre' 102 

Ruinen von 'Atil .Vollbild' 102 

Hütten in Der bäfir bei Aleppo 103 

Rohkonstruktion von Bauten aus assyrischer Zeit (nach Layard) 103 

Aus den Ruinen von Meschitta (VollbiUr; 104 

Aus den Ruinen des Kasr il Abjacl 105 

Aus den Ruinen von 'Atil im Ilaurän 106 

Aus den Ruinen von Teil il 'A^fiir (^östlich der Legä) 107 



IV. Kapitel. 

Druse aus dem IJbanon 

Glassief^cl des Chalifen iläkini 

Burg Salima im Libanon 

Drusen aus dem Libanon 

Dnisenmädchen aus dem Libanon (Vollbild) 
Dnisisches Paar in Damaskus .... 
Der il Kamar und Bteddin .Vollbild' . 

Druse ans <!eni Ilaurän 

Hauränbeduine iNa'emi"^ ...... 

Haurändrusen (Schech Hu^en il Atrasch) 
Beduine aus dem Haurän .... 

Schibli il Atrasch 

Drusen aus Megdel Schems .... 
Schech Hasan il Hagari von Kanawät . 



III 
129 

>39 
141 
142 

»43 
162 

166 

166 

167 

168 

170 

172 

«74 



V. Kapitel. 



Ruine Dubesc bei Suwedä 
Stein aus Suwedä . . . 



187 
18S 



XIV Verzeichnis der Abbildangen. 

Seite 

Mitglieder der Familie A(rasch und dmsische Zaptije in Sawedä 190 

Dmsenmahlzeit 192 

Tempel bei Kanawät 194 

Die *Omar-Mo8chec in Bo^rä (Vollbild) 19S 

Bosrö ,'Vollbild^ 200 

Aus den Ruinen von Bo?rä 201 

Die Burg von Salchad 204 

Minaret in Salchad 207 

Schech Mubammed Na^^är 211 

VI. Kapitel. 

sieb (Vollbild) 220 

Kiät-Beduinen bei der Kamelschur ^Vollbild' 224 

Zelt der Riät-Beduinen 225 

Die Oase Kubbe und das Lobf der SsLfh ;^ Vollbild; 226 

Das Weisse Schloss in der Rubbe 226 

1$ Safä 229 

Plateau der Safä mit dem Krater Meräti 232 

Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe 235 

Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe A'oUbild' 236 

Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe 236 

Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe 237 

Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Rubbe 237 

Beduinenfrauen, Wasser holend 241 

^Jebel Ses (VoUbUd^ 242 

Die Umgegend des (itbcl Ses (Kartenskizze^ 244 

Ruinen am Cicbel Ses 245 

Grundriss einer Ruine am (iebel Ses 246 

Das Kastell am (iebel Ses 247 

VII. Kapitel. 

Tempel in Dumer .Vollbild) 252 

Plan eines Hauses in I)umer 253 

Syrische Bauern .... 254 

Syrische Dorfbewohner (Vollbild' 254 

Modemer Chan 261 

Bir, Ziehbrunnen in der Wüsie 262 

Karjeten (Vollbild^ 26S 

Karjeten 269 

Palmyrenische Figur im Hause des Schech zu Karjelcn 270 

Steppe von Karjeten (Vollbild] 272 

Kischla bei »Ain il Bedä 274 

Da» Wädi il Kubür 276 

VIII. Kapitel. 

Palmyra (Vollbild) 27S 

Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood) 279 

Au» den Ruinen von Palmyra (nach Wood) 282 

Palmyra: Säulenstrasse (Vollbild) 2S2 



Verzcichnifl der Abbildunf^en. XV 

Soite 

Die pjosse Säulenstrasse in Palmyra 283 

Männliche Büste aus Palmyra 284 

Ans den Ruinen von P«ilin>Ta (nach Wood, Vollbild' 284 

Weibliche Büste, Grabrelief aus Palmyra (im Besitze des Berliner Museums) .... 2S5 

Weibliche Büste, Grabrelief aus Palmyra, 230 n. Chr. (im Besitze des Berliner Museums) 2S5 

Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood, Vollbild) 2S6 

Ans den Ruinen von Palmyra (nach Wood, Vollbild) 28S 

Thorboj^en (nach Wood) 290 

Münze des Wahballät, in Alexandrien gepräc^t (aus dem Kgl. Münzkabinett zu Berlin) 296 

Münze der Zenobia, in Alexandrien geprägt (aus dem Kgl. Münzkabinett zu Berlin) 296 

Der Sonnentempcl von Palmyra 300 

Plalmjrra: Triumphbogen 302 

Aus den Ruinen von Palmyra .^nach Wood) 309 

Palm3rra: Triumphbogen 310 

Deckenstücke aus Palmyra (nach Wood, Vollbild; 310 

Deckenstücke aus Palmyra (nach Wood, Vollbild) 310 

Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood) ....311 

Deckenstücke aus Palmyra (nach Wood) 311 

Der Sonnentempel von Palmyra 312 

Palmyra: Eingangsthor des Sonnentempels ^Vollbild) 312 

Aus den Ruinen von Palmyra (.nach Wood) 313 

Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood) 314 

* Locnli eines Grabturmes 314 

Loculi mit Büsten 314 

Schech Mubammed 'Abdallah von Palmyra 316 

IX. Kapitel. 

Das Wasserholen bei einem Bir in der Wüste 325 

Armenische Kirche in Der ez Zör (Vollbild) 330 

.Syrischer Geistlicher mit Familie in Der ez Zör «33' 

Chan in Der ez Zör (Vollbild) 332 

Nä»üra 333 

öird 334 

Stammtafel der Emire aus dem Hause Arslan 116 

Karte der Verwaltungseinteilung des autonomen Bezirks des Libanon .... 32 

Uebersichtsskizze am Schluss des Bandes in Tasche 

Karte von Syrien und Mesopotamien, Westliches Blatt » >> » » » » 



I. KAPITEL. 



Berut und das Libanon -Gebiet. 

Pie Stadt Berüt. — Strassenleben. — Baustil. — Geschichte von Bcriit. — Der Hafen. — 
Nach fjünije. — Die syrische Bevöikerunjj. — Reliß^ioncn und Sekten in Syrien. — Missionen. 
— Schulbildung^. — Die christlichen Syrier. — Die Auswanderuni^. — Die arabische 
Presse. — ^französische Sprache in Syrien. — Frankreich und die Maroniten. — Sonstij^e 
internationale Beziehungfen. — Deutsche in Syrien. — Handel und SchifTuhrt. — Syrisclie 
Eisenbahnen. — Der Schienenweg Berüt — Damaskus. — Libanon und Antilibanon. — 
Syrische Sommerfrischen. — Bet id Dln, die Sommerresidenz des Libanon-Gouverneurs. — 
Ba'a!|j:lTn und Der il Kamar. — Das R^j^lement orjjanique des Liljanon- Bezirkes: Verwaltun;^, 
Gerichtsverfassung:]^, Finanzen, Militär. — Mein Aufenthalt in Berüt 1893. — Mit <ler Diligence 
nach Schtörä. — Syrischer Weinbau. — Ba'albek. — Im Hause des Habib Pascha Mu|rän. 

— Ankunft in Damaskus. 



Berut C^ir' ^^^ gegenwärtig die grösste und bedeutendste Hafenstadt 

Syriens. Ihre Lage am Mittelländischen Meer ist ausserordentlich reizvoll. 
Sanft steigen die Häusermassen auf welligem Terrain das Uferplateau 
hinan. Die eng gebaute, kleine Altstadt wird von ausgedehnten neuen 
Vierteln und Vororten umgeben, die sich mehr und mehr mit Baum- 
gruppen und Gartenanlagen schmücken. Im Hintergrunde wird die Stadt 
von dem malerischen Höhenzuge des Libanon abgeschlossen, der zahllose 
kleine, mit üppigster Vegetation bedeckte Thaleinschnitte, Olivenwäldchen 
und zwischen dem Grün hervorblitzende Dörfer und einzelne Häuser dem 
Blicke zeigt. Die ganze Umgegend von Berüt bietet ein Bild äusscrster 
Fruchtbarkeit und fleissigster Kulturarbeit. 

Zw^ei Kilometer landeinwärts hinter der Stadt zieht sich eine isolierte, 
langgezogene, schmale Sandzone hin. Auf dieser liess der mächtige 
Fürst der Drusen aus dem Hause der Ma'n^), Fachr id Din, im sieb- 
zehnten Jahrhundert Pinienwaldungen anlegen, um das benachbarte 



") Vcrffl. Kap. IV dieses Werkes S. 143 ff. 
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer iura Persischen Golf. 



2 Kap. I. Die Siadt Berat. — Struieiilebeii. 

Humu^ebiet vor weiterer Versandung zu schützen'). Die eigenartiKen 
Bäume mit ihren herrhchen, dunkelgrünen Gipfelkronen haben sich 
ausgezeichnet entwickelt und sind von der fast allgemeinen Waldver- 
wüstung in Syrien verschont geblieben. Unweit davon liegt am Nähr Kerüt 

Ojj- ji ein mit den mannigfaltigsten Blumen und Zierbäumen ge- 
schmückter öffentlicher Garten, der den Namen seines kürzlich in London 
als türkischer Botschafter verstorbenen Begründers trägt, des heute noch 
in Syrien In bestem Andenken stehenden Rustem Pascha. Hier liebt es 
die elegante Welt Berüts, sich nachmittag.* zu vereinigen, um den Klängen 
der Kapelle des Libanon-Militärs zu lauschen. 

Das Gepräge der in stetem Aufblühen begriffenen Stadt Biinit ist 
fast ganz europäisch geworden. Wohl la.s,sen uns die bunten, von dem 




I Teile der Bevölkerung beibehaltenen Trachten und die zahl- 
losen roten Fez*) -Tarbusche im übrigen schon nach abendlandischem 
Brauch gekleideter Muhammedaner und eingeborener Christen nicht ver- 
gessen, dass wir uns im Orient befinden. Aber statt der flachen Terrassen- 
dächer und vergitterten Haremsfenster vieler anderer Städte der islamischen 
Welt erbhckt man überwiegend mit roten Ziegeln gedeckte Giebel und 
an den Fenstern luftige, grüne, zweiteilige Läden, die bei muhamme- 

'' Vercl. Kitter. Die Enlkunde im VerhiUlnis zur Nilur und iiir (jeschichtc des 
Menachen. oder Alluremelne vercl eichen Je Geoir'aphie. XVII. Teil, Berlin 1854, S. 430 u. 431. 

*) Die heule in Europa allcemein f>ebräuchlichc BeieichnnDC iFe» für die in den 
verschiedensten Formen vorkommende, lost in der ^nten maharamedanischeu Well übliche 
rote Kopfbedeckung hal niit Fes, der Hauptstadt von Marokko, nichts mehr zu than, »euii 
auch der Name auf Fes als den ursprüngliche u F.nbrikatioDiort hindeuten mag. Die heutigi-n 
Feze stammen fast durchwein ans Furop:i. insheaoodere *a* Oesterreich; in der Stadt Fes 
werden nur apilz lulaufende Tarhusche aus iriobeni rotem Fils mit kleiner blauer .Seiden- 
quBste herceBleilt, welche hauptsächlich von den marokknnischen Soldaten unter einem 
irrossen weissen 'l'nrban gctraeen werden. 



Kap. I. Baustil. ^ 

danischen Häusern in den für die Frauen bestimmten Gemächern natürHch 
stets verschlossen gehalten werden. 

Die neuen Strassen in Berüt sind breit angelegt und abends mit 
Gas beleuchtet. In den älteren und ärmeren Stadtteilen muss man sich 
auf abendlichen Gängen in den engen, krummen Gässchen noch mit dem 
Fänüs, der Laterne, voranleuchten lassen. In einer und derselben Strasse 
stehen oft neben niedrigen kleinen Hütten zwei- und mehrstöckige grosse 
Gebäude. 

Berüt hat bereits gut eingerichtete Klubs, sowie zahlreiche, prächtig 
ausgestattete Paläste, welche völlig den Charakter unserer europäischen 
Privathäuser tragen, so beispielsweise diejenigen, welche von den reichen 
einheimischen christlichen Familien Sursock, Bustros, Tweni bewohnt 
werden. Dagegen haben sich merkwürdigerweise die Hotels trotz des 
starken Fremden- und Touristenverkehrs, mit Kairo und Konstantinopel 
verglichen, auf einem primitiven Standpunkt erhalten. 

Der Baustil der neuen Häuser in Berüt sucht sich dem Klima 
in ähnlicher Weise wie in vielen Gegenden Südeuropas anzupassen. 
Besonders charakteristisch ist die im Parterre und dem oberen Stock- 
werke vorkommende grosse Mittelhalle, Dar, die oft die ganze Tiefe des 
Hauses einnimmt und in welche sämtliche Zimmer einmünden. Die sehr 
grossen und hohen, nach oben meist bogenförmig verlaufenden Fenster 
des Dar pflegt man nach der Strasse zu mit kunstvollem Eisengitterwerk 
zu zieren. Manchmal ist die Halle durch Säulen und Glasfenster ge- 
teilt, die in einen nach hinten gelegenen Raum (Liwän) führen. 

Ein europäisches Theater besitzt Bcrut nicht, wohl aber mehrere 
Caf^s chantants, in denen Bänkelsänger, französische Chansonetten und 
böhmische Damenkapellen sich hören lassen. Die Mitglieder der letzteren 
sollen in der Levante vielfach ihr Glück machen und hier in den Hafen 
der Ehe einlaufen. Selbstredend fehlt es auch nicht an orientalischen 
Kaffeehäusern, in welchen arabische Musik gemacht wird. Viele Läden 
sind nach europäischem Muster eingerichtet; mehrere Apotheken, fran- 
zösische Schneiderinnen und Modistinnen sind am Orte. Fast alle euro- 
päischen Artikel, allerdings meist nicht in bester Qualität, werden verkauft» 
und der Reisende kann sich, mit Ausnahme wissenschaftlicher Instrumente, 
mit aUem Nötigen versehen. Der Buchhandel ist dagegen noch sehr 
zurückgeblieben, von europäischen Werken dürften schwerlich andere als 
fromme Schriften und französische Romane ^) zu haben sein. 



') Uebrigens fand ich später bei nieineni Eintritt in Indien in der jjrossen Hafen- 
stadt Karatschi eine kaum grössere Auswahl von europäischen Büchern, und es war mir un- 
möglich, dort irgendwelche wissenschaftliche oder auch nur touristische Littenitur über Indien 
zu beschafifen. 



A Kap. L Geschichte von Berüt. 

Berüt') ist eine uralte phönizische Handelsstadt. Zur Römerzeit 
blühte hier eine berühmte Rechtsschule, die mit denen von Athen und 
Alexandria wetteiferte und an welcher unter anderen Ulpian lehrte. 
Schon damals war Berüt durch seine ausgedehnte Seidenraupenzucht 
und seinen Seidcnhandel bekannt Unter Justinian, am 20. Mai 529, 
wurde die Stadt durch ein grosses Erdbeben, dem auch viele andere 
Städte Syriens zum Opfer fielen, vollständig zerstört 

Im Mittelalter hat Berüt keine besondere Rolle gespielt Nach dem 
Verfalle von Antiochien war das reiche Damaskus die alles absorbierende 
Kapitale Syriens, und bis in dieses Jahrhundert war Tripolis der belebteste 
Ankerplatz der syrischen Küste. Einerseits gewährte Tripolis den Schiffen 
besseren Schutz als Berüt mit seiner unsicheren Rhede, andererseits bot 
sich von dort durch die natürliche Einsenkung zwischen dem Libanon 

und dem Noscirier - Gebirg^e (öebel in Nu§airije <> jvurjl , lu>-)*) ein 

leichterer Zugang zum Hinterlande. 

Im Jahre 1832 fiel Berüt mit Syrien in die Hände der siegreichen 
egyptischen Truppen unter Ibrahim Pascha und verblieb bis 1840 unter 
egyj)tischer Herrschaft. Erst seit dieser Zeit datiert das eigentliche Auf- 
blühen der Stadt. Bald nach dem Wegzuge der Eg\pter begannen die 
Streitigkeiten zwischen den libanesischen Christen und Drusen, und viele 
Christen des Libanon siedelten schon damals nach Berüt über. Unter 
dem Schutze der konsularischen Vertretungen Hessen sich auch zahlreiche 
Europäer dort nieder. Als die Streitigkeiten zwischen den Drusen und 
Christen zu den Massacrcs von 1860 führten, flohen die eingeborenen 
Christen in grosser Anzahl aus dem Innern nach der Küste, und es er- 
folgte eine weitere Masseneinwanderung nach Berüt. Die Einwohnerzahl 
der Stadt, welche im Anfange dieses Jahrhunderts nur wenige Tausend 
betrug, wird gegenwärtig auf 100 000 geschätzt, von denen mehr als 
zwei Drittel Christen sind. Das Verhältnis zwischen den Christen und 
Muhanimedanern ist in Berüt kein gutes, im Gegensatze zu manchen 
anderen Städten des Orients, in welchen die Muhammedaner das 
Uebcrgewicht haben. Blutige Zusammenstösse zwischen Angehörigen 
der beiden Religionsgemeinschaften gehören in Berüt nicht zu den 
Seltenheiten. 

Berut ist die Hauptstadt eines türkischen Wilajets (Provinz). Dem 
Wali (unserem Oberpräsidenten etwa entsprechend) von Berut unterstchen 

'; Vertjl. Ritter a. a. O. S. 55 ff., 62 ff., 432 ff. 

*'* Die Eingeborenen dieses Gebirges nennen sich jedoch nicht Noseirier. sondern 

»Fille^iD« (Felläbin, d. h. Kauern;. Vergl. Hartmann, in der Zeitschrift des Deutsclien 
Palästina -Vereins, W., S. 152. 



Kap. I. Der Hafen. c 

die vier Mute§arrifs (Regierungspräsidenten) von *Akkä, Nablus, Tripolis 
und Lädiljifje. Regierungsgebäude (Serai) und Kaserne sind neue prächtige 
Bauten. 

Dem Uebelstande der schlechten Landungsstellc hat man durch 
den Bau eines Kunsthafens abzuhelfen versucht, der jedoch in viel zu 
kleinem Massstab ausgeführt worden ist. Die von einer französischen 
Gesellschaft hergestellten Anlagen waren trotzdem so kostspielig, dass 
die Hafen- und Quaigebühren, denen sowohl die einlaufenden Schiffe, 
als auch die einzelnen ein- und ausgehenden WarenkoUi unterliegen, 
ausserordentlich hoch sind. Um einen Teil dieser Auflage zu ersparen, 
halten sich die Dampfer vielfach ausserhalb des Kunsthafens auf, 
während zahlreiche Segelschiffe mit Waren, die für den nördlichen 
Libanon bestimmt sind, einen etwa zwei Stunden nördlich von Berüt, 
schon im Libanon-Gebiet gelegenen, kleinen, natürlichen Hafen, Günije 

., aufsuchen. Günije, das in der letzten Zeit bereits zu einer 

stattlichen kleinen Stadt herangewachsen ist, wird noch mehr an Be- 
deutung gewinnen und Berüt weiteren Abbruch thun, sobald die im 
Bau begriffene, einer französischen Gesellschaft gehörige Dampftram way- 
Bahn Saidä — Berüt— Tripolis vollendet sein wird^). Gegenwärtig geht 
die Bahn nur von Saidä bis Günije ; alle zwei Stunden fährt ein Zug, 
und die Gesellschaft macht bei dem regen Güter- und Personenverkehr 
gute Geschäfte. 

Günije ist bereits seit einiger Zeit mit Berüt durch eine an der Küste 
sich hinziehende gute Fahrstrasse verbunden, welche jetzt bis Batrün 

03 J^ , dem alten Botrys, führt und gleichfalls bis Tripolis J^ \^ 

weiter ausgebaut werden soll. Dieselbe überschreitet auf einer schönen 

Steinbrücke den malerischen Nähr il Kelb »^Jl^l j^ (»Hundeflussc). 

• 

Unmittelbar südUch der Mündung des Hundeflusses treten die Ausläufer 
des Gebirges als jäh abfallende Felsen dicht an das Meer heran. Hier, 
wo schon seit dem frühesten Altertume die Verkehrs- und Heerstrasse 
von dem nördlichen Syrien nach dem Süden entlang führte, haben sich 
eine grosse Anzahl von Königen und Heerführern durch Inschriften ver- 
ewigt*). Neben den Hieroglyphentafeln egyptischer Pharaonen finden sich 
Keilschrifttexte der assyrischen Grosskönige und Inschriften römischer 
Imperatoren, sowie auch eine allerdings schlecht erhaltene griechische 
Inschrift. Auch ein General Napoleons III. hat seine Landung in Syrien 



*) VergL unten S. 22. 

*) Vergl. A. T. Kremer, Mittelsyrien und Damaskus, Wien 1853, S. 229 ff. Lortet, 
La Syrie d'aajonrd'hni, Paris 1884, S. 657. 



6 Kap. I. Nach <^!ünije. 

im Jahre 1860 «in dieser Stelle verzeichnet Die Inschrift*) lautet. 

wie folgt: 

1860— 1861. 

Napoleon III. 

Kmperkur des Fran^ais. 
ARMKE FRANgAISE. 

General de Beaufort de Halttoll. 

COMMANDANT KN CHEK. 

Colonel Osmont. 

f.'KEF D'EtAT MAJOR-GtN^RAL. 

Gf^nkral Ducrot. 

(.'OMMANIJANT l/ INFANTERIE. 
50 UE Lh;NK. 2e Gf.NIE. icr HUSSARDS. 

13c DE Lignf:. IC d' Artillerie. icr Ciiassei'rs d'Afriqle. 

i6e Bat^^ Chasseirs. io« d' Artillerie. 3^ Chasseurs dWfrique. 

icr ZoiAVEs. Services Admlnistratifs. 2c Spahis. 

Die heutigen Syrier sind zum grössten Teil als Nachkommen der 
alten Aramäer anzusehen, die im Lande angesessen waren, soweit wir 
die Geschichte zuriickverfolgen können. Inzwischen hat das aramäische 
Blut aber vielfach Beimischungen erhalten. Die griechisch-römische Zeit 
wird nicht vorübergegangen sein, ohne Spuren in dem Rassenverhältnisse 
der Bevölkerung zu hinterlassen. In den leicht zugängHchen Ebenen, 
sowie in den grossen Städten der östlichen Landesteile ist das aramäische 
Element schon in der vorislamischen Zeit mit arabischen Einwanderern 
stark vermischt worden. 

Zur Zeit Muhammeds war Syrien, abgesehen von einzelnen jüdischen 
Gemeinden, christlich, eine Provinz des byzantinischen Kaiserreichs. Seit- 
dem ist ein grosser Teil der einheimischen Bevölkerung zum Islam über- 
getreten. Bald nach der Hi^ra wird aus Arabien und der ganzen 
islamischen Welt ein grosser Zuzug nach dem zur Chalifenstadt der 
Omaijaden erhobenen Damaskus und überhaupt nach Sxrien stattgefunden 
haben, während andererseits von hier zahlreiche Syrier mit den Heeren 
der ersten Glaubenseiferer nach dem Norden und Osten, vor allem aber 
nach Nordafrika und Spanien gewandert sein mögen. Die im Lande 
verbliebene syrisch -muhammedanische Bevölkerung hat im Laufe der 
Jahrhunderte sodann naturgemäss durch Beziehungen und Verheiratungen 

^) Ich venlanko die Abschrift dem früheren danischen Konsul Herrn Loyived 
zu Berüt. Professor Hartmann teilt mir mit, duss die französische Inschrift ersichtlich aut 
ricr Stelle einer früheren IIierogl)'phentafel eingemeisselt ist. 



Kap. I. 



e »yrische Bevöllcerunf:. 



mit türkischen, tscherkessischen , vereinzelt auch mit schwarzen Frauen 
namentlich in den Städten starke Beimischungen erfahren; im grossen und 
ganzen zeigt sie gegenwärtig arabischen Charakter. Die Türken sind fast 
nur als Beamte und Offiziere in Syrien vertreten, die kurdischen, tscher- 
kessischen und bulgarischen Gemeinden, aus Einwanderungen der jüngsten 
Zeit stammend, sind untergeordneter Art. Die alte aramäische Rasse hat 
sich am reinsten in den gebirgigen Teilen des Libanon und Antihbanon, 
und zwar vorzüglich bei der dortigen christlich gebliebenen') Bevölkerung, 
erhalten. 




Mit der Einführung des Islam gewann die arabische Sprache immer 
mehr die Oberhand. Gegenwärtig spricht und schreibt fast die ganxe 
Bevölkerung Syriens, welchen Glauben sie auch bekennen mag, aus- 
schlies-shch arabisch; nur in einigen wenigen, abgelegenen Bergdörfern 
des Antihbanon wird noch heute aramäisch gesprochen. Im übrigen 
ist das Aramäische in Syrien nur noch als Kirchensprache bei einzelnen 
Sekten gebräuchlich*). Auch die Juden, welche in Syrien vielfach, so 
z. B. in Damaskus, seit Jahrtausenden bestehende Gemeinden bilden, 
sprechen, abgesehen von den in den letzten Jahrzehnten in immer 



') Eimelne ehrislliche syrische Fii 
das heilige Land gekommeiieD fränkische 

*) Gewisse Teile des Messbuches der 
Dnd die Epiilcln, werden in nrabiacher Spmchi 
Schreibart wird Kanchäni Kenannt. 



Rittern ob stammen. 

er Maronilen, Jas EvHngclium , das l'.iler 
syriüchen Itachstabeo geschriebea. 



S Kap. I. Religionen und Sekten in Syrien. 

Stärker werdender Einwanderung aus Europa nach Palästina zurück- 
kehrenden Israeliten*), ausschliesslich arabisch. 

Unter den Muhammedanern Syriens haben verschiedene ultra- 
schiitische Sekten fruchtbaren Boden gefunden, von welchen diejenige 
der Assassinen, der Anhänger des »Alten vom Berge c, infolge der Kreuz- 
züge in Europa am meisten von sich reden gemacht hat*). Bis auf die 
heutige Zeit haben sich sogen. Isma*ilier, Metäwile (PI. von Mutwäli), 
Noseirier und Jeziden (sogen. »Teufelsanbeter«) in Syrien erhalten; im 
Libanongebiet und im Haurän leben die Drusen zu vielen Tausenden. 
Alle diese Religionsgemeinschaften stehen in mehr oder minder enger 
Beziehung zu den in den ersten Jahrhunderten der Hig^ra besonders in 
Persien entstandenen mystischen Sekten, die aus der Verquickung von 
Ideen und Gebräuchen des Christentums, des Islam und der Ueberreste 
heidnischer Lehren, des Zoroastrismus und des Buddhismus, verbunden 
mit ganz neuen Erfindungen, hervorgegangen sind^). 

Ueberhaupt scheint Syrien von jeher einen fruchtbaren Boden für 
das Sektenwesen abgegeben zu haben. Die zahlreichen, heute noch dort 
vorkommenden christlichen Sekten*) legen hierfür Zeugnis ab. Neben 
lateinischen (römischen) Katholiken finden wir in besonders grosser 
Anzahl und vorzüglich im Libanongebiet Maroniten, ferner Jakobiten, 
unirte Syrier, griechisch -Orthodoxe und griechisch -Katholische (Melkiten), 
Armenier teils von der nationalen gregorianischen Kirche, teils katho- 
lische und protestantische; schliesslich Kopten und einige wenige Abessinier. 
Bei der Entstehung der Religionsgemeinschaften, welche Zweige der 
römisch-katholischen Kirche bilden, sind seitens der Kurie verschiedene 
Konzessionen gemacht worden; die meisten haben ihren orientalischen 
Ritus beibehalten. Die Maroniten z. B. haben die Berechtigung, Priester 
zu werden, auch wenn sie schon verheiratet sind; eine nachträgliche 
Priesterehe ist jedoch verboten. In letzter Zeit werden besonders grosse 
Anstrengungen gemacht, die sämtlichen orientalischen Kirchen wieder 
unter Rom zu vereinigen; indessen ist es ausdrücklich untersagt und 
mit schweren Kirchenstrafen bedroht, die Angehörigen einer der orien- 
talischen, bereits mit Rom vereinigten Riten zum Uebertritt in die 
lateinische Kirchengemeinde zu bewegen. Es soll vorgekommen sein, 

^) In letzter Zeit sind ^osse Länderkomplexe am Ostabhange des Hermon von 
Baron Alfred Rothschild in Paris angekauft, die Ansiedelung neu einwandernder Juden ist 
jedoch in letzter Zeit verboten worden. Ueber jüdische Kolonien in Syrien vergl. Zeitschr. 
des deutschen Palästina-Vereins passim. 

«) Vergl. Kap. IV dieses Werkes S. 130 ff. 

») VerfirL Kap. IV S. 120 f. und Kap. XIII dieses Werkes. 

*} Vergl. Parisot, Les rites orientaux, Amiens 1896 Extrait de la Re\Tie des Sciences 
cccl^siastiques). 



Kap. I. SchulbililuD);. o 

dass ein ganzes maronitisches Dorf zum Protestantismus übergetreten ist, 
um dann erst lateinisch zu werden. 

Die Bildung des Klerus der orientalischen Sekten steht zum grossen 
Teil auf einer ausserordentlich niedrigen Stufe, und sie zu heben, 
ist eine Hauptaufgabe der von den verschiedenen christlichen Bekennt- 
nissen unterhaltenen Missionen. Eine eigentliche Propaganda wird von 
letzteren mit Erfolg nur bei Anhängern anderer christlicher Konfessionen 
gemacht. Die Versuche, Muhammcdaner und Drusen zu bekehren, 
müssen als nahezu aussichtslos bezeichnet werden. 

Von katholischen Missionen finden wir vor allem die ausserordent- 
lich mächtige Jesuitenmission mit dem Sitze in Berüt und Stationen in 

Ksärä \jLj bei Schtörä \jJili\, Zahle aU-J» Bekfeijä LiA», Damaskus, 

Razlr ^ j^j Hammänä \i\^ \ ferner Franziskaner in Jerusalem und in 
Berüt; Kapuziner in Damaskus und Berut; Lazaristcn, Vinzenz- und 

barmherzige Schwestern in Berüt, Brummänä lUj' u. s. w.; Schwestern 
vom guten Hirten in Berüt, Hammänä u. s. w. ; Frcres des ecoles chrc- 
tiennes in Berüt, Jaffa vil, Jerusalem, Haifa U.j>-, Nazareth, Tripolis 

-Jl \^, Lädikije O^^t u. s. w. Amerikanische Missionen sind in 

Berüt, Schwefat Cj^ »-^^ und Hammänä stationiert; Anglikaner in Saidä, 

Damaskus und in einigen, insbesondere drusischen, Dörfern; deutsche 
Diakonissinnen befinden sich in Berüt, endlich Russen in verschiedenen 
Orten Syriens, wenn auch vorzüglich im eigentlichen Palästina ^). 

Die meisten der vorgedachten Missionen sind mit niederen Schulen 
verbunden. Die höchste Schulbildung vermitteln die Jesuiten und die amerika- 
nischen Protestanten in Berüt, sowie die Lazaristen in *Antüra (*Ain Türä 

\j A^jjlP) oberhalb Günije im Kesrawän. Die Jesuiten haben in ihrem 

prächtigen, palastartigen Gebäudekomplex in herrlicher Lage der Stadt die 
sogenannte Josephs-Universität errichtet. Hier werden ausser dem gewöhn- 
lichen Unterricht medizinische, theologische und philosophische Fachstudien 
betrieben, die freilich schon wegen der geringen Vorbildung der 
Studenten sich in ihren Resultaten nicht mit den europäischen messen 

^) Unter der Bezeichnung^ »Syrien« wird im allj;emeinen die Gej^end verstanden, die 
im Westen vom Mittelmeer, im Norden vom Taurus, im Osten von Nordmesopotamien bezw. 
der arabischen Wüste begrenzt wird, und zwar vielfach mit Einschluss von Palästina; in 
diesem Werke ist Palästina unter dem geographischen Namen »Syrien« nicht mit einbegriffen. 



lO Kup. I. Die christlichen Syrier. 

können. Die Universität erteilt den Doktorgrad. In der amerikanischen 
Hochschule, die gleichfalls weite, luftige Gebäude besitzt und ebenso 
wie die Jesuitenanstalt Schüler im Internat aufnimmt, wird namentlich 
Medizin gelehrt Die Berechtigung, dass die Zöglinge nach bestandenem 
Examen in der Türkei ohne weiteres als Aerzte zugelassen werden, haben 
beide Anstalten noch nicht erlangt, die Studierenden müssen sich viel- 
mehr zu diesem Zweck noch einer staatlichen Prüfung in Konstantinopel 
unterziehen. Sowohl Jesuiten wie Amerikaner besitzen Druckereien, von 
denen sich besonders die katholische um die Verbreitung arabischer 
Lehrbücher und Schriften ausserordentlich verdient gemacht hat. Die 
Missionsschulen können von Mitgliedern aller Religionsparteien auf- 
gesucht werden. 

Ausserdem bestehen noch zahlreiche muhammedanische Schulen in 
Syrien. Es ist jedoch nicht zu verkennen, dass gerade die Christen in 
Syrien sich besonders stark zum Unterricht herandrängen. Die mannig- 
fachen Gelegenheiten, sich bilden zu können, und die Billigkeit des 
Unterrichtes haben allerdings zur Folge gehabt, dass die christlichen 
Syrier sich immer mehr vom Ackerbau abwenden. Nach Absolvierung 
des elementaren Unterrichtes ziehen sie möglichst nach den Städten, um 
höhere Schulen zu besuchen, oder auch sich sofort dem Kaufmannsstande 
und verwandten Berufen zu widmen. Im allgemeinen ist die Bildung, 
mit welcher sie sich begnügen, keine sehr tief gehende: kaum sind 
einige Sprachkenntnissc erlangt, so sollen diese nutzbar gemacht werden, 
und der Gelderwerb beginnt. An dem Unterricht nehmen die syrischen 
Frauen, sowohl Christinnen, als Muhammedanerinnen*), noch weniger 
Teil als die Männer. 

Der Wandertrieb der alten Phönizier scheint noch heute in der 
christlichen Bevölkerung Syriens fortzuleben. Besonders seit den Christen- 
Massacres von 1860 hat eine steigende Wanderung, und zwar namentlich 
aus dem Libanon über das Meer, stattgefunden, wiewohl das Libanon- 
gebiet seit 1861 unter eigenem christlichen Regiment steht. In den 
letzten Jahren richtete sich die Wanderung vorzugsweise nach Nord- 
amerika; in Chicago, New- York u. s. w. haben sich schon seit längerer 

^) Ich möchte aber diese Gelegenheit benutzen, um der in Kuropa vielfach ver- 
breiteten Ansicht ent^^^e^enzutreten, als ob die modernen muhammedanischen Frauen in allen 
Teilen der islamischen Welt in ihren Harems ein Leben führen, das noch nichts von der Kultur 
des XIX. Jahrhunderts anji^cnommen habe. Sowohl in Konstantinopel, wie in den türkischen 
Provinzen und in Kopten bestehen Schulen für muhammedanische Frauen. In einzelnen 
reicheren Häusern wird durch Privatunterricht für eine möglichst j^te Erziehunj; der junjjeii 
Fräulein in ähnlicher Weise ^esorf^^t, wie in den christlichen Familien. Die durch den Koran 
{gegebene Erlaubnis, vier Frauen ^leichzeiti^^ zu halten, wird in den gebildeten Kreisen nur 
äusserst selten benutzt, und schon die Vorschrift des Koran, dass der Gatte alle seine Frauen 
in jeder Beziehunfir gleichmässi^ zu behandeln hat, weist die Muhammedaner, welche nicht 



Kap. L Die Auswanderung. I i 

Zeit grössere syrische Kolonien festgesetzt, die jetzt mehrere eigene, in 
arabischer Sprache erscheinende Zeitungen besitzen. Auch in Süd- 
amerika und sogar in Australien und Japan finden sich Syrier in Mengen ; 
vereinzelt sind sie auch in verschiedenen Badeorten Europas zur Zeit der 
Saison zu treffen. Sie betreiben hauptsächlich Hausierhandel mit orienta- 
lischen Kuriositäten, angeblich in Jerusalem geweihten Rosenkränzen und 
Holzartikeln, welche Reminiscenzen an das heilige Land und den Libanon 
darstellen, Gegenstände, die sie teils aus der Heimat mitbringen, teils in 
Marseille vorfinden. Zuweilen verschleissen sie auch billige Waren der 
betreffenden Gegenden. In Australien ist die Konkurrenz der Syrier 
bereits als gefährlich für die Händler kleinerer Städte bezeichnet worden. 
Hin und wieder lassen sich Syrier auch im Auslande nieder, um von 
dort aus den Export der in dem betreffenden Lande fabrizierten Gegen- 
stände nach ihrer Heimat in die Hand zu nehmen. So haben sich zu 
diesem Zwecke in verschiedenen Orten Englands mehrere vermögende 
christliche, aber auch muhammedanische syrische Kaufleute etabliert. 
Im allgemeinen aber kehren die christlichen syrischen Auswanderer nach 
einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurück. Es dürfte vielleicht schon 
zu hoch gerechnet sein, wenn man alles in allem die Zahl der Aus- 
wanderer, die im Auslande verbleiben, auf ein Eünftel beziffert. Allein 
nach Amerika sollen in der letzten Zeit bis zu loooo Syrier jährlich aus- 
gewandert sein. Der weitaus grösste Teil der Auswanderer sind Männer. 
Der Grund für die Auswanderung eines grossen Teils der Libanon - 
Bevölkerung lag zunächst darin, dass der Boden des Libanon-Gebietes, 
trotzdem er bis in die kleinsten bebaubaren Parzellen ausgenutzt wird, 
nicht genügend Erträgnisse lieferte, um die sich immer mehr steigernden 
Bedürfnisse seiner Bewohner zu befriedigen. Die Preise für die Produkte 
verschiedener Kulturen, so vor allem des Maulbeerbaumes und der 
Seidenraupenzucht^), sowie des Olivenbaumes, sind in den letzten Jahren 
stark gesunken. Das Beispiel der guten Erfolge der Wanderungsreisen der 

sehr vermöjjend sind, darauf hin, meist mit einer Frau sich zu bepfnüp^en, die an dem Wohl 
und Wehe ihres Gatten auch in peistij^er Beziehung: teil nimmt Die Möjrlichkeit, männliche 
Verwandte zu sehen, jjiebt den Damen auch im Harem Gelegenheit, nicht ausschliesslich 
mit Geschlechtspfenossinnen ihre Gedanken auszutauschen. In Konstantinopel bestellt sop^ar 
eine zweimal wöchentlich erscheinende , für muhammedanische Frauen bestimmte Zeitunir 
»Hanymlara Mach$üs Gazetta«, deren Inhalt ausschliesslich von muhammedanischen F*rauen 
verfasst wird. Nur der Modenteil brinp^t Uebersetzunjijen aus europäischen Fachzeituni^en. 
Die Damen der elep^anteren Harems in Konstantinopel und Kcrypten haben bereits wie im 
Haushalt so auch in der Kleidung^ europäische Sitten angenommen und sollen leider auch 
anfangen, an den einenj^enden Toilettenstücken unserer Frauenwelt Gefallen zu finden. 

*) Im allgemeinen werden die Cocons nach Lyon zur Weiterverarbeitung^ f^esaudt, in 
letzter Zeit sind jedoch mehrere Seidenfabriken in Syrien und speziell im Libanon selbst 
entstanden. 



1 2 Kap. I. Die Auswandeninj:^. 

Libanesen wirkte geradezu magisch auf die unternehmungslustigen christ- 
lichen Syrier, so dass jetzt oft ganze Dörfer nahezu vollständig von ihrer 
im kräftigsten Mannesalter stehenden Bevölkerung verlassen werden. 
Allein aus Za^le, einem der grössten Orte des Libanon-Gebietes, sollen 
mehrere tausend Einwohner in Amerika und anderen Ländern abwesend sein. 
Thatsächlich bringen es die Syrier in der Fremde sehr bald zu einem für 
ihre Verhältnisse leidlichen Wohlstande, der es ihnen ermöglicht, während 
der Zeit ihrer Abwesenheit mehr oder weniger grosse Geldbeträge an 
ihre Familien zu senden, und nach ihrer Rückkehr in ihrem Heimatsdorf 
oder in einer der Küstenstädte sich ein Haus zu bauen und ein Geschäft 
zu betreiben. Die Ottomanische Hank soll in der letzten Zeit gegen 
200 000 türkische Pfund jährlich an Beträgen, welche im Ausland lebende 
Syrier eingezahlt haben, an deren in der Heimat zurückverbliebene \"er- 
wandte übermitteln. 

Der maronitische Klerus sieht diese Bewegung mit scheelen Augen 
an. Er hatte sich gewöhnt, eine durchaus leitende Rolle selbst in den 
Familienangelegenheiten der Bewohner des Libanon-Gebirges zu spielen, 
und fürchtet mit Recht, dass der Aufenthalt in der Fremde dem Eingang 
freier Ideen günstig ist, und dass nicht nur die Heimgekehrten, 
sondern auch deren Familienangehörige sich immer mehr von der 
Geistlichkeit emanzipieren. Aber auch die türkische Regierung steht der 
Auswanderung feindlich gegenüber, insbesondere deshalb, weil es häufig 
vorgekommen ist, dass Syrier im Auslande unter gänzlicher Entstellung 
der wirklichen Thatsachen und obwohl sie aus dem unter einem christ- 
lichen Gouverneur stehenden Libanon -Gebiete stammen, sich als Märt>Ter 
der türkischen Beamten darstellen, um das Mitleid der Fremden zu er- 
wecken und dadurch Geld zu verdienen. Die Regierung hat deshalb 
die Auswanderung verboten. Doch gelingt es den Syriern immer wieder, 
Mittel und Wege zu finden, um die Heimat zu verlassen. Vielfach wird 
das Verbot dadurch umgangen, dass die Auswanderungslustigen sich zu 
Lande nach Mersina, Alexandrette oder Jaffa begeben, da nur die Häfen 
von Berüt, Tripolis und Haifä-'Akkä in dieser Hinsicht regierungsseitig 
überwacht werden. Fast sämtliche Auswanderer benutzen die Schiffe der 
Messageries Maritimes, auf welchen sie, ohne in Egypten umsteigen zu 
müssen, nach Marseille befördert werden, von wo aus die nach Nord- 
amerika Weiterreisenden zunächst den kostspieligen Landweg nach Havre 
einschlagen. 

Die Auswanderung der Syrier nach anderen Gegenden der Levante, 
namentlich nach Egypten, trägt einen ganz anderen Charakter. Besonders 
in dem letztgenannten Lande finden die Syrier dieselbe Sprache, dieselben 
Sitten, ein ähnliches Klima wie in ihrer Heimat vor, und viel häufiger 
als in den entlegeneren Ländern anderer Zunge machen sie sich hier 



Kap. I. Die AiiiwiinderuD}r. 



13 



sesshaft. Die Einwanderung von Syriern nach Egypten, vvelclie schon /iir 
Zeit Muhammed 'Alis eine nicht unbedeutende war, hat seit den Kreignis.-ien 
von 1860 einen grösseren Umfang gewonnen. Seit der Olckupation 
Egyptens durch England erfuhr diese Hewegung eine weitere Steigerung: 
die in Egypten angestellten hohen englischen ISeamten schenkten den 
christlichen Syriern, die im Lande, trotzdem sie arabisch sprachen, als 
Fremde betrachtet wurden und bei den lüngeborenen im allgemeinen 
wenig behebt waren, besonderes Vertrauen, und viele Syrier erhielten auf 
Grund ihrer in Herut erworbenen Kenntnisse des Französischen oder 




Englischen eine amtliche Anstellung im Nillandc. Man Undet sie jetzt in 
fast allen egyptischen Ministerien i\n(\ provinziellen Kegicrungsämtern, 
sowie als Dolmetscher in der Armee u. .s. w,, meist jedoch nur als mittlere 
oder niedere Beamte, in seltenen Fällen in den hüchstcn Aemtern. Im 
G^eusatz zu den Armeniern und Kopten hat es in Eg\])tcn noch kein 
Syrier zu einem Ministcrportefeuillc gebracht. Die Zahl der im egyptischen 
Staatsdienst thatigen Syrier dürfte gegenwärtig mehrere Tausend betragen, 
trotzdem vor einigen Jahren gewisse erschwerende Bedingungen für ihre 
Anstellung eingeführt worden sind'). Ein gros.ser Teil der Redakteure 



*) Id jÜDf^ler Zeit streben Hie in J^ii^plen 
trelODg in der Aiiemblfe g^niirale und dem Cuns 



woh: 



irisllichen Syri 
Ic^islatif Eu7pten9 an. 



eine Ver- 



Ij. Kap. I. Die arabische Presse. 

der in arabischer Sprache erscheinenden egyptischen Zeitungen sind 
christliche Syrier^). 

Einzelne der in Berüt, Egypten und überhaupt in der Levante an- 
sässigen syrischen Kaufleute haben es zu grossem Reichtum gebracht 
und zeichnen sich durch europäische Bildung und vollendete Umgangs- 
formen aus. Im eigenen Lande aber leben die syrischen Christen zum 
grossen Teil noch nach ihren altpatriarchalischen Gewohnheiten, die \or 
allem in den abgelegenen Dörfern mit denen der dortigen Muhammedancr 
fast übereinstimmen. Nach gethaner Arbeit sieht man dort die christlichen 
Frauen wie die Männer häufig in süssem Nichtsthun auf Polstern oder auf dem 
blossen Boden kauern und die Wasserpfeife rauchen. Der Hausherr 
nimmt seine Mahlzeiten vielfach noch fiir sich, mit seinen Gästen oder 
mit seinen envachsenen Söhnen ein, während die Frauen nach den 
Männern mit den jüngeren Kindern zusammen essen. Es wird nicht 
gern gesehen, wenn erwachsene, unverheiratete Christinnen beiTage Besuche 
machen, und in Orten, wo Christen mit Muhammedanern zusammen wohnen, 
verschleiern sich auch die christlichen Frauen vielfach heute noch. 

Die Einrichtung der christlichen wie der muhammedanischen Häuser 
in den syrischen Dörfern ist nach unseren Begriffen in den meisten 
Fällen sehr dürftig. Sie besteht fast ausschliesslich aus Matten und 
Teppichen auf dem Estrich, ferner aus Divanen und niedrigen Taburetts. 
Die Bettmatratzen werden in Mauernischen aufbewahrt und abend-^ 



*) Die arabische Presse hat sich in E^'pten in der letzten Zeit ausserordentlich stark 
entwickelt. An der arabistischen Bewcjifun)^: hatten muhammedanische Schechs durch die 
GrUndauf^ von Zeitan}i;'en einen nicht unwesentlichen Anteil. Als die en;;^lische Okkupation 
der Niederwerfung des Militär-Anfstandes folj^te, kam das Zeitunc^swesen fast i^anz in die 
Hände christlicher Syrier, die auch heute noch zum weitaus überwiei^enden Teil die Sache 
der englischen Besetzung des Nilthaies verfechten. Die «belesenste arabische Zeilum^ dieser 
Richtung, von Syriern redigiert, ist der Kairenser Mol^attam. — Gegcnwärtii^ erscheinen in 
Kairo allein über 60 arabische Tageszeitungen, Wochenschriften und wissenschaftliche Revuen, 
die zum Teil eine recht beträchtliche Auflage haben. Einige eg>'ptische, von Muhammedanern 
in streng religiösem Sinne geleitete Zeitungen, so der Moaijud, finden, da sie auf Arabisch, 
in der Sprache des Koran, geschrieben sind und von jedem wirklich Gebildeten in der ganzen 
muhammedanischen Welt verstanden werden, ihre Leser nicht nur in Egypten, sondern von 
Marokko bis nach Indien und den Malayen, von Konsiantinopel bis nach Zanzibar und dem 
Kaplande. Diese Zeitungen entbehren nicht einer gewissen Bedeutung. Sie suchen den 
panislamischen Gedanken nach Kräften zu festigen, und sie haben wälirend des let7teii 
griechisch- türkischen Krieges in erheblichem Masse zum Erfolge der Geldsamnilungen für 
den Kriegsschatz des Sultans beigetragen. In Berüt selbst, sowie in anderen grosseren 
syrischen Städten erscheinen nur weniger bedeutende arabische Lokalblätter. .Seit Anfang 
dieses Jahres geben die Jesuitenmissionare in Berüt die Halbmonatsschrift il Maschrik, 
d. h. der Orient, heraus, die nach Form und Inhalt Ausgezeichnetes leistet, jedoch einstweilen 
noch vorwiegend Aufsätze europäischer Gelehrten enthält. Ein Verzeichnis der 1SS9 in 
Syrien und Mesopotamien erschienenen Zeitungen giebt Schröder Z. D. P. V. Xll S. I24!V. 



Kap. 1 



Framösische Sprache in -Syrien. 



auf dem Boden ausgebreitet. Der Syrier zeigt aber eine grosse Kmplang- 
lichkeit fiir unsere Civilisation; in der Nähe von europäisclien Missionen 
und selbst in entlegenen Bergdörfern, in denen aus der Fremde zurück- 
gekehrte Auswanderer sich wieder niederlassen, bürgern sich unsere Sitten 
und Gewohnheiten und gleichzeitig unsere Gebrau ch.sgegenstände immer 
mehr ein. 

Die syrischen Christen gelten als besonders rührig und gewandt, 
aber auch als eitel und verschlagen, ihre 
Frauen zeichnen sich oft durch über- 
raschende Schönheit aus. 

Das Italienische, das in früherer 
Zeit in der Levante die verbreitetste euro- 
päische Sprache war, ist in Syrien jetzt 
nahezu vergessen und durch das Fran- 
zösische verdrängt. Einen Hauptanteil 
an dieser Umwandlung haben die zahl- 
reichen katholischen Missionsanstalten, 
deren fast regelmässig in französischer 
Sprache erteilter und dazu oft unent- 
geltlicher Unterricht dem in neuerer 
Zeit immer .stärker werdenden Biidung--i- 
bedürfnisse auch der ärmeren Bevölke- 
rung Syriens entgegenkommt. Die Kin- 
der mancher reicher christlicher Familien 
Syriens werden durch französische Gou- 
vernanten erzogen. Die Mitglieder der 
römisch-katholischen Missionen sind in 
Syrien, übrigens auch in Mesopotamien, 
nahezu ausschliesslich Franzosen und 
französisch sprechende Elsässer. Es ist 
bemerkenswert, wie Frankreich, das im 
eigenen Hause nicht immer sehr freund- 
lich gegen die Kirche ist, im Orient 
stets mit beträchtlichen Geldmitteln und i 
die dortigen Missionen unterstützt. 

Wenn auch der Handel Frankreichs i 
erste Stelle einnimmt, so liegen doch die wichtigsten industriellen 
Unternehmungen und öffentlichen Anstalten aller Art {Chaus.seen. Hafen- 
bauten, Gasanstalten, Weinbau im grossen Stil u. s, w.) hauptsächlich in 
den Händen von Franzosen'); das Gleiche gilt von den syrischen Fjsen- 




Christlichr .Syrier 



mit seinem ganzen ^'influ^ 



[ .Syrien durchaus nicht 



') Die WasaerleilQn 



enelischet) d 



■ich tot worden. 



16 



K>p. I. Krankreicb und die MarODileo. 



bahnen. Als Inbegriff des Luxus gilt Paris und eine Reise dorthin als 
erstrebenswertestes Ziel. 

Die Beziehungen Frankreichs zu Syrien und insbesondere zu den 
Maroniten') des Libanon- Gebietes datieren aus alter Zeit. Während der 
Kreuzzüge fochten die Maroniten verschiedentlich auf Seiten der •fränki- 
schen« Ritter, denen sie sich auch im übrigen bei vielen Gelegenheiten 
Rützhch erwiesen. Seit dieser Zeit gewöhnte man sich in Syrien und 
überhaupt in der Levante daran, dem Euro- 
päer die Bezeichnung »Franke« (Afrangi) 
7.a geben, wie denn die bis in die jüngste 
Zeit in der Levante im Verkehr der Kin- 
heimischen mit den des Arabischen oder 
Türkischen unkundigen Fremden allgemein 
gebräuchliche, aus allen möglichen roma- 
nischen, namentlich italienischen Worten 
zusammengesetzte Sprache lingna francu 
genannt wurde. 

Ludwig IX. spricht in einem Briefe, 
welcher sich in den Archiven des maroni- 
tischen Patriarchats befindet*}, dem maroni- 
tischen Volke seinen Dank für 35000 Mann 
Hilfstruppen und wertvolle Geschenke aus. 
Er fährt dann fort: »Wir sind der Ansicht, 
dass die Maroniten einen Bestandteil der 
französischen Xation bilden, denn ihre Liebe 




Maronitischer I'aDriaTch. 



'_ Die Maronilcn ^ J' f* 



Rinak'dlcr Nan 



le MiruD JJjL* (verfil. Geschichte der 



1 Istifan Ud-Ilv 



yhi 



'L-Ihdioi herauij;e^. tod Raschid el-Chari el-ScharluDi, Bcrül, Druckerei der Jeiuitcn, iSi^o- 
.S. 10 IT., S. 17), luriick, welcher im VIL Jahrhnaderl nach Christus ceUbt hat. Die Miiro- 
niten sind mil Rom anierte Katholiken, welche sich jedoch ihren orien tauschen Ritus bewahrt 
haben und (;e*i**e Sonderfreiheiten besilicn (vercl. oben S. S'; sie bewohnen KeHeowäni;; 
hauptsachlich den Libanon, und iwar innerhalb desselben vorzüglich die Kacjäs Kesrawän, 
Batrün, Iiletn, Schuf und öeizfu. Ferner ünden sich besonders starke maronitisohc Kolonioii 
in Aleppo, DamnskuB, Berüt und den übrigen syrischen KUstenBlädlen bis Jaffa hin, souic 
in Cypem und Ecypten. Ihre CesamlEahl dürfte nicht viel über 300000 hinausgehen, von 
denen etwa jjoooo auf daa Libanon- Gebiet entfallen. Der moronilische Klerus unterstellt 
einem Patiiarchen, welcher die Krzbischöfe and Bischöfe ernennt und weiht, während er 
selbst wiederum von diesen eewäblt und vom Papste beslätict wird. I>er Pairiarch residiert 
in Knnnöbin und Bekirke. In Kom hat ein maronitischer Bischof dauernden Wuhnsil^. Von 
älterer Lilteratur über die Maroniten Tercl. n. a. Voya^e du Mont Liban, traduit de 1' Italien 
du R. P. Jerosme Dandini, Paris 1635. 
*; I^t Schaituni a.a.O. S. tll. 



Kap. I. Frankreich und die Maroniten. 17 

für die Franzosen gleicht derjenigen, welche die Franzosen einander 
entgegenbringen. Es ist daher recht und biUig, dass Ihr unseres Schutzes 
teilhaftig werdet in derselben Art wie die Franzosen, und dass Ihr die- 
selben Aemter bekleiden könnt wie die Franzosen« u. s. w. 

Welchen Wert die französischen Könige auf die guten Beziehungen 
zu den im Libanon wohnenden Maroniten auch in späteren Jahrhunderten 
gelegt haben, zeigt ein Brief Ludwigs XIV., datiert vom Jahre 1649, ^^ 
welchem er für jetzt und in Zukunft dem maronitischen Patriarchen, den 
Bischöfen, dem Klerus und allen Maroniten, insbesondere denjenigen des 
Libanon, den Schutz des französischen Botschafters in Konstantinopel 
sowie seiner Konsuln zusichert^). 

Im Jahre 1652 wurde der Schech Abu Nä§if v^Ju»^b y\^ Sohn des 

Abu Nadir j^L ^1, aus dem Geschlechte der im Dienste Facl.ir id Dins 

zu grossem Reichtum gelangten Chäzin jjli, zum französischen Vice- 

konsul in Berüt ernannt^) und im Jahre 1657 eines direkten Anschreibens 
des Königs Ludwig XIV. gewürdigt^). Im Jahre 1659 wird darauf Abu 

Naufal il Chäzin jjVi-\ A^y y\ für sich und seine Nachkommen in 

den französischen Adelsstand erhoben auf Grund der Verdienste, welche 
er sich »um die Befestigung des Einflusses des Königs und des heiligen 
Glaubens, sowie um das Wohl der französischen Unterthanen« erworben 
hat.*) Schech Abu Naufal hatte nämlich im Jahre 1652 den Jesuiten das 
Kloster Der Mär Jüsui in *Ain Türä zum Geschenk gemacht, und dadurch 
zum ersten Male europäischen Mönchen die Möglichkeit geschaffen, sich 
im Libanon festzusetzen^). Verschiedene andere Mitglieder derselben 
Familie wurden zu französischen konsularischen Vertretern in Berüt 
ernannt®). In der Folge hat der französische Botschafter in Konstantinopel 
sich wiederholt für das Los der christlichen Syrier und insbesondere 
der Maroniten beim Sultan verwandt. 

Als Napoleon I. die Belagerung von St. Jean d'Acre unternahm, 
sandten ihm die Maroniten des Libanon Geschenke und Proviant, und 



*) El Schartuni a. a. O. S. 220. 

') El Schartuni a. iu O. S. 229. 

') El Schartuni a. a. O. S. 230. 

*) El Schartuni a. a. O. S. 233. 

*; Aus Dankbarkeit wurden nach Europa reisende syrische Christen vielfach mit Empfeh- 
lungen der Mönche versehen. Vergl. Kortens, Reise nach dem gelobten Lande, Halle 1 743, S. 465. 
Eine absprechende Kritik der sogenannten christlichen Prinzen des Libanon, die im 17. und 
1 8. Jahrhundert verschiedentlich in Europa auftauchten, oft jjenug nicht einmal den angeseheneren 
rouronitischen Famiüen angehörten und angaben, dass sie unter der Verfolgung der Türken zu 
leiden hätten und infolgedessen gezwungen seien, die öffentliche Mildthätigkeit anzurufen, 
siehe bei Niebuhr, Voyage en Arabie, Amsterdam 1780, Bd. II, S. 374 ff. 

•) El Schartuni a. a. O. S. 237, 255—258. 

Frhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Goh. 2 



l3 Kap. I. Sonstige intemationale Beziehungen. 

als die englische und österreichische Flotte Berüt und öünije beschossen, 
um diese Häfen von den Egyptem, welche als die Verbündeten Frank- 
reichs galten, den Türken wieder zurückzuerobern, soll der maronitische 
Patriarch einen Jeden, welcher den Engländern Wasser, Proviant und 
sonstige Gegenstände zubringen würde, mit der Exkommunikation bedroht 
haben. Während der nach dem Abzüge der Egypter sich entwickelnden 
Streitigkeiten zwischen Drusen und Maroniten standen die Franzosen 
regelmässig auf Seiten der letzteren; dieses Verhältnis führte infolge der 
Christen massacres von Damaskus im Jahre 1860 zur Landung fran- 
zösischer Truppen, sowie später zur Unterstützung der aus Anlass dieser 
Ereignisse erhobenen Forderungen der Maroniten durch Frankreich, 
während die Engländer die Partei der Drusen nahmen*). 

Thatsächlich betrachten die Maroniten und mit ihnen viele 
anderen christlichen Syrier die Franzosen auch gegenwärtig noch als 
eine Art von Protektoren, und viele von ihnen lieben es, ihre Franzosen- 
freundlichkeit geradezu ostentativ und gewiss nicht zu Gunsten der Türkei 
an den Tag zu legen. Frankreich, das bis auf den heutigen Tag seinen 
alten Traditionen treu geblieben ist, unterstützt in Syrien noch immer 
in erster Linie die Maroniten, die breite Masse der Bevölkerung .speziell 
im Libanon-Gebiete, obwohl gerade in letzter Zeit zahlreiche griechische 
Katholiken zu Einfluss und Vermögen gelangt sind. 

Die maronitische Geisthchkeit, die über einen grossen, mit be- 
sonderen Vorrechten ausgestatteten Grundbesitz verfügt und die Führung 
der maronitischen » Nation c ganz in Händen hat, seitdem ihre Emire 
und Schechs infolge der Libanesischen Parteikämpfe der letzten Jahr- 
hunderte Ansehen und Einfluss eingebüsst hatten, steht einmütig auf 
Seiten Frankreichs. Die Besuche, welche der französische Konsul dem 
maronitischen Patriarchen abstattet, bilden fiir die Maroniten ein Ereignis 
und werden mit dem grössten Pomp begangen. 

Die Anstrengungen der Engländer und Amerikaner, durch ihre 
Missionen und Schulen für die englische Sprache Propaganda zu 
machen, sind von weit geringerem Erfolge begleitet gewesen. 

In letzterer Zeit suchen auch die Russen, welche bisher nur im 
eigentlichen Palästina Missionen unterhielten, in Syrien Einfluss zu ge- 
winnen, und zwar durch Subventionierung griechisch-orthodoxer Schulen, 
in denen, soweit angängig, auch das Russische gelehrt wird. In ver- 
schiedenen Lehrerseminaren wird eine grosse Anzahl von jungen Ein- 
geborenen, insbesondere Söhne von griechisch-orthodoxen*) Geistlichen, 
unentgeltlich erzogen; dieselben werden auf jede Weise, auch durch 

*) Vergl. Kap. IV dieses Werkes S. 165 f. 

') Bei den griechisch-orthodoxen Christen Syriens ist das Arabische ilie Kirchen- 
sprache. Die Zahl der in Syrien lebenden Griechen hellenischer Nationalität ist Sterin ^. 



Kap. L Deutsche in Syrien. Iq 

militärische Uebungen, an unbedingten Gehorsam ihren Vorgesetzten 
gegenüber gewöhnt; ist ihre Erziehung beendet, so werden sie zu- 
nächst in grössere Schulen als Lehrer entsandt, oder es wird ihnen alsbald 
die Gründung einer neuen Schule in ihrer Heimatgegend übertragen, 
selbst da, wo auch nur eine oder zwei griechisch-orthodoxe Familien 
leben, sofern nicht bereits die Schule eines anderen Ritus am Orte be- 
steht. Die Kosten werden von der unter dem Schutze der russischen 
Regierung stehenden Palästina-Gesellschaft aufgebracht^). 

Als sehr erfreuliche Bethätigung deutschen Geistes bestehen in Berüt 
eine von Diakonissinnen aus Käiserswerth geleitete deutsche Töchter- 
schule und ein Waisenhaus, sowie ein Hospital des Preussischen Johan- 
niterordens, Anstalten, welche die allgemeine Sympathie und Hoch- 
achtung gemessen. Im eigentlichen Syrien sind die Deutschen nur in Berüt 
durch eine grössere Kolonie vertreten, während bekanntlich in Jerusalem, 
Jaffa und Haifa grosse süddeutsche Ackerbaukolonien bestehen, deren An- 
gehörige meist Württemberger und Mitglieder der Templergemeinde sind. 
Deutsche Kaufhäuser bestehen ferner ausser in Berüt noch in Damaskus 
und Aleppo, ihre Beziehungen erstrecken sich weit nach dem östlichen 
Kleinasien und Mesopotamien hinein. 

Schon heute ist der Handel Europas mit Syrien ein recht bedeutender. 
Allein in Berüt wurden im Jahre 1895/96 für 35 257 750 Francs Waaren 
eingeführt (1894/95 sogar für 49 674 750 Francs); die Ausfuhr von Seide, 
deren jährliche Produktion (1894/95) etwa 466000 kg. beträgt, hatte im 
Jahre 1895 einen Wert von 1372 Mill. Francs. Andere Ausfuhrartikel 
sind Getreide, Sesam, Olivenöl, Wein, Aprikosenkerne und Aprikosen- 
teig, Schafwolle, Erdpech''*). 

^) Es ist bemerkenswert, wie in Syrien und Palästina die unter französischem Schatz 
stehende katholische Geistlichkeit gerade in dem griechisch-orthodoxen Klerus ihren gefähr- 
lichsten Gegner sieht Das früher von Frankreich verfolgte Prinzip, eo ipso allen katholischen 
Instituten in der Levante seinen Schutz angedeihen zu lassen bezw. zu verlangen, dass die- 
selben sich unter französische Protektion stellen sollen', wird nicht mehr anerkannt So 
werden die Jesuiten und Franziskaner in Egypten, sowie die dortige mit Rom unierte koptische 
Kirche von Oesterreich-Ungam protegiert, und über den deutschen katholischen Anstalten in 
Palästina weht die deutsche Flagge. Während der Reise Seiner Majestät des deutschen 
Kaisers nach Palästina und Syrien im Jahre 1898 ist das Deutschland rechtmässig zustehende 
Protektorat über die Katholiken deutscher Staatsangehörigkeit und deren Institute im tür- 
kischen Reiche voll zum Ausdruck gelangt. 

') Im einzelnen wurden im Jahre 1895 aus Deutschland in Berüt eingeführt (vergl. 
Handelsarchiv 1896 II. S. 557): 



Wert in 1000 Francs 
Flanelle (wollene und halbwollene) . .100 
Wollene und halbwollene Kopftücher . 250 

Wollene Jagdwesten 50 

Wirkwaren 60 

Strumpfwaren 250 



Wert in 1000 Francs 
Seidenwaren, halbseidene Sammete und 

Plüsche (Crefeld) 100 

Jerse3rtai]len und Damen -Konfektions- 
waren 50 

Wollstoffe (Merinos, Cachemirs u. dergl.) 250 



20 



Kap. I. Handel UDd Schiflfahrt. 



Um dem Handel Deutschlands den ihm zukommenden Platz sichern zu 
helfen, wäre es sehr wünschenswert, wenn einige der im Mittelländischen 
Meere verkehrenden deutschen Dampfschiffe Berüt anlaufen und Syrien 
in direkten Schiffsverkehr mit Deutschland bringen würden. Frank- 
reich, England, Oesterreich, Russland und Egypten besitzen bereits seit 
Jahrzehnten direkte Dampferverbindungen mit Syrien. Ihre Schiffe be- 
suchen hier mit Erfolg nicht nur Berüt, sondern auch verschiedene andere 
syrische und palästinensische Küstenstädte'). 



Wert in looo Francs 
Baumwollene und wollene bedruckte 

Gewebe 40 

Drille (für Herrenkleider) 20 

Seidene Bänder 20 

Stickereien und Spitzen 40 

Schnüre und Bindfaden ..... 15 

Posamentierwaren 70 

Handschuhe 5 

Tuche, orientalische 250 

Desgl., soj^en. Nouveaut^s 250 

Nähfaden 50 

Türkisch Rotjjarn 200 



Wert in looo Francs 

Näh- und Packnadeln 80 

Kurzwaren, Quincailleries u. s. w. . .150 

Lampen und Lampenteile 50 

Drojjen- und Apothekerwaren . . .250 
Farben (Anilin- und andere) .... 70 

Leder 300 

Porzellan und Glaswaren 50 

Bijouterie waren, Uhren und dergl. . .100 

Gold- und Silberdrähte 60 

Bier und Spirituosen 50 

Parfümerien, Seifen und dergl. ... 20 
Eisenwaren 200 



^) Nachstehende Tabelle giebt eine Uebersicht über die Beteiligung der einzelnen 
Nationen an dem Schiffsverkehr in Berüt (Vergl. Handelsarchiv 1894 II, S. 14, 1896 II, S. 563;.: 



Nationalität 

Deutsche 

Englische 



Egyptische 



Dampfer 

1892 I 

1892 130 

1895 149 

1892 102 

1895 98 

Französische 1892 77 

1895 97 

Griechische 1892 i 

Italienische 1892 14 

1895 16 

Norwegische 1892 4 

1895 I 

Oesterr.-Ung. 1892 96 

1895 120 

Türkische 1 892 90 

1895 86 

1892 45 

1895 49 

1892 6 

1895 2 

Schwedische 1895 8 

Belgische 1895 i 



Russische 



Spanische 



Tonnen-Gew. 

I 113 

89744 

117 864 

92941 

loi 684 

124598 

157 667 

555 Griechische 1892 

8050 1895 

10 171 Italienische 1S92 

4050 1895 

589 
X013418 

156538 
821526 Türkische 1892 

71 397 1895 
60731 

72 168 

4 188 
I 870 

4084 Jerusalem. 1895 

5 023 Montenegr. 1895 



Segelschiffe Tonnen-Gew. 



50 
40 

19 

4 



13030 
12678 

5 717 
836 



2485 
I 977 



43223 
40072 



5 
I 



173 
360 



Summa: 1892 
1895 



566 
627 



569914 
699055 



2554 
2 027 



61 970 
54 "9 



Kap. I. S3rri8che Efsenbahnen. 21 

Berüt ist mit Damaskus durch eine im August 1895 eröffnete 
Eisenbahn verbunden; der Schienenweg ist schmalspurig und 138 km lang; 
die Strecke wird in etwa neun Stunden zurückgelegt Die Bahn ist von 
der Compagnie des chemins de fer de la Syrie et de l'Euphrate, Beyrouth, 
Damas, Hauran et prolongements gebaut worden, deren Präsident, der 
Comte Edmond de Perthuis, in Berüt lebt. Graf Perthuis ist gleichzeitig 
Präsident des Verwaltungsrats der Compagnie du port, des quais et entre- 
pots de Beyrouth. An der Hafen- und der letztgenannten Eisenbahn- 
gesellschaft sind die gleichen Finanzgruppen beteiligt, vornehmlich die 
Compagnie de la Chaussee de Beyrouth ä Damas, das Comptoir d'Escompte 
in Paris, die Ottomanische Bank und die Banque de Paris et des Pays-Bas. 

Ausser der Linie Berüt — Damaskus sind noch die folgenden Bahnen^) 
in Syrien konzessioniert^ bezw. fertiggestellt: 

1 . Damaskus — Mezerf b s,^ -^ ^ J^ ~ f *-**^ ^ » 

2. Damaskus — Aleppo — Biregik ctA>- öj^ — c.JL>- — ^UÜl, 



3. 'Akkä — Damaskus ^uÜ\ — |^, 

4. Saidä — Berüt — Tripolis ^r^» ^^ "~ «^J jry — IJU^.*) 

Die Linie Damaskus — Mezerfb (Haurän-Bahn), in einer Länge von 
103 km, war zunächst einer belgischen Gesellschaft konzessioniert, ist 
jedoch von der die Linie Berüt — Damaskus besitzenden vorerwähnten 
französischen Eisenbahngesellschaft übernommen worden. Die Haurän- 
Bahn ist seit Januar 1894 in Betrieb. Da die Strecke Damaskus — Berüt 
zur Zeit des Baues der Haurän-Bahn noch nicht fertiggestellt war, musste 
das gesamte Arbeitsmaterial, Schienen, Wagenpark u. s. w. mittels Last- 
karren auf der französischen Chaussee nach Damaskus transportiert 
werden. 

Die Eisenbahnlinie, welche Damaskus über Hom§ und Hamä mit 
Aleppo und Bire^ik am Euphrat verbinden soll, ist bis jetzt nur ein 



^) Ueber das Bahnnetz Mittelsyriens vergl. Martin Hartmann in der Zeitschrift des 
DeutscbeD Palästina -Vereins, XVII,, S. 56 ff., und J. Couran: La Locomotive en Turquie 
d'Asie (Extrait du Monitenr des int^r^ts matöriels), BrüsselCt895, S- ^S — 30, S. 100 ff. 

*) Die Pforte pÜeg't die syrischen Eisenbahn-, Hafen-, Chaussee- u. s. w. Konzessionen 
nicht direkt an die eigentlichen Unternehmer zu vergeben. Gewöhnlich erhält dieselben ein 
türkischer Unterthan, meistens ein reicher syrischer Christ, der sie dann für schweres Geld 
den europäischen Finanzkonsortien verkauft. 

') Die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem in einer Länge von 87 km ist von einer 
französischen Gesellschaft bereits seit einigen Jahren fertiggestellt Das Unternehmen war 
eine Zeitlang in Vermögensverfall geraten, wird aber weiter betrieben. 



22 Kap. I. Syrisohe Eisenbahnen. 

Projekt; die Konzession liegt in derselben Hand wie die der Linien 
Berüt — Damaskus und Damaskus — Mezerfb. Die Bahn wird etwa 500 km 
lang werden und den Anschluss an die deutsche Linie Konstantinopel 
bezw. Scutari — Konia bilden, welch letztere bis Bardäd weitergeführt 
werden soll, und sie ist schon deshalb die wichtigste der syrischen 
Bahnlinien ^). 

Eine gleichfalls französische Gesellschaft hat sich mit einem Aktien- 
kapital von I 750 000 Franken unter dem Namen Society Ottomane des 
tramways Libanais Nord et Sud de Beyrouth konstituiert, um eine die Meeres- 
küste entlang laufende Dampfbahn zu bauen, welche die Städte Saidä, Berüt 
und Tripolis miteinander verbinden soll. Die Bahn ist, wie bereits erwähnt, 
ziemlich weit fortgeschritten und wird binnen Kurzem fertiggestellt sein*). 

Die Eisenbahn Haifa — *Akkä — Damaskus ist von einer englischen 
Gesellschaft (The Syrian Ottoman Railway Company, London) als Kon- 
kurrenzbahn für die Strecke Berüt — Damaskus — Haurän geplant. Nach 
den der erteilten Konzession zu gründe liegenden Plänen würde sie eine 
Länge von 230 km haben und von Haifa — *Akkä durch die Ebene Jesreel 

(Zer*in ^yS'JJ^)) zum Rör jjßi\ laufen, den Jordan bei der Brücke 

öisr il Mag^ämi* ma\^\j.^ überschreiten und nach Passierung des 

Jarmük tl y^j das Südende des Tiberiassees erreichen, um dann durch 

das Wädi Ffk 1^ ^^^ i ^^^ Hochplateau des öölän zu ersteigen 

und sich über il *Ä1 Ju)l, Chisfin J;U-^, Schech Sa*d JU-w pixiJ^, 

Nawä \j>, Rabärib ,^^Lp und il Kiswc i^^*.<Xj\ nach Damaskus fortzu- 



setzen. Die letzten 80 km von Schech Sa*d nach Damaskus würden der 
französischen Haurän-Bahn parallel laufen. Es sind von Haifa aus jedoch 
bisher nur 8 km fertiggestellt, und zwar als Normalspurbahn. Die Fort- 
setzung des Unternehmens scheint vollständig ins Stocken geraten zu 
sein; dem Unternehmer Robert Pilling soll es bisher nicht gelungen sein, 
die nötigen Kapitalien für den Ausbau der Bahn, deren Vorarbeiten 
schon 50 OCX) £ verschlungen haben, in England aufzubringen. Diese 
englische Linie könnte, wenn sie wirklich ausgeführt würde, möglicher- 
weise einen Teil des Hajpnverkehrs von Berüt nach Haifa ablenken und 



^) Verji^l. Kecueil consnlaire contenant les rapports cominerciaux des agents beiges 
a r^tranger, tome LXXXV, 3 livr., Brüssel 1894, S. 116. 
*) Vergl. oben S. 5. 
•) Heute wird die Ebene gewöhnlich nicht nach dem Orte Zer*in genannt, sondern 



Merjf Ibn 'Amir j\^ ^ \ r"^ 




W i 



Kap. L Der Schieoenvreg DerSi-Damatkii*. 



23 



namentlich den gesamten Getreideexport des Haurän an sich ziehen, 
welcher durch eine Bahnverbindung mit Haifa einen wesentlich kürzeren 
Transportweg zum Meer finden würde als auf dem Umwege über Damaskus. 
Allerdings wird vielfach angenommen, dass sich die syrischen Bahnen 
nach Damaskus und dem Haurän, so lange sie nur Lokalbahnen sind und 
noch keinen Anschluss nach dem Innern von Klcin-Asien und Mesopo- 
tamien haben, schwerlich rentieren werden, da für die Getreidefrachten, 
die hier besonders in Betracht kommen, der billige Transport auf Kamelen 
noch auf lange Zeit bevor- 
zugt werden wird. Abge- ' ' 
sehen davon, dürften die Ein- 
geborenen sich nur langsam 
von der Jahrtausende alten 
Gewohnheit des Verkehrs- 
mittels Lasttiere trennen. Wie 
dem auch sei, die Tarife sind 
noch zu teuer und der Ver- 
waltungsapparat zu kost- 
spielig, als dass eine Renta- 
bilität schon Jetzt eintreten 
könnte. 

Die Beriit mit Damaskus 
verbindende Bahn gehört zu 
den landschaftlich schönsten 
der Welt Von dem im Osten 
der Stadt unweit des Meeres 
gelegenen Bahnhof wendet 
sich der Schienenweg sehr 
bald südhch, dem Nähr Berüt 
folgend, in die das Ras Beriit 

umziehende Ebene, beginnt abei 

den Anstieg des Gebirges unter Zuhilfenahme eines Zahnradgcleises, 
welches mit wenigen Unterbrechungen auf der ganzen von West nach 
Ost erfolgenden Ueberwindung des Libanon beibehalten ist. Insgesamt 
sind 35 km der Linie als Zahnradbahn ausgeführt. 

Herrlich ist der Rückblick auf das Meer, che Stadt, den merk- 
würdigen Sandstreifen, der sie umgürtet, und die Pinien- und 
Olivenhaine der Ebene. Je höher man steigt, desto romantischer wird 
die Aussicht. Bei jeder Biegung der Bahn bieten sich neue Bilder. Das 
Gebirge scheint aus lauter Schluchten, Felsen und Erdwallen zu be- 
stehen. Immer häufiger zeigen sich Häusergruppen und Dörfer, in der 




schon vor der Station I ladet 



'^jI\ 



24 Kap. I. Ueber den Libanon; Syrische Sommerfrischen. 

Tiefe der Thäler oder' terrassenförmig sich aufbauend bis zur Spitze, aui 
den Rücken der Höhenzüge. Einzelne besonders hohe Bergspitzen tragen 
Klöster, die den Eindruck trotziger Festungen hervorrufen. Hin und 
wieder sieht man mitten aus einem Dorfe aufragend oder auch ver- 
einzelt stehend das burgartige Haus eines Drusenschechs oder eines 
reichen maronitischen Grundbesitzers. Durch unausgesetzte Terrassen- 
anlagen wird die Bebauung jedes kultivierbaren Fleckchens Erde des 
Gebirges ermöglicht. Maulbeer- und Olivenpartien beleben die Landschaft, 
und im Sommer ist die leichte und dünne Luft von dem köstlichsten 
Aroma erfüllt, das den verschiedenfarbigsten Blumen und Blüten entströmt. 

In der Höhe von 'Aleih aJW (820 m) liegen die meisten sommer- 

liehen Villegiaturen der reichen Syrier, der europäischen Konsuln und 

Kaufleute der Küste. In *Ain Söfar J^ y^ ^J^> einem Orte, der schon 

vor Vollendung des Bahnbaues aus einer kleinen Villenkolonie bestand, auf 
einer Höhe von 1280 m, ist ein prächtiger* Gasthof im Stile der grossen 
europäischen Hotels errichtet, welcher mit einem Kasino und mit allem, 
was dazu gehört, verbunden und im Jahre 1897 eröffnet worden ist. Frei- 
lich glaubt man vielfach in Syrien, dem Unternehmen eine glänzende Zu- 
kunft nicht voraussagen zu können, es sei denn, dass die Spielgelder den" 
Unterhalt des Etablissements ermöglichen. Die Begründer haben auf den 
Besuch der wohlhabenden Bcrüter und der in Eg>'pten ansässigen reichen 
Syrier gerechnet, vergessen aber, dass diese letzteren den Sommer in 
Europa zuzubringen lieben; dazu kommt, dass in den Libanon-Dörfern 
jetzt eine grosse Reihe moderner Häuser zur \'crfügung steht, welche 
von ehemaligen syrischen Auswanderern, die in der Fremde zum Wohl- 
stand gelangten, erbaut sind und von ihren Besitzern während der 
Sommermonate vermietet werden. Der Mietpreis eines solchen Hauses 
das mit seinem roten Ziegeldach ein ganz europäisches Aussehen hat, 
beträgt 30 — 50 £ für die »Saison '. Allerdings sind diese Villen meistens 
unmöbliert. Zu Beginn des Sommers sieht man regelmässig auf den 
Strassen zahlreiche Maultiere von Berut nach den Bergen ziehen, die 
das notwendige Meublqment der Sommerfrischler, einige Matratzen, Stühle 
und Tische, tragen. 

'Ain Söfar gfilt mit Recht für einen der schönsten Punkte der 
ganzen Bahnlinie. Von hier aus hat man einen wundervollen Blick in 
ein jäh abfallendes Thal, dessen abseits der .Strasse gelegene Dörfer 
noch Häuser in der alten Bauart, mit flachen Dächern und Bogengängen, 
aus starkem Stein gefiigt, zeigen. 

Bald hinter 'Ain S()far wechselt das Lan<Isrha<*tsbil(l wie mit einem 
Schlage. Man nähert sich der Passhöhe de-; (icbir^e>, -.ind die steilen. 



Kap. I. Durch die Bi|^ä und über den Antilibanon. 2 5 

in der Entfernung im Nordosten vom schneebedeckten öebel Sannln 

J;Cw!> L>- überragten Felsen sind nicht mehr 'mit Humus bedeckt und 

tragen keine Vegetation mehr. Der Temperaturunterschied, selbst gegen 
*Ain Söfar, ist merklich. Die Wasserscheide bei Kilometer 38,5 ist 
i486 m hoch. Dicht bei der Passhöhe sind einige kleine Tunnels 
zu passieren. Kaum ist sie überwunden, sieht man zu seinen 

Füssen die fruchtbare, langgestreckte Ebene der Bikä' pli, welche sich 

zwischen Libanon und Antilibanon und dem mächtigen, schneebedeckten 
Rücken des Hermon im Süden des eigentlichen Antilibanon hinzieht. In 
grossen Windungen steigt die Bahn den Ostabhang des Libanon in die 

Bil^ä* hinab. Bis zum Fusse des Gebirges, unweit Schtörä \jjxl)\, war die 

Strecke im grossen und ganzen dem Zuge der alten, von Berüt nach 
Damaskus führenden Chaussee gefolgt. Nun verlässt der Schienenweg die 
Strasse, um die Bikä' in ostnordöstlicher Richtung zu durchschneiden, 
während die Chaussee südöstlich läuft. 

Wenige Kilometer hinter Schtörä wird Mu'allaka <iLal (920 m üb. M.) 

erreicht, die Station für Zahle, eine fast ganz maronitischc oder doch christ- 
liche Stadt, die durch ihre allerdings erfolglose Verteidigung während 
der Ereignisse von 1860 bekannt geworden ist. Zahle, das durch den 
Libanon vor den feuchten Seewinden geschützt ist, geniesst als Sommer- 
aufenthalt einen Ruf wegen seiner guten trockenen Luft; der rasch aufstrebende 
Ort besitzt bereits mehrere Gasthäuser. In Mu*allaka verlas.sen die Be- 
sucher von Ba*albek cUJu» die Bahn. Hier ist längerer Aufenthalt und 

Gelegenheit zum Frühstück. 

Nach Ueberschreitung des in der Bikä' sich hinziehenden, wenig 

Wasser haltenden Nähr il Litäni ^UaJül j^ tritt die Bahn bei dem 

gartenreichen Dorfe Rajäk (Jlj (929 m üb. M.) in das Thal des Wädi 

Jabfüfe A5yi>' (^^^3 ein, welchem sie folgt, um den bald darauf be- 

ginnenden Anstieg des Antilibanon auszuführen. Bei der in nahezu süd- 
licher Richtung erfolgenden Ueberwindung dieses Gebirgsrückens wird ein 
Zahnradgeleise nicht zu Hilfe genommen. Die Pitsshöhe (1405 m) befindet 
sich bei Kilometer 89,5. Sie erscheint ebener und weniger wild als die- 
jenige des Libanon; der Terrassenbau für die I^odenkulturen ist weniger 
notwendig, und grosse Strecken sind mit (ictrcidc bestellt. 

Jenseits der Passhöhe folgt die Bahn dem Laufe des Wädi Baradä 

\^j (^^^J bis zu ihrem P3ndziel. Bei Zebedäni ^^Ji» j^ beginnen die 



20 Kap. I. Die Residenzen des Libanon-Goavemeurs. 

den Wädi Haradä auszeichnenden Baumanlagen, die sich bis Damaskus fort- 
setzen und der syrischen Hauptstadt das Holz für ihre Bauten liefern. Kurz 
hinter der Station ZebedänT nimmt die Bahnlinie südöstliche Richtung an. 

Bei dem Dorfe Sül^ Wädi Baradä \^j ^^\j Oy^ sieht man an den 

■ 

Bergwänden zahlreiche Oeffnungen alter Felsengräber. Von nun an 
sind die an der Bahn am Ostabhange des Antilibanon gelegenen Dörfer 
nicht mehr ausschliesslich aus Stein, sondern häufig auch aus Holz 
und Lehmfachwerk gebaut. Aber auch der Charakter der Bevölkerung ist 
ein anderer geworden. In der Bikä* und bis Sük Wädi Baradä kam man 
durch vorzugsweise christliches Gebiet; nur hin und wieder begegnete 
man kleinen Beduinen-Zeltlagern, ^) während von nun an muhammedanische 
Bauerndörfer vorwiegen. Je mehr man sich Damaskus nähert, desto mehr 

machen die Waldungen eingefassten Gärten Platz. Bei Häme Aß\j^ 

wird die alte Chaussee wieder erreicht und überschritten; von da an 
läuft der Schienenweg derselben parallel an Mühlen, Landhäusern und 
Cafes vorbei, immer den Wädi Baradä entlang, bis nach Damaskus. 

Schon bald hinter Berüt tritt die Bahn in das Gebiet des autonomen 
Libanon -Bezirkes ein, welches bei Zable — Mu'allaka wieder verlassen 
wird. Der Regierungssitz des Bezirks während des Winters ist die zweite 

Station hinter Berüt (9,8 km), Ba*abdä \juw. Das mit Türmen flan- 

kierte neue Regierungsgebäude von Ba'abdä nimmt sich auf dem Ab- 
hang des Gebirges stattlich aus. 

Bis jetzt hatte der gegenwärtige Gouverneur der Libanon -Provinz, 

Na**üm Pascha LlL ^ yo seine Privat -Winterwohnung in Berüt Die 

Sommerdienstresidenz und Wohnung befindet sich in Bet id Din 

cTJüI sl^^ (ausgesprochen Bteddin J/JCL), das südlich der Bahnhnie, 

mitten im Libanon -Gebirge, liegt. Bteddin wird am besten von der 
Station 'Äleih aus erreicht, von welchem Orte eine ausgezeichnete 
Fahrstrasse dorthin führt. Dieselbe geht zunächst an den mit 
vielen prächtigen Villen reicher Berater besetzten Dörfern 'Aleih, 

Bmekkin /;\X*j , Sük il Rarb und Schimlän vorbei und bietet die präch- 

tigste Aussicht auf die dörfergeschmückten Libanon -Abhänge bis zum 
Meer hin. Aber bald verschwindet dieser Ausblick, die Strasse wendet 
sich weiter landeinwärts und führt in steilen Windungen in das Thal 

') In der Bi^ä* nomadisieren jjejjenwärtig einige versprengte Beduinen- und Turk- 
manenstämme, welche sich hier sehr friedlich verhalten müssen. Im Jahre 189S haben 
Teile der 'Aneze gegen Entgelt von den Bauern die Erlaubnis erhalten, Stoppeln abzuweiden. 



Kap. I. Wege nach Bteddin. 27 

des Nähr il Käcji ^a\jv\ j^ hinab. Dort, wo sie den Bach über- 
schreitet, ist ein ausserordentlich reizvoller Ort mit herrlichem Blick 
auf verschiedene, noch in älterem Stil gehaltene Dörfer und Klöster der 
umgebenden Höhen sowie auf die den Bach einrahmenden Bergzüge, die 
hier mehrfach noch Waldparzellen aufweisen. Bei der Brücke öisr 

il Kädi ^^^^ wT*^ befinden sich einige Wassermühlen. Mehrere kleine 

Caf^ in bogengeschmückten Steinhäusern laden zum Verweilen ein. Der 
Ort hat seine Bedeutung in der älteren Geschichte des Libanon. Wiederholt 
haben hier Kämpfe stattgefunden. An verschiedenen Stellen kreuzt 
die Landstrasse treppenartig gelegte Steinplatten, welche den alten, 
übrigens auch gegenwärtig von den Packtiertreibern bevorzugten kürzeren, 
aber ausserordentlich steilen Saumpfad bedecken. Nachdem man 

das jenseitige Randgebirge des Nähr il Kädi J?U)\ j^ erklommen hat, 

ist Der il Kamar jkj!\ j^ bald erreicht. Die Fahrt von 'Älcih dorthin 

beträgt etwa fünf Stunden. Hier ist man von Bteddin nur noch durch 
eine tief eingeschnittene Thalschlucht getrennt, die jedoch die Fahr- 
strasse zu einem grossen Bogen thalaufwärts zwingt und ungefähr eine 
weitere halbe Stunde Fahrzeit beansprucht. Die gebräuchlichste direkte 
Wagenverbindung von Bteddin mit Berüt zweigt sich unweit Schimlän 
von dieser Strasse ab und führt an mehreren malerischen Ortschaften, 

unter anderen *Ain 'Anüb s^^yS- ,j^, woselbst Emir Mustafa Arslän^) 

J^wjl 4k.,i2>» , gegenwärtig der mächtigste Mann unter den Drusen des 

Libanongebirges, geboren wurde, sowie an Schwefät, dem alten Stammsitz 
der Arslän, vorbei in die Ebene, welche bei Hadet, dem letzten Dorfe vor 
Berüt, erreicht wird. An den Abhängen des Gebirges beginnen hier die 
ganze Quadratmeilen umfassenden Olivenhaine, welche .sich südlich von Berüt 
hinziehen. Auch die Strasse von Bteddin nach Berüt ist ausgezeichnet. 
Ueberhaupt wird seitens der Libanon -Regierung viel für Strassenbau 
gethan. Fliegende Cafehäuser, in welchen Früchte, Brot, saure Milch, 
auch Arak verabfolgt wird, befinden sich mehrfach an den Strassen in 
der Nähe von Wasser, unter Bäumen oder auch am Eingang von Dörfern. 
Als Serai von Bteddin dient das Schloss, welches der gewaltige Herr 
des Libanon, der Emir Beschir Schihäb,^) im Anfang dieses Jahr- 
hunderts errichtet hat. Es liegt auf einem Vorsprung in das erwähnte 
Thal, welches Bteddin von Der il Kamar trennt. Um in das Innere 
des Serai zu gelangen, muss man zunächst mehrere Thorwege und Höfe 

*) VergL Kap. IV. dieses Werkes S. 164. 
^ VergL Kap. IV. dieses Werkes S. 153 ff. 



28 Kap. I, BteddiD, die Soinmerreudeiu d«« Libuon-Gouvemeart. 

durchschreiten. Der erste, sehr geräumige Hof dient als Uebungsplatz 
für das Libanon -Militär, und die ihn umgebenden Gebäude sind haupt- 
sächlich Kaseraements für einen Teil dieser Truppen. Ueber mehrere 
Stufen gelangt man sodann durch einen neuen langen Thorweg, von dem 
aus Seitenwege zu den Diensträumen der Regierung, des Gerichts u. s. w. 
führen, in einen zweiten grossen Hof und befindet sich einem herrlichen, 
in arabischem Stil in Mosaik ausgeführten Eingangsportal und einem 
kunstvoll gearbeiteten Allan gegenüber, \velche die Aussenfront der 




Privatwohnung des Gouverneurs schmücken. Diese hat herrliche Säle und 
Zimmer, pfeilergeschmückte Korridore sowie einen eigenen, mit einem 
Springbrunnen versehenen inneren (dritten) Hof. Neben dem erwähnten 
Altan springt ein mit einem Krker versehener kleiner Vorbau in den 
mittleren Hot. Von diesem Erker aus pflegte der Emir Beschir seine 
Befehle zu erteilen und oft durch eine einzige Handbewegung die 
Beseitigung vieler Hunderter von Widersachern anzuordnen. 

Durch kleine überbaute Seitenpfade gelangt man vom dritten 
Hofe aus in den grö,sseren der das Palais umgebenden Gärten und zu 
einem noch wohlerhaltenen Bade, welches an Schönheit .seinesgleichen 
gesucht haben dürfte. Der Bau ist aus buntem Marmor und anderem 
edlen Gestein in glänzendster Arabesken arbeit ausgeführt. Hin besonders 



Kap. I. BleddiD, die Sommerregident des LibiDon-Guuvc 



29 



luftiger Kuppelbau, der innen mit Mosaiken und Freskomalereien ge- 
. schmückt ist und dessen Mittelpunkt ein plätschernder Springbrunnen 
gebildet hat , galt der Ruhe nach dem Bade. Von hier aus führte 
ein unterirdischer Gang nach der unweit des Schlosses befindlichen 
Mar oniten- Kirche, welche der Emir Heschir zu der Zeit benutzte, als 
er aus politischen Gründen zum Christentum übergetreten, für die Welt 
jedoch Muselman geblieben war. Unweit des Hades befindet sich, 
von Cypressen umgeben, das aus weissem Marmor errichtete Grab der 




ersten Gattin Beschirs. Das Schtoss, sein Inneres und seine Umgebung 
macht einen geradezu zauberhaften Eindruck; unwillkürlich j^laubt man 
sich in eine vergangene Welt versetzt. Die kunstliebende, geistreiche 
Gattin des gegenwärtigen Gouverneurs hat es verstanden, für alle Be- 
quemlichkeit im Schlosse zu sorgen und reizende Aussichtspunkte im 
Garten zu schaffen, ohne den romantischen Eindruck des Ganzen zu 
beeinträchtigen. '} 



>) Ich selbsl habe im Sommer 1S97 währcn.f eines iwtilen licsu. 
Bteddin mehrere Tage lang die fUräÜiche GaslfremuUchufl Na"Uiii P.iscli.is um 
der Tochter dea früheren Libanon-Gouverneurs Irnnko Küsa Pascha, ßcnc 
mich mit VcTgaÜRen nnd Dankbarkeit des ange nehmen AufenthuUa ; 
LibaDott-Resideoz. 



1. Syri. 



^O Kap. I. Ba*a|Müi. 

Das Leben des Libanon -Gouverneurs ist dasjenige eines kleinen 
Fürsten; er besitzt eine Art aus Christen, Drusen und Muhammedanern 
zusammengesetzten Hofstaat, eine eigene Truppe und ist in sämtlichen 
Ressorts, mit alleiniger Ausnahme der Gerichtsbarkeit, die in letzter Linie 
entscheidende Instanz. 

In der nächsten Nähe des eigentlichen Serai von Bteddln erblickt 
man vier weitere Schlösser, welche Emir Beschir Schihäb für seine 
Söhne hat erbauen lassen. Das eine derselben ist zu einer Kaserne 
eingerichtet; das zweite befindet sich zwischen der Maroniten - Kirche 
und dem Regierungspalaste und ist durch Rustem Pascha in das 
Gefängnis dir den Libanon -Distrikt umgewandelt; die beiden übrigen 
Schlösser liegen etwas höher als das Palais, auf derselben Seite des 
Thaies, sie sind in noch ziemlich gutem Zustande und mit ihren Terrassen- 
bauten, Bogenfenstern und Säulengängen ausserordentlich malerische 
Burgen. Beide gehören dem maronitischen Bischof Butros Bustänl; das 
eine bewohnt er selbst, in dem anderen residiert während der Sommer- 
monate der bereits erwähnte Emir Mu?tafa Arslän, der Käimmal^äm des 
Schuf, des einzigen Bezirks der Libanon -Provinz, in welchem noch ein 
Druse an der Spitze der Verwaltung steht. 

Der eigentliche Amtssitz von Schuf Oj-ij\ ist jedoch in Ba*atj:lin 

etwa eine Stunde von Bteddin südwestlich gelegen, wo dem Käimmal^äm ein 

prächtiges Gebäude errichtet wird. In Ba*al^lin /nUiw , einem hauptsäch- 

lieh von Drusen bewohnten Orte mit vielen Häusern in altem Stil, wohnt 
auch einer der beiden geistlichen Führer der Drusen des Libanon -Ge- 
birges. Der andere lebt in dem Dorfe 6edede, welches zwischen Bteddin 

und il Muchtära S j tjil liegt, dem Stammsitz der Familie 6umblät ^^Li^, 

der heutigen Rivalin der Familie Arslän im Libanon. Das eigentliche 
Schloss von il Muchtära, in welchem der Vater des gegenwärtigen Familien- 
hauptes in den sechziger Jahren einen prunkvollen Haushalt führte, ist 
heute verlassen. Der gegenwärtige Chef Nesib Bey öumblät wohnt dauernd 
in einem ihm gehörigen grossen Stadthause in Berüt; dagegen residiert 
seine Mutter, eine alte, ausserordentlich energisch ausschauende Frau, 
welche übrigens ganz auf Seiten der Arslän steht, noch in il Muchtära in 
einem eigenen, neu gebauten, grossen Hause. Das Thal von il Muchtära 
mit seinen vielen Waldungen und Dörfern gehört zu den schönsten 
Teilen des Libanon -Gebietes. 

Der Ort Bteddin ist nicht sehr gross. Er besteht fast ausschliesslich 
aus Häusern, welche die verschiedenen Beamten des Gouvernements 




mit ihren Familien bewohnen, aus einigen Gasthäusern geringerer Art 
und Läden für die Libanesen, die nach Hteddin kommen, um ihre 
Angelegenheiten /-u ordnen. 

Weit grösser ist Der il Kamar, heute ein fast ganz christlicher Ort, 
der übrigens eine kleine Moschee mit hübschem Minaret') besitzt- Das 
Serai von Der il Kamar sowie mehrere andere Häuser sind sehr alten 



Datums; sie stammen noch aus der Zeit der Ma'n 



O^' 



eines Fürsten- 



geschlechts, das mehrere Jahrhunderte lang im Libanon regierte und be- 
sonders durch den Emir Fachr id Din bekannt wurde. Das Serai 
von Der il Kamar wurde im XV. Jahrhundert von dem Sohne des Emir 

Haidar jXa- Ma'n, dem Emir Melheni *äL> gebaut, die heutigeSchule von 

dessen Sohn Jüsif ^Ja^y. Das Haus, in welchem der gegenwartige Mudir 

von Der il Kamar, Emir Chalil Schihäb i.jl#.w AJ^i ein Urenkel Emir 

Beschir Schihäbs t_}\4^ j^ . wohnt, wurde von dessen Familie beim 

Aussterben der Ma'n ererbt.') Der grosse Fachr id Din Jr j!\ jit», ein 

') OleB ist wohl die einzige Moachee im Libanon; sie diirfle von den Ma'n 
entdilet sein. 

») VergL K«p. IV die«« Werkes S. 148. 



^2 Kap. I. Das Reglement orgonique du Liban. 

Mann von ganz winziger Gestalt, hatte geschworen, die Steine zu diesem 
Hause aus dem Palaste seines Schwagers, des Wali von 'Akkä, zu ent- 
nehmen, welcher ihn beschimpft hatte; den Schwur hat er gehalten. 
Seine Schwester hatte ihm geschrieben, ihr Gatte habe sich über seine 
kleine Gestalt lustig gemacht und behauptet, ein Ei, das aus seiner Hand 
fiele, würde auf dem Boden nicht zerbrechen. 

Die übrigen Nachkommen Beschir Schihäbs sind zum Teil in 
weniger glänzenden Stellungen; mehrere sind gegenwärtig Droschken- 
kutscher in Berüt. Dieses Missverhältnis in der Stellung der verschiedenen 
Familienglieder teilen die Schihäb übrigens mit den wenigen noch 
heute in Ansehen stehenden alten christlich-syrischen Familien. Der 
Reichtum der meisten heutigen syrischen Kaufleute reicht kaum einige 
Jahrzehnte zurück. 

Die staatsrechtlichen Verhältnisse des sogenannten autonomen Be- 
zirks desLibanon unterscheiden sich in manchen Beziehungen von denjenigen 
der übrigen türkischen Provinzen. Vielfach wurde in letzter Zeit davon 
gesprochen, dieselben oder ähnliche Verwaltungsgrundsätze für die 
Provinzen Kurdistans, in welchen christliche Armenier in grösserer An- 
zahl wohnen, zur Anwendung zu bringen. Die gegenwärtige Verfassung 
des Libanon-Bezirkes ist die Folge der Christenmassacres im Jahre l86o 
und beruht auf dem »Reglement organique du Liban« vom 9. Juni 1861, 
welches durch ein von den Vertretern der Türkei, Englands, Russlands, 
Frankreichs, Oesterreichs und Preussens unterzeichnetes Protokoll vom 
selben Tage bestätigt und erläutert und durch Firman des Sultans de 
dato 20. Juni 1861 eingeführt wurde. Durch Protokoll vom 6. Juni 
1864 erfuhr das Reglement gewisse Aenderungen und wurde dann 
durch die Protokolle vom 27. Juli 1868, 22. April 1873, 8. Mai 1883 
und 15. August 1892 anlässlich der jedesmaligen Neueinsetzung von 
Gouverneuren bestätigt. Seit 1868 sind diese Protokolle auch von dem 
Vertreter Italiens mitunterzeichnet. Manche Bestimmungen der Ver- 
fassungsurkunde, die sich in der Praxis als unhaltbar erwiesen, sind still- 
schweigend und ohne Widerspruch der Schutzmächte ausser Gebrauch 
gekommen *). 



') Der türkische Text des »Reglement or^aniqoec nebst arabischer l'ebcrset2UDi|>^ ist 
u. a. in Berüt publiziert. Der französische Wortlaut findet sich in der I^|)islation Ottomane von 
Aristarchi Bey ;^II. Teil, S. 204 ff.;, ferner bei Richard Edwards, La Svrie 1840 — 1862, Paris 
1862, S. 376 ff., bei Louis de Beaudicour, La France au Liban, Paris 1874, S. 254 ff. Vergl. auch 
das Röfvlement für den Libanon bei Maricns, Nouvcau Recueil General XVIIl, S. 227 ff., und 
Holland: The European Concert in thc Eastcrn (^)uesiion. Oxford 18S5, S. 21 2 ff; Protokoll 
vom 9. Juni 1861 ; Nouveau Recueil General XVII, 2, S. 92 tT, Holland, S. 2iotT; Protokoll 
vom 22. April 1873: Nouveau Recueil General 2me Serie III, S. 561 f. Holland, S. 2i8ff; 
Protokoll vom 8. Mai 1883 ebenda IX, S. 233; Firman für Wassa Pascha vom iS. Maii8S3 



Ji 



Kap. I. Verwaltung des Libanonbezirks. '> ^ 

I. Verwaltung. 

Der Gouverneur (Mute^arrif) des Libanon wird vom Sultan nach 
vorherigem Einverständnis mit den sechs Schutzmächten des Libanon, 
Deutschland, Oesterreich-Ungarn, England, Frankreich, Italien und Russ- 
land, auf mehrere Jahre ernannt. Er untersteht direkt der Pforte und 
hat, obgleich der Libanon -Bezirk nicht ein Wilajet, sondern nur ein 
Mute§arriflik ist, ipso jure den Rang eines Wezir und folglich den Titel 
eines Pascha. Seine Amtsdauer ist im Reglement nicht festgesetzt; sie wird 
bei jeder neuen Ernennung eines Gouverneurs von der Hohen Pforte im 
Einverständnis mit den vorgenannten sechs Grossmächten besonders 
fixiert. Der erste Gouverneur des Libanon, Däüd Pascha, ein katholischer 
Armenier (1861 — 1868), wurde zunächst auf drei Jahre und nach Ablauf 
dieses Zeitraumes auf weitere fünf Jahre ernannt. Seine Amtsdauer betrug 
aber im ganzen nur sieben Jahre, da er Anfang 1868 zum Minister 
der öffentlichen Arbeiten befördert wurde. Sein Nachfolger Franko 
Pascha (1868 — 1873), ein Melkite (griechischer Katholik) aus der Aleppiner 
FamiHe Küsa, wurde auf zehn Jahre ernannt, starb jedoch bereits am 
II. Februar 1873. Der dritte Gouverneur, Rustem Pascha (1873 bis 1883), 
blieb die bei seiner Ernennung vorgesehene Zeit im Amte. Rustem 
Pascha*) war ein geborener Italiener (Graf Mariani), seine Wiederwahl 
wurde durch französischen Einfluss verhindert. Der vierte, Wassa Pascha, 
ein Albanese, der sich htterarisch einen Namen gemacht hat, wurde eben- 
falls auf zehn Jahre ernannt, er starb im Jahre 1892. Sein Nachfolger, 
der gegenwärtige Statthalter Na"um Pascha, ein Schwiegersohn Franko 
Paschas, wie dieser ein Melkite und einer Aleppiner Familie entstammend, 
war früher Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte zu Konstantinopel; 
seine Amtsdauer war zunächst auf fünf Jahre bemessen und ist im Jahre 
1897 um weitere fünf Jahre verlängert worden. 

Der Gouverneur muss Christ sein; nähere Bestimmungen über seine 
Konfession enthält das Reglement nicht. Die bisherigen Mutesarrifs 
des Libanon waren sämtlich katholisch, und nach dem Herkommen und 
mit Rücksicht auf die Maroniten, welche die Mehrzahl der Bevölkerung 
des Libanon bilden, dürfte auch in Zukunft bei der Ernennung eines 
Gouverneurs nur ein Katholik als Kandidat in Betracht kommen. Das 



ebenda IX, S. 234. Eine vollständige Wiedergabe sämtlicher Aktenstücke, welche auf die 
Libaoonereignisse von 1860 Bezug haben, macht den jjrösseren Teil von Testa, Rccueil des 
Trtites de la Porte Ottomane avec les Fuissances Ktrangöres, VII (Paris, 1884) aus; das 
RöglemcDt vom Juni 1861 mit zahlreichen er/^änzenden diplomatischen Schriftstücken siehe 
dort S. 336 — 404, das Protokoll vom 6. Juni 1864 betreffend Abänderung des Reglement 
S. 405 ^• 

*) Vergl. oben S. 2. 

Prhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittel meer aum Persischen Golf. 3 



34 



Kap. L Der Gourernenr dei LibanoDbezirks. 



Gehalt des Gouverneurs beträgt 20000 Piaster = etwa 3700 Mk. 
monatlich, ausserdem bezieht er 4000 Piaster monatlich Repräsentations- 
gelder. Drei Monate vor Ablauf seiner Amtszeit müssen die Vertreter 
der Mächte benachrichtigt werden behufs Herbeiführung des erforderlichen 
Kioverständnisses über die Person des Amtsnachfolgers. Der Fall , dass 
eine Einigung rechtzeitig nicht erzielt werden kann, ist nicht vorgesehen, 
aber zweimal eingetreten; die Pforte beliess in dem einen Falle den bis- 
herigen Gouverneur, Rustem Pascha, provisorisch im Amt bis zur An- 
kunft Wassa Paschas; im anderen Falle, beim Tode Wassa Paschas 1892, 
übertrug sie die Verwaltung dem obersten Mej^lis (Vcrwaltungsrat), 




Batrün 


» 




öezzln 


» 




Metn 


» 




Schuf 


» 




Küra 


> 




Zalile 


» 





Kap. L Die Ka^as des Libanonbezirks. ^c 

Der Gouverneur hat die gesamte Exekutive, sorgt für Ordnung und 
Steuererhebung, ernennt kraft einer ihm beim Amtsantritt vom Sultan 
ein für allemal erteilten Ermächtigung die Beamten sowie die Richter, 
überwacht die Vollstreckung richterlicher Erkenntnisse und führt den 
Vorsitz in dem ihm zur Seite stehenden centralen Verwaltungsrat (Con- 
seil administratif, arabisch : Meg^lis idära). Diese permanent tagende 
Körperschaft hat die Befugnis der Steuerveranlagung und -Verteilung, 
sowie der Finanzkontrolle und der Begutachtung der ihr vorgelegten 
Fragen. Sie besteht aus zwölf Mitgliedern, welche von den Dorfschechs 
der sieben Kreise (Ka<Jä) des Libanon -Gebietes gewählt werden. Nur 
solche sind wählbar, welche in ihrem Wahlbezirke ansässig sind. 
Kacjä Kesrawän wählt i Maroniten und i Mutwäli, 

Maroniten, 
I Maroniten und i Drusen, 
» Metn » I Maroniten, i orthodoxen Griechen und i Drusen, 

» Schuf » I Drusen und i Muhammedaner, 

orthodoxen Griechen, 
» Zal.ile » I Melkiten (unierten Griechen). 

Der Verwaltungsrat besteht also aus vier Maroniten, drei Drusen, 
zwei orthodoxen Griechen, einem unierten Griechen, einem Muham- 
medaner und einem MutAväll. Alle zwei Jahre wird der Verwaltungsrat 
zu einem Drittel seiner Mitglieder erneuert; die ausscheidenden Personen 
können wiedergewählt werden. 

Das Reglement organiquc nahm ursprünglich, der bisherigen Scheidung 
des nördlichen und südlichen Libanon entsprechend, eine Einteilung des 
Mute§arrifliks in zwei Mudirijen in Aussicht; statt dessen ist, wie erwähnt, 
das Libanon-Gebiet in sieben Kadäs (Arrondissements) geteilt und an der 
Spitze jedes Kacjä steht ein vom Gouverneur ernannter Käimmakäm. 
Dieser muss demjenigen Ritus angehören, welcher in dem betreffenden 
Kacjä durch Kopfzahl und Besitzstand seiner Bekenner der vorherrschende 
ist. Nach diesem Grundsatze sind die Käimmakäme der Bezirke Kesrawän, 
Metn, Batrün und öezzln immer Maroniten, während der Käimmakäm des 
Bezirks Schuf immer ein Druse, derjenige des Bezirks Küra ein ortho- 
doxer Grieche ist. 

Die sieben Kacjäs zerfallen wieder in verschiedene Bezirke (cantons, 
arabisch Näbije), die von einem Mudir verwaltet werden. Die Mudire 
werden ebenfalls vom Gouverneur ernannt, und zwar auf Vorschlag der 
Käimmakäme. An der Spitze jedes Dorfes steht ein von der Gemeinde 
gewählter und vom Gouverneur bestätigter Schech. Alle Bewohner sind 
vor dem Gesetz gleich; feudale Vorrechte sind abgeschafft. 

Von der administrativen Einteilung des Libanon nach Kadäs und 
Näbijes giebt eine von ^Abdallah Töhmeh im Jahre 1897 gezeichnete 



^5 Kap. L Kt^Ss nnd Nähijen des Libanonbezirks. 

t Carte de la Syrie Centralec in i : loo.ooo folgendes Bild, welches hier 

geographisch, von Norden nach Süden fortschreitend, geordnet ist*): 

Sitz des Mute§arrifs: Bet id Din (Sommer) und Ba'abdä (Winter). 

I. Kadä il Küra, Hauptort Amjün*). 

1. Näbije il Küra üch Schemällje oder ü Küra it Ta tä, Hauptort Kefr 

KähiP). 

2. Näbije il Küra il Wustö^ Hauptort fehlt*). 

3. Näbije il Küra% Hauptort Anijün. 

4. Nähije il KutcHa^ Hauptort fehlt*). 

II. Kadä il Batrün, Hauptort il Batrün. 

1. Näbije iz Züwijcy Hauptort Kefr Jäschit^). 

2. Näbije Ehden, Hauptort Ehden. 

3. Näbije Bscherre, Hauptort Bscherre. 

4. Näbije Hasrüiiy Hauptort Ha«jrün. 

5. Näbije Kanät, Hauptort Kanät. 

6. Näbije Tannür'm^)^ Hauptort Tannürin it Tabtä*). 

7. Näbije il liatn'm^^), Hauptort il Batrün. 

8. Näbije Hermel, Hauptort Hermel. 

IIL Kadä Kesrawän, Hauptort Razir (Sommer) und 6ünije (Winter)**). 

1. Näbije GebeU^), Hauptort Gebel. 

2. Näbije Gebel il 'Uija, Hauptort fehlt *^), 

3. Näbije il Munetira, Hauptort fehlt"). 



') Ausser der Töhmehschen Karte ist in der Dachstehenden Uebersicht noch folgendes 
ältere Material berücksichtigt: i. eine auf Befehl Küstern Paschas um 1S80 aus den Kataster- 
büchem der Regierunc:- ausg:ezo^ene Ortsliste ^Manuskript, im Folgenden durch Rüstern be- 
zeichnet), sie g^ebt die Hanptorte der Bezirke nicht an; 2. eine Uebersicht über die Ver- 
waltungs^ebiete, au^esteUt von Herrn G. I). Sursock um 1S90 (Manuskript, im Folgenden 
durch Sursock bezeichnet; beide Arbeiten befinden sich im Besitze Professur Hartmanns^; 
3. eine von nnserm Generalkonsul Dr. Schröder in Berät im Jahre 1894 mir mitgeteilte 
Uebersicht (im Folgenden durch Schröder bezeichnet). Die wesentlichen Abweichung^en 
dieser drei Quellen von den Töhmehschen Angaben sind in den Fussnoten vermerkt. 

*) Sursock: »Kfär Hanr, vordem Amjünc. 

*) Sursock und Schröder: >Bkeftin«. 

*'^. Sursock: >Küsbäc; Schröder: xKesbäc. 

^) Rustem: »Näbije AinjuMt; fehlt bei Sursock und Schrgder. 

*) Sursock: »Hämät«; Schröder: »Keflün«. 

^, Sursock: >Risch'ain« ; Schröder: »'Argis«. 

*^ Rustem: »Näbije i7 Batrun il ''U/jä«i. 

'; Sursock und Schröder: »Tannürin«. 
^") fehlt bei Sursock und Schröder. 
^'^ Schröder: »Razirc. 

« 

^•; Rustem: »6V6e/ is Su/fä€, 

*•) Sursock: »Ehmegc; Schröder: >*AVüra«. 

^^^ Sursock: vLäsäc; Schröder: »Munetira«. 



Kap. I. Ka4äs und Näbijen des Libanonbezirk. yj 

4. Näbije ü Fetvh, Hauptort il Kattin'). 

5. Näbije Razir^), Hauptort Razir. 

6. Näbije Günije\ Hauptort öünije. 

7. Näbije iz Zvk% Hauptort Zül^ Michäjil^). 

8. Näbije Rus ä, Hauptort Rustä. 

9. Näbije Gurd Kesrawän^), Hauptort Bka'tütä (Sommer) und Reifün 
(Winter) ^. 

IG. Me'mürije Schemtistür^), Hauptort Schemustär. 

IV. Ka<Jä il Metn, Hauptort Bbannes*). 

1. Näbije il Koti% Hauptort Bekfeijä und Bet Schebäb*"). 

2. Näbije isch Schweir, Hauptort isch Schweir. 

3. Näbije Biskintä, Hauptort Biskintä. 

4. Näbije ü Afetn^^), Hauptort Bbannes. 

5. Näbije il Metn il A*lä, Hauptort isch Schbänije^*). 

6. Näbije is Sahil, Hauptort il Hadet*^). 

V. Kacjä Zable, Stadtkreis. 
VI. Kä(Jä isch Schuf, Hauptort Ba'aklin (Sommer)^*) 

und *Ain 'Anüb (Winter) ^'^). 

1. Näbije il Rarö il Aksä^ Hauptort isch Schwefät. 

2. Näbije il Rarb isch Schemäli^^), Hauptort Kumätlje^^). 

3. Näbije il Rarb il ^'/r^»«), Hauptort 'Aleih und *Aität^^). 

4. Näbije il Gurd il yenvbl^^), Hauptort *Ain Träz^^). 

*) Sursock: »Kfür«; Schröder: >Taberga«. 

*) fehlt bei Sursock und Schröder. 

') fehlt bei Rüstern, doch ist sie vielleicht identisch mit seiner »Näbije Sarita«, welche 
in allen anderen Quellen fehlt. 

*) fehlt bei Schröder. 

^) Sursock: »Zü|^«. 

^) Rüstern: >i/ (juruJfi., 

'"; Sursock: >B^a'tütä« ; Schröder: »Kefr Oibjän«. 

*) Dieser eine besondere Stellunp^ einnehmende Verwaltunj;sbezirk fehlt in allen Lin- 
deren Quellen. 

') Sursock und Schröder: »Brummänä (Sommer) und ^Judede ^^Winter)«. 
'°) Sursock und Schröder: »Bekfeijä«. 

^') Rustem: »Nä^jije iV Metn isch <SV//e///r///« ; fehlt bei Sursock und Schröder. 
^') Schröder: »Ras il Metn«. 
*') Sursock: »Sibneih« ; Schröder: »Ba'abda«. 
**) bei Töhmeh findet sich eine besondere K:i<iaba Ba'klin. 
**) Schröder: »Ba'aklin«. 

'*) Rustem: »Nät^ije il Rarb il A'iä yihat in Xasara«, d. h. christliche Seite. 
*^) Sursock und Schröder: »Sül^ il Rarb«. 

*^) Rustem: »Nät^ije tV Rarb il A^lä yihat id Dräza., d. h. drusische Seite. 
^^) Sursock und Schröder: »'Aleih'<. 
*®) Rustem: »Näbije burd in Na*ära^. 
") Sursock und Schröder: »Bbamdün«. 



3 8 Kttp. I. GerichtsverfassQog des Libanonbezirkes. 

5. Näbije il Gurd iach SchemälV), Hauptort Btätir. 

6. Näbije ü ^Arküb iach Schemol't, Hauptort Mendel Ma'üsch*). 

7. Näbije il 'Arküb il AUa% Hauptort *Ain Zabalte. 

8. Näbije il ^Arküb il yenühlj Hauptort Brib*). 

9. Nähije isch Schahäry Hauptort 'Abeih. 
IG. Näbije il Manäaify Hauptort Kefr Him*^). 

11. Näbije Akllm il Charrüb% Hauptort Barg^ä'). 

12. Näbije isch Schuf i'n% Hauptort il Muchtära. 

VII. Kacjä dezzin, Hauptort (lezzin, 

1. Näbije Akllm it Tupäh, Hauptort is Sälibije. 

2. Näbije Gezzln^), Hauptort dezzin. 

3. Näbije öeM ir R'ihfin, Hauptort ir Ribän*®). 

Einen besondern, zu keinem der sieben vorhergenannten Kacjäs ge- 
hörigen Distrikt bildet die KasabeZ>ö' il Kaviar ^^)y die, obgleich eine Enklave 
im Kacjä isch Schuf, direkt vom Gouverneur des Libanon ressortiert. '*) 

II. Gerichtsverfassung. 

Artikel 6 des Reglement sah drei Gerichte erster Instanz vor, 
eine Zahl, die sich bei der Zunahme der Bevölkerung als unzureichend 
erwiesen hat. Es giebt jetzt acht Gerichte erster Instanz im Libanon- 
Gebiet, bestehend aus je drei Mitgliedern, je eines in jedem Kacjä und 
ein achtes in Der il Kamar. 

Rustem Pascha veranlasste, dass das am Sitze der Regierung be- 
findliche Obergericht (Me^lis judiciaire supcrieur), welches nach dem 
Reglement nur aus einer mit sechs Richtern und einem Präsidenten be- 
setzten Kammer bestand, in zwei Kammern, eine für Civilsachen (däiret 
il b"kük) und eine für Strafsachen (däiret 11 g<^za), geteilt wurde. 



*' Rustem: x Näbije (Jurd id urüi<^. 

'*) Surstick: »Schwit'.. ; Schrütler: »'Ain Dara o<ler Mendel Ma'üsch«. 

' Rustem: ^» Näbije il 'Arkuh il I'u^'n/it . 

*; Sursock un<l Schröder: •>il Bärük»«. 

*' Sursock: .'Kefr Fätür«, fehlt bei Schröder. 

**; Rustem: v Näbije AkRin il Charnuh.. 

^], Sursock und Schröder: yMezbüd«; Schröder bemerkt, dass der Mudir dieser 
Näbije aus den Muhamme<1anem (gewählt >%ird. 

"" Rustem zerlegt diese Näbije in zwei: i. Näbije isch Scli'ut il Ih-Itu 2. Näbije 
isch Srhaf M Suireiyairt:.. 

*^ Rustem: ^Näbije Akfim GVjci/i ■ ; fehlt bei Sursock und Schröder. 
^^" Sursock: vZnrrin«; Schröder: - 'Aramti^. 

^^^ Schröder; »Mudiriie Der il Kamar ^.. Mudinje ist uleich Nabüe. 
'•'. In letzter Zeit macht sich unter den Maroniten. die ihren Kintlu^s den Drusen 
j^ejfenüber immer mehr zu festiiren suchen, eine llewejfunj; geltend, cin/.elne fa^t tranz 
maronitische Bezirke des Schuf, die jetzt zu dem drusischen Ka<jä j;jehören. von diesem 
abzutrennen. 



Kap. L Finanzen und Militär des JLibanonbezirkes. 9q 

Jede dieser beiden Kammern hat jetzt einen Vorsitzenden und 
sechs Richter, welche vom Gouverneur in der Weise ernannt werden, 
dass möglichst alle Religionsgesellschaften in dem Gerichte vertreten 
sind. Das Obergericht ist zugleich Berufungsgericht (dlwän isti'näf 

(^UaLjV^ j\y^) gegenüber den Erkenntnissen erster Instanz; auch ist 

es allein zur Aburteilung von Verbrechen zuständig. Gegen die Urteile 
des Obergerichtes ist Rekurs an den Kassationshof in Konstantinopel zu- 
lässig. In Civilstreitsachen unter 200 Piaster zwischen Angehörigen des- 
selben Ritus fungieren die Schechs als Friedensrichter. In Strafsachen 
sind letztere für Uebertretungen kompetent und gleichzeitig die Richter 
der ersten Instanz für Vergehen. Die Einrichtung der Offizialverteidiger ist 
als unzweckmässig stillschweigend abgeschafft. Die Sitzungen sind öffentlich. 
In Handelssachen ist das türkische Handelsgericht (mebkemet it 
tigära) zu Berüt auch für den Libanon zuständig. Die Kompetenz 
dieses Handelsgerichtes erstreckt sich auch auf alle Civilstreitigkeiten 
zwischen Libanesen und fremdländischen Unterthanen (Artikel 9), sofern 
sie sich nicht durch Schiedsspruch begleichen lassen. 

IIL Finanzen. 

Die Steuern des Libanon sollen nach dem Reglement (Artikel 15) 
3500 Börsen ä 500 Piaster, das sind 17 500 türkische Pfund, nicht über- 
steigen. 

Die Regierung hat bisher von der ihr durch Artikel 15 erteilten 
Befugnis, den Steuerbetrag zu verdoppeln, keinen Gebrauch gemacht. 
Das muss umsomehr auffallen, als der Wohlstand der Provinz sich sehr 
vermehrt hat. Die maronitische Geistlichkeit aber, welcher fast die Hälfte 
des gesamten Grundbesitzes im Libanon gehört, hat unter dem Schutze 
Frankreichs bisher jeden Versuch einer Erhöhung der Steuern zu ver- 
eiteln gewusst. 

IV. Militär. 

Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung dient eine Miliz- 
truppe, welche sich im Lande selbst rekrutiert, von einem christlichen 
Oberst befehligt wird und zur Zeit aus zwei Bataillonen und einer 
kleinen Abteilung Reiter besteht. Die Mannschaften sind meist Maro- 
niten*) und Drusen. Ausserdem garnisoniert am Sitze des Gouverneurs 



^) In der übriß^en Türkei werden die Christen nicht zum Militärdienst herancfezoi^en. 
Die Kavallerieabteilung, welche in Aleppo, Damaskus und Berüt unter polnischen und 
UDgarischen Emigranten hauptsächlich aus syrisch -libanesischen Christen um die Mitte 
dieses Jahrhunderts gebildet wurde und bis vor einiß^en Jahren bestanden hat, e?dstiert 
nicht mehr. Ich fand im Jahre 1897 den als Knabe nach der Türkei q-ekommenen Sohn 
«ines jener Emigranten, einen Ungarn Namens Schaikowits, als Kommandanten der türkischen 
Dragonerabteilung in Bteddin. 



AO Kap. L Libanon-Militär, 

eine Abteilung türkischer Kavallerie, welche zu dem in Berüt liegenden 
Dragoner -Regiment gehört Das Libanon- Militär ist noch nach alt- 
türkischer Art mit Pumphosen und Zuavenjacken uniformiert, und zwar 
trägt die Infanterie dunkelblaue und rot paspoilierte, die Kavallerie rote 




und blau paspoilierte Jacken. Der Eintritt in die Truppe erfolgt frei- 
willig; die Libanesen dürfen ausserhalb der Libanon-Provinz nicht zum 
Waffendienst herangezogen werden, dagegen kann der Gouverneur im 
Bedarfsfälle auch andere türkische Truppen in Syrien requirieren. Zu- 



Kap. I. Mein Aufenthalt in Berut 1S93. 4I 

nächst waren etwa sieben Mann pro Tausend der Bevölkerung des 
Libanon -Gebietes als Polizeitruppe vorgesehen. Die jetzige Stärke der- 
selben beträgt aber nicht mehr als etwa 1000 Mann. Diese niedrige, 
indess für den Sicherheitsdienst im Libanon -Bezirke vollständig aus- 
reichende Ziffer erklärt sich hauptsächlich aus dem Wunsche der Re- 
gierung, den Bevölkerungszahlen des Libanon*) entsprechend nicht mehr 
Drusen als Christen in die Truppe aufzunehmen. Trotz der starken Aus- 
wanderung der Drusen nach dem Haurän melden sich nämlich nicht 
nur relativ mehr Drusen zum Waffendienst, sondern die Zahl der 
drusischen Anwärter soll auch absolut die der christlichen vielfach über- 
wiegen. Hierbei spielen allerdings die oben erwähnten Wanderungen 
der libanesischen Christen gleichfalls eine Rolle. 

Dem Militär der türkischen Armee ist im allgemeinen das Betreten 
des Libanon -Gebietes nicht gestattet, doch ist der Durchzug auf der 
Berüt mit Damaskus verbindenden Chaussee und Eisenbahn vorgesehen. 

Auf der Reise, welche den Gegenstand der folgenden Blätter bildet, 
landete ich im Frühjahr 1893 in Berät. 

Mein Aufenthalt dortselbst verlief sehr angenehm. In dem gast- 
lichen Hause unseres Generalkonsuls Dr. Schröder verlebte ich genuss- 
reiche und anregende Stunden. Hier traf ich auch die arabische Zan- 
zibar-Prinzessin aus dem Hause der Bargasch und Witwe des Ham- 
burgischen Kaufmanns Rüte^ mit ihren Töchtern, welche sich vor 
einigen Jahren in Berüt niedergelassen hatte. Meine Rcisepläne fanden 
in Dr. Schröder einen ausserordentlich freundlichen Förderer. Für 
meine Expedition sollte ausserdem eine Bekanntschaft von grosser 
Bedeutung werden, welche ich in den Salons des Gouverneurs des 
Libanon, Na**üm Pascha, machte. Ich lernte dort einen drusischen 
sogenannten Prinzen, den Emir Muhammed, Sohn des bereits erwähnten 
Emir Mu§tafä Arslän, kennen, einen jungen Mann von den an- 
genehmsten europäischen Manieren, der ä la turca mit der überrock- 
ähnlichen Stambulina und mit dem Fez gekleidet ging und ausgezeichnet 
französisch sprach, bei einem Drusen Zeichen eines überraschenden Fort- 
schrittes. Der Emir führte mich in das Haus seines Vaters, der mir 

eine Empfehlung an die mächtige Drusenfamilie Atrasch ^^^ im 

Haurän gab, welche mir auf dem ersten Teile meiner ICxpedition von 
höchstem Nutzen war. 



') Von ca. 400000 Einwohnern fies Libanon-Gebietes boll'-ri etwa ;^2ocx^) clirihtli« li 
und etwa 50000 drusisch sein. Nach einzelnen drusischen Ouelbrn wiir«le hj<;h «lic Ietzt«T<: 
Ziffer auf etwa 80000 erhöhen. (Vcrgl. indess auch Kap. IV di«».:^ Wi-rkrh S. 1 J4.; 

^ L'ebcr ihre interessante Lcbensjreschichle veri;!. Mcrnoiren einer arabinchrn 
Prinzessin, Berlin 1886. 



Kap. L Mit der UiliccDCe 



Im Jahre 1893 wurde der Personenverkehr zwischen Berüt und 
Damaskus noch durch grosse Postkutschen (DiHgencen) unterhalten, 
welche die Fahrt auf der 116 km langen Chaussee in zwölf Stunden aus- 
führten. Die Chausee ist im Jahre 1S57 konzessioniert und 1861 von 
der bereits erwähnten Compagnie de la chaussee de Beyrouth ä Damaa 
fertig gestellt worden. Um die Chausseegebühren zu ersparen, wurde 
jedoch vielfach von den Eingeborenen der der Chaussee zum Teil parallel 
laufende alte Saumpfad benutzt. Täglich verkehrten je zwei DiHgencen 
ab Benit bezw. Damaskus, und zwar um 5 Uhr früh und um 6 Uhr 




abends. Die Wagen waren in derselben Art eingerichtet wie heute noch 
die Postfuhrwerke in Algerien und Süd-Frankreich. Der Platz hoch oben 
auf dem Verdeck über dem Kutscher galt als der beste. Das Gefährt 
wurde von drei Maultieren und drei Pferden gezogen. Die N'achtwag^n 
waren kleiner und vierspännig. Um die Tiere zu schonen, wurde ein 
\'erhältnis massig langsames Tempo gefahren. 

Ich benutzte die Tagcsdiligencc bis Schtorä, wo ich die Chaussee 
verliess, um einen Abstecher nach Ba'albek und seinem wunderbaren 
Sonnentempel zu machen. Die Fahrt dorthin erfolgte auf einer von 
der türkischen Regierung angelegten Strasse in einem kleinen, zwei- 
spännigen Wagen. Die Strasse, mit geringeren ^[itteln als die fran- 



Kap. I. Syrischer Weinbau. ^x 

zösische Chaussee hergestellt, war dementsprechend auch in einem 
schlechteren Zustande. 

Bei meiner Ausfahrt aus Schtörä erstreckten sich zur Linken an 
den Abhängen des Libanon stundenlang Weinfelder, die sich zum Teil 
im Besitze von Franzosen befinden. Einer der grössten Weinbauer ist 
hier auch die Jesuiten - Mission , welche unweit Schtörä die bedeutende 
Zweigniederlassung Ksärä unterhält. Der sogenannte Schtörä -Wein, be- 
sonders der rote, hat einen vorzüglichen Geschmack. Er ähnelt dem 
algerischen Wein, hält also ungefähr die Mitte zwischen einem ein- 
fachen Bordeaux und einem leichten Burgunder. Der Preis beträgt 
pro Liter etwa 7« Franc, im Gebirge zahlt man jedoch kaum mehr als 
25 Centimes; der Selbstkostenpreis dürfte sich auf etwa 15 Centimes 
stellen. Der syrische Wein wird bereits vielfach auf europäische Art ge- 
keltert. Während meiner Expedition habe ich einige Flaschen desselben 
mitgeführt, die monatelang trotz der grössten Hitze und des beständigen 
Schütteins bis zum Schluss sich ausgezeichnet gehalten haben. Der 
Weinbau wird jetzt in Syrien in grossem Massstabe betrieben und hat 
jedenfalls eine Zukunft, zumal wenn der Transport billiger und die 
europäische Behandlungsweise allgemein in Aufnahme gekommen sein 
wird. Bereits jetzt sind die syrischen Weine exportfähig; eine beachtens- 
werte Ausfuhr geht nach den Nachbarländern, namentlich nach Egypten. 
Die französischen Weinfelder reichen von Schtörä bis nach il Mu*allaka 

Amm1\ und Zable. 

Nachdem wir il Mu^allaka verlassen, zog sich unser Weg noch etwa 
15 Kilometer lang am Fusse des Libanon hin, um dann bei einem 
einsamen Chan in die Bi^ä* hinabzusteigen. Der in der Nähe von 
Ba*albek entspringende Nähr il Litäni, der auf einer kleinen Steinbrücke 
überschritten wurde, war um diese Jahreszeit vollständig ausgetrocknet. 

Von weitem schon kündigte sich Ba*albek durch üppige Vege- 
tation, hohe Baumgruppen und vor allem durch die sechs ragenden 
Riesensäulen des Sonnentempels an. Eine viertel Stunde, bevor wir die 
Stadt erreichten, passierten wir unweit des Weges ein eigentümliches 
Bauwerk: acht niedrige Granitsäulcn, von Architraven überdeckt. Ueber 
diesen hatte sich früher eine Kuppel gewölbt, die aber wohl infolge 
von Erdbeben eingestürzt ist. Die Erinnerung an die alte Bauform hat 
sich noch in dem heutigen Namen Kubbet Düris (d. h. Kuppel Düris) 
erhalten. Höchstwahrscheinlich war das Gebäude ein aus antikem Material 
erbautes arabisches Grabmal. 

In Ba'albek fand ich in einem von einem Griechen gehaltenen 
Gasthofe recht gute Unterkunft. Trotz der vorgerückten Jahreszeit waren 



^ Kap. L Bi'dbck. 

noch einige englische Damen dort in Pension, und ausserhalb der Stadt 
war ein grösseres Cook'sches Reiselager mit dem übhchen Diener- und 
Dotmetschertross aufgeschlagen. 

Ba'albek'), bis zum Jahre l86o ein unbedeutender, hauptsächlich 
von Muhammedanern bewohnter Ort, ist heute ein Städtchen von etwa 
1500 meist christlichen Einwohnern und der Sitz eines türkischen, 
zum Wilajet Damaskus gehörenden Käimmakäm. Hier wohnen auch 
vereinzelte Metäwile, welche unweit von Ba'albek, am Ostabhange des 
Libanon, sowie in der Bikä' und im Antilibanon einige Dörfer besitzen. 




Das Klima von Ba'albek ist sehr angenehm, die Luft trotz 
des Wasserreichtums infolge der Höhenlage trocken. .Ms Sommer- 
aufenthalt ist der Ort wegen des Aufblühens der libanesischen Sommer- 
frischen, wie Zahle und '.VIeih, etwas zurückgegangen. Die Haupt- 
anziehungskraft für die Fremden bilden aber die altehrwürdigen, riesigen 
Tempeiruinen. L'm zu diesen zu gelangen, steigt man durch ein langes, 

') Verßl. Ritter i.:uO. XVIl, S. 212 ff-, 229 (T. und die daselbst verieichnete allere 
Litteratur. Iin Jahre 1S90 pabliderte Michel M. Alouf. ein christlicher Eingeburener von 
Ba-ulbek, in beriit eine Broschüre, belilell: Ilisloire de Bn'iilbelc. Uie Schrift ist verdeutscht 
von Ollilie v. Kubritiky (IVa^ 1896 . Vcri;!. hieriu dii- wcni){ schmeichelhafte Kritik in 
der Revue ArcheoloRique, Psris 1898 ;juillet-Aoüt), S. ijo. 



Kap. L Die Ruinen von Ba'albek. ^j 

mächtiges Kellergewölbe auf; von den Besuchern wird ein Megidi Ein- 
trittsgeld erhoben. Der Ruinenkomplex besteht in der Hauptsache aus 
einem grossen und einem kleineren Tempel und macht sowohl durch 
die Massenhaftigkeit des Materials, als durch die Grossartigkeit der Aus- 
führung einen imponierenden Eindruck, der durch die reizvolle Umgebung 
noch gehoben wird. Am besten erhalten ist der kleinere, sogenannte 
Jupitertempel, von dem die Umfassungsmauern und Teile des Portikus, 
sowie der Decke noch unversehrt vorhanden sind. Bedauerlicherweise 
ist das Innere durch zahlreiche Inschriften von Touristen aller Nationen 
verunstaltet. Die Grundmauern weisen in ihrem unteren Teile eine 
von der übrigen Bauart vollständig fremde Struktur auf. Auf Unter- 
steinen liegen Quadern von so gewaltigen Dimensionen (fast 20 m lang 
und 4 m hoch und stark), wie wir sie kaum in Egypten oder sonstwo 
auf der Erde vorfinden dürften. Ueber diese Riesenbausteine, welche 
dem Jupitertempel zu römischer Zeit auch den Namen »Trilithon« gegeben 
haben, sind die behauenen kleineren Quadern des übrigen Baues ge- 
schichtet^). Der grössere, weniger gut erhaltene Tempel hat nach Osten 
zu zwei riesige offene Vorhöfe. Die Umfassungsmauern des grösseren, 
inneren Vorhofes stehen noch, sie enthalten schön verzierte Nischen. 
Zu den Resten dieses Tempels gehören die weithin sichtbaren sechs 
Säulen, welche eine Höhe von 19 Metern und einen Durchmesser von 
2 Metern haben. Die griechisch-römischen Skulpturen der Ruinen lassen 
zum Teil Beeinflussungen durch orientalische Ornamentik erkennen; 
Formen wie Verzierungen sind ausserordentlich prunkvoll, ohne jedoch 
überladen zu erscheinen ^. Planmässige Ausgrabungen würden in Ba'al- 
bek gewiss wertvolle Erfolge haben. Lange vor der römischen Zeit war 
hier bereits ein Kultuscentrum ersten Ranges. 

Schon der Name Ba'albek^) deutet auf vorrömische Zeit und aul 
den alten Sonnenkultus hin, der griechische Name des Ortes war Helio- 
polis. Ba*albek war indess nicht nur ein uralter Tempel für den Sonnen- 
gott Ba'al, sondern gleichzeitig auch eine gewaltige Akropolis, auf deren 
Unterbau die Tempel entstanden sind, deren Reste wir heute noch bewundern. 



^) Südlich von Ba'albek lieget in einem Steinbruch ein den Riesencjuadern des Jupiter- 
tempels ähnlicher Monolith, der niemals zur Verwendung gekommen ist und wohl ewig an 
seinem heutigen Platz liegen bleiben wird, soll er doch ein Gewicht von etwa 30 000 Centner 
haben. 

*) Vergl. Wood, The ruins of Baalbec, otherwise Ileliopolis in Coelesyria, I^ondon 1777; 
ferner Lortet, La Syrie d'aujourd'hui, S. 612 ff. Eine fachmännische Beschreibung der 
beiden Tempel findet sich in dem Prachtwerke von Krauberger, Die Akropolis von Ba^ilbek, 
P'rankfurt 1892. 

') Ba*albek bedeutet wörtlich »Sonnengott des Thaies«, nämlich der heutigen Bil^ä*, 
des alten Cölesyriens. Reichardt (Wiener Zeitschrift für Numismatik II 13) hat auf einer 
alten Münze »Scheroesch« (Sonne) als Namen für Ba^albek konstatiert. In Hieroglyphen- 



a6 Kap. I. Geschichte von Ba^albek. 

Der kleinere Tempel ist von Antoninus Pius errichtet worden. Wem 
der grössere zugeschrieben werden muss, ist noch nicht festgestellt. 
Er war vielleicht als Pantheon gedacht und ist wahrscheinlich nie 
vollendet worden. Ba^albek war eine der Hauptstätten des altsyrischen 
Aphrodite-Kultus, und als das Christentum seinen Einzug in Syrien hielt, 
blieb der Ort noch lange Zeit hindurch der Mittelpunkt der heidnischen 
Ideen in weitem Umkreise. Kaiser Konstantin war bemüht, die mit 
dem Aphrodite-Kultus verbundenen Orgien auszurotten und wandelte den 
kleineren der beiden Tempel in eine Basilika um. Aber das Heidentum war in 
Syrien noch nicht erstickt, und zur Zeit des Julianus Apostata blühte es gerade 
in Ba'albek, das längst ein christlicher Bischofssitz geworden war, wieder auf. 
Um die Erinnerung an den heidnischen Kultus vollständig zu vernichten, 
versuchte Theodosius, allerdings vergeblich, die Tempel zu zerstören. 

In der muhammedanischen Zeit wurden die Bauten von den Arabern 
in eine Festung umgewandelt. Es wurden zu diesem Zwecke namentlich 
im Südwesten grosse Umfassungsmauern und östlich des Jupitertempels 
eine noch heute erhaltene Bastion aufgeführt. In den kriegerischen 
Zeiten der Folge haben die Ruinen zweifellos viel gelitten. V'or allem 
aber haben die häufigen Umbauten ihre Gestalt mehr und mehr verändert, 
und die zahlreichen Erdbeben, welche Syrien heimsuchten, haben an dem 
Zerstörungswerke mitgearbeitet*^. Die Kämpfe der Kreuzfahrer wüteten auch 
um Ba*albek. Im Jahre 1260 verwüsteten die Mongolen unter Hulagu Chan 
den Ort Dagegen scheint Timur Lenk Ba'albek geschont zu haben. 

Die Stadt wird regelmässig von den Autoren des arabischen Mittel- 
alters genannt, so von Istachri, Ibn Haukai, Idrisl, *Azizi, Abulfedä. 
Ba'albek wurde der Sitz von Emiren aus dem Hause der zur Sekte der 
Metäwile sich bekennenden Harfiisch, die im Vasallen Verhältnisse zur 
Pforte standen und von denen zur Zeit des Libanonfiirsten Fachr id Din 
Müsä ibn Harfüsch eine gewisse Rolle in Syrien gespielt hat^). Noch 
im Anfang dieses Jahrhunderts war Ba*albek der Sitz der Harfüsch, 
unter deren Schutz die Reisenden die Tempelruinen besuchen konnten. 
Die Besetzung Syriens durch die Egypter in den dreissiger Jahren schuf 
auch für Ba^albek neue Verhältnisse. Aus dieser Zeit stammt die grosse 



und Keilschiifttexten findet sich ein ähnlich lautender Xame nicht. Winckler, MitteilvngCD 
der Vorderasiaüschcn Gesellschaft, 1S96, S. 206 7, vermutet, der alte Name sei Danib 
(Tunip^^^t das in den ägyptischen Inschriften und in den Tel-Amamabriefen häufig: f^enanat 
wird und bisher irrig mit Tinnib bei Tel Erfad identificiert wurde. (Vergl. auch die Angaben 
bei Ritter a. a. O. S. 229 — 233 ) Im Berliner Museum befindet sich ein in Ba*albek gefundener, 
roh gearbeiteter Kopf aus gelbem Kalkstein, welcher den Sonnengott darstellt und jedenfalls 
aus der yorrömiscben Zeit stammt. 

^} Vergl. Diener, Libanon, Wien 1886, S. 255 ff. 

*) ^'^crgl. Wüsteufeld, Kachr ed - dm der Drusenfürst und seine Zeitgenossen, 
Göttingen 18S6, S. 104. 



Kap. I. Im Hanse des Ila.bib Pascha Matrön. ^7 

befestigte Kaserne, in welcher heute die Zaptije der türkischen Gendarmerie 
garnisonieren. Gegenwärtig ist 13a'albek der Sitz des Stabes des 66. Redif- 
Regimentes, das zur 17. Kedif-Division (Damaskus) gehört. 

Leider konnte ich die herrlichen Ruinen nur ein einziges Mai 
aufsuchen. Den Abend des Tages, den ich dem Besuch gewidmet 
hatte, verbrachte ich sehr angenehm im Hause des Habib Pascha 
Muträn, eines sehr vermögenden syrischen Christen, der beim Sultan in 
grosser Gunst steht und einer der wenigen Christen ist, die, ohne 
Beamte zu sein, den Paschatitel erhalten haben. Habib Pascha Muträn 
war der erste Konzessionär der Bahnlinie Damaskus — Biregik und der 
Hafenanlagen in Berüt sowie anderer grösserer Unternehmungen in 
Syrien, es wurde gerade während meiner Anwesenheit in dem Muträn- 




Blld des Helios au's lta'alb.:k ;iierlintr .Museum;. 

sehen Hause anlässlich der Erteilung der Konzession für die erwähnte 
Bahn ein glänzendes Fest gefeiert, an welchem die ganze Einwohner- 
schaft von Ua'albek teilnahm. 

Die Rückfahrt nach Schtörä wurde am anderen Morgen angetreten. 
In Schtörä fand ich die Tagesdiligcnce von Bcriit, mit der die unter- 
brochene Fahrt nach Damaskus fortgesetzt wurde. 

Zunächst geht die Chaussee von Schtörä ostwärts in schräger Linie 
durch die Bikä' und ersteigt dann in einer wilden und öden Schlucht 
den westlichen Abhang des Anlilibanon. Die von der Chaussee durch- 
zogene Strecke weist kaum irgendwelche Vegetation auf. Hoch oben 
auf dem Plateau steht ein einsames Stitionsgebäudc, daneben ein 
Chan. Nachdem der Kamm des Gebirges überschritten ist, führt die 
Strasse in zahllosen Windungen, den Spuren von Winterbächen folgend, 
endlich in das Thal des Bäradä hinab. Der plötzliche Uebergang aus 
den weissgrauen Felsen in das grüne Thal ist ausserordentlich wirkungs- 
voll. Zu beiden Seiten des Baches, aber nur gerade so weit wie 



j^g Kap. I. Ankunft in Damaskus. 

die befruchtende Kraft des Wassers reicht, überraschen schatten- 
spendende Bäume und üppiges Grün, fast unvermittelt beginnen darüber 
hinaus wieder die öden Felsen. 

Wenige Minuten, nachdem wir die Vegetationszone betreten, ge- 
langten wir nach Häme, der letzten Poststation vor Damaskus. Dann 
schlängelte sich die Strasse, den Windungen des Baches folgend, hart 
an den Abhängen der Felsen entlang nach dem Dörfchen Dummar 

y^^, dessen mit breiten Altanen und luftigen Kiosken versehene Kaffee- 
häuser, am plätschernden Bache gelegen, einen beliebten Ausflugs- 
ort der Damascener bilden. Bald darauf öffnete sich das Thal, die 
Felsen traten nach beiden Seiten zurück und die Strasse führte an 
schönen Villen und Gärten vorbei auf Damaskus zu. 



"^ 



II. KAPITEL. 



Damaskus und Aufbruch zur Reise. 

Die T.ajje der Stadt. — Geschichte von Damaskus. — Alte Baudenkmäler. — Die Häuser 
und ihr Inneres. — Europäischer Einfluss. — Bazare und Chans. — Damaskus als Sammel- 
punkt der Pilgerkarawanen. — Gewerbfleiss. — Handel. — Die Gärten. — Einwohnerzahl. — 
Christen und Muhammedaner. — Europäische Kolonie. — Kleidung und Strassenlebcn. — 
Der wilde Hund. — Erholungsstätten. — Genussmittel im Orient. — Schech Scijid il 
Giläni. — Brüderschaften in der arabischen Türkei. — Verwaltung und Garnison. — 
Die Umjjebung. — Organisation meiner Karawane. — Mein Personal. — Die Wasserfrage. 
— Sonstige Ausrüstungsgegenstände. — Der Aufbruch. — Mit der Eisenbahn nach Schech 

Miskin. — Ungünstige Nachrichten. — Ankunft im Zeltlager. 



Damaskus kann heute eine Touristenstadt ^) par excellence genannt 
werden. Immerhin trägt sie einen stärker ausgeprägten orientalischen 
Charakter als Bcri'it, jedoch nicht entfernt in dem Masse, wie andere ent- 
legenere muhammedanische Grossstädte, so z. B. Bardäd und Fes. Die 
nächste Umgegend der zwischen der Wüste und dem Antilibanon ein- 
gezwängten Stadt, der »Paradiesesgarten«, die Ruta, verdankt ihre 
Kulturfähigkeit dem kurzen Gebirgsfluss Baradä, welcher, oberhalb der 
Stadt in sieben Kanäle abgeleitet, dieselbe durch- und umfliesst, bis er in 
den sumpfartigen »Wiesenseen« östHch von Damaskus verschwindet. 

Man versteht, dass Damaskus von den Arabern, welche vom Osten 
oder vom Süden her wochen- und monatelang durch die Wüste und 

^) ^'crgl. die verschiedenen Reisehandbücher, vor allem die vorzügliche Beschrei- 
bung von Professor Socin in Baedekers Handbuch für Reisende: Palästina und Syrien; 
ferner Lortet La S>Tie d'aujourd'hui; voyages dans la Phenicie, le Liban et la Judee 
1875—1880, Paris 1884, S. 567 ff.; Dr. J. G. Wetzstein, Der Markt in Damaskus, in der 
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Leipzig 1857, Band XL, Heft 3, 
S. 475 ff.; J. L. Porter, Five years in Damascus, London 1855, Band I, S. 24 ff. 
v. Kremer, Topographie von Damaskus, Wien 1854 (Denkschriften der philosophisch-histo- 
rischen Klasse der Wiener Akademie der W^issenschaftcn, Band V; und die übrige ältere 
lAtteratur bei Ritter a. a. O., Band VIII, 2. Abtcüung, S. 1332 ff. 

Frhr. t. Oppenheim, Vom Mittelmeer mm Persischen Golf. 4 



K»;.. IL IM Lije der S 




ein Kdclstcm j:jepne--c 
von dem unmittelbar 

t',ebe\ Ka,iL:n j^_ 

schimmermlen Hau-';r 



-i!- eine l'erle. ah ein Stuck des Paradieses, als 
-lird. Am schi^n-ten aber zei;:^ sich die Stadt 
'jrdviestiich aufragenden, iOD m hohen, kahlen 

Von hier äui macht 4:e mit ihren heÜ- 



■t-n un'j dem >ie umgebenden breiten Kranz 
(jruner Garten im Sommer den llindnick einer in der Wustensteppe ge- 
legenen paradieiiTchen In^el. Die vulkanischen Gebirge, welche den 
Horizont ab>chiii.-.^en. lind zu weit entl"ernt und die anderen kleinen Ort- 
schaften der ,Ste|fpe mit ihren Garten zu unbedeutend, um diesen Ein- 
druck /u st'ircn, wenn auch in Wirklichkeit die weitere Umgebung von 
Dam;i.skuH au^pscrordcntlich fruchtbar i-t und zu anderen Jahreszeiten einem 
mit Pflanzen und Blumen aller Art be-äetcn grünen Tcppich {;leicht. 

Ijamaskus ist eine der alte.-.tcn heute noch bewohnten Städte der 
Krde. Die früheste I>wähnun{j findet sich in den Tel-Amarnabriefen '): 
»O Herr, wie Damaskus (Timasgii im Lande Übe (d. i, Hoba, nördlich 
von Damaskus, i Mose 14. 151 nach deinen Füssen die Hand ausstreckt, 
so streckt Katna nach deinen Füssen die Hand aus'i.< Als Meso- 
potamien im 13. Jahrhundert von Assyriern besetzt wird, versucht 
Kada.schman-charbe, König von Habylon. einen direkten Weg durch 
die Steppe nach dem Westen, d. h. Phönicien und den Hafen des 
Mittclmeeri zu eröffnen, da ihm die Strasse über Harran nicht offen ist. 
!■> schlägt die Suti, die damaligen Bewohner der syrisch -arabischen 



'; Veri;!. Winckler ii 



'39. 63. 



Kap. n. Geschichte von Damaskus. eX 

Wüste, und legt Kastelle und Brunnen an. Es handelt sich also 
offenbar um eine Etappenstrasse nach Palmyra und Damaskus^). 
Damaskus erscheint in jenen ältesten Zeiten als die Hauptstadt 
eines der vielen Duodez-Fürstentümer, in welche der vordere Orient 
damals zersplittert war. Der mächtig emporstrebende assyrische Militär- 
staat unterwarf sich die Stadt und ihr Gebiet (730 v. Chr.), und seitdem 
hat sie in vorchristlicher Zeit keine irgendwie selbständige Rolle mehr 
gespielt, was schon daraus hervorgeht, dass ihrer in den folgenden Jahr- 
hunderten nur wenig Erwähnung gethan wird. Während der Herrschaft 
der Assyrier, Babylonier und Perser, sowie Alexanders des Grossen wird 
sie, wie gegenwärtig, eine Provinzialhauptstadt gewesen sein. Erst als 
sich mit Alexanders Tode der Orient abermals auflöste, wie ein halbes 
Jahrtausend vorher, und eine Menge kleinerer Staaten sich bildeten, trat 
Damaskus wieder in die Geschichte. Nach wechselvollen Kämpfen 
zwischen den Nachfolgern Alexanders und den eingeborenen Fürsten 
kam Syrien mit Damaskus im Jahre 64 v. Chr. unter die Botmässigkeit 
des römischen Reiches. Allerdings wurde das Land nicht gleich zur 
römischen Provinz gemacht, sondern vorerst dem arabischen Vasallen, 
dem in Petra residierenden Nabatäerkönige, überlassen, während Palästina 
zu einem zweiten Vasallenstaat, dem der jüdischen Herodier, umgebildet 
wurde. Unter dem Kaiser Trajan wurden beide Staaten römisches 
Gebiet Auch unter der Herrschaft Roms scheint Damaskus zunächst 
keine besondere Bedeutung gehabt zu haben ; das Centrum der römischen 
Macht in politischer wie in militärischer Beziehung war das südlich ge- 
legene Bostra (Bo§rä) geworden,*) und erst in den letzten Zeiten des 
Gesamtkaisertums, besonders aber in der byzantinischen Epoche, war 
Damaskus neben Antiochien wieder die Hauptstadt von Syrien. 

In ihre glänzendste Periode trat die Stadt mit dem Aufkommen 
der letzten orientalischen Weltmonarchie, der arabisch- muhammeda- 
nischen. Das neue Staatengebilde, das die fanatisierten Stämme 
Arabiens im Laufe weniger Jahrzehnte in kühnem Eroberungszuge sich aus 
den Trümmern des byzantinischen und des persischen Reiches zusammen- 
geschweisst hatten, bedurfte eines Centralpunktes; die Städte, von denen 
die Bewegung ausgegangen war, Mekka und Medina, erwiesen sich, weil 
zu abgelegen, als ungeeignet. Damaskus wurde von dem Chalifen 
Mu'äwija zur Hauptstadt des neuen Weltreiches auserschcn und blieb 
es bis zum Sturz der Ömaijaden -Dynastie im Jahre 750 n. Chr.^) Aber 
schon 781 wurde Damaskus von Abmed ibn Tüliln, dem Gründer der 

*) VcrgL Winckler, Altorientalische Forschungen S. 147. 
*) VergL Kap. V dieses Werkes S. 201. 

*} Ueber das Leben in Damaskus während dieser Glanzzeit vergl. v. Kremer, Kultur- 
geschichte des Orients, Band I, Kap. 4, S. 114 — 158. 

4* 



e2 Kap. IL Geschichte von Damaskus. 

ersten Statthalterdynastie von Egypten, den Abbasidenchalifen entrissen, 
welche ihre Residenz nach Bardäd verlegt hatten. Zwar gelang es dem 
thatkräftigen Abbasiden Muktafi, die Stadt gelegentlich der Karmaten- 
wirren wieder zu nehmen (im Jahre 903), aber dreissig Jahre später 
ging sie dem Abbasidenreiche auf immer verloren und blieb mit 
dem grössten Teil von Syrien fortan unter der Herrschaft der eg>'p- 
tischen Dynastien der Ichschiden und Fatimiden. Wenige Jahrzehnte, 
bevor in Europa die Kreuzzüge nach dem Orient begannen, hatte im 
Centrum von Asien ebenfalls eine Art Völkerwanderung, die der Türken 
nach dem Westen, sich in Bewegung gesetzt, der die muhammedanischen 
Reiche bis nach Eg>'pten hin zum Opfer fielen. Damaskus wurde 1076 

von den Selguken ^^j^L^ erobert*) und blieb nun für einige Zeit die 

Hauptstadt eines der Fürstentümer, in welche Syrien sich auch unter 
den neuen Herren bald auflöste. In den Wirren der Kreuzfahrerkriege 
blieb die Stadt von christlicher Invasion frei, wenn es auch den 
Franken mehrmals gelang, bis unter ihre Mauern vorzudringen. 1126 
erfocht König Balduin von Jerusalem einen grossen Sieg auf dem 

Merg is suffar jA^\ 7^ y, der berühmten Ebene südlich von Da- 
maskus. Im Jahre 543 der Hi^ra (1148 n. Chr.) versuchte Kaiser Kon- 
rad III. einen Angriff, der zwar erfolglos blieb, aber zur Folge hatte, dass 
die Selguken es für geraten hielten, durch Tributzahlung an den König 
von Jerusalem den Frieden zu erkaufen. Allerdings sind die Franken 
einmal in Damaskus eingezogen, aber nicht als Sieger, sondern als 
Bundesgenossen des letzten Selgukenfürsten ^) gegen den beiderseitigen 
Feind Nur id Din von Egypten, der trotzdem 11 54 die Stadt einnahm. 
Unter letzterem, einem der grössten Fürsten des Islam, erlebte sie eine 
neue Blüte von freilich nur kurzer Dauer. Der ihm ebenbürtige Saladin 
(Saläh id Din), sein Statthalter und Feldherr, welcher der Begründer der 
Eijubidendynastie wurde, behielt zwar Damaskus neben Kairo als Residenz, 
aber die endlosen Kriege mit den Kreuzfahrern, die im Jahre 1177 noch 
einmal die Stadt bedrohten, Hessen ihm wenig Zeit, für ihr Aufblühen 
zu wirken. Im Jahre 1253 n. Chr. wurden seine schwachen Nach- 
folger von den sogenannten eg>'ptischen Mamlukensultanen ^) verdrängt. 



*) Vergl. V. Kremer, Mittel-Svrien und Damaskus, Wien 1S53, S. 42. 

*) Vergl. V. Kremer, a. a. O. S. 55. 

') Mamluken(vonMamlük »Kaufsklave, Höriger«] wurden die weissen Soldtruppen genannt, 
welche sowohl von den letzten Fatimiden, als auch von den Eijubiden in grosser Zahl angeworben 
oder auch gekauft wurden. Sie rekrutierten sich besonders aus Türken und in der Folge 
aus Cirkassiern und anderen kaukasischen Stämmen. Die genannten Fürsten stützten ihre 
Macht hauptsächlich auf diese Söldner. Der Name Mamluk wurde auch auf die Nachkommen 
dieser in Egypten sesshaft gewordenen Ausländer übertragen und verblieb ihnen, als sie die 



Kap. II. Geschichte von Damaskus. e^ 

Sieben Jahre später fiel Damaskus in die Hände der Mongolen. Nach 
ihrem Abzüge bemächtigten sich die Mamluken unter Kotuz, dem Vor- 
gänger des Sultan Baibars, wieder der Stadt. Freilich wurde ihnen der 



Herren des Landes geworden waren. In den foljjcnden Jahrhunderten hat der Name Mamluk 
seine ursprüngliche Anrüchigkeit vollständig abgestreift. 

Im Jahre 651 der Hi^a (1253 n. Chr.) gelang es einem Anführer dieser Soldtruppen, die 
Eijubiden-Dynastie zu stürzen und sich selbst auf den Thron von Egypten zu schwingen, 
welcher bis zum Ende des 14. Jahrhunderts von türkischen Mamluken besetzt gehalten wurde. 
Da sich inzwischen in Kleinasien mehrere selbständige türkische Staatswesen gebildet hatten, 
liess der Zuzug von Türken nach Egypten nach und statt ihrer kamen in grossen Mengen 
cirkassische, georgische und andere kaukasische Sklaven, später auch Bulgaren, Bosniaken 
und Albanesen in das Land. Vom Jahre 13S2 an sind es hauptsächlich cirkassische Mamluken, 
welche in Egypten herrschten. (Vergl. Stanley Lane Poole, The Mohammadan Dynasties, 
London, 1894, S. 80 — 83.) 

Von einer eigentlichen Maraluken-Dynastie kann jedoch keine Rede sein. Nur dem 
gewaltigen Kiläwun, der im Jahre 1279 die Macht an sich riss, folgten Söhne und Enkel 
fast ohne Unterbrechung durch fremde Eindringlinge bis zum Jahre 1382. Sonst stürzte 
immer wieder ein Mamlukenführer, der sich die Ergebenheit der Soldtruppen verschaffen 
konnte, den Herrn des Landes, der selbst auf dieselbe Art auf den Thron gelangt war. 
Trotzdem bedeutete die Epoche der Mamluken-Sultane in mancher Beziehung eine Zeit des 
äusseren Glanzes für Egypten. Ihre kriegerischen Eigenschaften Hessen sie mit Erfolg dem 
Eindringen der Kreuzfahrer und selbst den ganz Vorderasien verwüstenden Tataren Widerstand 
leisten. Kairo sah gerade zu dieser Zeit seine prächtigsten Bauten erstehen. Künste und 
Wissenschaften erfreuten sich hoher Blüte. Die Landessitten und Gebräuche, auch die 
Dienstsprache, blieben während der Mamlukenzeit arabisch. Die Mamluken hatten namentlich 
die hohen Posten der Regierung in der Centrale und auf dem Lande inne und bildeten die 
allmächtige Umgebung der Sultane. Sie hatten den besten Teil des Grundbesitzes Egyptens 
an sich zu bringen gewusst. Die Fellachen (eingeborenen Bauern) mussten für sie arbeiten, 
während ihr Verhältnis zu dem Sultan einerseits und zu ihren Klienten und den eigenen, oft 
sehr zahlreichen Mamluken andererseits ein feudales war, nicht unähnlich demjenigen, welches 
im Mittelalter in Europa bestand. Die reichsten Grundbesitzer ^ßeks oder Beys) verwalteten 
die Bezirke, in welchen ihre Güter lagen, und diese Verwaltung war oft trotz der steten 
Thronwechsel Generationen hindurch erblich. Am Ende der Mamlukenhcrrschaft war ganz 
Egypten dieser Art in 23 Bezirke eingeteilt, welche ausschliesslich cirkassischen Boys 
unterstanden. 

Syrien, das einen Bestandteil des Mamluken-Reiches bildete, fiel im Jahre 15 16 mit 
Egypten dem Osmanen-Sultan Selim I. in die Hände. Seitdem wurden beide Länder getrennt 
als Provinzen des türkischen Reiches verwaltet. Die Verwaltung im Innern Egyptens erhielt 
sich übrigens im grossen und ganzen so, wie die Osmanen sie vorgefunden hatten, bis zum 
Einzüge der Franzosen im Jahre 1798. Dem Wali von Egypten war ein Staatsrat (Diwan) 
zur Seite gestellt worden, der aus der hohen Geistlichkeit, den höheren Offizieren der 
Besatzungsarmee und den alten Mamlukenbeys bestand. Der Staatsrat besass die Berechtigung, 
die Abberufung des Statthalters zu beantragen. Der egyptische Dlwän hat ausgiebigen Gebrauch 
von diesem Recht gemacht, und in den seltensten Fällen scheint ein solcher Antrag in 
Konstantinopel abgelehnt worden zu sein. Die Walis verloren daher immer mehr ihr 
Ansehen in Egypten und sanken fast zu willenlosen Werkzeugen der Mamlukenbeys herab. 
Ende vorigen Jahrhunderts hatten zwei cirkassische Beyii die Regierung in Egypten fast 
ganz an sich gerissen. Sie waren es, die durch ihre Rücksichtslosigkeit die äussere Veran- 



Kap. IL Guchicbte t 



Besitz noch mehrere Male streitig gemacht: 1298 und 1303 erschienen 
die Mongolen wieder, und hundert Jahre später (1399) wurde Damaskus 
durch den Tatarenchan Tlmur zum grössten Teil zerstört Darauf be- 
haupteten sich die eg>-ptischen Sultane in Syrien bis zum Aufkommen der 
neuen türkischen, der osmanischen Herrschaft. Während die Macht der 
abbasidtschen Chalifen ira Niedergange war, hatten verschiedene türkische 
Stämme in Mesopotamien und Kleinasien mehr oder weniger selbständige 




Itic Uin:iijaileii-Moachce 



Herrschaften begründet. Ihr Erbe traten nach dem Wegzuge der Mon- 
golen und Tataren die Osmanlis an, welche im 15. Jahrhundert den 
byzantinischen Thron stürzten und Konstantinopel einnahmen. Erst im 
Anfange des 16. Jahrhunderts wandten sich die o.smanischen Eroberer 
den arabischen Teilen Vorderasiens zu. 1516 wurde Syrien und Egypten 
genommen, wo Mutawakkil, der letzte als legitim angesehene Spross 

laiBung fUr <lic Okkupation Ei^'ptens durch die Franioacn gilben, die aber nuch dem Eindrin^u 
diTgelben den enercischatvn Widerstand ent|;eRen«et:ten. Nach dem Furtgnnge der FnuiEOien 
»HB Egypten liesaen e» «ich die von der l'forte dorihio gcgnndlen lürkiaehen Generale endlich 
nngc1e(;en sein, mit den Mamlukcn aufm räumen, aber erst Mubau 
ihre Macht endgilitj; in l)rcchen. 



ned 'Ali Pascha ßelan 



Kup. II. Alte Baadeukmüler v 



55 



der abbasidischen Chalifen zu Gunsten des osmanischen Sultans feier- 
lich abzudanken und diesem das Chalifat zu übergeben gezwungen wurde, 
das sich nunmehr in dem osmanischen Hause weiter vererbte. Seit 
1516 ist Damaskus im Besitze der Türken geblieben. Nur vorüber- 
gehend (1832 — 1840) haben es die Egypter besetzt gehalten. So ist 
Damaskus, einst die Metropole des muhammedanischen Weltreiches und die 
Residenz kleiner Sultane, schliesslich wieder zu einer Provinzialhauptatadt 
geworden, die freilich von jeher sich durch Volkreichtum ausgezeichnet 
hat und heute entschieden in neuem Aufblühen begriffen ist. 




Die ältesten noch erhaltenen Baudenkmäler stammen aus römischer 
Zeit, Bemerkenswert sind vor allem die Reste verschiedener Thore, 
so das Bäb is Sarir im Südosten und das Bäb isch Scherki im Osten — ■ 
letzteres am Ende der schon aus dem Neuen Testament (Apostelgeschichte 
Kap. 9, 11) bekannten und noch heute bestehenden sogenannten »Ge- 
raden Strasse« — , ferner einzelne Teile der Stadtmauern, besonders an 
der Ostseite. Im Innern der Stadt sind von Hauresten aus vormuhamc- 
danischer Zeit zu nennen die kapitälgeschmückten Säulentrümmer und 
die Hälfte des durch einen Bogen unterbrochenen Architravs, welche nach 
den neuesten Forschungen') zu einem gewaltigen heidnischen Tempel 



') Eine aos/ührliche Uaralclluinr der 
fcildnmien fiebt A, C, Dickie, Quarierly Staic 



■ nebst GruadrisacD und Ah. 
c EiploraüOD Fund Eor 1S97, 



c6 Kap. II. Die Omujadeoiiioschee. 

gehörten und gegenwärtig in den Komplex der grossen Omaijaden- 
moschee und der benachbarten Häuser verbaut sind. 

Der Tempel machte zunächst einer christlichen Basilika Platz, welche 
Johannes dem Täufer geweiht war, und deren Stelle nimmt heute die 
Omaijadenmoschee ^) ein. Sie ist die bedeutendste und interessanteste 
der Stadt, hat aber unter den späteren Eroberungen und Verwüstungen, 
namentlich durch Timur, so stark gelitten, dass beständige Ausbesserungen 
nötig waren, weshalb von den ursprünglichen Teilen nur noch wenig 
vorhanden sein dürfte. Nach meinem Fortgange ist sie im Jahre 1893 
durch eine Feuersbrunst stark beschädigt worden*). 

Von historisch bedeutsamen Bauwerken aus dem arabischen Mittel- 
alter ist ferner die unweit der Omaijadenmoschee in dem Sük il Chai- 
jätin (»Schneiderbazarc) gelegene Medrese"*) mit dem Grabe des Zengiden *)- 
Sultans Nur id Din^), heutzutage unter dem Namen Medreset in Nürije be- 
kannt, zu erwähnen. Dieser gegenüber befindet sich eine andere, 
6^6 der Higra (1277 n. Chr.) errichtete Medrese mit dem Grabe des 
eg>'ptischen Mamlukensultans Daher (Zähir) Baibars, jenes gewaltigen und 
siegreichen Vorkämpfers des Islam gegen die Kreuzfahrer, dessen Andenken 
in immer wieder vorgetragenen Heldenliedern in der islamischen Bevöl- 
kerung Syriens und Ef^yptens fortlebt. Auch der grosse Saladin, der 



S. 268 ff. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen Tempel handelt, dessen 
Heiligtum auf einer von Säulenkolonnaden um<^ebenen Plattform stand, zu welcher triumph- 
bogenartijxe Zupänfje führten. Der Bau erscheint Dickie nach dem Vorbilde des alten 
salomonischen Tempels errichtet. Der Eingang zum östlichen Thor ist noch heute über 
dem Strassenniveau erhöht. 

'^ Ihre j^enaue Beschreibung^ siehe bei A. v. K.remer, Topoi^raphie von Damaskus, Band I, 
S. 34 ff. und neuerdinijs bei R. l'hene .Si)icrs, Quarterly Statement des Palestine ExploratioD 
Funtl for 1897 S. 28 2. Die siej^reichen Muhainmedaiu.*r, welche sich ausserhalb der Stadt in 
zwei Abteilunj^en d^etrennt hallen, waren zum Teil als l-.roberer «lurch das östliche Thor, 
zum Teil nach friedlicher Unterwerfung der beireffenilen Stadtteile durch das westliche in 
Damaskus eingezoc^en. In der Miite der Basilika sollen sich die lieeresabteilungen getroffen 
haben. Infoljje dessen wurde der östliche Teil derselben sofort als Staatsgut in Anspruch 
genommen und in eine Moschee umgewandelt; der andere Teil blieb zunächst als chrbtliche 
Kirche bestehen: erst später gelangte auch dieser in den Besitz der Muhamme<laner. 

'^ Ich fand im Jahre 1897 die grosse schafi'itische Bethalle der Moschee ihres Daches 
vollständig beraubt; grosse Stücke des Holzläfelwerkes uml der zum Teil aus byzantinischer 
Zeit stammenden Mosaikarbeit waren durch das Feuer zerstört, die Säulen dagegen und der 
interessante Mibräb noch leidlich gut erhallen. Man war eifrig mit der Wiederherstellung 
beschäftigt. 

'^ Unter Medrese ist ein der Unterweisung in den geistlichen Wissenschaften dienendes 
Gebäude zu verstehen. Die Medreses sind gewöhnlich mit einer Moschee oder mit dem 
Grabe eines Heiligen oder hervorragenden Mannes verbunden. 

*; Vergl. Lane Poole, The Mohammadan Dynasties, London 1894, S. 74 u. 162. 

*' Von Nur id Din ist noch eine Inschrift an dem .Südwestthor Bäb il öäbije erhalten, 
das er neu gebaut hat; vergl. Porter: Five years in Damascus, London 1855, Band I, S. 47- 



Kap. IL Die Häuser von Damaskus und ihr Inneres. cj 

II 93 in Damaskus starb, liegt hier begraben, doch ist die Turbe (Grab- 
gebäude), die ihm sein Sohn Melik il *Aziz im Stadtteil Kailäse erbaute, 
nicht mehr vorhanden^), v. Kremer ^) weist darauf hin, dass das Grab 
des Sultan Daher Baibars vielfach irrtümlich als dasjenige Saladins be- 
zeichnet wird, während mir Eingeborene das Grab Nur id Dins als das 
Saladins nannten und^die Medrese mit dem Grabe Dähers, in welcher 
gegenwärtig der Mufti von Damaskus wohnt, als Bet Daher (Haus, 
Palast Dähers) bezeichneten. 

Das grösste, wenn auch jetzt in manchen Teilen zerfallene mittel- 
alterliche Bauwerk ist die mitten in den Bazaren gelegene Kal'a oder 
Citadelle^), deren erster Ursprung allerdings in noch frühere Perioden 
zurückreicht, die aber von Melik il Aschraf im Jahre 1184 vollendet 
wurde. Später ist sie jedenfalls mehrfach restauriert worden; wenigstens 
findet sich eine Inschrift des Sultans Kiläwun (gewöhnlich Kalaim ge- 
sprochen), des Nachfolgers von Baibars, die sich nur auf einen Umbau 
oder eine Erneuerung bezichen kann. Heute stehen in der Haupt- 
sache nur die trotzigen, zum Teil noch von einem grossen Graben 
umgebenen Mauern der Kal*a, an deren Innenwänden Kascrnemcnts 
sich hinziehen. Bedauerlich ist es, dass die Aussenseite des noch 
immer sehr malerisch sich ausnehmenden Gemäuers durch neu ent- 
stehende Verkaufshallen mehr und mehr den Blicken entzogen wird. 

Die älteren Häuser der Stadt, deren Besichtigung dem Fremden 
mit freundlichem Entgegenkommen gestattet wird, erinnern noch an die 
schöne und für das dortige Klima so zweckdienliche alte, einheimische 
Baukunst. Wenngleich die ältesten derselben schwerlich mehr als zwei 
Jahrhunderte zurückreichen mögen, so kann man doch aus der Art der 
Anlage schliessen, dass sie nach älteren Vorbildern errichtet sind. Von 
der Strasse aus gelangt man durch einen mehrfach gebrochenen Gang in 
einen grossen viereckigen Hof, der mit Marmorfliesen in Mosaikarbeit 
belegt ist und in dessen Mitte sich ein schön verziertes, vieleckiges, aus 
dem gleichen Material hergestelltes Bassin befindet. Die Zimmer des 
Erdgeschosses münden mit ihren Thüren und P^n^tern in den Hof; dem 
Staube und Lärm der Strasse ist, da an der Aussenseite die Fenster fehlen, 
der Eintritt verwehrt, nur zuweilen sind an der oberen Hälfte der der 
Strasse zugewandten Mauer kleine Luken angebracht. Mehrere Treppen 
mit den für den Orient charakteristischen schmalen und hohen Stufen 
führen in das obere Stockwerk. Die Thüren und Fenster der Hofseite des 
unteren Stockwerkes sind in der Regel mit l^ogen geschmückt und durch 



*^ Verjfl. V. Kremer, MiUelsyrien und Damaskus, S. 68. 
. ') Vergl. V. Kremer, Topographie von Damaskus, Band I, S. 50. 
•) Vergl. ▼. Kremer, Topographie von Damaskus, Band II, S. 23. 



58 



Kap. II. 



a DamaBkai nod ihr lor 



abwechselnd weisse und farbige Streifen miteinander verbunden, wogegen 
die Front des zweiten Stocks meist einfacher gehalten ist. An der Süd- 
seite wird die Hoffront durch eine grosse, bogenförmige Halle, Liwän 
genannt, unterbrochen, die durch beide Stockwerke reicht und während 
der Sommerhitze den bevorzugten Aufenthaltsort der Hausbewohner 
bildet. Zu beiden Seiten des Liwän befinden sich die »Kä'a<, das sind 




die Staatsgemächer, die bisweilen eine Stufe tiefer liegen als der Hof. 
Diese Räume bestehen aus zwei Teilen, von denen der grössere, hintere, 
um I — 2 Füss höher als der vordere angelegt ist. Letzterer enthalt häuhg ein 
kleines Marniorbassin, und der iüissbodcn ist mit Mosaiktafeln gepflastert, 
während der hintere Hauptteil nur einen gewöhnlichen Estrich hat, der 
mit Binsenmatten und darüber gelegtcnTeppichcn bedeckt wird. Die Wände 
des Zimmers sind mit Holz bekleidet und mit bunten, geschmackvollen 
Lackmalereien, Inschriften und Arabesken darstellend, verziert Zuweilen 



Kap. IL Die Häuser von Damaskas and ihr Inneres. ^g 

werden statt dieses Holzwerkes oder damit vereint Steinmosaiken, ferner 
Stuckornamente mit Säulen und Bogenmotiven verwandt. Der obere Teil 
der Wände ist meist einfach weiss getüncht Die flachen Decken be- 
stehen aus schweren Pappelbalken und darüber liegenden Brettern, welche 
alle mit bunten Lackornamenten geschmückt sind. Von den Ecken der 
Decke laufen häufig einfache und vornehm wirkende gemalte Verzierungen 
bis zur Mitte der Wände herab. Auf etagerenförmigen Gesimsen, die 
oft eine ganze Zimmerseite einnehmen, und in Wandnischen, die durch 
Bretter abgeteilt, immer reich geschmückt sind und vielfach die zier- 
lichsten Hufeisenbogen als Decke haben, finden allerlei Hausrat, Gefässe, 
Bücher und dergleichen Platz. Familien, welche an den althergebrachten 
Sitten noch festhalten, bewahren tagsüber die Matratzen und Leintücher 
ihrer Betten in grossen, schrankartigen Wandnischen auf. Besondere 
Schlafräume giebt es in den alten arabischen Häusern nicht; jedes Wohn- 
zimmer kann durch Ausbreiten der Matratzen und Leintücher auf dem 
Fussboden oder auf den an den Wänden herumlaufenden niedrigen Divans 
zum Schlafgemach hergerichtet werden. Im Sommer werden die Lager- 
stätten vielfach auf dem flachen Dache bereitet — von einem besonders 
hohen Hause aus erschienen mir zur Nachtzeit die Dächer einzelner Stadt- 
teile von Damaskus wie ein einziger grosser Lagerplatz. Aber europäische 
eiserne Bettstellen mit Vorrichtungen für Moskitonetze finden in Damaskus 
immer mehr Eingang, und auch das einst so primitive, aber in seiner Eigen- 
artigkeit ausserordentlich anziehende Meublement, das aus Divans und 
Kissen, Tabourets, fein ciselierten Metallplatten u. dgl. bestand, wird immer 
mehr durch prunkvolle und grellfarbige europäische Möbel verdrängt. Neuer- 
dings ist es »Mode« geworden, in älteren Häusern die früher wcissgetünch- 
ten oder mit Arabesken und Koransprüchen verzierten Teile der Wände 
mit roh gemalten Bildern von Landschaften und Bauten zu bedecken; 
auch wird der Reichtum des Bewohners durch Aufstellung möglichst 
zahlreicher bunter europäischer Lampen, Uhren und Spiegel in höchst ge- 
schmackloser Weise bekundet. In besseren Häusern pflegen die bekannten 
Wiener Rohrstühle, aber auch europäische gepolsterte Sessel nie zu fehlen. 
Leider muss die althergebrachte, ebenso schöne wie für die dortigen 
Verhältnisse praktische Bauart immer mehr einem europäischen Stile 
schlechtesten Geschmackes weichen. Die neuesten Bauten scheinen fast 
nur noch an dem inneren Hofe festzuhalten. Seit längerer Zeit bereits 
ist die Eigentümlichkeit des älteren Baustiles, keine P*enster nach der 
Strasse anzulegen, aufgegeben worden. Infi Gegenteil liebt man es neuer- 
dings, möglichst viele Fenster an der Strassenfront anzubringen. Der 
nordwestliche Stadtteil ist am weitesten in der Europäisierung fort- 
geschritten, dort, wo der Baradä und die Berater Chaussee in die Stadt 
eintreten, befinden sich auch mehrere grosse im europäischen Stile ein- 



6o 



Kmp. IL Baiare und Cbus io Damaikai. 



gerichtete Hotels. Die älteren Strassen sind enge und gewunden, und hier 
trifft man noch vielfach Häuser, deren hoher gelegene Stockwerke über 
das darunter liegende derart vorgebaut sind, dass die obersten Etagen 
fast zusammenstossen , wodurch zwar Schatten erzeugt, aber Licht und 
Luft abgesperrt wird. 

Aus alter muhammedanischer Zeit sind noch mehrere schöne Chans, 
sogenannte Karawanserais, erhalten, die gleich den Privathäusern einen 
viereckigen Hof umschliessen. Einzelne derselben zeichnen sich besonders 




durch hervorragend schöne Thore aus. so namentlich der Chan As'ad 
Pascha, dessen Hofraiim nicht offen, sondern überwölbt ist, so dass er 
eine grosse Halle bildet.'). 

Von neueren Chans besitzt Damaskus eine grosse Menge, Die eine 
Kategorie derselben gewahrt ganzen Karawanen Unterkunft. In den 
primitiven Stallungen oder auch mitten im Hofe werden die Lasttiere ein- 
gestellt, in den oberen Stockwerken hausen die Reisenden und die Kamel- 
treiber. Eine zweite Kategorie dient ausschliesslich dem Handel, speziell 
dem Grosshandel. Die Kaufleute wohnen in den zellenartigen Gemächern 
des oberen Stockwerks, in welchem sich hin und wieder auch kleinere 
;hreibung siehe bei .\. v. Krem er. TopofirHphie von 



Kap. II. Baiare und Chans in Dnniaskiis. 



6\ 



Verkaufsräume vorfinden, das Hauptgeschäft wickelt sich in den unteren 
Räumen ab, wo die umfangreicheren Waren lagern. Die erstere Art vertritt 
im Orient unsere Gast- und Einkehrhäuser und fehlt auch in den kleinsten 
Ortschaften nicht. Immerhin kann man diese Karavvanseraien nicht mit 
europäischen Hotels vergleichen : der Gast wird von keiner Dienerschaft 
empfangen; oft muss der Hüter des Chans aus dem nebenliegenden 
Bazar oder Caf6 ^erst herbeigeholt werden. Der Fremde bindet seine Tiere 
an, wo er gerade Platz findet, und schafft seine Sachen selbst in 





I^IC^^Hi 





den ihm angewiesenen Raum. Dieser besitzt meist kein einziges Stück 
Möbel. Die Wände sind kahl, im günstigsten Falle weiss getüncht, 
der steinerne oder aus Befon gefertigte Fussboden ist nur sehr selten mit 
einer Matte belegt. Dafür aber hausen in dem Raum regelmässig zahl- 
reiche Insekten aller Art, manchmal auch grössere Mitbewohner, wie 
Skorpione und dergleichen, gegen welche der verwöhntere Europäer einen 
mehr oder minder erfolgreichen Kampf durch Ausspülen des ganzen 
Raumes führen muss. Die mitgebrachten Tcppiche und Kissen müssen 
die Zimmereinrichtung bilden, und der Reisende muss selbst schlachten, 
kochen und das notwendige Wasser vom Sakkä, dem öffentlichen Wasser- 
tr^er, kaufen. In den grösseren Städten des Orients sind die Absteige- 
Chane oft von bedeutendem Umfange und mit Barbierbuden, Ver- 



Kap. 11. D&miskas all SammelpnDkl der Pili^rkarawaii 




l'ekkije a 



kaufsstellen für die notwendigsten Lebensmittel und eigenen Cafe ver- 
bunden. 

Damaskus ist der Hauptsammelplatz für die nach Mekka ziehenden 
Pilgerkarawanen') und bildet die letzte grosse Station auf den Routen 
von Nordwesten und Nordosten nach den heiligen Stätten"). Der Be- 
herbergung dieser l'ilger dient vornchmhch die grosse, von Sultan SeUm 
(um 1516) zu diesem Zwecke erbaute Tekkije, von deren schönen 
Minarets sich eine herrliche Rundsicht über die Stadt bietet. In dem 
riesigen Hofe die.ses Gebäudes und auf den benachbarten Feldern, wo 
zahlreiche Zelte aufgeschlagen werden, sammeln sich alljährlich die 
Gläubigen zu ihrem frommen Zuge. 

Seit alter Zeit besitzt Damaskus einen grossen Ruf wegen seiner 
schönen, wohlgehaltcnen, arabischen Hader; einige der heute noch be- 
stehenden Hadeanstalten sind viele Jahrhunderte alt. Sie sind mit wunder- 
.schönen Fayencefliesen geschmückt — eine Erinnerung an die Blütezeit der 
Fayence-Industrie, die früher in der gan7en muhammedanischen Welt 
und besonders auch in Syrien und Mesopotamien gepflegt wurde und 
hoch in Ehren stand. Die Kunst selbst soll aus l'ersien eingeführt worden 
sein, in Dama.skus ist sie jetzt in Vergessenheit geraten.*) 

') ^ "■'rgl- d'.^vril: L'.-^rabie contemporainp avec la tiescriplion de la Mecqne, Paris 

1S6E, S. 168. Buickhurilt. Travels in Syria and the Huly ].aiid, London 1821, S. 657 ff. 

*) Jenisaleni bleibt rechts liegen. Die Roule sieht sich ösllich des Toten Meeres 

hin. Die Stalionea des Darb el llag^ 7ti-l ^_jJJ sind ßegenwärtig die folRendeo: 

Damaskus — Chan Dennun 4 Std.. Klebe 8 Stil.. Meiecib 9 Std.. Retn|e 5 Std., Mafra^ 
10 .Std.. ZerVa tj Std., IJeltä 16 Std., Kilräne 14 Std., H.sä tj Std., 'Oneze 13 Sld.. 
Ma'än 10 Sld., 'A^aba iS Std., Mediuwara :i Std., Dit ü Hagg 8 ^td.. Kä' ij Sapr 13 Sld., 
'A^i Chumifl 12 Std., Achd'ir 18 Std., Mu-azzam 14 Sld., Dar il Ilamrn 16 Std., Madiin 
Säbb 18 Sld., Bijär il Ramm 10 Sld., Bir ii Znmamid )6 .Sld., Bir il Gedid 8 Sld.. Hadfje 
18 Std., Fahleten 18 Std., Bijär Na?if 10 Sld., il Medina 1 Std. 
') Vergl. Sarre, Reise in Kleinasien, Berlin 1896, S. 63 (t 



Kap. II. Gewerbfleisa in Damaskus. 



«3 



Dasselbe gilt von der Kunst des Schwertfegens, die schon in der 
späteren römischen Zeit in Damaskus, das damals einen Hauptwaffen- 
platz für die östlichen Provinzen bildete, blühte und erst vernichtet 
wurde, als Timur Lenk die Stadt zerstörte und die Schwertfeger nach 
den östUchen Chanaten (Bochärä, Samarkand u. s. w.) wegführte. Ferner 
werden in Damaskus zahlreiche Holzarbeiten, Tischchen, Tabourets und 
Wanddekorationen aus dunkel gebeiztem Holze, welches mit Perlmutter, 
Elfenbein und Metall ausgelegt ist, hergestellt, die allerdings nicht so 
kunstreich sind wie die in Konstantinopel und Kairo aus bunterem und 
besserem Material gefertigten Sachen. Die Lederarbeiten von Damaskus 
geniessen bei den Eingeborenen einen besonderen Ruf Auch die Metall- 
industrie steht in hoher Blüte; namentlich werden Kupfer- und Messing- 
arbeiten, die sich durch schöne Form und reiche Ciselierung auszeichnen, 
für die Touristen und den Export nach Europa fabriziert. Man findet 
Werkstätten Damascener Metallarbeiter auch in anderen Städten des 
Orients, vor allem in Kairo. 

Im übrigen enthalten die Bazare von Damaskus alte nur erdenk- 
lichen Gegenstände für den Bedarf der Eingeborenen und der europäischen 




64 



Kap. IL G«werbfleiM In DamaikDi. 



Touristen. Es ist indess bedauerlich, dass wirklich gute und wertvolle Er- 
zeugnisse des älteren arabischen Kunstgewerbes sich äusserst selten finden 
und schlechte Ware und von Europa eingeführte Nachahmungen vorwiegen. 
Der bekannte Reorganisator Midhat Pascha hat ganze Reihen der 
alten engen Bazargassen niederbrennen und an deren Stelle eiue breite 
hohe Bazarstrasse errichten lassen, welche jetzt die hauptsächlichste 
Verkaufsstätte für Textilartikel ist Neuerdings sind auf dem Boden des 







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alten Griechenbazares weitere, in noch grösseren Dimensionen ausgeführte 
Hazare entstanden, die sich von dem Eingangsthor der Citadelle bis zur 
Omaijadenmoschee erstrecken: riesige übenvölbte Hallen, in denen vier 
bis fünf Wagen neben einander fahren können. Die Verkaufsläden bilden 
Stuben, vielfach ganz nach europäischem Muster mit Schaufenstern und 
Thüren versehen; über den Läden, aber noch von dem Dach der Bazar- 
gasse überwölbt, hegt ein zweites Stockwerk, das zu Wohnungen, Lager- 
räumen, Bureaus, Ateliers für Zahnärzte u. s. w. dient. 



Kap. II. Der Handel von Damaskus. 65 

Der Handel von Damaskus kann sich heute nicht mehr mit dem- 
jenigen von Aleppo messen, welches durch das reiche Hinterland von 
Mesopotamien und Kurdistan sehr begünstigt wird. In Aleppo befanden 
sich auch schon seit Jahrhunderten europäische Handelsniederlassungen, 
die ihre Entstehung dem Umstände verdankten, dass die von Damaskus 
quer durch die Wüste nach Mö§ul und weiterhin nach Bardäd führende 
Handelsstrasse infolge des Eingehens der längs der Route angelegten 
befestigten Wasserplätze und der dadurch stark vermehrten Beduinengefahr 
für Warenkarawanen so gut wie unpassierbar geworden war. Aber der 
Handel von Damaskus ist gegenwärtig entschieden im Zunehmen be- 
griffen. Der südliche Stadtteil von Damaskus, der langgezogene Midän, 
bildet mit seinen zahlreichen Speichern einen einzigen, riesigen Korn- 
und Wollmarkt, welcher vom Haurän und dem Gebiet der Wiesensecn 
versorgt wird. 

Einen besonderen Ruf hat Damaskus als Pferdemarkt, insbe- 
sondere bei den egyptischen Importeuren. Pferde guter arabischer 
Rasse (A§il) sind hier jedoch nur selten käuflich, am allerwenigsten 
auf dem übrigens gut besuchten öffentlichen Pferdemarktplatze. Das 
hier verkaufte Material ist lediglich »Kedisch«, Last- und Reittiere ge- 
wöhnlicher Gattung^). Die besseren Tiere werden wie auch bei uns 
von Pferdehändlern direkt aus den Ställen verkauft. Der besuchteste 
Pferdemarkt befindet sich gegenwärtig am Baradä unweit der euro- 
päischen Hotels. Die Last- und Reitkamele werden im Midän verkauft. 
Ich erstand in Damaskus für meine Expedition mehrere Pferde zu sehr 
billigen Preisen; mein eigenes Reitpferd kostete 20 türkische Pfund, 
das meines arabischen Sekretärs 9 und die Tiere für die Dienerschaft 
je 4 — 5 Pfund. 

Seit dem arabischen Altertum ist Damaskus berühmt wegen seiner 
schönen Früchte. Mit dem Beginn des Sommers werden besonders 
Aprikosen (Mischmisch) feilgeboten, verschiedene süsse und saftige, 
aber kleine und vielleicht weniger aromatische Arten der in Europa 
veredelten Gattung; sie kommen in unglaublichen Quantitäten und 
zu sehr billigen Preisen auf den Markt. Aus diesen Aprikosen wird 
auch ein zähes, papierartiges Präparat, Kamar id Din, gemacht, das 
sowohl trocken gegessen wird, als auch, in Wasser aufgeweicht, den 
Eingeborenen als Leckerbissen gilt und sich lange Zeit hält. Es 
wird vielfach nach Europa ausgeführt und zur Marmeladenfabrikation 
benutzt. 

Die Gärten, welche Damaskus in weitem Umkreise umgeben, sind 
ausschliesslich Nutzgärten, die gleichzeitig zur Ackerkultur verwandt 



*) VerjfL Kap. XII dieses Werkes. 
Frhr. ▼. OppenhMm, Vom Bfittelmeer zum Persischen Golf. 



C)ß Kap. 11. Die Gärten zu Damaskus. — Einwohnerzahl. 

werden. Im Schatten der Obstbäume werden Wein, Getreide, Gurken 
und zahlreiche Gemüscarten angebaut. Die Bewässerung erfolgt durch 
ein System grösserer und kleinerer Gräben. Sie werden durch Hecken 
und oft mehrere Meter hohe Erdmauern voneinander und von den Gassen 
und Strassen getrennt. Abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung 
bildet der breite (iartenkranz einen nicht zu unterschätzenden wallartigen 
Schutz gegen feindliche Angriffe. Im Innern der Stadt, in den reichen 
Privathäusern erblickt man hin und wieder herrliche Blumengärten (Rijä<j[) 
in dem altarabischen Stile, der noch in den Gartenanlagen des Alkasar 
in Sevilla erhalten ist, und der auch die Gärten von Fes und Miknesa in 
-Marokko sowie im ganzen übrigen Xordafrika charakterisiert; die Blumen- 
beete werden von schmalen, manchmal gemauerten und höher liegenden 
Wegen umrandet, die Wege bilden geometrische Figuren, die meist 
wieder von duftenden Laubgängen aus Jasmin und anderen Schling- 
pflanzen überdacht sind. 

Ausserhalb der Stadt, in der Nähe des Westthores, liegt auch ein 
Garten unheimlicher Art, der ein eigenes Dorf umschliesst und der 
Leprakolonie zum Aufenthalt dient. Die von dieser schrecklichen 
Krankheit Befallenen werden ein für alle Mal an diesen Ort verbannt, 
wo sie ein neues Leben zu beginnen haben. Soldaten bewachen den 
Kingang, den TVemden wird es jedoch gestattet, die Kolonisten auf- 
zusuchen. 

Die Bevölkerung von Damaskus wird nach der offiziellen 
türkischen Schätzung des Sälnämc für 13 15 der Higra (1896) auf 
136 9 17 Si'clen l)czirtert. davon etwa i lOOO Christen und 7000 Juden*). 
Doch (liirfte die Berechnung des Sälnäme hinter der thatsächlichen 
Einwohnerzahl zurückbleiben, auch ist die Bevölkerung der zahlreichen 
\^)rorte nicht mit in Betracht irezojrcn. Der ifrösste dieser Vororte 
ist is Sälil.nje am 1^'usse des Berges Käsjiin mit ca. 40(X)0 Einwohnern, 
hau])tsiichlicli Kurden, Tschcrkessen und Muhagirm. d. i. muhammeda- 
nische Auswanderer und Müchtlinge aus den ehemals muhammedanisch, 
jetzt christlich verwalteten Bezirken*). Die verschiedenen Religionsgemein- 
schaften wohnen einstweilen noch in gesonderten Vierteln. Doch sind 

' KiiivvuhiHT von Damaskus 11. ich Auj^abc des Siilnaiue für ila» Jahr 1315. S. 324f.: 
Muhainniodanor I loSt^o. Juden 0S38, Lateiner 100, C j^iechi^ch-< )rthodo\e 4564, .\rmeuisch- 
Kalholisohe 17S, I'nUestanien 90, Arnjeniseh-Orthodoxe 24S, Syri-ch-< )rlhodoxe 69. Syrisch- 
Kathnlisehe unicrie Syrier 337, <i riech isch-Katholiseho Mclkiten 4-70. M.ironiien ^^^^ 
zusianinien 130 917. 

•' Als ich lS<>7 wieder Damaskus l>es«uchte. wurden f:jerade im Hsicn von is .SiUHiije 
zahlreiche neue Häuser «gebaut, welche für unlängst anji^ekomniene bulgarische Fldchtlint^e 
bestimmt waren. 



Kap. II. Christen und Muhammedaner in Damaskus. — Europäische Kolonie. 5? 

dieselben nicht mehr, wie z. B. in Marokko und anderen Städten des 
Orients, durch Mauern von einander getrennt, wenn auch innerhalb ein- 
zelner Viertel mehrfach die Strassenquartierc noch durch Thore abgesperrt 
sind, die nachts verschlossen werden. 

Die Massacres von 1860 haben keinen nachhaltigen Kinfluss auf die 
Bewegung der christlichen Bevölkerung von Damaskus ausgeübt, und 
trotz der vielen Berichte über den Fanatismus der Muhammedaner 
beginnen bereits die einheimischen Christen aus dem ihnen zu eng ge- 
wordenen. Quartier in muhammedanische Stadtviertel überzusiedeln. Berüt 
bietet allerdings dem an europäische Genüsse und Bequemlichkeiten Ge- 
wöhnten mehr, und so kommt es wohl vor, dass reich gewordene Christen 
und Juden ihren Wohnsitz dorthin verlegen. In Damaskus herrschen voll- 
kommen geregelte Verhältnisse, und ich glaube nicht, dass selbst in den 
abgelegenen Strassen die Unsicherheit nachts grösser ist als z. B. in den 
Vororten unserer europäischen Hauptstädte. An dieser Sicherheit hat 
die wohlorganisierte türkische Polizei entschieden einen grossen Anteil. 
Während der mehreren Wochen, die ich mich in Damaskus aufhielt, 
hat sich die muhammedanische Bevölkerung, hoch und niedrig, mir 
gegenüber stets freundlich benommen. Nur einmal wurde ich an dem 
Besuche einer Moschee gehindert; es war dies in der Tekkije 
der tanzenden Derwische, welche hier noch nicht, wie an anderen 
Orten, aus ihren Religionsgebräuchen ein gewinnbringendes Gewerbe zu 
machen suchen. 

Die Eisenbahnlinien tragen das ihrige zu der Europäisicrung von 
Damaskus bei, zw^eifellos werden sie auch die Entwicklung der Stadt als 
Handelsemporium befördern; namentlich hat der Bahnbau bereits ein 
Anwachsen der europäischen Kolonie zur Folge gehabt, die freilich auch 
heute noch kaum fünfzig Seelen zählt. In der Stadt befinden sich 
mehrere christUche Missionsanstalten und Schulen, und sie ist bereits der 
Sitz mehrerer europäischen Berufskonsulate. Die deutsche Kolonie in 
Damaskus ist nur klein. Von Landslcuten, die dort ansässig geworden 
waren, traf ich 1893 die Herren König und Zapf, als Vertreter der Berater 
Firma Fankhaenel & Schiffner, welche mir bis nach Mesopotamien hinein 
Geld-Anweisungen an einheimische Kaufleute der grösseren Ortschaften 
ausstellen konnten; ferner Herrn Püttmann von der Firma Lüttickc & Cic., 
deren Inhaber, der durch die vielen Landsleuten erwiesenen Freundlich- 
keiten bekannte deutsche Konsul Lütticke, zur Zeit die Geschäfte der 
Berüter Zweigniederlassung seines Hauses leitete. 

Der Verkehr in der Stadt ist ausserordentlich lebhaft, und die 
Stimmung des Strassenlebens überaus animiert. Die bunten Trachten 
der Muhammedaner, Christen und Juden der Stadt, der Tscherkessen und 

5* 



68 



Küp. II. KleidnDC der DamaiceDer. 



Soldaten der Garnison, der Bauern und Beduinen der Umgebung, der 
persischen Händler und dann und wann der in Gazellenfelle gehüllten 
Sieb, geben ein farbenreiches Bild, das sich wirksam abhebt von der 
europäischen Kleidung der modernisierteren eingeborenen Kauf leute, der 
türkischen Beamten und der Fremden. 

Die althergebrachte Bekleidung der eingeborenen Frauen besteht 
im allgemeinen aus weissen oder bunten l'umphosen. einem Hemd und 
einem bunten Kaftan mit langen weiten Aermeln, über welchem auf der 
Strasse der Izär getragen wird. Dies ist ein je nach der Religions- 
gemeinschaft verschiedenartig ge- 
färbtes Tuch, welches den ganzen 
Körper einhüllt und in der Taille 
zusammengehalten wird. Die ein- 
geborenen chri.stlichen Frauen ver- 
tuschen diese Bekleidung immer 
iKiufiger mit der abendländischen 
Tracht, wodurch dem Strassenleben 
allmählich einer seiner wesentlichsten 
keize entzogen wird. Den Schleier 
haben sie, wie die Jüdinnen, auf der 
Strasse bereits vielfach abgelegt, zur 
I-'rcudc des l'remdcn, welcher hier 
/.ihlrciche schöne Typen bewundem 
kann. Auch die Männer gehen dazu 
über, ihre praktische und malerische 
Tracht, weite Pumphosen (Schirwäl), 
srestickte Westen (Sidrije) und kurze 
Jacken (Fermelije), sowie den Kaftan 
(Kumbäzl beiseite zu legen, sehr 
Damaskus, Krauiii im StrBBsentoMUni, /um Schaden üircs Aussehens. Den 

Tarbusch behalten jedoch die euro- 
päisierten Eingeborenen von Daniasku.s regelmässig bei, und selbst die 
europäischen Bcniter Kaufherren vertauschen, wenn sie nach Damaskus 
konmien, meist ihren Hut mit dieser Kopfbeklcidung, um den türkischen 
Behörden und arabischen Muhammedauern, welche den Träger eines Hutes 
als liindriugling betrachten, als loyale Untertanen des Sultans und als 
Landslcute zu erscheinen. 

Im Sommer drängt sich besonders in den Morgenstunden und nach 
der Mittagshitzc alles in den Bazarstrassen und deren Umgebung. Der 
Schech oder Kffendi schreitet, seinen Rosenkranz betend, bedächtig daher, 
die christlichen und die jüdischen Kauflcute stehen gestikuhcrend auf den 
Strassen. Die muhamniedanischcn Damen werden von Sklavinnen begleitet, 




Kap. II. SüDBSCii leben in Dam^ 



69 



welche die eingekauften Waren oder die zum Baden gebrauchten Tücher 
auf dem Kopfe tragen. Dazwischen drängen sich beladene Esel, Maultiere 
und Kamele oder auch ein mit schlechten Pferden bespannter und ebenso 
schlecht gefahrener Fiaker oder Privatwagen, dem die Fussgänger in den 
engen Gassen kaum aus dem Wege gehen können. Ein Hochzeitszug 
erscheint, und Kinder, Koranversc laut aufsagend, schreiten in langen 
Reihen hintereinander, oder ein Hegräbniszug, bei welchem der Tote auf 
offener Bahre , nur mit einem Tuche bedeckt, von den Leidtragenden 




transportiert wird, bewegt sich über die Strasse. Wa.s.ser- und Linionaden- 
verkäufer, Makler und fahrende Händler bieten ihre Waren in blumen- 
reichster Rede und mit möglichster Anstrengung der Stimme an, da- 
zwischen hört man jeden Augenblick das (iehcul eines der wilden Hunde, 
deren Zahl in Damaskus fast der Hevolkerungs/tffcr gleichkommt. Die 
Tiere liegen, wenn sie nicht nach Futter spähen, mitten in den beleb- 
testen Strassen herum und rühren sich nur, wenn ein I'"usstrLtt sie bei- 
seite schleudert oder ein Wagen sich nähert'). 



') Der wilde Muml ist schon jerfem 1 
1 findet sich in derselbeu Gestalt in 3 
iz bettimmten Grenzen, innerhalb der 



eaueht-r Ivoastanliniipela oinu bekannte Erscheinung 
Icn Geilenden des Orients und Nordalrikas. In 
einzelnen Stras-ienquartiere. die oft nur wenige 



70 Kap. II. Der wilde Hond. 

Einen Hauptanziehungspunkt bilden im Sommer gegen Sonnenunter- 
gang die öffentlichen Gärten, welche an den Armen des Baradä in der 
nächsten und der weiteren Umgebung der Stadt gelegen sind. Der 
Orientale ist ein grosser Freund des fliessenden Wassers und fühlt sich 

HäuserfroDteo amfassen, leben diese wilden Hunde in Rudeln von zehn bis fünfzij^ Köpfen 
Tai: und Xacht im Freien, allen Witternngsverhaltnissen ausp:esetzt. In den Rudeln haben 
einzelne besonders starke Tiere die Führung,- gewöhnlich findet man sie an den Grenzen 
ihres Bezirks, die eifersüchtig bewacht werden. Keinem Hunde ist es gestattet, von einem 
Quartier in das andere sich zu hegeben. Erscheint ein Fremdling an den Grenzen, sieht 
man plötzlich die Führer des dort angesessenen Rudels aufspringen und sich kampfbereit 
halten. .\uf ein leises Knurren verstärkt sich die GrenzwachL Dringt der fremde Hund in 
den Bezirk ein, stürzt sich das ganze Rudel auf ihn. um ihn übel zuzurichten, wenn er 
nicht schleunigst wieder die Flucht ergreift, oder wenn sein eigener Anhang ihm nicht bei- 
springt. Einen Hund selbst durch die fettesten Bissen von einem Bezirk in den andern 
hinüberzulocken, ist unmöglich. Die Absperrung der Bezirke gegen jeden fremden Hund 
hat wohl darin seinen Grund, dass in dem Eindringling ein unwillkommener Mitesser 
gesehen wird. Eine gewisse Ritterlichkeit aber zeigt sich darin, dass verkrüppelten und 
kampfunfähig erscheinenden Tieren der Durchzug und der Aufenthalt in keinem fremden 
Terrain verwehrt wird. Besonders grausam sind die Strassenhunde gegen Tiere eines 
anderen Viertels, die es wagen sollten, sich mit einer Hündin ihres Quartlers einzulassen. 
Der Durchzug ungewohnter Tiere, so in einzelnen Vierteln Konstantinopels Kamele, die 
von Zigeunern herumgeführten Hären, Affen u. s. w. verursachen grosse Auh'egung; vor 
allem aber sind die europäischen Hunde und Katzen ihres Lebens nicht sicher, wenn sie 
von ihren Herren nicht energisch beschützt oder getragen werden. 

Die Grösse des Quartiers scheint sich nach der Ergiebigkeit der aus den mensch- 
lichen Wohnungen kommenden Speiseabfälle zu richten, welche, wie aller Unrat, der immer 
nur vegetabilischen Ursprungs ist, von den Hunden gierig verschlungen wird. In dieser 
Art üben dieselben — gegebenen Falles im Verein mit den Aasgeiern — im ganzen Orient die 
Strassenreinigung uus. Der bestgehasste Feind der wilden Hunde ist der Lumpensammler, 
der mit einem gro.ssen Korb auf dem Rücken, in der linken Hand eine Laterne, in der 
rechten einen Schürhaken, nachts die Strassen von Konstantinopel durchstreift und den 
Kehricht, der abends aus den Häusern geworfen wird, durchstöbert. Offenbar fürchten die 
Hunde, dass dieser Mann aus dem Kehricht auch Dinge nimmt, die sie für ihre Beute halten, und 
sobald sie von weitem die wackelnde Laterne des Lumpensammlers erblicken, stürzen sie mit 
wütendem Geheul auf ihn zu und suchen ihn auf jede Weise in seiner Arbeit zu behindern. 

Allgemein gilt der wilde Hund, trotz seiner scheinbaren Indolenz, als intelligentes 
Tier. Zähmungsversuche haben bei ihm allerdings wenig Erfolg; sein Freiheitsdrang ist zu 
gross. Dem Menschen gegenüber, der in sein Quartier gehört, zeigt er oft eine grosse 
Anhänglichkeit. Wie er einerseits die Strassenreinigung besorgt, so ist er in weniger 
frciiuentierten Quartieren auch der Wächter in der Nacht. Die Eingeborenen in ihrer 
Nationaltracht belästigt er nie, dagegen werden Europäer in muhammedanischen Vierteln 
manchmal von ihm angegriffen. Einige Herren in. Konstantinopel erzählten mir, dass sie in 
gewissen Teilen Stambuls, welche sie nachts zu passieren hatten, eine schleifende Gangart 
sich angewöhnt hätten, um bei ihrem Auftreten sich von den Türken mit ihren losen Ueber- 
schuhen nicht zu unterseheiden und von den hier besonders kompfbereiten Hunden unbe- 
lästigt zu bleiben. Uebrigens ist der städtische Strassenhund dem Menschen gegenüber 
feige und sucht ihn nur von hinten herankommend zu beissen. Das beste Mittel, ihn sich 
vom Leibe zu halten, besteht darin, das Aufheben eines Steines nachzuahmen, oder einen 
Stock auf dem Rücken zu tragen und hin und her zu bewegen. Auch hat es sich bewährt. 



Kap. II. Der wilde Hund. n \ 

in dessen Nähe besonders wohl. Die Muhammedaner von Damaskus 
ziehen die Gärten im Westen der Stadt vor. Die jungen türkischen 
Offiziere und Beamten besuchen mit Vorliebe die Cafes gegenüber der 
grossen Tekkije und an der nach Berüt führenden Landstrasse bei 
Häme^). Ausserhalb der Cafes sieht man hier auch am Bache vielfach 
vornehme muhammedanische Damen mit ihren Dienerinnen sitzen und 
an den mitgebrachten Vorräten sich gütlich thun. Die nicht 

deu Hut vom Kopf in die Hand zu nehmen und wieder aufzusetzen, ein französischer 
Reisender erzählte mir, wie er allein durch seinen schwarzen Cylinder sich zwei grosse 
hunjjriße Bestien vom Leibe gehalten habe. 

Während des Tages liegen die Hunde vereinzelt, oft auch rudelweise dicht gedrängt, 
schlafend auf dem Trottoir, manchmal selbst auf den verkehrsreichsten Strassen mitten auf 
den Wegen. Der Fussgänger gewöhnt sich daran, den die Passage versperrenden Tieren 
aus dem Wege zu gehen, oder über sie hinwe}:^: zu schreiten. Uie Kutscher lassen 
ununterbrochen ein leises Schnal/en mit der Zunge hören, dem die Hunde augenblicklich 
folgen, um auf die Seite zu schleichen und sich zu neuem Schlafe an anderer Stelle nieder- 
zulegen. Trotzdem hört man oft genug den Aufschrei eines von einem Wagen gestreiften 
Tieres. Uebrigens werden die Hunde, durch einen Tritt noch so sehr verletzt, in den 
seltensten Fällen den Menschen zu beissen wagen. 

Im allgemeinen lässt man den Hunden in den muhammedanischen Vierteln eine 
bessere Behandlung angedeihen, als in den europäischen. Trotzdem sie nach dem Koran 
als unreine Tiere gelten, duldet der Muhammedaner in seinen Vierteln keine Misshand- 
lungen derselben; sie zu füttern, gilt als verdienstvolles W^erk. Der Versuch des Sultan 
Malumüd II., des bekannten türkischen Reformators, die Hunde aus Konstantinopel zu ver- 
treiben, misslang vollständig. Die auf einigen Inseln des Marmarameeres untergebrachten 
Hunde verliessen schwimmend ihren Verbannungsort und dank der unglaublichen Fort- 
pflanznngskraft der Tiere war Konstantinopel bald wieder von ihnen bevölkert. Es bleibt 
abzuwarten, ob die in jüngster Zeit in Kairo und Alexandrien planuiässig vorgenommene 
Massenvergiftung der Hunde in der Zukunft besseren Erfolg haben wird. 

Der wilde Hund scheint der durch die Stadtluft, den Mangel an Bewegung und die 
veränderte Kost degenerierte Nachkomme des arabischen Beduinenhundes zu sein, d. h. des 
gewöhnlichen Wachthundes der Beduinen (Kelb), nicht des edlen arabischen Jagdwindspiels 
(Slügi). Ein naher Verwandter von ihm in der Hundefamilie dürfte auch der kurzhaarige 
Schäferhund sein, der namentlich in den Balkanstaaten und Kleinasien vorkommt. Er 
besitzt eine gewisse Aehnlichkeit mit einem kräftigen kurzhaarigen, rheinischen Spitz. Er ist 
hellbräunlich, seltener gelblich, dunkelbraun oder gescheckt, meist von der Grösse eines 
gewöhnlichen Jagdhundes, schlank, struppig, aber kurzhaarig. Seine Rute ist nur bei 
guten Zeiten einigermassen gut behaart. Der Kopf ist spitz, die Ohren sind kurz, das Ge- 
biss ist ausserordentlich stark. 

Interessant wäre es, festzustellen, ob schon zubyzantinischerZeitKonstantinopel von wilden 
Hunden bevölkert war. Wir wissen aus uns überlieferten Abbildungen, dass z. B. zu assyrischer 
2Jcit in Mesopotamien ein grosser schwerer Hund mit langhaariger Mähne vorgekommen und ge- 
zähmt worden ist, und dass in Egypten zur Zeit der Pharaonen ein windspielartiger Hund 
sich vorfand. 

*) Auch ein in der Stadt selbst am Baradä gelegenes, grosses, modernes Cafe- 
Hans wird von den eingeborenen Muhammedanern viel besucht. Es befindet sich unweit des 
Serai-Platzes. Ich traf hier Mitglieder jener Akrobatentruppen, die nicht nur im Orient 
selbst ihre Künste zu zeigen pflegen, sondern auch die Hauptstädte Europas besuchen. 



^2 Kap. IL ErholQDi^ssUltten in uod bei Damaskus. 

muhammedanische eingeborene Bevölkerung wandert am liebsten nach 
dem Osten der Stadt, dort, wo der Baradä Damaskus verlässt. Unter 
dem Laubdache schattenspendender Bäume lassen sich die Besucher 
auf Stühlen oder Bänken nieder oder lagern sich auf den Strohmatten 
oder Teppichen, die am Bach entlang ausgebreitet sind. Frauen und 
Männer haben das Narglle (Wasserpfeife) und die Kaffeeschale vor sich 
oder schlürfen *Arak, einen aus Traubenresten unter Beimischung von 
Mastix bereiteten Liqueur. Der *Arak kommt als Bowle in einer grösseren 
Schale auf den Tisch, möglichst auf ¥as (Teig), wie man den festgepressten 
Schnee nennt, der tägHch von den Bauern der benachbarten Gebirgs- 
dörfer nach der Stadt gebracht wird. Mit einem kleinen Gefässe wird 
aus dieser Bowle der Trank in die grossen Gläser gefüllt und meist mit 
Wasser verdünnt, das dann ähnlich wie beim Absinth eine milchartige 
Färbung annimmt. Dazu werden kleine Gurken, Pistazienkerne, Salzerbsen 
und Süssigkeiten gegessen. Die Unterhaltung wird meist im Flüstertone 
geführt, hin und wieder tragen Sänger unter Begleitung einer Guitarre mit 
näselnder Stimme ein Licbes^lied vor. Nach althergebrachter Sitte sind 
vielfach bei diesen Unterhaltungen, wie auch bei Picknicks und bei Fest- 
lichkeilen in den Häusern die Geschlechter noch getrennt und sitzen oder 
hocken in gesonderten Reihen einander gegenüber. 

Selbstverständlich fehlt es auch in der Stadt selbst nicht an arabischen 
Kaffeehäusern, welche hier häufig auf einer in das Wasser hineingebauten 
Estrade errichtet sind und in denen gleichfalls hin und wieder Sänger 
und Sängerinnen auftreten. Auch dramatische X'orführungen werden in 
den grösseren Cafes <^cboten^). Musiker, Sänger und Sängerinnen 
sind meist eingeborene Juden, seltener Christen. Poesie und Musik 
haben von jeher eine grosse Rolle im Orient gespielt, und gerade 
in Syrien hat sich seit kurzem die Kunst des Musikdramas auf eine 
höhere Stufe gehoben*). Ich wohnte in Damaskus im Hause des katho- 
lischen Erzbischofs der Vorstellung eines Musikdramas bei, das auf einer 
in dem Hofe aufgeschlagenen Bühne nur von jungen Männern aufgeführt 
wurde. Tänze, namentlich der in Egypten und anderen Gegenden des 



Sie (gehörten zu der Sekte der Sidi Hunid u Müsä, einer halbreli^ösen Bruderschaft, die sich 
hauptsächlich aus Berbern Marokkos rekrutiert. Kiner der von mir in Damaskus getroffenen 
junfi^en Akrobaten sprach deutsch. Er war der Sohn eines marokkanischen Artisten, dem 
eine Berlinerin als Gattin in seine Heimat (gefolgt war. 

*^ I>as »eingeborene« Cafe chantant ist jedoch in Berül \iel entwickelter als in Damaskus. 

'^ Ich möchte bei dieser Gele*jenheit erwähnen, «lass es in Kairo ein arabisches 
Theater piebt, in welchem tätjlich arabische <.)pern aufgeführt werden. Die Sänger sind 
meist egyptische Muhammedaner, die Sängerinnen christliche oder jüdische Syrierinnen. 
Hin und wieder spielt die Truppe mit durchaus würdiger Ausstattung^ im chediwialen Opem- 
hftus. Mehrere arabische Opern sind in den letzten Jahren von Syriern und Kgyptern ge- 
dichtet und komponiert worden. In die im übrigen gesprochene Oper sind regelmässig 



Kap. II. Geniissmittel im Orient. yo 

Morgenlandes so sehr beliebte Bauchtanz, werden dagegen in Syrien 
weniger gezeigt. 

Hier mögen einige Bemerkungen über die im Orient gebräuchlichsten 
Genussmittel eingeschaltet werden. Eine der grössten Leidenschaften des 
Orientalen ist das Rauchen. Der vielgenannte Tschibuk, eine lange gerade 
Pfeife mit kleinem Kopf, wird nur noch vereinzelt bei vornehmen alten 
Herren benutzt Seine Versorgung wird gewöhnlich einem ausschliesslich 
hiermit beschäftigten Diener übertragen, der dem Raucher den Tschibuk 
überreicht, indem er gleichzeitig ein kleines Messinggefäss in entsprechen- 
der Entfernung auf ein Tabouret oder auf den Tcppich stellt, damit die ab- 
fallende Kohle oder der abfallende brennende Tabak keinen Schaden an- 
richten kann. Der Tschibuk ist jetzt bei Hoch und Niedrig fast allgemein 
durch die Cigarette und die Wasserpfeife (Nargile) verdrängt. Die Nargiles, 
bei denen zum Saugen des Tabakrauches ein festes Rohr — meist aus 
Bambus — dient, heissen (jöze; sie werden in der Hand gehalten, und 
dementsprechend hat der Wasserbehälter in der Regel einen rundlichen 
Boden, der vielfach aus polierter Kokosnussschale besteht. Bei den 
Nargiles mit Schlauch (Argile, in Egypten Schischc) wird der meist gläserne, 
flaschenförmige Wasserbehälter auf die Erde oder ein Tischchen gestellt. 
Die Schalen dieses Rauchinstrumentes kommen gewöhnlich aus Europa, 
besonders Oesterreich; der Schlauch und der Aufsatz zur Aufnahme des 
Tabaks, ferner die dazu gehörigen Eayence- oder Metallflaschen, wie 
vornehme Reisende sie auch in Zinngefässen verpackt mitzunehmen pflegen, 
werden im Lande selbst fabriziert. 

Die Cigarre wird in Syrien und Mesopotamien von den Eingeborenen 
überhaupt nicht geraucht. Die Cigaretten^) stammen aus der türkischen 
Regie, nur in Mö§ul und Umgegend wird noch aus dem dort wachsen- 
den Tabak eine nicht von der Regie ausgehende Cigarette angefertigt. 
Dieselbe besteht aus einer in ihrer Form der Manila -Cigarre ähnelnden 
Papierhülse mit Mundstück. Zehn bis zwölf solcher leeren Hülsen werden 
gleichzeitig in die Hand genommen und mit dem kleingehackten, oft 



zahlreiche langatmige Lieder und Chöre eingeflochten, deren Musik durch die häufigen 
halben Noten einen eigentümlich schwermütigen Charakter erhält. Auch werden in jüngster 
Zeit vielfach eoropäische Schauspiele in das Arabische übertragen und vorgeführt. Anfang 
des Jahres 1897 Hess sich auch eine armenische Truppe in Kairo hören; die in türkischer 
Sprache angeführten Stücke lehnten sich aber fast ganz an die euro])äische Operetten- 
Musik an. 

*) Egyptische Cigaretten sieht man nur selten in Syrien. Uebrigens werden die 
egyptischen Cigaretten durchaus nicht aus egyptischem Tabak hergestellt, da in Kgypten 
schon seit geraumer Zeit, vorzüglich aus steuerfiskalischen Gründen, der Anbau von Tabak 
strengstens untersagt ist Der dort verwendete Tabak kommt namentlich aus Kreta und 
den anderen Inseln des Archipels, ferner aus dem westlichen Kleinasien, aus Macedonieu 
*~ and aus Griechenland. 



nA Kap. II. Schech Seijid U GTlänT. 

staubförmigen Tabak gefüllt. Der Bauer und vor allem der Beduine ist 
ein grosser Freund des Tabaks, den er aus kurzen irdenen Pfeifchen, 
die den englischen pipes nicht unähnlich sind, zu rauchen pflegt. 

Von Streichhölzchen sind »Schweden« fast gar nicht im Gebrauch, 
sondern italienische Wachskerzchen und österreichische Zündhölzer aller- 
schlechtester Art, die aber wegen der wfenig anständigen Bilder auf den 
Schachteln viel begehrt sind. Zum Anstecken der Cigaretten ist eine 
besondere Zündpappe, arabisch Kau, behebt. 

Opium wird in Syrien nicht geraucht, dagegen steht der Haschisch, 
ein berauschendes Hanf- oder Mohnpräparat, welches unvermischt ge- 
nossen oder dem Tabak beigemengt wird, bei den niederen Ständen in 
Gunst, doch kann die mohammedanische Bevölkerung als durchaus massig 
gelten. Das Schimpfwort »baschschäsch« entspricht unserem »Trunken- 
bold«. Keineswegs ist das Laster des Haschischrauchens derart verbreitet, 
wie bei uns der Genuss der Spirituosen *). Wein wird in Syrien so gut 
wie gar nicht *Arak nur von den besseren Klassen genossen. 

Als weiteres Genussmittel ist in Syrien und Mesopotamien eigent- 
lich nur noch der Kaffee bekannt, der entweder mit Zucker (bisukkar) 
oder ungesüsst (säde) zwei- bis dreimal aufgekocht und mit dem Satz 
in kleine Tässchen geschüttet wird. Thee wird ausserordentlich selten 
und nur von Vornehmen getrunken; lediglich der schwarze Thee ist im 
Gebrauch. Im ganzen Marrib ist dagegen der Kaffee fast unbekannt, 
statt dessen wird grüner chinesischer Thee aus kleinen Gläsern getrunken, 
deren man oft eine grosse Anzahl leeren muss, bevor man als anständiger 
Mann in das eigentliche Gespräch eintreten kann. Der Thee wird dort viel- 
fach mit Ambra, Pfefferminze und anderem Gewürz vermengt und möglichst 
stark mit Zucker versüsst. 

Zu meinen besten Freunden zählte ich in Damaskus den Chef 
des Ordens der Kadrijin (Kädirijin), den der vornehmen Familie der Giläni 
aus Bardäd angehörigen Schech Seijid il Giläni, einen ehrwürdigen, alten, 



*; Weit mehr als in Smen und Mesopotamien ist das Hanfrauchen in Egypten rer- 
breitet In Marokko wird iler Hanf ^Kif p^enannt) klein i^ehackt und mit Tabak vermischt 
oder auch unvermenjjt in winziij kleinen Thonköpfchen aus etwa i Fuss langen Pfeifen sehr 
>iel sreraucht. Das Tabakrauchen gilt in Marokko als sündhaft and ist wiederholt tod den 
Sultanen Tollständitr verboten worden. Geleqrcntlich werden dort Razzias in den Bazaren unter- 
nommen und die vorcrefundenen Tabakvorräte von den Beamten zusammen^etra^n und verbrannt 
was als ein Gott q^efälliges Werk betrachtet wird. Auf meiner ersten marokkanischen Reise 
im Jahre fSS6 hatte ich in meiner Karawane einen Kifraucher, der. ähnlich unseren Quartals- 
trinkem. alle zehn bis zwölf Tac^e sich einen Rausch anrauchte, der nahezu 24 Stunden 
dauerte: in dieser Zeit blieb er voUständicr arbeitsunfähifr. während er sonst der beste 
Mann meiner Karawane war. 



Kap. 1 



UrUilerschaften ii 



r urnbischen Türkei, 



75 



sehr aufgeklärten Herrn. Die Kadrjjin und Rifä'ijln sind die in der 
arabischen Türkei am weitesten verbreiteten religiösen Brüderschaften. 
Der Oberschcch der er.steren hat .seinen Sitz in Bardäd, derjenige der 
letzteren in Basra. Das Vorkommen der Scniisi, die in den letzten Jahr- 




zehnten so viel von sich haben reden machen, habe ich in Syrien und 
Mesopotamien nicht konstatieren können, wiewohl Dnvcyrier in seiner 
Broschüre über den Scnvlsiorden') dessen Verbreitung in diesen Ciegenden 
— und zwar an von ihm genau bezeichneten Orten — als wahrscheinlich 

') Vergl. .lie Karte hei 11. Diueyricr. I.a coiifreric musulmune <le Siili Müh.immfil 
ben'An es-äenoast, Fans iSSü. 



^6 Kap. II. Verwaltung and Garnison in Damaskus. 

hingestellt hat, und ich demzufolge daselbst Erkundigungen eingezogen 
habe. Uebrigens haben die muhammedanischen religiösen Orden in einein 
festgegliederten Staate wie die Türkei nicht dieselbe Bedeutung, als z, B. 
in den Saharaländem. Hier zulande sind sie vielmehr nur private Vereine 
mit religiösen Tendenzen. Ihre Zwecke sind gegenseitige Unterstützung 
und Wohlthätigkeit, die Festigung des Islam und die Religionspflege durch 
Abhaltung von einfachen Gebeten, gemeinsamen Reiigionsübungen und 
Ceremonien. In den seltensten Fällen sind die Anhänger einer solchen 
Brüderschaft (Tarika) im gewöhnlichen Leben äusserlich erkennbar. 

Damaskus ist der Sitz eines Wali*) und des Stabes des fünften 
Armeekorps^). Die Stadt hat eine bedeutende Garnison; die Truppen 
setzen sich aus allen Waffengattungen zusammen und rekrutieren sich 
aus verschiedenen Gegenden der asiatischen Türkei^). In der berittenen 
Gendarmerie in Damaskus behndcn sich zahlreiche Tscherkessen und 
Kurden, jedoch keine Araber. Das Soldatenmatcrial ist ein entschieden 
gutes und die Haltung der Truppen eine stramme*). Das prächtige 
Gebäude des Militär -Gouverneurs und die meisten Kasernen liegen in 
der Nachbarschaft des Serai, im Westen der Stadt sind neuerdings 
grosse Kasernen errichtet worden. Im Gouvernementsgebäude haben 
Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. und Ihre Majestät die Kaiserin auf 



'' Das Serai besieht aus einem aus (iein Aufange dieses Jahrhunderts stammenden 
Palaste, in dessen Nähe Post- und (lerichtsijebäude, sowie die bedeutenderen Hotels der 
Stadt sich befinden. Am Serai-Platz liegt auch das ganz moderne Gebäude der Munizipalität. 

* Der Bezirk des fünften Armeekorps umfasst ganz Syrien vom Taarus an und 
Palästina, sowie den nordwestlichen Teil von Mesopotamien mit Urfa. 

*; In Konstantinopel steht ein ausschliesslich aus Syriern rekrutiertes Garde-Infanterie- 
Regiment. 

*' Ich lernte in Damaskus u. a. fünf türkische Offiziere kennen, welche sich mit mir in 
ausgezeichnetem Deutsch unterhielten. Bis vor kurzem waren sie mit mehreren Kameraden 
auf einii^e Jahre zur deutschen Armee kommandiert gewesen. Die Herren waren: Nassir 
Bey, früher kommandiert zum 3. (iar<Ie- Regiment zu Fuss in Berlin, damals Flügeladjutant 
des Sultans, Oberstlieutenant und Inspektor der Infanterie, Sohn des bekannten, in Bardäd 
damals noch lebenden Generals Nusret Pascha ; Riza Bey, früher kommandiert zum Feldartillcrie- 
Reji^ment No. 27 in Mainz und Wiesbaden, damals Flügeladjutant des Sultans und Obcrst- 
licutenant; Schevket Bey, früher kommandiert zum Artillerie -Regiment von Scbarnhorst in 
Hannover, damals Major der Artillerie; Salih Bey, früher kommandiert zum Husaren- 
Regiment Xo. 9 in Trier, damals Adjutant-Major Kol Aghassi' ; Hilmi Bey, früher kommandiert 
zum Infanterie- Regiment No. 81 in Frankfurt a. M., damals Kol Aijhassi. Diese Offiziere 
hatten gerade ihre 1 )ienstreisen zu verschiedenen Armeekorps der asiatischen Türkei beendett 
bei denen sie mehrere Monate lang als Instruktions- und Inspektionsoffiziere ihätig gewesen 
waren. Ihr schneidiijes, echt militärisches Auftreten zeigte, dass sie die preussische Schalung 
nicht vergessen hatten. Sie haben das auch in dem griechisch -türkischen Kriege von 1897 
bewiesen und sich in hervorragender Weise ausgezeichnet. Ihre deutschen Regimenter und 
Kameraden hatten sie in bestem Andenken; mit einzelnen standen sie noch im Briefwechsel, 
und mit Freuden gedachten sie der Zeit, die sie in Deutschland zugebracht hatten. 



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Kap. n. Die Umgebang von Damaskus. — Organisation meiner Karawane. n'j 

ihrer denkwürdigen Reise nach dem Heiligen Lande und Syrien im 
Herbst 1898 Wohnung genommen. 

Von Ausflügen in die Umgegend bot der Besuch eines dem alten 
Mubammed Pascha Sa*id, dem Emir il Hag^g^, gehörigen Landgutes mit 
ausgedehnten Blumengärten besonderes Interesse. Da der Pascha in 
der Stadt seinen ständigen Wohnsitz hat, war nur wenig Mobiliar 
im Hause; der Besitzer pflegt jedesmal, wenn er mit seinem Harem 
hier Aufenthalt nimmt, gleichzeitig seine Betten, Divankissen, Koch- 
geschirre u. s. w. mitzubringen. Bei dem Landhause befand sich ein 
Gestüt von arabischen Pferden edelster Rasse. Die luftigen, wohl- 
gepflegten Ställe waren von einem grossen Hof umgeben. 

In Damaskus sollte meine Uebcrlandcxpedition nach Bardäd or- 
ganisiert werden. Die Zusammensetzung der Karawane und die son- 
stigen Reise Vorbereitungen gingen nur langsam von statten. Einen der 
berufsmässigen Fremdenführer und Reiseunternehmer, einen sogenannten 
Reisedragoman, mitzunehmen, hatte ich von vornherein abgelehnt. Es 
sind dies meist syrische Christen, welche, je nach Gelegenheit, in 
Egypten, Palästina oder Syrien völlig geschäftsmässig ihren Beruf 
ausüben und, abgesehen davon, dass sie den Fremden gewaltige 
Summen abzunehmen pflegen, erfahrungsgemäss überall da ein Abgehen 
von den Karawanenstrassen zu hintertreiben suchen, wo Unbequemlich- 
keiten oder gar Gefahren zu erwarten sind. Selbstverständlich geben 
sie lieber lücken- und lügenhafte Auskünfte, als dass sie sich lang- 
wierigen Erkundigungen unterziehen. Für Reisende, welche wissen- 
schaftliche Zwecke verfolgen, und für Gegenden, welche ausserhalb des 
gewöhnlichen Touristenverkehrs liegen, sind sie vollständig unbrauchbar. 

Meine Karawane bestand anfänglich aus zehn Personen, und zwar 
aus drei Kameltreibern, zwei Pferdeknechten, zwei syrischen Dienern, 
einem armenischen Koch, einem Beduinen, dem sogenannten »Schech« 
Man§nr Na$r, und endlich einem Schüler der amerikanisch -protestan- 
tischen medizinischen Schule in Berüt, einem jungen christlichen Syrier 
aus Hama gebürtig, namens Negib Sallüm, der von seinem Direktor, 
Herrn Bliss, und seinem Lehrer, Herrn Dr. Post, zu meiner Begleitung 
beurlaubt worden war. Er machte sich während der Reise vor allem 
dadurch nützlich, dass er im stände war, die vorkommenden Namen korrekt 
arabisch aufzuzeichnen und die gesammelten Pflanzen zu trocknen. Die 
Kameltreiber sowie der eine Pferdeknecht namens Aschbän gehörten 

dem Stamme der *Agcl |uaP an; der andere Pferdeknecht war ein 

Perser. Auch Schech Man.sür, der sich für einen *Aneze-Beduinen, und 



^g Knp. II. Mein PersoDul. 

zwar für einen Sebä' ausgab, war in Wirklichkeit ein Stamm es genösse 
der'Agel'), die bei Hardäd sesshaft geworden sind und sich vornehmlich 
als Führer von La.stkarawanen verdingen; sie stellen auch die Kamele für 
die Wüsten ]iosl*). In früherer Zeit soll Man^ür auf der Strecke Damaskus^ 
Bardäd den l'ostdienst versehen haben. Mit den Scbä'- Beduinen hatte 
er durch .seine Mutter Beziehungen, und zwar zu dem Schcch Migwel, 
welcher eine vor einigen Jahren verstorbene, reiche und vornehme Eng 
länderin geheiratet hatte Das Leben und die Schicksale dieser Frau 
sind ungemein romantisch und werden noch häufig in Syrien besprochen. 
Sie war, nachdem sie ihren Gatten verlassen hatte, nach Kairo gekommen, 
wo sie eine Zeit lang am Hofe 
des Chediw Isma'il lebte. Auf 
einer Tour nach l'almyra diente 
ihr der Schech Mi^wel als Führer, 
und dieser ersann einen abenteuer- 
lichen l'lan, um sich in den Besitz 
der Lady und ihres Vermögens zu 
bringen. Auf seine Veranla.ssung 
wurde sie von seinen Stammes- 
genossen überfallen, und er er- 
schien als heldenhafter Retter aus 
der höchsten \ot. Die Komödie 
wurde programmmässig ausge- 
führt, und die Dame reichte 
ihrem mutigen Beschützer die 
Hand zum Bund fürs Leben. In 
Damaskus wird noch heute das 
Haus gcifeigt, das sie während 
Mein FteskicT MaDjür. cincs Teiles des Jahres bewohnte; 

aber monatelang pflegte sie jedes 
Jahr mit ihrem Gatten und seinem .Stamme wie eine echte Beduinenfrau 
in der Wüste zu leben. Ich war mit Schech Mansur in keiner Weise 
zufrieden; er hat sich in jeder Beziehung als unzuverlässig, unehrlich und 
unbrauchbar erwiesen; auch kannte er nur den nordwestlich.sten Zipfel 
des Hamäd, speziell die l'almyrene. Dadurch, dass er die Wege in den 
anderen von mir durchzogenen Gebieten nicht kannte und in der so 
ausserordentlich wichtigen Wasser- und Verproviantierungsfrage einen 
unverantwortlichen Leichtsinn bewies, hat er die Expedition in ernste 
Gefahren gebracht, so dass ich ihn bald vollständig bei Seite schob, 

') Die '.A^'cl zahlen iv <Un ülteslcn Ueiliiluenstltniiiien. Vergl. Abalfctla Chronik, 
Bd. IV S. Sj. Kill leil dir •.\ze\ btvölkeri heule mich die Oaseiibeiirke im Süden des XegJ, 




Kap. IL Die Wasserfra^^e. jo 

Von meinen Dienern zeichnete sich besonders der Libanese Tannüs 
Ma'lüf durch Treue und Zuverlässigkeit aus^). 

Mein Tierpark bestand aus 6 Pferden, einigen Reitkameien (Delül 

J jli), die für den Fall des Verlustes der Pferde mitgenommen 

wurden, und 12 Lastkamelen; die letzteren waren gemietet. Im Verlauf 
der Expedition war ich gezwungen, die Karawane durch weitere Kamele, 
auf einzelnen Strecken bis zu zehn Tieren, zum Zwecke der Mitführung 
von Wasser und Proviant zu verstärken. 

Gerade die Wasserversorgungsfrage war von besonderer Bedeutung 
für die Expedition, weil die Reise in den Sommer 1893 ^^1» ^^^ nach 
Angabe der Beduinen noch dazu als aussergewöhnlich heiss bezeichnet 
werden musste, und weil infolgedessen in der Wüste nur auf wenige 
Stellen zu rechnen war, an denen mit einiger Bestimmtheit Wasser ge- 
funden werden konnte. Jedenfalls war die Möglichkeit nicht ausser Acht 
zu lassen, dass wir drei Tage lang, ohne Wasser einzunehmen, aushalten 
müssten. Abgesehen davon, dass der eine oder der andere der wenigen 
bekannten Brunnen ausgetrocknet oder unbrauchbar geworden sein konnte, 
war gerade im Sommer auch die Gefahr in Betracht zu ziehen, dass 
wir durch Raubzüge (Razu) streifender Beduinen, die vielfach in einer 
Stärke von 100 und mehr Mann von sehr entfernten Gegenden heran- 
nahen, und die ebenfalls auf die wenigen Wasserstellen angewiesen sind, 
vom Wege abgedrängt werden konnten und dann bis zum nächsten 
Wasserplatze weiter marschieren mussten. An einen ernstlichen Wider- 
stand gegen eine solche Schar hätte ich bei der geringen Anzahl meiner 
eigenen Büchsen nicht denken können, trotz einer ständigen Eskorte, 

die entweder aus einigen Zaptije (Dabtije A-k-^, türkische Gendarmen) 

oder aus Beduinen desjenigen Stammes bestand, welcher in dem zu 
durchziehenden Gebiete seine Weideplätze hatte. Eine solche Beduinen- 
Eskorte kann übrigens nur gegen L^eberfälle seitens des eigenen oder eines 
befreundeten Stammes Schutz gewähren. Das Gebot der Blutrache macht 
die Zusammenstösse mit feindlichen Beduinen besonders fatal, der 
Reisende, der einen Beduinen tötet, muss gewärtig sein, dass dessen 
Stammesgenossen ihn wochen- und monatelang verfolgen. 

Es war meine Absicht, möglichst am Tage zu marschieren, sowohl 
um die durchreisten Gebiete aus eigener Anschauung gründlich kennen 
zu lernen, als auch deshalb, weil die Raubkarawanen im Sommer meist 



*) Bei meinem erneuten Besuche in Berüt im Jahre 1S97 fand er sich sofort wieder 
auf dem Schiffe ein, bemächtigte sich meines Gepäckes und diente mir wieder, als ob 
dies selbstverständlich wäre, auch ein drittes Mal im Jahre 1898 that er wieder bei mir Dienste. 



8o Kap. II. Die Wasserfrage. 

die Nacht zum Marsche wählen. Trotzdem wollten meine Leute wegen 
der unglaublichen Tageshitze nur bei Nacht marschieren, und ich musste 
wiederholt mit ganzer Energie vorgehen, um meinen Willen durchzusetzen. 
Wichtig ist es, sich den Beduinen in ihrer Sprache verständlich zu 
machen, denn die durch einen Dolmetscher ausgesprochenen Wünsche 
begegnen stets einem unbesiegbaren Misstrauen und rufen gar zu leicht 
Missverständnisse aller Art hervor. 

Auf lange Märsche (in der Regel 12 Stunden täglich) musste ich 
— ebenfalls häufig gegen den lebhaften Einspruch meiner Begleiter — 
schon deshalb dringen, um die Gefahr des Verdurstens infolge des 
Ausgehens unserer Wasservorräte nicht noch zu vergrössern. Die 
Temperatur war in der That eine aussergewöhnlich hohe; als Durch- 
schnitt der Tagesmaxima stellte ich 47® C. für die heissesten Wochen 
meiner Expedition fest. Die höchste beobachtete Temperatur im Schatten 
war 54® C. Wenn in diesen Ziffern auch die von der Erde ausstrahlende 
W^ärme mit zum Ausdruck kommt, also nicht die wirkliche Wärme der 
Luft wiedergegeben wird, so zeigen sie doch die Hitze an, welcher 
wir thatsächlich ausgesetzt waren. Ich suchte mich gegen die Sonnen- 
strahlen durch mehrere, über einander getragene, leichte Kleidungsstücke zu 
schützen; vor allem leistete eine dünne, weite, weisse 'Abäje gute Dienste. 
Dazu trug ich einen sehr breitkrämpigen Hollundermarkhut, um den ein 
dunkler, aufgedrehter Schleier nach Art eines Turbans oder des bei den 
Beduinen die Kcffijc umgebenden doppelten Kamelhaarstrickcs gewickelt 
war. Trotzdem war die Hitze während des Marsches oft geradezu un- 
erträglich, und trotz einer schwarzen Brille waren meine Augen oft genug 
entzündet. 

Es ist geradezu unglaublich, wieviel Flüssigkeit der menschliche 
Körper an einem heissen Marschtage in der Wüste aufnehmen kann. 
Zu dem Bedarf an Trinkwasser tritt für den Europäer das zum Kochen, 
zum Waschen des Gesichts und der Augen benötigte Quantum hinzu. 
Man kann sich demnach einen Begriff davon machen, wieviel davon 
abhängt, rechtzeitig die Wasserstellen zu erreichen. Das Pferd kann 
keinen einzigen Tag, wenn es wirklich von morgens früh bis abends spät 
in der Sonnenhitze marschieren soll, ebensowenig wie der Mensch, ohne 
Wasser bleiben. Das Kamel hält es dagegen bei einem Tagemarsch 
von 12 Stunden im heissen Sommer zwei, im Notfalle drei Tage ohne 
Nachteil für seine Gesundheit ohne Wasser aus. In der kühleren Jahres- 
zeit kann es das Wasser noch länger entbehren, besonders, wenn man 
es möglich machen kann, ihm Grünfutter zu geben. 

Zum Mitführen des Wassers benutzten wir, wie dies in Arabien, in 
der Sahara und fast in der ganzen muhammedanischen Welt gebräuch- 
lich ist, Ziegen- oder Hammelhäute (Kirbe <>^), welche ausgegerbt 



Kap. II. Die Wasserfraßfe. 8l 

sind und deren Gliederteile, nachdem der Kopf abgeschnitten, mit Aus- 
nahme eines Beines oder des Halses zusammengenäht werden. Die 
Oeffnung dient zum Füllen des Schlauches, der mit einer Schnur sorgsam 
zugebunden wird. Wehe dem Leichtfertigen, der beim Oefihen oder 
Schliessen der Kirbe etwas von dem kostbaren Nass auf den Boden 
fliessen Hesse, seine Kameraden würden ihm übel mitspielen! Von 
diesen Schläuchen, welche gewöhnlich 30 — 40 Liter fassen, trägt ein 
Kamel vier bis fünf Stück. Dass das Wasser durch den Transport in den 
Schläuchen nicht besser wird, ist selbstverständlich. Infolge der brakigen 
Bestandteile, welche in allen Cisternen und Wasserstellen der Wüste sich 
finden, nehmen die Schläuche bald einen erdigen, fauligen Geschmack 
und Geruch an, der später selbst dem klarsten Brunnenwasser sich mitteilt. 
Uebrigens verdunstet ein grosser Teil des Wassers in den Schläuchen; 
während meines Marsches durch die Harra war der Inhalt der nicht in 
Angriff genommenen Schläuche am Ende des zweiten Tages fast auf 
die Hälfte reduziert, wobei allerdings eine /Xnzapfung seitens der 
durstigen Treiber, trotz aller Beaufsichtigung, mitgewirkt haben mag. 
Auch ist die Gefahr nicht zu unterschätzen, dass bei einem Sturze auf 
spitze Steine die Kirbes platzen. Nach der Entleerung müssen die 
Schläuche einer ausserordentlich sorgfältigen Behandlung beim Trocknen 
und Wiederfüllen unterzogen werden, um die Nähte vor dem Bersten 
oder Reissen zu schützen. 

Bei der englischen Kolonialarmee, besonders den in Aden und 
Ober-Egypten stationierten Truppenteilen, sind die verschiedenartigsten 
Versuche, den Wassertransport betreffend, angestellt worden. Die während 
längerer Zeit benutzten fassartigen Holzgefässe haben sich in der Tropen- 
hitze nicht bewährt. Sie sind überdies Unfällen aller Art zu leicht aus- 
gesetzt und deshalb wieder ausser Gebrauch gekommen, und man be- 
vorzugt in der englisch -egyptischen Armee gegenwärtig eiserne verzinnte 
Behälter. Ein praktisches Modell dürfte das nachstehend beschriebene 
sein, das ich vor kurzem habe anfertigen lassen. Der Kasten ist, um 
oben auf dem Rücken des Kamels Platz zu finden, höher und länger 
als breit. Mein Modell misst 60 cm in der Länge, 47 cm in der Höhe 
und 38 cm in der Breite. Auf der dem Tier zugekehrten Seite sind 
oben und unten je zwei Ringe angebracht, durch welche der kreuzweis 
laufende Strick oder Ledergurt hindurchgeht, mittels dessen das Gefäss 
an dem Kamel befestigt wird. Ein rundes Loch von etwa 4 cm Durch- 
messer in der oberen Wand, das durch eine starke Messingschraube ge- 
schlossen wird, dient zum Auffüllen des Behälters; eine zweite, kleinere 
Oeffnung am unteren Teile der Schmalseite lässt das Wasser ablaufen; 
letztere ist mit einem Messingkrahn versehen, der durch eine Charnier- 
• vorrichtung in den Behälter selbst hineingebogen werden kann, und, wie 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Goli. 6 



82 ^'P- 'I- VVuier-Kästen- 

auch die Verschlussschraube des oberen Loches, in Einbuchtungen des 
Kastens verschwindet. Ueber diese Einbuchtungen l^en sich vcrschliess- 
bare Platten, von Chamieren gehalten; ist der Schlüssel abgezogen, so 
ist ein Entwenden der kostbaren Flüssigkeit unmöglich. Um das Wasser 
einigermassen kühl zu erhalten und den Kasten selbst zu schützen, ist 
derselbe mit einer dicken Filzlage umgeben, die an den Stellen, wo 
die Tragriemen hin durch fuhren , durch Lederstreifen vor dem Abreiben 
geschützt wird. Mein Modell fasst 54,5 Liter Wasser und wiegt, aus- 
schliesslich des notwendigen Sattels, der Stricke u. s. w., ungefüllt 15,5 kg. 
Ein Kamel wurde demnach durch je zwei mit Wasser gefüllte Kästen 
eine Gesamtbelastung von etwa 150 kg erfahren, mehr sollte man den 
Tieren, während des Sommers wenigstens und auf grossen Märschen, 




-Moilull eines \V»SBerkaaleDS. 

um sie leistungsfähig zu erhalten, nicht zumuten. Vielleicht wird das 
von mir angegebene Modell von anderen Reisenden geprüft und 
verbessert. 

Zur Benutzung auf dem Marsche und im Zelte für unsere Leute 
führten wir die allgemein gebräuchlichen, kleineren, aus starkem Leder 

gefertigten, flaschenartigen Wassergefässe , in Syrien Zcmzemije <j^J^j 

genannt, mit uns. Auf einem ovalen Boden erhebt sich das cyhndrische 
Gefass, das oben in zwei Mündungen ausläuft, die durch Leder oder 
Holzstöpsel verschlossen werden. An eisernen Haken wurden sie mittels 
Ketten an den Stricken oder dem Gepäck der Kamele oder an dem 
l'fcrdesattel befestigt'). 

'. Auch diese GefäBse fiiidoii »ich in Jer tranicQ muhanuncilani sehen Welt. In 
Marokko sind sie in schün gearbeiteten, rot angestrichenen nnil mit nufgeuiBllem Ziemtt 
in bunten Farben versehenen Thongefüssen nichgeahmt worden. 



Kap. II. Sonstige Ausrüstangsgegenstände. 8^ 

Besonderer Vorsicht bedurfte es zur Erhaltung der zerbrechlichen 
Thonkrüge (Scherbe), die ich für meinen Privatgebrauch bestimmt hatte. 
Sie sind schwach gebrannt und bestehen aus porösem Thon; am Halse 
befindet sich eine mit Löchern versehene Schutzvorrichtung, um das 
Eindringen von Staub und Schmutz abzuwehren. Die Scherbe erhält 
das Wasser besonders kühl und wird in den verschiedensten Formen und 
Grössen in allen Ländern des Orients benutzt. 

Für den persönlichen Gebrauch der Europäer dürften sich auf der 
Wüstenexpedition Flaschen aus Aluminium, emailliertem Eisenblech, ver- 
silbertem Kupfer oder auch aus Hartgummi, welche mit dickem Filz 
umkleidet sind und ein bis drei Liter fassen, besonders eignen. Der 
Stopfen muss unter allen Umständen an der Flasche selbst befestigt 
sein. Ich hatte als eisernen Bestand von einer in Damaskus befindlichen 
Mineralwasserfabrik einige Kisten kohlensaures Wasser mitgenommen, das 
bei Indispositionen infolge des Genusses des schlechten Wüstenwassers 
sehr gute Dienste leistete. 

Wenn ich der Frage des Wassertransportes einen verhältnismässig 
breiten Raum gewidmet habe, so geschah es, weil ich aus eigener Er- 
fahrung weiss, wie davon in erster Linie das Leben des Reisenden in 
der Wüste abhängt. Die Geschichte der Libyschen Wüste weiss da- 
von zu erzählen, wie ganze Karawanen, von Wadai kommend, wenige 
Stunden vor den egyptischen Oasen verschmachtet sind. Ueberall 
auf den Karawanenstrassen der Sahara und der Arabischen Wüste 
grinsen dem Reisenden die bleichenden Knochen von Pferden und 
anderen Tieren entgegen, in jedem Sommer gehen hier infolge des 
Wassermangels Menschenleben zu gründe. 

Des Alkoholgenusses habe ich mich während meiner Expedition 
möglichst enthalten, von dem mitgeführten syrischen Wein trank ich 
täglich ein Glas und mied alle sonstigen Spirituosen. Ich habe mich 
dabei sehr wohl befunden. Mein Vorrat an Konserven war gering; ich 
beschränkte mich im allgemeinen auf die ortsübliche Nahrung, bezw. die 
Speisen der Drusen und der Beduinen: Reis und Burrul, und wenn die 
Gelegenheit sich bot, Hammel- oder Hühnerfleisch. Mein Bestand an 
Biscuits, welche die vornehmen Araber auf Reisen mit Vorliebe ge- 
messen, war bald aufgezehrt, und von da ab wurde Brot als Lecker- 
bissen betrachtet. 

Mein Zelt hatte ich mir aus Kairo mitgebracht, wo die für Reisen 
in trockenen, warmen Gegenden entschieden besten Zelte angefertigt 
werden. Nur die iijdischen Fabrikate halten einen Vergleich mit den 
egyptischen aus. Die Kairenser Zelte sind vieleckig mit einem einzigen 
Zeltbaum in der Mitte, das Dach ist doppelt, um gegen die Sonnen- 
strahlen genügenden Schutz zu gewähren. Für mein Zelt hatte ich mir 

e» 



34 l^P- ^I- V^o* Aufbruch. 

einen baldachinartigen Vorbau herrichten lassen, in dessen Schatten ich 
an Rasttagen im Freien die Besuche der Eingeborenen zu empfangen liebte. 

Es sei gestattet noch eines scheinbar unbedeutenden, aber sehr 
wichtigen Gegenstandes zu gedenken: der Laterne. Jeder, der grössere 
Expeditionen mitgemacht hat, weiss, welche Schwierigkeit die Beleuch- 
tungsfrage macht. Ich habe mir ein neues Modell konstruieren lassen, 
das ich ebenfalls zum Versuch und zur etwaigen Verbesserung empfehlen 
möchtet) Die unseren Wagenlatemen ähnliche Lampe ruht während des 
Transportes in einem Futteral; beim Gebrauche wird sie durch den mit 
einer Feder versehenen eigentlichen Kerzenhalter, der durch den Deckel 
des Futterals gesteckt wird, mit letzterem verbunden. Die mit einem 
Handgriff versehene Laterne ist sowohl hängend wie stehend zu ge- 
brauchen. Eine Metallplatte, die nach Bedarf hineingeschoben werden 
kann und in einer Tasche des Futterals Platz findet, ermöglicht es, die 
Lampe zur HIendlaterne umzuwandeln. 

An Geschenken für Beduinen wurden besonders Mäntel, Reiter- 
stiefel und Kopftücher mitgenommen, ausserdem grössere Quantitäten 
von Tabak, um welchen man vielfach angegangen wird. Auch die kleinen 
vorerwähnten irdenen Pfeifen, welche ich in grosser Zahl mitführte, 
machten mir später viele Freunde. 

Infolge der durch die Güte des Fürsten Radolin, unseres damaligen 
Botschafters in Konstantinopel, mir ausgewirkten offiziellen Empfehlungen 
des türkischen Ministeriums des Innern an die Walis der zu bereisenden 
Provinzen erhielt ich von Ra'üf Pascha, dem damaligen Wali von Damaskus, 
ein Empfehlungsschreiben an den in Schech Sa'd residierenden Mute§arrit 
des Haurän. Ich kann nicht umhin, dankbar anzuerkennen, dass die 
türkischen Behörden während des ganzen Verlaufs meiner Reise das 
freundlichste Entgegenkommen und die thatkräftigste Unterstützung mir zu- 
teil werden Hessen. Selbstverständlich mussten da, wo meine Expedition 
durch das Gebiet unbotmässiger Stämme führte, mit diesen von Fall zu 
P'all noch besondere Abmachungen getroffen werden. 

Am 24. Juni 1893 endlich brach die Karawane auf. Ich zog es vor, bis 
Schech Miskin die Haurän-Eisenbahn zu benutzen. Der Hauränbahnhof 
lie^^t im Westen von Damaskus, unweit der Tekkije der Derwische. Um 
5 Uhr früh bestieg ich einen zum Transport der Arbeiter und Materialien 
bestimmten Zug. Die Fahrt ging zunächst an dem damals noch im Bau 
begriffencncn Ilauptbahnhof von Damaskus im Westen der südlichen, 
langgezogenen X'orstadt Midän vorbei, durch die Aussengärten der Stadt 
nach Dareija, einem zu drei Vierteilen von Muhammedanern und 

») Das Mo«lcll habe ich tlor Berliner Tropenausrüstunß:s-Firma v. Tippeiskirch & Co. 
ül)crjjel)on 



Kap. II. Mit der EuenbafaD nach Scbech Miskin. 



85 



einem Viertel von meist griechisch-orthodoxen Christen bewohnten, 
grossen Dorfe mit einem Minaret und einer dem heiligen Ezechiel 

ij ",9- gewidmeten Kubba (Kuppelgrab).') Aus Däreijä kommen 

besonders gute, grossbeerige und dickschalige, süsse Tafeltrauben nach 
der Stadt. Weiter führte die Bahn durch Gersten- und Weizenfelder, 
welche vielfach von wildwachsenden Lakritzenstauden durchsetzt waren. 
Bald tauchte das den Erben des algerischen Emirs 'Abd il Kädir ge- 
hörende Dorf il Aschrafije <ij-l >l auf*). Hinter dem Dorfe Sahnäjä 
liUsk^ , 13 km von Damaskus, durchschnitten wir eine vulkanische Hügel- 
kette, den Gebel il Mäni' iüü.\ L^. Hier zeigten sich zuerst die Aus- 
läufer des ungeheuren Vulkangebietes des 
Haurän: deutlich erkennbare Lavawellen 
und weit in die Ebene hineingeschwemmte 
lose und meist rundliche Lavaklumpen. Beim 
sechzehnten Kilometer erreichte die Hahn 
ihre höchste Steigung; beim zwanzigsten 
Kilometer überschritten wir den damals 



wasserleeren Nähr il A'wag t-^jI j^ . 
'gekrümmter Fluss«. Rechts von der Bahn 
lag hier das Dorf il Mugelibe, links das Dorf 
il Kiswe »_j__Xjl. Bald darauf wurde die 

befestigte Kaserne Chan Dannün jj'j jU- 

und weiter südlich der Ruinenort 19 Sanamen j;^^ .^,„, ^^ Kädir. 

passiert. 

Die Gegend war einförmig geworden und blieb es bis Schech 
Miskin. Soweit das Steingeröll es gestattete, dehnte sich hier fruchtbares 
Ackerland, rechts begrenzt durch das schneebedeckte, imposante Gebirgs- 
massiv des Hermon, links durch kleinere Höhenzüge und später durch 




*) ADderwätts in Syrien und NordmesopotE 
Imäm ^Dannt. 

') 'Abd II Kidir wn nach scinei 
tQlernierl ^hallen nnd dnnn freigelassei 
nicht mehr Dach Algerien turUckiugehei 
El wurde ihm ein Jihresgehali von 70c 
niederKcUucD, war dann nach Mekka 



lieh Well (Wuli), in Sadmesupr 



Wohnntz enritUt, 9 



er im Mni 1883 verstorben ist 
it lablreichen algeriiehen Endfn'anlen c 



Niedere erfuni; zunüchsl einii;e J^ihre in Kroiiltrcich 
worden, nachdem er auf den Koran gesclm oren, 
und auch niuhl gugcn Frankreich zu n{;llleren. 
•o Frcs. auageselzt. Er hatte sich zuerst in Brussa 
gezogen und halte sich schliesslich Damaskus zum 



n besonderen kleinen Stadtleil. 



86 Ka,p, II. UD^^nstigre Nachrichten. — Ankunft im Zeltlager. 

die schwarze Leg^ä (il Leg^ät obJÖ^). Einige aus den Leg^ädörfern zur 

Ernte in die Ebene gekommene Landleute, welche erstaunt die Loko- 
motive anstarrten, waren die einzige Abwechslung auf dieser Strecke. 

Schech Miskln*) wurde gegen lO Uhr morgens erreicht; hier er- 
warteten mich Man§ür und Ne^ib Sallüm, welcher in Schech Sa*d 
Empfehlungsschreiben an die sämtlichen Käimmalcäme des Regierungs- 
bezirkes für uns erhalten hatte. Ich wurde mit der Nachricht em- 
pfangen, dass wenige Tage vorher ein Gefecht unter den Drusen statt- 
gefunden habe, bei welchem der Käimmakäm des Kreises Suwedä, Ibra- 
him Pascha il Atrasch, an den die von dem drusischen Emir Arslän 
mir mitgegebenen besonderen Empfehlungen lauteten, getötet worden 
sei. Angeblich sollte vollständige Anarchie im Haurän-Gebirge herrschen. 
Man riet mir infolgedessen sehr entschieden von meiner in Aussicht 
genommenen Route ab und hielt es insbesondere für unmöglich, ge- 
stützt auf die Drusen in die Harra vorzudringen. Doch war ich an 
derartige Einwände und Warnungen schon von Damaskus her gewöhnt. 

Um 3 Uhr nachmittags verlicssen wir Schech Miskin, um nach dem 

22 km (Luftlinie) östlich entfernten Bu^^^r il Hariri (^jy^^ j"^ zu reiten. 

Etwa eine Stunde, bevor wir den Ort erreichten, hatten wir eine mehrere 
Minuten breite, von Nordost nach Südwest sich hinziehende, 30 — 40 Fuss 
hohe Lavawelle zu überschreiten. Auf dieser Lavazunge steht das Dorf 

Ezra* ^JJ^ das alte Zoroa, dessen Ruinen sich von dem dunklen Lava- 
boden kaum sichtbar abhoben. 

In Busr il Hariri fand ich mein Lager unten am Rande der 
Lcgä aufgeschlagen: drei Zelte, eines für mich, ein kleineres für Ne^ib 
Sallüm, das später auch das Frühstückszelt abgeben sollte, und ein 
drittes für die Diener und die Küche. Mein Zelt trug die deutsche, 
das zweite die türkische Flagge. Davor standen die Pferde in einer 
Reihe, nach Landessittc an langem, gemeinschaftlichem Stricke mit den 
Vorderbeinen festgebunden, daneben lagen niedergekauert die Kamele. 
Meine Diener und Treiber begrüssten mich freudig — es war ein an- 
sprechendes Lagerbild. Für mehrere Monate sollte mein Zelt mein Haus 
werden. 



^; Miskin bedeutet :iuf deutsch: der Arme, französisch: mesquin. 



'-'W- 



III. KAPITEL. 



Der Hauran und seine Bauten. 

Haurän als jjeoßraphischer und politischer Naine. - Die Hanrän-Kbene (Nujjra). — Der (lebel 
Haurän. — Die Trachonc. — Die I^egä. — Die Harra und die Diret it Tulül. — l^ie 
Städtewüste des Haurän. — Geschichte des Haurän. — Höhlenbewohner. — Jemenische 
£inwanderer. — Tenüchidcn, öafniden, Rassaniden. — Roms Oberhoheit, die Aera 
Bostrensis. — Die Sassaniden im Haurän. — Die inuhammedanischc Invasion. — Die zweite 
Blütezeit des Haurän zur Zeit der Kreuzfahrer. — Gänzliche Veröduntr. — Die Neubesiedlunjf 
durch die Drusen. — Die Hauränbauten. — Vermischunpf griechisch-römischer Kunst mit 
jemenischen Gedanken. — Babylonisch -assyrische Anklängfe. — Persische Einflüsse oder 
selbständige Weiterentwicklung. — Syrien und der Haurän als Wiejje der arabischen Kunst 



Die Bezeichnung Haurän wird nicht nur dem Haurän-Gebirge, dem 
Cebel id Drüz, gegeben, sondern im weiteren Sinne auch dem ganzen 
Gebiete südlich der Ebene von Damaskus, welches im Westen von den 
Ausläufern des Hermon und dem nordpalästinischen Gebirge, im Süden 
von der syrischen Steppe und im Osten von der Stein wüste il Harra 
begrenzt wird. Dieses Gebiet entspricht im grossen ganzen auch dem 
politischen Verwaltungsbezirk, dem Mutesarriflik Haurän, dessen Chef in 
Schcch Sa*d seinen Sitz hat. Von ihm ressortieren sechs Käimmakämliks, 

nämlich: öebel Haurän mit dem Amtssitz is Suwcda IJü^^J^, ferner 
I 

Bu§r il Hariri i^J ^^ j-^ > il Kunctira D^yaJuJl, Dcr'ä oWj^, *Aglün 

^y^ mit dem Amtssitz Irbid Jü j\ und is Salt JaJLJ^. 

Die Haurän-libene, in Nulj:ra ijJaj\ genannt, gehört zu den frucht- 
barsten Landstrichen der Erde und ist von jeher die Kornkammer Syriens 
gewesen. Zahlreiche Ruinen sprechen dafür, dass sie schon in ältester 
Zeit bewohnt gewesen ist; neuerdings leben hier mehr oder minder 
sesshaft gewordene arabische Bauern, denen die Türkei gewisse Freiheiten 



88 



K^. m. Die NuVra. — Der Öebel Hanrtn. 



lässt, und die insbesondere bisher in ähnlicher Weise, wie die Drusen 
und die Beduinen, vom Militärdienst exempt waren. 

Der Gebel Haurän ist die höchste Erhebung des grossen vulkanischen 
Gebietes an der Grenze des oberen Ostjordanlandes und der Syrischen 
Wüste, ein Gebii^szug. der sich in nordsüdlicher Richtung etwa 70 km lang 
erstreckt, und dessen höchste Spitzen bis über 1800 m aufragen. Im 
Süden verläuft die Gebirgskette alimählich in die Syrische Steppe; im 
übrigen steigt sie steil und unvermittelt aus den einige hundert Meter 
tiefer liegenden Ebenen empor, im 
Westen aus der Nukra, im Norden 
aus der Ebene von Damaskus und 
im Osten aus der Harra. Das Gebirge 
weist infolge des wohl Jahrtausende 
dauernden Ver\vitterungsprozesses 
der vulkanischen Auswürflinge über- 
all da, wo die Felsen oder die Lava- 
Blöcke nicht freiliegen, einen rot- 
braunen Humus auf, welcher anFrucht- 
barkeit mit dem gelbbraunen Boden 
der Haunin-Ebene wetteifert. Die 
höchsten Gipfel des (lebel Haurän 
sind der Teil il Öena (ca. 1840 m) 
und der Krater des Gebel il Kuleb 
(1734 m); daneben finden sich meh- 
rere niedrigere Ausbruchkegel. 

In verhältnismässig jüngerer Zeit 
sind von den im nördlichen Teile 
des Haurän gelegenen Kratern il 
Habis und il Rarärat il Kiblije um- 
fangreiche Lavaergi essungen nach Osten beziv. Westen in die Ebene 
von Damaskus ausgegangen. Das Eruptionsgebiet der Rarära, il Legä 
genannt, der westliche Trachon'), stellt ein nahezu 40 km im Geviert 
messendes Lavaplateau dar, das ohne nennenswerte Sondererhebungen 
durchschnittlich etwa 15 m über dem umgebenden Gelände liegt. Selb- 




') .Schon Slrobo ^16, 755/56^ 
ligen Gebieten in der Nähe des Hi 
(gc. der Stadt Damascus' iao Ätrifif 
'iTOopniiuv BvajL'.; Zfrfi'iz^fZfi, tv o;( x 
13^! Suvä^tvDv tv xaiaSpo^itt:;, 



von den beiilen Ttacbonen, iwei rauhen, hilge- 
Wörtlich hci-al die .Stelle: :» 'iiripxEivToi i'a&rJji 

To:; Aaj/ai3X7]valt •^ivo/'Z'u tcM.o./i^tVjd. i. «Jenseits tod 



Damaskus (vom Meere aus t;edachl' beünden sich ;wei ErhebuDcen, die sogenannten Trachones, 
und weiterhin sind nacli den von Arabern und Iluräern gemischt bewohnten Gebieten hin scliwer 
zugänf^Iiche Berce, in welchen sich iiefschlUndi);e Höhlen beündeii. von denen eine viertausend 
Menscheti bclierberi;eu kann bei den Ueb erf allen , denen lUc Damaskener (d. b. die Be- 



Kap. III. Die Trachone, Legö, ^arra, Diret it Tulül. go 

ständige Krater sind innerhalb der Legä bisher noch nicht konstatiert 
worden. Nur hin und wieder finden sich in der zerklüfteten Masse 

niedrige steinfreie Stellen p\5 (Kä*), auf welchen etwas Getreide gebaut 

wird. Teils sind diese Stellen Erhebungen des ursprünglichen Bodens, 
welche bei dem Ausfluss nicht von der Lava bedeckt wurden, teils An- 
sammlungen von Humus auf dem Lavagrunde. Der zerklüftete Rand 
dieser Lavaergüsse, der sich oft in wunderlichen Gebilden in die Ebene 

vorschiebt und eine Höhe von lO bis 30 m erreicht, wird Lobf ^ji- 
genannt. 

Die im Osten des Haurän belegene vulkanische Steinwüste il Harra 
verdankt ihren Ursprung jedenfalls verschiedenen innerhalb ihres Bereiches 
gelegenen Kratern, Ausflussöffnungen unterirdischer Vulkane, die meist 
gar keine oder nur geringe Erhebungen über die ursprüngliche Wüsten- 
fläche des Hamäd gebildet haben. Vielleicht sind auch die auf dem 
östlichen Teile des Haurängebirges befindlichen Krater bei der Bildung 
der Steinwüste beteiligt gewesen. Deutlich lassen sich in der Harra die 
Grenzen einzelner, nach Zeit und Ursprung verschiedener, Ausflüsse er- 
kennen, sowohl an der verschiedenartigen Farbe der Lavafelder, wie auch 
an der mehr oder weniger entwickelten Verwitterung derselben. Manchmal 
scheint ein Lavaerguss über einen früheren sich hingewälzt zu haben. 
Das ursprüngliche Wüstenterrain ist wellenförnüg, und dieser Bodenform 
folgt auch die heute darüber gebettete Lavadecke. Nördlich schliesst 
sich an die eigentliche Harra der »östliche Trachon« an, das grosse 
Vulkangebiet, welches das Diret it Tulül benannte Lavaplateau, die Tulül 
i§ Safa, in unmittelbarer Nähe der Rubbe, der einzigen Oase in der 
Harra, ferner die Tulül icj Durs und die Tulül ir Rurele und andere Er- 
hebungen umfasst, ostwärts in die bis zum Persischen Golf sich er- 
streckende Steppe (Hamäd) verläuft und nordwärts bis Dumer bezw. bis 
an den westlich sich vorschiebenden Zipfel des Hamäd, etwa bis 33^35' 
n. Er. reicht^). Die Harra ist im Sommer fast ganz vegetationslos: eine 
öde, furchtbare Stein wüste. Im Süden ist sie in der Doughty 'sehen 



wohner der Damaskene) von vielen Seiten her ausgesetzt sind.« Von dem Namen Trachon 
wird sor römischen Zeit die Bezeichnung Trachonitis abgeleitet. »Trachonitis« findet sich 
Lucas 3,1; femer bei Plinius h. n. V, 18 und häufig bei Josephus (Antt. i, 6, 4; 15, 10, i; 
16, 9, 2 etc. etc.). Letzterer versteht darunter ausschliesslich die Legä. Vergl. auch Rind- 
fleisch, die Landschaft Haurän in römischer Zeit und in der Gegenwart, in Z. D. P. 
V., Bd. XXI, Leipzig 1898, S. 2. 

') VergL die Karte und die Namenliste in Dr. A. Stübels Reise nach der Diret it 
Tulül und Haurän 1882, mit Beiträgen von Dr. Hans Fischer, Prof. H. Guthe, Prof. M. Hart- 
mann and Konsul Dr. Wetzstein, herausgegeben von IL Guthe in der Z. D. P. V., 
Bd. XU (Leipzig 1889). 



gO Kap. III. Entstehunp^ der Vulkanp^ebiete. 

Karte*) bis zur Breite von öerasch, et^a 32*^15', eingezeichnet worden. 
Die Ausdehnung von West nach Ost ist jedenfalls geringer, dürfte aber 
immerhin in ihrer grössten Breite etwa 100 km betragen. 

Mit dem Vulkangebiete des Haurän und der Harra stehen mut- 
masslich noch verschiedene nördlich und östlich gelegene Kraterbildungen 
im Zusammenhang, vor allem die il *Abd wil 'Abde genannten Zwillings- 
vulkane südöstlich von il Karjeten. Ebenso dürften die heissen 
Mineralquellen im Gebiete des Scheri*at il Mandüri (il Menäcjira), der bei 
il Mak§üra vorbeifliessende Nähr il Mukabrit, vielleicht sogar die heissen 
Quellen von Abu Rabäh nordwestlich von il Karjeten und die Schwefel- 
quellen von Palmyra und Suchne mit der Harra irgend welche Verbindung 
haben. Spätere Forschungen werden feststellen müssen, welcher Art 
einige im Süden von Palmyra sichtbare Erhebungen sind, und inwieweit 
sie mit unserem Vulkansystem noch Gemeinschaft haben. In der Karte 
von Hubers centralarabischer Reise*) wird ein 2 Längengrade östlich 
vom Haurän gelegenes Terrain als Region volcanique angegeben. Erwähnt 
sei noch, dass der arabische Geograph Jäküt^) (gestorben 1229) für die 
Halbinsel Arabien 29 Harras (vulkanische Steinwüsten) anführt, von 
denen nur die wenigsten bisher bekannt geworden sind. Die Harra des 
Haurän ist die nördlichste derselben. Sie wird bei ihm Harrat ir Räg^l 
genannt, ein Name, der noch heute für den südlichsten Teil unserer Harra 
gebraucht wird. 

Der Genesis dieser verschiedenen vulkanischen*) Gebiete hat Alfons 
Stübel in seiner lichtvollen Abhandlung »über das Wesen des Vulkanismus*)« 
einen besonderen Abschnitt gewidmet. Stübel weist nach, dass die 
Krateröffnungen in der Dirct it Tulul und im Haurän ihren Herd innerhalb 
der Eruptionsmasse gehabt haben, welche das vulkanische Plateau selbst 
bildet und den Eruptionskcgeln zur Basis dient, ein Beweis, dass die 
glutflüssige Masse selbst die Trägerin der vulkanischen Kraft ist und der 
»eigentliche Zweck aller eruptiven Thätigkeit die Ausstossung feuerflüssiger 
Gesteinsmassen ist« ^). Bezüglich der Le^ä und des Habis hebt Stübel 
die Dünnflüssigkeit der Lavamasse hervor, welche darin zum Ausdruck 
kam, dass sie sich an einigen Stellen zu schmalen Zungen weit in die 



*) Karte zu Charles M. Doujjhty, Travels in Arabia fleserta, Cambridge 1888. 

*'') Bulletin de la Soci^t^ de Geographie 1884, Trimestre III. 

'; Vcrijl. Loth, die Vulkanreq^ion von Arabien nach Jä^üt, Z. D. M. G. Lcipzijß^, 1868, 
Bd. XXII, S. 36S. 

*} Ueber die Ciesteinc selbst vergl. Bruno Doss, Die basaltischen Laven und Tuffe der 
Pro\inz Haurän und vom Diret et Tulül in Syrien , in Tschermaks Mineralogischen nnd 
Petrographischen Mittcilunjjen, neue Folge, VII. Bd., Wien 1886, 

^) Sonderabdruck aus dem Werke: Die Vulkanberge von Kcuador, Berlin 1897, S. i6ff. 

^ Stübel a. a. O. S. 24. 



Kap. III. Die Städtewüstc des Haurnn. qI 

Ebene hinein ausdehnte. Die Entstehung der Steinsaat der Harra habe 
ich') in der Weise gedeutet, dass dieselbe auf den Zerfall dünner Lava- 
bänke zurückzuführen ist; nach und nach haben sich die vulkanischen 
Ausgüsse durch das Zerspringen beim ersten Erkalten der Masse und 
weiter durch einen immer wiederholten Verwittcrungsprozess in eine Unzahl 
kleiner Blöcke zerteilt. An manchen Stellen der Harra liegen die Blöcke 
so dicht, dass sie aus der Vogelperspektive dem Cracquele der ost- 
asiatischen Keramik vergleichbar sein dürfte. Alfons Stübel*') stimmt 
meiner Auffassung über die Entstehung der Flarra bei. Allerdings wird 
eine andere Deutung nahegelegt durch die Mitteilung, welche der englische 
Reisende H. S. H. Cavendish im Jahre 1897 aus dem Somali-Lande gebracht 
hat, Cavendish hat gefunden, dass der vom Grafen Teleki am Südende 
des Rudolf-Sees entdeckte Vulkanberg von einem grossen Erdbeben 
vollständig vernichtet worden und nichts übrig geblieben ist als eine 
lavabedeckte Ebene. Es ist immerhin mciglich, dass die Entstehung 
der Harra oder einzelne ihrer Teile auf einen ähnlichen Vorgang zurück- 
zuführen ist, umsomehr, als selbst noch in historischer Zeit das ganze 
Haurän-Gebiet durch heftige Erdbeben '^) wiederholt heimgesucht worden ist^). 
Trotz dieser Erderschütterungen finden sich überall im Ciebel id 
Drüz, in der Legä, auf verschiedenen Hügeln der Nukra und selbst in 
der Ruhbe bauliche Reste, welche das Interesse des Reisenden nicht 
minder in Anspruch nehmen, als die eigenartii^^en geogenctischen Ver- 
hältnisse des Haurän-Gebictes. Städte, Dörfer, (iottcsliäuser und Hurgen 
scheinen zum Teil auf den ersten Hlick so gut erhalten, dass man glauben 
möchte, sie seien bewohnt. In Wirklichkeit sind sie seit einem Jahrtausend 
verlassen worden und stehen zum grossen Teile auch heute noch 
leer. So zahlreich sind diese Ruinen, dass sie zur Schaffung der 
Bezeichnung »Städtewüste«"^) für den IJaunin Veranlassung gegeben haben. 
Bei näherer Betrachtung zeigen sich fast überall die Spuren furchtbarer 
Zerstörungen, welche gewiss zum Teil feindlichen Einfallen^), vorzüglich 



*; Zur Routenkarte meiner Reise von Damaskus nacli l^ar<lä<l im Jahre 1S93 
(Sonderabdruck aus Petermanns Geogr. Mitteilunc^en, Gotha 1S96, Heft III u. IV\ Mit 
einer Karte. S. 2. 

-"^ a. a. O. S. 24. 

^. Vergl. die Statistik der Erdl)eben von Syrien l)ei Diener, Libanon, Grundlinien der 
physischen Geop*aphie und Geolocrie von Millel-ivricn, \Vi«^n iSSO, S. 25S. 

*] Von Lavaausbrüclien innerhalb des Ilaurani^ebieis l.»erichtet uns dac^egen die 
Geschichte nichts, während solche in Arabien und in Nordsyrien noch im Miiielalter 
stattqfefunden haben. 

* Die Bezeichnunt: stammt von Wetzstein, Reisebericht üi)cr Hauran un<l die 'Irachonen, 
Berlin 1860, S. 44. 

*} In erster Linie der Perser unter Chosroes IL Irrtümlich wird den Muhammedanem 
die Zerstörung vieler vorislamischer Bauten und Kunstwerke zuijcschricben, die insbesondere 



Kap. lU. Die SteinbautcD des Hauräo. 




aber den erwähnten Erdbeben zuzuschreiben sind. Das Material der 
Haurän - Bauten besteht fast ausschhesslich aus grossen, schwarzen 
Lava- oder Do leritb locken ohne Mörtel. Betritt man das Innere, 
so wird man überrascht durch die Verwendung von Steinen für 
fast alles, was man von Holz gefertigt zu sehen gewohnt ist. Die Treppen 
zum zweiten Stockwerk befinden sich an der Aussenseite der Mauern 
und bestehen aus langen, in die Wand eingelassenen steinernen Stufen. 
Die Decken der Zimmer sind aus mächtigen, meist auffallend schmalen 
Steinplatten zusammengefügt oder wölben sich in Kuppelform. Hier und 
da findet man noch Thüreft aus einem einzigen monolithischen Block 
gemeisselt, welche sich in den gleichfalls steinernen, riesenhaften Angeln 
drehen. Auch die Fensterflügel, welche von Lichtöffuungen durchbrochen 
sind, deren Gruppierungen geometrische Figuren darstellen, selbst die in 
die Wände eingebauten Schränke, die an den Mauern entlang laufenden 
Sitzbänke und die namentlich an Säulen angebrachten Aufsätze, welche 
Lampen und ähnliche Gegenstände zu tragen bestimmt waren, sind von Stein. 

in Vorderaflien ausser tlen Erdbeben den Persern, Mongolen und Talaren inr Last zu leeen 
ist. VcTgl. auch Noldelie, Tabori-Uebciseuung, ]^yden 1879, ä. 299. Krehl hat in seiner 
BrascbUre, Ueber ilie .Sace von der Verbrennunt; der Alexandrini sehen Bibliathelc durch die 
.\raber, Florenz 18S0, diese Enählun;; bereits in das Reich der Fabel verwiesen. 



Kap. III. Geschichle des Hanrnn. — HählenbewohDcr. 



93 



Fast bei allen grösseren Ruinenstädten trifft man gewaltige, aus mächtigen 
Quadern erbaute Wasserreservoirs') an, deren Umfang oft hunderte von 
Schritten misst und zu deren Grunde tiefe steinere Treppen führen. Teile 
alter Behausungen haben späteren Einwanderern als Material für ihre Bauten 
dienenmüssen.und häufig findet manSteinemitOrnamenten undlnschriften') 
willkürlich und regellos als Thiirschwellen, Architrave oder sonst als Bau- 
material mitten im Gemäuern, s. w. verwendet. Der Eindruck, den die 
leeren Strassen und Bauten solcher verödeter, läng.'^t ausgestorbener Städte 
auf den Rei.senden machen, ht grossartig, aber fast unheimlich. 

Die Geschichte lehrt uns, wie diese Städtewüste entstanden ist, und 
giebt uns gleichzeitig einen Anhalt für die Erklärung der befremdlichen 
Stilrichtung, die uns in den Bauwerken des Haurän entgegentritt. 

Die ältesten Bewohner de,'; l.laurän müssen in Höhlen gehau.st habendi, 
wie wir sie an den verschiedensten Stellen des l^aurängebiets, in der 
Nulfra und an den Ostabhängen des debel id Dniz, vorfinden, und welche 






»eiche fast regelinüsaig 
f weisen, Hessen Schmnl- 



') Die berühmten Tanks v 

*) Der Haurän ist überreich an 
ein rechteckiges, im Innern durch Schrif 
leiten mit ornamcnlalen Ausläufern versehen sind, 

') Nach Wilhelm von Tyru.s soll die alte Beieiehnung Trachonilis für die Umgehunu 
dei Haurnngebirces darnuf lurückiu fuhren sein, dnas es dort zahlreiche bewohnte llühlen 
gilb. Vergl. Wilken, Geschichte der Kreuiiü^e, 3. Uuch, S. 213. 




Inachriftenstcin 



1 Negrän (SUdrnnd der i.eg.-i; 



9* 



K>p. III. RömiKbe Hemcbaft. 



noch heute von den Haurän-Bauem als Unterkunft für ihre Herden und 
gelegentlich fiir sich selbst benutzt werden. Neben den natürlichen und 
nur dürftig hergerichteten Höhlen findet man solche, welche mit einem 
wall- oder thorartigen Vorbau versehen sind, sowie grosse unterirdische 
Städte, wie sie uns Wetzstein bei der Schilderung von Der'ä beschrieben hat 
Die Forschungen über die 
Angaben der Bibel, betreffend 
den Norden des Transjordan- 
landes, Hasan, die Heimat des 
sagenhaften Königs Og u. s. w., 
erscheinen noch nicht abge- 
schlossen'). In dem Kriegsbe- 
richt des Assurbanipal aus dem 
7. Jahrhundert v. Chr. werden 
Araber als Kaurän - Bewohner 
(genannt; damals schon werden 
einige noch jetzt existierende 
Ortschaften am Ostrandc der 
Lcgä, z. B. Dekir und Chulchüle, 
erwähnt; eine gewisse Rolle in 
der Geschichte spielt der Haurän 
jedoch nicht vor dem ersten 
Jahrhundert unserer Zeitrech- 
nung. Die eigentlichen Herren 
des Landes waren die Römer 
geworden, die hier ihre Herr- 
schaft nur mittelbar durch Te- 
trarchen, einheimische kleine 
Fürsten, ausübten. Um die Zeit 
Christi gehörte der Haurän zu 
dem von Rom abhängigen Na- 
batäerreiche '). Von dem Hcro- 
diancr Agrippa, und zwar höchst- 
I? .Sanaineii. wahrscheinlich Agrippa I., der 

im Jahre 44 n. Chr. starb, stammt 
eine Inschrift, v*elchc in Kanawat allerdings nur in recht verstümmeltem Zu- 
stande gefunden wurde, und in welcher Waddington*) eine an die Höhlen- 

■; \'eri;l- die .^iisfühmnEd von Gulhe lu Dr. A. Slübcl» Reise nach der Diret it 
Tulül und HauriD, a. n. U. S. 230 ff. ; ferner WetMtein a.a.O. S. 112 fr. 
' VKrgl. MumiDsen. Römische Geschichte, V (1894) S. 446ff- 




Vergl. Ua.ldini;loii . Ins 



de 1* Syrie, Paris 1870, 



Kap. III. JeinenUche Einwanderer. qc 

bewohner gerichtete Aufforderung zur Ansiedelung und zum Häuserbau sehen 
will. Wir wissen, dass Agrippa 1. schwere Kämpfe zur Zerstörung der den 
räuberischen Bewohnern als Zuflucht dienenden Höhlen zu führen hatte ^). 
Gegen Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. dürfte eine Neu- 
bevölkerung des Haurän begonnen haben. Die Ankömmlinge stammten aus 
dem südwestlichen Arabien, aus Jemen, der Arabia felix. Einer ersten 
Einwanderung sind im Laufe der Jahrhunderte weitere gefolgt. Unsere 
durch Inschriften u. s. w. verbürgte Kenntnis über diese Völkerbewegung 
ist noch recht dürftig. Die arabische Tradition, wie sie in den histo- 
rischen und geographischen Schriftstellern des Mittelalters vorliegt*), 
bringt sie mit dem Bruche des Dammes von Märib in Verbindung, und 
zwar soll bereits die Weissagung von der bevorstehenden Katastrophe 
zahlreiche Familien aus ihrer Heimat fortgetrieben haben. Glaser^) findet 
in der Prismen - Inschrift Gl. 554 »den historischen Nachweis für die 
Richtigkeit der arabischen Tradition, welche die Wanderung der jeme- 
nischen Stämme als eine Folge des Dammbruches (im Jahre 450 n. Chr.) 
hinstellt.« Er hält es für wahrscheinlich, dass schon vorher*) einzelne 
jemenische Stammesteile infolge des schadhaften Zustandes des Dammes 
und der Angriffe der abessinischen Axumiten auf das Sabäo-Himjarische 
Reich die Gegend von Märib verlassen haben. Nach der arabischen 



*) Vcrgl. Flavius Josephus, Antiquitates judaicae XIV, 15, 5. 

') Von arabischen Quellen das 7. Buch der Annalen von Hamze aus Ispahan, heraus- 
gegeben von Gottwaldt, Lipsiae 1848; Abulfeda, Hist. anteislamica, IV. Buch. Von europäischen 
Geschichtswerken besonders die Arbeiten von Nöldeke; a. Die Ghassänischen Fürsten aus 
dem Hause Ga&ias. Berl. Akad. 1887; b. Geschichte der Araber und Perser zur Zeit der 
Sassaniden, aus der arabischen Chronik des Tabari übersetzt, Leyden 1879; c. über Momrosens 
Darstellung der römischen Herrschaft und rüniischen Politik im Orient (Zeitschrift der 
Deutschen Mor^enländischen Ges., Bd. XXXIX}. Vergl, Mommsen, Römische Geschichte V, 
446—486. Wetzstein: a. Reisebericht über Haurän und die Trachonen, Berlin 1860; b. 
Ausgesuchte Inschriften. Blau: a. Wanderung: der sabäischen Völkerstärome im 2. Jahr- 
hundert n. Chr., ZDMG. XXII. Bd., 1868, S. 654 flf.; b. Arabien im 6. Jahrhundert, eine ethno- 
graphische Skizze, ZDMG XXIII. Bd., S. 559 ff. Caussin de Perceval, Essai sur l'histoirc des 
Arabes avant l'Islamisme, Paris 1847 — 1848. Berger, L'Arabic avant Mahomet d'upr^s les 
inscriptions (Extrait du bulletin hebdomadaire de 1' Association scientitique; 271 f. 
Comte de Vogü6; Syrie Centrale, Architecture religieuse et civile und Inscriptions semi- 
tiques, Paris 1865 — 1877. Waddington, Inscriptions grecques et latines de la S\Tie, Paris 
1870. Hal^vy, Essai sur les inscriptions du Safa, Paris 1882. Charles Doughty, Docu- 
ments I^pigraphiques recueillis dans le Nord de l'Arabie, Paris 1884. Glaser, Zwei In- 
schriften über den Dammbruch von Märib, Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft, 
Berlin 1897; vergl. auch Hommel, eine wissenschaftliche Expedition nach Südarahien 
(Beilage zur Allgem. Zeitung, München, 22. Okt. 1898) und Comte de Landberg, Arabica. 

») a. a. O. S. 28 ff. 

*) Nach der Tradition würde es sich um mehrere Jahrhunderte handeln; Ueber- 
▼ölkerung scheint ein weiterer Grund für diese erste Auswanderung aus Jemen gewesen 
zu sein. 



g6 



Ksp. Hl. Tenuchiileii, (^afnidcD, TUiianidea. 



UeberliefeninggingdieersteBewegungzunächst von Jemen aus nordöstlich 
nach dem Innern der Halbinsel. Die ausgewanderten sabäischen Stämme, 
welche unter einander Schutz- und Trutzbündnissc schlössen, erhielten ' 
davon den Namen Tenuchiden (Tenüch ^= Eidgenosse)'). 

Die Bewegung spaltete sich dann in zwei Züge: ein Teil der 
Tenuchiden unter der Führung einer azdidischen Familie, der Lachmiden, 
zog weiter nach Nordosten und gründete Hira am Euphrat; der andere 
Teil wandte sich nordwestlich nach dem Haurän. 

Die sabäischen Ankömmlinge waren, 
wenn sie während der Wandenmg auch 
nomadisierend in Zelten gelebt haben 
mochten, doch von ihrer südarabischen 
Heimat eine sesshafte Lebensart gewohnt 
und brachten eine vielleicht Jahrtausende 
alte Kultur mit sich. Sie traten daher 
wohl auch nicht nach Art der Beduinen 
als Raubvölker auf und dürften infolge- 
dessen von der Urbevölkerung des Haurän 
und von ihren Herren freundlich auf- 
genommen worden sein. Das im Haurän 
unter römischer Oberhoheit begründete 
sabaische Reich stellte sich unter die 
Fühnmg der Selihiden. Nachdem der 
Dammbruch von Märib wirklich erfolgt 
n Einwanderern, Cafniden und Rassaniden *), 
■ zwar zunächst freundliche Auf- 
nahme fanden, bald aber mit dem letzten selihidischen Herrscher in 
Streitigkeiten gerieten. Die Kämpfe endeten mit der Niederlage der 
Selihiden, so dass von da ab die Nachkommen aus dem Hause der 
Rassaniden die unbestrittenen Fürsten des Haurän und der Trachone 
waren. Schon früh waren die Selihiden Christen geworden; ihrem Bei- 
spiele waren die Rassaniden gefolgt'). 

Rom hatte inzwischen dem nabatäischen Staate, der der römischen 
Macht in Vorderasien gefahrlich zu werden schien, ein Ende gemacht 




war, kam ein /.weiter Strom 
aus Jemen nach dem Haurän, 





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1. 105. 

WottcB Rassaniden »ergL Wetisiein b. a. O, S. 114. 
) ist der Ansicht, dass die Selitiiilen den Rassaniden 
r der Bedinfarti; frest;i(teten, eins« sie das Christentuin 
Inas die Rassaniden als Nation wohl der »erstgeborene 
Noldeke, Die Ghassanischen Fürsten aus dem Hause 
ile für den Haurän aus wirklich authen tischen Qaellen 



Kap. lll. Das Reich der RusanideD. gy 

und das Transjordanland zu einer römischen Provinz umgewandelt, als 
dessen Vorort nicht die nabataische Hauptstadt Petra, sondern das neu 
begründete Bostra (Bogrä) gewählt wurde, in welchem auch die syrische 
Legion ihren Centralsitz aufschlug'). Das Grüiidungsjahr von Bo^rä, 
105 n. Chr., wurde gleichzeitig der Beginn einer neuen Zeitrechnung für 
den Haurän, der aera Bostrensis'), Damals müssen die ersten südarabischen 
Einwanderer sich bereits definitiv im Haurän festgesetzt haben. Unter 
der Bezeichnung Phylarch d. i. Stammesfürst (arab. Schech) übten ihre 
Führer die Herrschaft unter römischer Oberhoheit aus. Die Römer 




bauten ihrer Gepflogenheit gcmä.s,s Heerstrassen im Gebirge, die sogar 
durch die Legä und weithin bi.s in die Harra geführt wurden. Den 
angestammten Führern der Sabäur wurde aber, was <iie inneren .-\ri- 
gelegenheiten betrifft, volle Selbständigkeit girla.ssen; ihr Reich bildete 
so gleichsam einen Pufferstaat gegen die rauberi.--clicn Beduinen und eine 
Schutzwehr für die fruchtbaren Thider und die Städte Syriens, Rom 
scheint sich damit begnügt zu haben, da.« die Hau ran Bewohn er .seinen 

■) Verel. Nolilia .Üirnitaluu. eil. Giii.io l'aniirulus. l.iiKilHiii l6o,S, .S. 93. 

*) Bis dahin war die scloucidisdie Zeilrechiiuns (liccinnend mit der llfgründunK dt-i 
■eteadditch«!! Reiches 311 v. Chr.'. auch für den Hauraii ma»si;cl«'iid (.'uwcsen. L'ebrJi;eiis 
hauen ebenso wie Bostra auch ver>chii;dvoe andere Städte Syriens ihre d|;ciic Zeitrechnung, 
Frhr. r. Oppenhtini, Vom .MitMlmccT jum |■«-i^<;)lc^ GiM, 1 



o8 Kap. III. Die Sassaniden im Hauran. 

Garnisonen den erforderlichen Unterhalt lieferten und den Tribut be- 
zahlten. Als bei der Teilung des römischen Reiches die Herrschaft über 
die östliche Länderhälfte auf Byzanz überging, blieb das politische Ver- 
hältnis der Rassaniden zu der neuen Regierung dasselbe, vielleicht wurde 
ihnen sogar infolge der Schwäche dieser Regierung eine noch grössere 
Selbständigkeit eingeräumt. Sie dehnten ihren Machtbezirk weit über 
den Haurän bis in den Hamäd aus, ihre Spuren finden wir noch bei 
pumcr. Kine Zeitlang waren sie die Herren von Palmyra. Selbst 
ihre Stammesgenossen, die am unteren Euphrat bei Hira sesshaft ge- 
wordenen Fürsten, befehdeten sie mit wechselndem Glück. Das kleine 
arabische Staatswesen erlebte eine Blütezeit, wie sie der Haurän bis 
heute nicht wiedersah^). 

Im Jahre 6ii n. Chr. verwüstete der Sassaniden-König Chosroes IL 
mit seinen Persern das Ilaurän-Gebiet und scheint auch eine kurze Zeit- 
lang in Frieden die Herrschaft dort ausgeübt zu haben. Bald nachdem 
die Perser hatten wieder abziehen müssen, erlag das Land der muham- 
medanischen Invasion. Der letzte Ra.ssaniden-Herrscher 6ebele wurde 
635 von dem Feldherrn Abu *Ubeida, der auf seinem Siegeszuge noch 
im .selben Jahre gemeinsam mit Chälid ibn Wahd Damaskus eroberte, 
geschlagen. (iebcle nahm den Islam an, kehrte aber wieder zum 
Christentum zurück und starb als I'lüchtling am Kaiserhofe zu Byzanz. 

Mit dem lunzug des Islam verschwanden die Rassaniden und ihr 
Volk aus der Geschichte '^J. Syrien und wohl nicht zum mindesten der 
IJauran stellten nun ein starkes Kontingent zu den Heeren, welche die 
ersten muhammedanischen Chalifcn nach dem Norden und nach dem 
Westen (nach Afrika und Spanien) sandten; noch im 7. Jahrhundert 
wurde Damaskus die Hauptstadt des Chalifats und zog zweifellos 2:ahl- 



*) Die zahlreichen Inschriften »lieser späUrren Zeit sprechen dafür, dass erst mit den Ein- 
wanderunjjen der Südaral)er die eijjentliche Hauthätijjkeit im Haurän bejjfinnt. Wohl kennen wir 
einzelne nabatäische Inschriften im Haurän, so die zuerst von Sachau Sitzungsber. der 
Berliner Akademie der Wissenschaften 1896 S. 1056 flf/ publizierte, dann wieder von 
Lidzbarski. Handbuch der Nordsemitischen t^pi^raphik S. 148 behandelte Inschrift auf 
dem in 'Ire ^jefundenen Stein, welcher einen Stier darstellt. Aber die Erinnerungen 
an die nabatäischen Kiemente, die hier einst geherrscht haben, sind sehr gering. Die 
Südaraber haben sich jedenfalls die griechische Schrift angeeignet, nur in den zahl- 
reichen Graffitis der Harra, der Rutibe, des öebel Ses u. s. w. finden sich Spuren der alten 
sabäo-himjarischen Schrift. 

') Nach einer von Wetzstein (Ausjjewählte griechische und lateinische Inschriften, ge- 
sammelt auf Reisen in den Trachonen und um das Haurängebirge, Abhandlungen der Kgl. 
Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1863 [1864] S. 315 f.' wiederß^egebenen Sagesollen die 
Rassaniden nach ihrer Vertreibunji: durch Chälid ibn Walid um das Jahr 640 n. Chr. nach 
Kaukosien ausjjewandert sein, um dereinst aus Russland zurückzukehren und ihr Land wieder- 
zuerobem. 



Kap. III. Die mahammedanische Invasion. — Neue Blüte und Verödung. gg 

reiche Haurän-Bewohner an sich. Der Haurän muss damals fast ganz 
von seiner Bevölkerung verlassen worden sein. Im Norden des öebel 
id Drüz finden wir allerdings in der Folge ein kleines arabisches Fürsten- 
geschlecht, das nach der Eroberung durch den Islam hier sesshaft wurde: 
die Vorfahren der Schihäb, der späteren Fürsten des Libanon. Zur Zeit 
Nur id Dins wanderte dieses Geschlecht mit seinem Anhange nach den 
Abhängen des Hermon aus. Trotzdem gewann der Haurän während der 
ersten Kreuzzüge noch einmal Bedeutung. Der Kampf des Christentums 
um das heilige Grab hatte eine grosse Flut fränkischer Einwanderer im 
Gefolge, denen sich auf syrischem Boden zahlreiche einheimische Christen 
anschlössen. Durch die Erfolge der christlichen Waffen wurden die 
Muhammedaner aus den leicht zugänglichen Ebenen gewisser Teile 
Palästinas und Syriens herausgedrängt und fanden gemeinsam mit den um 
die damalige Zeit von Osten nach Westen in grosser Anzahl gekommenen 
muhammedanischen Streitern (Kurden, Türken und anderen Transoxaniern) 
in den halbverfallenen Städten des Haurän, von denen jede einzelne eine 
natürliche Festung bildete, willkommene Stützpunkte im Kampfe gegen 
die christlichen Eindringlinge. Insbesondere wissen wir dies von Bosrä 
und Salchad zur Zeit des Königs Fulko von Jerusalem und Raimunds 
von Antiochien um die Mitte des 12. Jahrhunderts n. Chr. ^). Unter der 
Dynastie der Eijubiden wurden die alten Burgen von Bo§rä und Salchad 
neu befestigt, wie zahlreiche Inschriften aus den Jahren 600 bis 650 der 
Hig;ra (1203 — 1252 n. Chr.) erweisen; auch heute noch erhaltene Reste 
von Bazaren und Moscheen sprechen für die damalige Blüte einzelner 
Städte des Haurän, welche die christlichen Könige Palästinas vergebens 
aufzuheben strebten. In diese zweite Blütezeit fallt die Wiederherstellung 
der Häuser mancher inzwischen verlassener, durch Erdbeben und andere 
Ereignisse zerstörter Dörfer im Haurän und dessen Umgebung. Nach 
dem Wegzuge der Franken büssten diese Städte abermals ihre Bedeutung 
ein, ihre muhammedanischen Bewohner begaben sich zum grossen Teile 
wieder in ihre früheren Wohnsitze zurück. Infolge der zahlreichen Bürger- 
kriege in Syrien verfielen die Ortschaften des Haurän immer mehr, und 
der Einbruch der Horden Timur Lenks scheint ihnen den Todesstoss 
gegeben zu haben. 

Seitdem hat sich Jahrhunderte lang nur eine sehr spärliche sess- 
hafte Bevölkerung im Haurän aufgehalten, und nur in einzelnen Gegenden 
und zeitweilig wurde das Gebirge von Nomadenstämmen bewohnt, welche 
während des Sommers und Herbstes kamen, im Winter und Frühjahre 
aber wieder fortzogen, sobald die Steppe draussen für ihre Herden von 
neuem Nahrung und Wasser bot. 



^) YcTgL Wilken, Geschichte der Kreuzzüge, III. Buch, S. 209 flf., IV. Buch, S. 3. 



lOO ^P* UI* NeubeiiedlaDti: des HanrSn durch die Dniien. 

Derartige Zustände hat Seetzen>) auf seiner Reise noch im Jahre 
1805 ganz allgemein im Haurän-Gebirge vorgefunden; ähnliche Verhält- 
nisse traf ich selbst am Abhänge des Haurän, in der Nachbarschaft der 
Harra. Nach und nach werden sich kleine Stämme gewohnheitsmässig 
das Recht angemasst haben, im Haurän zu übersommern, und seit Jahr- 
hunderten mögen dieses die nämlichen sogenannten Bergbeduinen, 'Orbän 
il Ciebel, gewesen sein, welche noch heute in dem Vulkangebiet hausen, 
und deren Namen zum Teil schon im Altertum bekannt waren, so xlie 
Salt (pl. Slüt), die jetzt dauernd in der Legä wohnen, die Mesä'id 
(Me^äid) und die Riät, welche sich den Winter über in der Harra und im 
Sommer an den Ostabhängen des Haurän aufhalten, die Zubed der süd- 
lichen Harra u. a. Wie heute, so mögen auch in früheren Zeiten diese 
Stämme, durch die vielen, nur ihnen bekannten Schlupfwinkel im Gebirge 
begünstigt, Raubvölker gewesen sein, die aber genau wie gegenwärtig 
ihrerseits niemals vor den Invasionen der mächtigeren arabischen Wüsten- 
stämme sicher waren*). Zu den sesshaft gebliebenen Ueberbleibseln der 
alten Haurän-Hcwohner mögen die *Orbän il (iebel seit jeher in leidlichen 
Beziehungen gestanden haben. 

Nicht unmöglich, dass die wenigen christlichen (griechisch-katho- 
lischen) Familien, die wir heute noch im Hauran-Gcbirge selbst und in 
der Lefjä vorfinden, ebenso wie einic^e muhammedanische Familien der 
Lef^a-Dörfer der spärliche Rest der altsabäischen Einwanderungen sind. 
Im Anfang dieses Jahrhunderts waren die christlichen und muhammeda- 
nischen Bewt)liner des I.Iauran-Gebirt^es nach dem Berichte der damaligen 
Reisenden weit zahlreicher nU heute. Diese Zuriickdrängung des christ- 
lichen und nuihanimedanischen l^Ienients ist die l''oli^e der Xeubesiedelung 
des HauranirebirL/cs durch die Drusen des Libanon, welche schon im 
Anfani^ des vorigen Jahrhunderts begonnen hatte, aber erst in diesem 
Jahrhundert einen grösseren Massstab annahm"). Gegenwärtig sind die 
Drusen die unbestrittenen Herren des Gebirges. Die 'Orbän el Gebel 
sind durch sie entweder gänzHch verdrängt oder in Abhängigkeitsverhältnis 
gebracht worden. Die Drusen fanden in den vorhandenen Rauten aus 
alter Zeit Behausungen, die nur geringfügiger Reparaturen bedurften, 
um wietler bewohnbar zu werden. Aber «■)bwohl gegenwärtig etwa 
40000 Drusen im Ijaurän leben, stehen noch Dutzende der alten Ort- 
schaften mit fest gefügten Hurgen und grossen Gehöften leer. 



^ Keinen ilurch .Syrien, ralastin.i usw.. \),\. 1, S. 40. 

- \'ci;:l. Socircn a. a. » >. uiul Uurckhardl Tr.ivels in Svria anil ihe Ilolv I^nd« 
I.i»iiiKmi iS2 2\ wcK'lio ül)cr die Slri'it.'ü^o der WuKl *Ali. eines Teilstammes der 'Ancze, in 
ilcr Nukra usw. im AntaiiLre dieses Jahrhuniierl« l>erichten. 

^ \ erpl. K.ip. IN" «lieses Werkes S. Ih6 f. 



Kap. III. Die llaoränbiui«!!. jOl 

Auf den ersten Blick erscheinen die Hauten des Haurän als Erzeugnisse 
einer Dekadenz der griechisch-römischen Kunst, wie wir sie vielfach in Klein- 
asien und auch in Syrien vorfinden. Indess weisen gewisse Ornamente und 
eine Reihe sonstiger Characteristica freilich nebensächlicher Art auch auf eine 
Kunstrichtung hin, welche nicht griechisch-römischen Ursprungs ist, so die 
abgetreppten, zinnenartigen Frontbekrünungen, die starke Benutzung von 
Tier-Ornamenten, die Verwendung grosser Bogen, welche die Decke tragen 
und das Zimmer in zwei Räume teilen, die bereits erwähnten I'lafonds aus 
langen, schmalen Steinplatten, die kuppeiförmigen Decken, die Aussen- 
treppen, die Bildung von Ornamenten durch geometrische Figuren u. s w. 
Wo die Grenze zwischen der griechisch-römischen Bauart und derjenigen 
Kunstrichtung liegt, welche die genannten fremdartigen Motive zeigt, ist 
schwer zu sagen. 

Um diese Frage zu entscheiden, miissten zunächst die Ruinen des 
Haurän einem eingehenden fachmännischen Studium unterworfen werden; 




dann aber miissten wir auch über die Baureste besser unterrichtet sein, 
welche noch in dem Heimatlande der Urheber der Haurän-Bauten er- 
halten sind. Es kommt hinzu, dass wir über die Marschrichtung, v^'elche 
die Südaraber aus ihrem Stammlande Jemen nach dem Haurän genommen 
haben, noch ohne genaue Kenntnis sind und deshalb nicht beurteilen 
können, welche Anregungen sie unter^vegs erfuhren oder wo wir weitere 
Spuren ihrer Bauthätigkcit zu suchen haben. Im nördlichen Higäz in 
Midjan (Teimä, el Higr u. s. w.) kennen wir Bauten, die denen unseres 
Gebietes in gewisser Beziehung ähneln und die vielleicht von den sabäischen 
flmigranten herrühren, von welchen später ein Teil in der Weiterwande- 
rung nach dem Haurän gelangte'). Graf Vogüo*) glaubt in den Stein- 



'} ^"fil- Eutinga Zeichnunci 
ichriftea in Arabiea, Berlin iSgj. 
Bncbe Anbia <leserca und in dta 
tiotä de I'Anbic par M. C. Dousht)', in 
nktionale, Paris 1S91. Bd. 29. S. 1 IT. 

■) Vergl. Doughly, Arabia Desei 



unil Nöldekes Noten bei Eutinu, Nnbntiiisehe In- 
S. 7S, sowie die Zeichnungen Diiughlys in seinem 
ufcin zu Dacuments ^pigraphiques recueillia dans le 
I Notices et Exlrnits des roanuscriplB de ll bibliolhique 



IQ2 Kap. 111. BabyloDiich-UBfriichc Anklänec 

bauten von Teimä — monumentalen Portalen in den Felsen gehauener 
Gräber — rohe Erzeugnisse von Meistern sehen zu sollen, die in dem 
nördhcheren Syrien von römisch ■ griechischen Vorbildern gelernt und 
ihre Werke unvollendet gelassen hätten, in der Erwartung, bessere 
Künstler der römisch-griechischen Schule würden sie zu Ende fuhren'). 
Es ist aber bemerkenswert, dass auch für diese Bauten die erwähnten 
Treppenornamente und Tierbilder typisch sind, und dass auf einer 
von Huber und Euting in Teimä gefundenen Stele*) menschliche 
Figuren erscheinen, welche assyrischen Darstellungen ähnlich sind*). 

Schon diese Thatsachen scheinen die Vermutung nahe zu legen, 
dass die babylonisch-a-ssyrische Kunst auch im südlichen Arabien gepflegt 
worden ist und dort vielleicht im Volksbewusstsein schlummerte, bis sie 
nach der Auswanderung in den Haurän in eigenartiger Weise wieder in 
die Erscheinung trat, als selbstständige 
Zuthat zu den in Syrien vorgefundenen, 
zweifellos unendlich weiter entwickelten 
Ideen der griechisch-römischen Bau- 
kunst. Aber, wie gesagt, erst wenn 
wir uns über die Baureste alter Zeit 
und die auch noch im heutigen Kunst- 
fje werbe verwandten Ornamentmotive 
von Jemen, Hadramüt und Central - 
Arabien ein klares Bild zu machen 
imstande sein werden, dürfte in diese 
Frage laicht kommen. 
',' ' '' ^ " Bereit.-^ heute können wir in einzelnen 

P" allen nachweisen, wie patriarchalisch- 
konservativ in Syrien und Mesopotamien nicht nur alte Sitten und 
Rechtsgrundsätze, sondern auch Gebrauchsgegenstände, dekorative Motive 
und architektonische Ideen sich aus grauer Vorzeit erhalten haben. 
Die Ausgrabungen von Teil Lö haben unter anderem herrliche Hochreliefs 
zu Tage gefördert, deren Alter noch nicht bestimmt ist, die aber viel- 
leicht in das vierte Jahrtausend vor Christi Geburt gehören. Eines dieser 
Reliefs, welches im Pariser Louvre Aufstellung gefunden hat, zeigt eine 
Amphora, aus welcher Wassergarben nach rechts und links, sowie in 




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a. 0. Bd. Xtll, S. 101.) 



Kap. III. BabyloDisch-OEiyrliche AaUSDce- 




Hütten in Der bafir bei Aleppo. 

der Mitte ein dreiteiliger Wasserstrahl springbrunnenartig ausgeworfen 
werden'). Die Amphora könnte den griechisch-römischen Wasserkrügen, 
aber auch heute noch im Oriente gebrauchten Gerä-ssen zum Vorbild 
gedient haben. Die Wassergarben (eine Darstellung, welche seiner Zeit 
Libationen an die Gottheit versinnbildlichte) könnten auf den ersten 
Blick als Pflanzenzweige gedeutet werden, wie das Gefäss selbst als der 
dazu gehörige Blumentopf. Thatsächlich giebl die im Orient und ins- 
besondere in Persien sowohl zur sassanidischen, als auch jetzt zur 
muhammedanischcn Zeit ganz allgemein gebräuchliche Darstellung von 
Rosen und anderen Blumen, die aus einem Gefä-sse cmporblühen, ein 
Bild, welches mit der Amphora des Teil Lo Verwandtschaft zeigt. 

') Vergl. die irct'enUber sichende .Abbildung mich Leon Hi-uiey. Dctoüverles en Chaldee 
par Ernesl de Sariee, III l.ivraison, l';iria 1893, PI. 25 No, ö Tcxl ^Paria l89i; .S. 48, 
[Die Wiedergabe erfolgt mit GeDehmii;unc der Verli^^handlunj:; l.eroux|. Eine ähaliche, 
aber einfachere Amphora, gleichfalls von Teil l>j sl^immend, wunle von l'ite Scheil in 
dem Museum ia Stambul aufc-esteltl. .\hs dem (-efHas BtEigca hier nur zwei Wasscr- 
garben nach rechts und links empor; es wird von dem Opferndi'n in dvr Ilnnd f^ehiiUen. 




Robkonstniktion von Bauten eu ajlyrischer Zeit nach Layard. 



I04 K*P- III- Penische Einflüsse oder selbständigre Weiterentwicklimg. 

Aus Kujungik, einer der Ruinenstädte des alten Ninive, ist uns ferner 
eine Thorschwclle erhalten, deren Ornamentik unwillkürlich an gewisse, 
heute noch im Orient angefertigte Teppiche erinnert*). Andere Ueber- 
reste aus assyrischer Zeit geben uns Darstellungen von Häuserbauten mit 
Kuppeldächern in einer Form, die in manchen Dörfern Nord -Meso- 
potamiens und der Umgegend von Aleppo noch heute angewandt wird, 
die ferner in ähnlicher Grestalt bei Taubenschlägen in Unter-Egypten vor- 
kommt und die vor allem dem abgerundeteren Kuppelbau der byzan- 
tinischen und muhammedanischen Zeit als Vorbild gedient haben könnte. 
Der Llwän im Innern der Höfe der Damascener Paläste und vieler 
syrischer Behausungen scheint mit der Fassade von TakiKisra(Ktesiphon) nahe 
venvandt zu sein. Ein grosser Bogen bildet hier überall den Mittelgrund, 
welchem sich zu beiden Seiten Bauten mit Nischen und Fenstern in 
mehreren Etagen anschliessen. Die bereits eru'ähnten treppenartigen 
Zinnen, die im ganzen Orient und überall in der muhammedanischen 
Welt so beliebt sind, finden sich genau in derselben Form bereits in 
Persepolis und Xinive. Da die assyrische Kunst selbst nicht autochthon 
ist, sondern wohl besonders an die babylonische sich angelehnt hat, 
dürfte sie wohl auch in den viel älteren Bauten Süd -Mesopotamiens 
noch angetroffen werden können'-'). 

Doch kehren wir zu den Bauten des Haurän zurück! Wir haben 
bemerkt, dass sie dem ersten Eindruck nach sich als eine Dekadenz der 
grriechich- römischen Kunst darstellen, jedoch mischen sich in diesen 
klassischen Grundton zahlreiche Anklänge an altorientalische Ideen, 
welche vielleicht von den wandernden Südarabern aus ihrer Heimat mit- 
gebracht worden sind. Ob man in den jüngsten Hauränbauten eine 
Beeinflussung durch die sassanidische Kunstrichtung zu erkennen habe, 
ist noch eine offene Frage. P^ür diese Behauptung wird gewöhnlich der 
östlich vom Nordrande des Toten Meeres gelegene Meschita- (Meschettä) 
Palast aufgeführt, der von den Persern^) im Anfang des siebenten Jahr- 
hunderts n. Chr. als Residenz für den Sassanidenkönig Chosroes IL ge- 
plant, wenn auch nie vollendet worden sei*). Das in der Rubbe ge- 
legene Kasr il Abjad (das weisse Schloss)^') könnte ebenfalls von sassa- 



^] Verpl. die Abbildungen in Kap. XIV. Uebrig^ens zeigen im Louvre zu Paris ausgesteUte 
Mosaiken aus Phönicicn und Nordafrika grosse Aehnlichkeit mit den Motiven dieser Thorschwelle. 

*) Das Material der südmesopotamischen Bauten besteht leider, so weit es bisher 
aufgedeckt ist, fast regelmässig aus Luftziegeln und hat daher verhältnismassig nur geringe 
Ausbeute an Bauornamenten geliefert. 

'' Vergl. oben S. 98. 

* Vergl. Tristram, Land of Moab S. 197 ff. Rawlinson, The seventh great oriental 
monarchy, London 1876, S. 594. 

*I Vergl. Kap. VI dieses Werkes S. 225 f. 




Kap. Ut. McMbha-Pdut und Kair U Abja^- 



105 



nidischen Baumeistern oder solchen, welche von diesen gelernt hätten, 
errichtet sein. Demgegenüber weist Brünnow') daraufhin, dass die aus 
ornamentirten Dreiecken bestehende Verzierung der Fassade des Meschita- 
Palastes, die man anränglich für persisch gehalten hatte, sich auf einem 
Wasserkrug in Chisfin im ööiän, also in einer Gegend, wo die Rassaniden 
zu Hause gewesen seien, wiederfinde; die Verzierung scheine ausserdem 
mit dem Motiv eines Frieses in Suwedä im Zusammenhang zu stehen. 
Er glaubt daher die These aufstellen zu dürfen, dass der Meschita-Palast 




Alis den Kamen des K:iv il Abja^. 

auf Veranlassung eines südarabischen, von Byzanz abhängigen Fürsten 
durch einen byzantinischen Baumeister errichtet sei. Brünnow beruft 
sich auch auf das Kasr 11 Abjad für seine Auffassung. Er betont die 
Aehnlichkeit der Anlage des Meschita-Palastes mit derjenigen des Weissen 
Schlosses, den viereckigen Grundriss der äusseren Mauern mit ihren 
runden Bastionen, die Motive der Skulpturen, Tiere und Weintrauben, 
die sich hier wie dort finden. Vielleicht aber haben wir es im Meschita- 
Palaste und im Kasr il Abjad weder mit Erzeugnissen der sassanidi sehen 
noch der byzantinischen Kunst zu thun, sondern ebenso wie in manchen 



^] MineilnngcD des Deotichen Pnlästma-Vei 



, Bd. XVII, .S. 80 ff. 



lo6 



Kap. III. Syrien and der Haarän all Wiege dci armbiscben Kunit. 



Bau-Ornamenten des eigentlichen Haurän mit einer weiteren selbständigen 
Ausbildung der aus Jemen mitgebrachten Kunstideen der Hauränier'). 
Als die Muhammedaner dem Rassaniden-Reiche im Haurän ein Ende 
machten und in Syrien sich festsetzten, fanden sie hier eine weit höhere 
CivilisatioD, als die, welche sie selbst aus dem Higäz mitbrachten. Gerade 
das giebt für die Entstchmig der arahisciien bczw. panislamischcD Kunst 
zu denken. Die Baureste, welche wir von einzelnen anderen Teilen Syriens 
kennen, gleichen in vielen Beziehungen denjenigen des Haurän, aber der 
rassanidische Hof dürfte sich in damaliger Zeit durch besondere Prunk- 
liebe und Baufreudigkeit ausgezeichnet haben. Die zahllosen, bis auf 
den heutigen Tag erhaltenen Ueberreste mit grossem Kunstsinn 
geschmückter Häuser und Paläste der *Städtewüste< sind ein Beweis 
hierfür. Ihr Anblick rief unwillkürlich in mir den Gedanken wach, als 




ob die arabische Kun^^t, und das ist im grossen und ganzen die Kunst- 
richtung, die wir heute in den verschiedenen muhammedanischen Ge- 
bieten finden, in mancher Hinsicht gerade im Haurän gelernt, oder hier 
mas^ebende Anregungen erhalten habe. Wir finden hier bestimmte 
Ornanientmotive, abgesehen von' der Anwendung der arabischen Schrift: 
die Benutzung von geometrischen Figuren, eigenartiges Flecht- und Gitter- 
werk, aus Gefässen emporblühende Stauden und Blumen, die stufenartigen 

') Auf die Verschiedenheit ood Venvanduchatt der byiamiiiucheD und der Mssa- 
nidischen Kunst einiURehen, ist hier aicht der Ort. Ich möchte nur d.irauf hioweiaen. da« 
lehr viele bviantiniBche, ebcaso wie sn^sanidische Kunsleneugnisse grosse AehnlichLeit mit 
aHsyrischen Vorbildern zeigen, sodass es mit nicht UDmöf^lich eracheiot, dass sowohl die 
lassanidiache wie die bjzanljnische Kunsi schweslerlich and gleich mäsaif; selbaCäDdig auf 
Grund dieser all orientalischen Muster in Verhindunc mit der griechisch-römischen Kunst 
sich ausi;ebildcl haben. Die politische Entwickjung des byüinliDibchen und des sassanidiscfaen 
Reichs fälll UDcefähr in dieselbe Periode. Später werden dann fortgeschrittenere byzan- 
tinische Künstler an den sissanjdi sehen Hof gekommen sein und zu der weiteren 
Ansgeslallung der sassanidischtn Kunst beitretragen haben, und es ist wahrscheinlich, dass 
die den Östlichen Ideen näher stehende sassaniJische Kunstrichtung ihrerseits auf die 
Byzantiner zurückgewirkt hat. 



Kap. 111. Syrien nnd der Iluarnn als Wiege der ■rablBchen Kunst. 



107 



Zinnen, die Verwendung eines grossen Mittelbogens, an welchen sich zu 
beiden Seiten in mehreren Etagen kleinere Bögen, Fenster und Nischeo 
anschliessen — lauter Motive, welche sich wie ein roter Faden durch die Bau- 
kunst und das Kunstgewerbe der ganzen muhammedanischen Welt ziehen 
und die der jeweilig vorgefundenen einheimischen Kunst in jedem einzelnen 
der vom Islam eroberten Staaten als besonderes Merkmal und eigenartiger 
Stempel aufgedrückt worden sind. Sämtliche genannten Motive kommen 




in den vormuhammedanischen Bauten des Haurän vor, und zwar in einer 
Form, die den heutigen muhammedanischen Erscheinungen vorbildlich 
gewesen sein könnte. 

Die Geschichte steht dieser Hypothe.se nicht entgegen. Wie wir 
gesehen haben, fanden die ersten muhammedanischen Glaubcn.scifcrer, 
welche sich gegen Syrien wandten, im Haurän stammverwandte, gleichfalls 
arabische Einwohner, von denen gewiss viele sich an den Kroberungs- 
zügen, die in so unglaublich kurzer Zeit einen grossen Teil der Welt für 
den Islam gewannen, beteiligt haben werden, während ein anderer Teil 
in das sehr bald zum Centrum des neuen Weltreiches, zur Chalifenhauptstadt 



X08 Kap. HL Syrien nnd der Haarin als Wiege der .irabischen Kunst. 

der Omaijaden erhobene Damaskus übersiedelte. Die Glanz- und Prunk- 
sucht der Herrscher dieses kunstliebenden Geschlechts wird jedenfalls 
alle Bau- und Werkmeister des Haurän nach Damaskus gezogen haben. 
Diese wiederum dürften in Anwendung der von ihren Vorvätern ererbten 
Kunst und in Verbindung mit gleichfalls an den Chalifenhof gekommenen 
byzantinischen, sassanidischen und anderen Künsüern die heute noch in 
derselben Art wie im ersten Jahrhundert der Hi^a geübte panislamische 
Kunst geschaffen bezw. an ihrer Schaffung in her\'orragender Weise teil- 
genommen haben. 



f 



IV. KAPITEL. 



Die Drusen und ihre Qescliichte. 

Aligemeiue Charakteristik der dnisischeu Religion und des Drusenvolkes. — Ethno(i:^raphische 
Stellung. — Die i.itteratur. — Mündliche Mitteilungen eines gebildeten Drusen als Quelle 
der folgenden Darstellung. — Kinzuj; der südarabischen Hirenser unter Emir 'Aun in Sy- 
rien- — Emir Arslän führt seine Leute in den Libanon, in das Gebiet der Marditen. — 
Weitere arabische Einwanderungen. — Tcnüch, *Alem id l)in, Ma'n. - - Nichtarabische Zu- 
züge. — öumblät, 'Amad, Nakad. - - Der Stammbaum der Arslän. — ■ Der Manjjel einer 
Erbfol^ebestimmung als Grund der Auflüsunfj des Reiches Mubammeds. — Die Kämpfe 
der Omaijaden und der Abbasiden. — Die Stellunq; der Perser. — Sektenbildun); in 
Persien. — Die Inkarnationstheorien und der Chalife Man?ür. — Die Zindi^. — Die Idee 
des Mahdi. — Isma'ilier. — 'Abdallah ibn .Maimün. — Sein Lchrsystem. — Flucht aus Persien 
und Festsetzung^ in Salamja in Syrien. — Hamdän der Karma^ ibn Ahmed. — Sa'id 'Obei- 
dalläh il Mahdi begründet die Herrschaft der Karmaten in Nordafrika. — Salamja von den 
Abbasiden aufgehoben. — Karmalische Beduinen suchen Zuflucht im Libanon. — Lahsa in 
Babrcn, Sitz des Karmatentums. — Zusammenstoss der Fatimiden und der Ba^rener. — Die 
Chalifen Mo'izz und 'Aziz. — Der Chalife Hakim, der Wicderbeleber des Isma'iliertums. — Sein 
Priester id Darazi flüchtet nach Syrien und findet am Wädi it Tem die ersten Anhänjjer. — 
Hamza. -— Der Alte vom Herge und die .Vssassinen. - Die Noseirier. — Die Drusen. — 
Statistik. -- Das drusische Relij^ionssystem. -- Ht.'ziehunj«^en zum Islam. — Drusische Moral. -- 
Feudalsystem. — Familien und Kasten. — Die Tracht. — Die Geschichte des Libanon. — 
Die Ma*n. — Die Schihäb. — - Fachr id Dm L, Korkmäs und Fachr id Dm 11. — Kaisi und 
JeroenL — Die Schlacht bei *Aindära , Auswanderung der Jemcni nach dem Haurän. — 
Jezbeki und ^Jumbli»ti. — Die ei^yptische Inv:ision. — Emir Beschir Schihab I. — 
Zweimalige Flucht nach K£jy])ten. — Aufstand und Ende des Beschlr (iumblsit. — 
Mahammed 'Ali wird Herr in Svrien. — Aufstand der Haurändrusen. — Das 
Ende der egyptischen Herrschaft in Syrien. — Emir Boschir Schihäb wird nach Malta ge- 
bracht. — Die Entwicklung der Bezichuntren zwischen Drusen und Maroniten. — Emir 
Beschir Schihäb IL — Kämpfe zwischen Christen und Drusen. — Verwaltungsreform im 
Libanon. — Der franz()sische General-Konsul und der maronitische Patriarch. — Die Blut- 
bäder in Hä(jbejä und Der il Kamar. — Die Intervention Europas und die Neuordnung der 
Dinge im Libanon. — Neue Parteibildungen, Schal^rawi und Samadi. — Frankreichs und 
Englands Stellung zur syrischen Frage. — Die Haurandrusen. — Plünderung vun Busr il 
Häriri. — Erstes Eingreifen der Türkei und Verwallungsrcform im llauran. — SchiblT il 
Atrasch. — Die Belagerung der Türken in Mezra'a. — Generalpanlon und neue Empörung. — 
Die Kassära und die Zarräba. — Die Mission Edhem Paschas. - Die Schlacht bei Kiräte. — 
Umgestaltung der Verwaltung und Demütigung der Drusen. -- Die Schlacht bei 'Ijun. -- Die 
Belagerung von Suwedä. — Die Aufreguntr in Damaskus. — Der Kampf bei Teil il Hadid. - 
Der F'all Suwedäs. - Die Schlacht bei Teil il Kulcb. — Der Fall von Schuhba. — Unter- 
werfung der Drusen. — liegen wärligcr Zustand im Ilaurnn. 




X XO Kap. IV. Allgemeine Charakteristik der drusischen Religion und des Drusenvolkes. 

Ueber den Ursprung und die Religion des merkwürdigen Drusen- 
volkes*) haben wir nur wenige in der Litteratur verstreute Nachrichten, 
die häufig genug im Widerspruche mit einander stehen. Erst sehr spät, 
im 17. Jahrhundert, wurde Europa durch die Anwesenheit des Liba- 
nesischen Fürsten Fachr id Din in Italien auf die Drusen aufmerksam, 
und erst in unserem Jahrhundert sind einzelne ihrer streng geheim ge- 
haltenen heiligen Religionsbücher, namentlich infolge der Kämpfe im 
Libanon, in europäische Hände gelangt. 

Die Religion der Drusen ist eine Geheimlehre; es entstanden infolge- 
dessen die verworrensten Sagen über diese Doktrin und ihre Bekenner, 
welchen von ihren Nachbarn und Feinden alle möglichen Laster und 
Schändlichkeiten angedichtet wurden. Bei der Beurteilung von Angaben, 
welche Europäern von Drusen selbst gemacht werden, ist überdies zu 
bedenken, dass gerade infolge ihrer merkwürdigen Religionsanschauungen 
nur ein Teil der Drusen berufen ist, sich selbst über ihre ausserordentlich 
verwickelte und phantastische Lehre zu orientieren. Dem gelehrten 
Franzosen Silvestre de Sacy^) gebührt das Verdienst, aus den auf- 
gefundenen Schriften der Drusen, so gut es ging, ihr Religionssystem 
entwirrt zu haben**). Einige weitere selbständige Nachrichten konnten sich 
der englische Oberst Churchill*) und der deutsche Gelehrte Petermann ^) 
an Ort und Stelle verschaffen. 

Nicht leichter ist es, sich aus dem bisher vorliegenden Material in 
der Geschichte der Drusen zurecht zu finden. Schon ihre ethnographische 
Herkunft ist ein Gegenstand des Streites. Man glaubte in ihnen haupt- 
sächlich die Nachkommen von Persern, Kurden und anderen ein- 
gewanderten, nicht arabi.schen Elementen, oder aber die am reinsten er- 
haltenen Ueberreste der alten aramäischen Urbevölkerung des Libanon 
und Haurän sehen zu sollen und machte hierfür immer wieder das 
von Christen und Muhammedanern verschiedenartige Aussehen der 
Drusen geltend. 



*) Die Drusen lieben es, sich wie ihre Nachbarn im Libanon, die Maroniten, als eif^ene 
Nation (Mille, d. h. eigentlich Religionsf^eineinschaft) zu bezeichnen. 

*) S. de Sacy, Expose de la relifi^ion des Druzes. Paris 1838, 2 Bde. Diesem Werke 
folgen die meisten, welche sich mit der Religion der Drusen beschäftigen, so Wolff, Die 
Drusen und ihre Vorläufer, Leipzig: 1845. 

') Den Muhammedanern sind die Drusen durchaus Ketzer und Irrlehrer, grössere 
Ketzer als die Christen und Juden. Muhammedanische Theologen aller Riten haben gegen 
sie geschrieben. Vcrgl. Wüstenfeld, Fachr ed-din, der Drusenfürst, und seine Zeitgenossen. 
Göttingen 1886. S. 9 ff. 

*} Churchill, Mount Lebanon, a ten Vears' Residence, London 1853, 3 Bde., und 
The Druzes and the Maronites under the Turkish rule from 1840 — 1860, London 1862 
(Bd. IV des Mount Lebanon;. 

^) H. Petermann, Reisen im Orient, Leipzig 1860, 2 Bde. 



Kap. IV. Der Ursprung des Drusenvolke». iii 

Die Tradition der Drusen steht jedoch, wie ich mich wahrend meines 
wiederholten Verkehrs mit der drusi.schcn Bevölkerung habe überzeugen 
können, mit dieser Ansicht in Widerspruch, und die .>;pnrhchen ge- 
schichtlichen Notizen, die wir über den Libanon und seine nächste 
Umgegend besitzen — und hier wurzelt die driidische Religion und das 




drusische Volk — scheinen dieser UL'bcrlicfening Recht zu geben. Danach 
wären die heutigen Drusen im Kern die Xachkomnicn gn>-iser arabischer 
Stammesteile, die im 2. Jahrhundert der IHj^ra in den damals christ- 
lich-aramäischen Libanon einzuwandern bet;ainion. Einige wenige tür- 
kische und kurdische Zuzügler wurden durch das weit starker vertretene 
arabische Element absorbiert. Wohl ^scheinen die Drusen durch ihr trotzig 
blickendes Auge, ihren wilden Bart, ihre besonders kräftige Gestalt .sich 



XI2 Kap. IV. Die Litteimtiir. 

von den Arabern der Steppe und der Wüste zu unterscheiden, aber 
wenn man bedenkt, dass die Einwanderer seit vielen Jahrhunderten, zum 
Teil schon seit einem Jahrtausend, in einem scharf abgegrenzten Berg- 
bezirke leben, in welchem sie ein in sich abgeschlossenes Ganze gebildet 
haben, so ip^ird man die Eigenart auch der körperlichen Entwicklung 
erklärlich finden. 

Es ist mir gelungen, während eines erneuten Aufenthaltes in Syrien 
im Jahre 1897 von einem besonders aufgeklärten und gebildeten Ehnsen, 
der in einer der französisch -syrischen Hochschulen seine Ausbildung 
erhalten hatte und in der Litteratur der arabischen Geschichtschreiber ^) 



*) Bei den anbischen Geoi^raphen mid Gesduchtschreibem des Mittelalters finden 
sich nnr sehr dörfä^ Notizen über die Geschichte der Drusen. Auch Benjamin von Tndela 
hat nur eine kurze Mitteilung. Die Krenzfaihrer erwähnen sie überhaupt nicht; sie werden 
die Dmsen wohl anter die iMohammedanerc, >Heidenc, oder >Ismailierc und 9Assassincnc, 
die anheimlichen Gefolgsleute des > Alten Tom Berget, mit cinbegrifien haben. Das Auf- 
treten Fachr id Dins hatte im 17. Jahrhundert einige DarsteUuniiren zur Fol^, von denen 
insbesondere zu erwähnen sind: F. E. Roger, La Terre-Sainte. l'histoire de la rie et mort 
de l'emir Fcchrreddin. prince des Dmses etc., Paris 1664; de la Roque. Voyagc de Syrie 
et du Mont-lJban. Amsterdam 1723, sowie V'oyage dans la Palestine, Paris 1717: des Herrn 
von .\rTieux hinterlassene merkwürdice Nachrichten, aus dem franzosischen Ton Labat, 6 Bände, 
Kopenhagen und Leipzig 1753 — 175Ö: Marit:. Geschichte Fakkardins, Gross- Emirs d^r Dmsen und 
%\cT übrigen Gross-Emire bis 1773. a.d. ItaL, Goiha 1790. In neuester Zeit sind einige in Berütron 
christlichen Syriern heraussregebene arabische Darstellun^n der Geschichte einrelner Familien 
des Libanon bemerkenswert, bei denen allerdings manchmal das Interesse der betreffenden Familien 
auf Kosten der objektiven Wjhrheii ru sehr berücksichtig! sein dürfte- Die wichhcste derselben 
ist das Achbär ü A*;ä3 f^ (iebel Lubnän. rerfasst tou dem Maroniten Tannüs isch Schidia^ 
und 1S59 in Berüt gedruckt. Dieses Werk gründet sich hauptsächlich auf Notiren, die 
sich in den ArchiTcn der angesehenen Familien des Libanon angesammelt haben, und aof 
Aufreichnurrgen. die bei den Gerichten, in den Klöstern u. s. w. gemacht worden sind. 
leber die Eatstehanj des Achbir il A*;än vgL die Briefe von El: >miü: in der 
Z, D. M. G. III, 1S49, ^- >-'• '*3- Dieselben OuelJen, welche Schii;ä^ rur Vcrfüin™^ 
standen. sinJ wohl auch ;sm Teil die Grundlage der Darstellungen von Roüa* und 
ijsderen .\utoren des 17. und iS. Jahrhunderts gewesen. Elin Teil dieser «>uellennotizcn 
-^urde in den Jahren i$5i, 1S52 und 1S54, in der Z, D. M. G. von Tomberg. Fleischer und 
Blaa CatJkfa^o verosfentlichl. Ver^gl. auch Wüsienfeld a. a. « >. S. 1 — 7 aai S. 72. Als 
weitere ar.kb:sche Werke über den Libanon, die in Berüt gedruckt sind, seien ircnAnr:!; Ta'rich 
il Mu*ämale il Kesramäni-e und: Tarich il Ba|rak l<pfan id Dawaih:. • ies<:h:cii:e der Maio- 
niten. herausgegeben von il Schamni venjL Kap. 1 dieses Werkes. >. lö r. . la: übrigem 
vergleiche noch Niebuhr. V'oyage en .Vrabie. .\msterdam 17SC. Bi. II. >- 34S n. und 
BuTckhardt. Travels m Sjria and the Holy Land. London 1S22. Die Geschichte de» 
Libanon in diesem Jahrhunier: ;£nd i:e Kämpfe der Drusen csl Maroniten. üe nüt 
bekannten blati^en Ere:i!nisscn von iSöo und der v-oliüschen Umgestaltung des Lib 
ihren -\bscblsss finiea. werlen n.imeEit-.ci La fnaiiosischon 'zni ec^Lschen Werken be- 
riandeh. vi:e je nach ihrem S:aEiy::nk:e laeis: z:i sehr gegen o^ier ijs die Drr:scn Paztet 
^nommcn hib«e::. Ich necne; Dimas et Libman. Lccioa iS^i aaonvrc«: J!:"^:c. La Srric 
en iSoo 3ni iSöl. Lille iSSo; I-osis de Bandicorr. 1^ France aa Liban. Paris 1S79; 
Richard Edwards, 1-a Syne 1S40 — 1S02. Pans 1J02: Eugene Pouade, Le Liban et In. 



Kap. IV. Mündliche MitteiloogeD eines Drusen als Quelle meiner Darstellung. 1 1 4 

seiner Heimat gut Rescheid wusste, zuBammenhängende Mitteilungen über 
die Geschichte und die Religion seines Volkes zu erhalten, welche auch 
die jüngsten Vorgänge im Haurän und die hier besonders blutigen Kämpfe 
der Haurän-Drusen mit den Regierungstruppen umfassen. In langen 
Sitzungen habe ich nach seinem Diktat Aufzeichnungen gemacht und 
Gelegenheit gefunden, dieselben mit anderen Drusenschcchs zu be- 
sprechen, welche im grossen und ganzen die Mitteilungen meines 
Gewährsmannes bestätigten. Erstaunlich war es, in einzelnen Fällen zu 
beobachteUt wie die Tradition sich oft genug selbst hinsichtlich unwich- 
tiger Einzelheiten Jahrhunderte lang, ohne jemals aufgezeichnet worden 
zu sein, erhalten hat, und wie sie immer wieder in derselben Weise 
nacherzählt wurde*). Die mir von meinem drusischen Freunde gewordenen 
und von anderer Seite bestätigten Mitteilungen bilden die Quelle der 
folgenden Darstellung, in die ich indess zum besseren historischen Ver- 
ständnis einen Abriss der Geschichte der Isma*ilier, der Vorläufer der 
Drusen, einflechten zu sollen glaube. 

Als im Jahre 636 nach Chr., schon 14 Jahre nach der Hi^ra, das 
Heer der muhammedanischen Glaubenseiferer unter Abu *Obeda sich an- 
schickte, Damaskus zu belagern, verlangte dieser von dem Chalifen *Omar 
Hilfe. Auf des Chalifen Befehl führte bald darauf der Eroberer von Mesopo- 
tamien und der tüchtigste Feldherr seiner Zeit, Chrdid ibn Walid, genannt 
das »Schwert Gottes«, einen grossen Teil der Einwohner von Mira mit 
sich nach Svrien. Die Hirenser, die Nachkommen des bereits erwähnten 
jemeni.schen Stammes der Lachmiden*), standen dabei unter dem Hefehl 
ihres Fürsten Emir *Aun, eines Sohnes des von den anstürmenden 
Muhammedanern entthronten Königs Mundir von Hira, dessen Vater 
König Na*män war. Emir *Aun nahm hinfort an allen Kämpfen der 
muhammedanischen Glaubensstreiter in Syrien teil und erhielt als Be- 
lohnung den Distrikt von Ma*arra (Ma*arrat in Na'män) jUjoH öj»^ 



Syrie 1845 — 1860, 3. Aufl., Paris 1S67; Kclix Mengjin, llistoire de rKjj\*pte sous le ßouvi'rncment 
de Mohamined-Aly, 2 Bände, Paris 1S13; Kcrdinaiul Perrior, La Syrie sous le gouvemeniciit 
de Mehemet-Ali, Paris 1842; Baroii d'Arraay^nac, Ne/ib et IJeyrout, Paris 1844: Krancois 
Leoormant, Histoire des massacrcs de Syrie, Paris 1861; lirnest Louet, Kxpcdition de Syrie, 
Paris 1862; Georjje Robinson, Voyaj^e en Palesline i-t en Syrie ^traduction revue il aiinolc-i' 
par l'autcur), Paris 183S; Sir Charles Napier, 'I he war in Syria, 2 IJändc, London 1S42; 
A. Paton, History of the Keryjjtian revolulion, 2 Bände, London 1S63; Ldward H. IJarkcr, 
Syria and Egypt under the last live Sultans of Turkey, 2 Bände, London 1S70; Dr. I'ranr 
Allioli, Syriim im Jahre 1840, Wien 1842; verschiedene Aufsätze in der Revue des deux 
mondes 1860, 1861, 1862. 

*) Die vorerwähnten archivalen Aufzeichnungen in Achbär il A'jän stehen nicht im 
Widersprach mit den Angaben meines frei aus dem Gedächtnis erzählenden Gewährsmannes. 

■) VerjfL oben Kap. Hl, S. 96. 
Frfar. V. Oppenheim, Vom Mittelmecr zum Persischen Goli. 8 



IIA. Kap. IV. Einzuj[r der südarabische d Hirenser in Syrien. — Die Marditen. 

südlich von Aleppo zu Lehen. Hier verblieb er mit seinen Leuten 
wahrend der ganzen Omaijadenzeit. In den späteren Bürgerkriegen, die 
mit dem Sturze der omaijadischen Dynastie endeten, kämpften die 
Nachkommen *Auns auf Seite des abbasidischen Prätendenten und 

fochten unter anderem in der Schlacht am Zäb c-^^Ji. Als der zweite 

Abbasiden-Chalife Abu Cia*far il Man*>ur (der Siegreiche, 136 — 158 d. H. 
= 754 — 775 n. Chr.), nach Damaskus kam, begab sich Arslän, der fünfte 
Nachkomme *Auns (nach der Familientradition 171 d. H. gestorben), zu 
dem Chalifen und bat, ihm an Stelle seines bisherigen wenig fruchtbaren 
Gebietes andere Wohnsitze anzuweisen. Darauf forderte Abu Cia*far ihn 
auf, mit seinen Leuten in den Libanon zu ziehen, und übergab ihm alles 
Land zu Eigen, welches er den dort hausenden Marditen abnehmen würde, 
unter der Bedingung, dass er die Verbindung von Damaskus mit dem 
Meere durch das Gebiet der Marditen aufrecht erhalte. 

Die Marditen*) bildeten die Urbevölkerung des Libanon-Gebirges 
und werden als die Vorfahren der heutigen Maroniten betrachtet. Sie 
waren zur Zeit Mul.iammeds längst christlich geworden. Geschützt durch 
ihre gebirgige Heimat, verteidigten sie hartnäckig Glauben und Freiheit 
gegen den Islam. Der Nationalität nach waren sie ohne Frage Aramäer*). 
Schon zur Zeit der byzantinischen Kaiser lagen die Libanon -Bewohner 
im Kampf mit der Regierung, damals, um ihren Ritus gegen die 
griechisch-orthodoxe Richtung des byzantinischen Hofes zu verteidigen. 

In dieser Zeit sollen sie den Namen Marada o^yk\ (Rebellen) erhalten 

haben. Den Omaijaden scheinen sie manche Schwierigkeiten^) bereitet 
zu haben. Der Emir Arslän und seine Leute pflanzten, dem Rufe des 



Chalifen Abu Cia*far folgend, ihre Zelte auf dem Ciebel Mareta AtJL» A^, 

dem heutigen Dahr il bcdar jJuJl i^j auf. Von ihrem damaligen 

Fürsten Arslän trägt der gegenwärtig noch blühende Zweig des Geschlechtes 
seinen Namen*). In blutigen Kämpfen mit den Marditen, deren Erinnerung 
in einer noch heute > Todesthal« genannten Schlucht fortlebt, dem Orte, 
wo die Entscheidungsschlacht geschlagen wurde, erweiterten die ein- 

*) Vergl. Mgr. Istifan ud-I)w;iyhi 'l^Ihdini: Ilistoire des Maronites, publice et annot^ 
par Mr. Kachid AKKhouri Ai-Chartouni. Heyrouth 1890, S. 6S ff. — Müller, Der Islam im 
Morgen- und Abendlande .^i^ncken'scheSammiuup:), Herlin 1885, Bd.I, S. 352, nennt sie Mardalten. 

^] Vergl. oben Kap. I S. 6 f. und S. 1 6. 

\ Vergl. Müller, a, a. O. Bd. I, S. 376. 

*; Die Familie Arslän (in der Mehrzahl auch Kuslän gesprochen' behauptet, in verwandt- 
schaftlicher Beziehung zur Königsfamilie Mu*tadid von Sevilla, welche auch Lachmiden seien, ge- 
standen zu haben ; auch mit Abbasiden und Aliden hätten sie verschiedentlich Heiraten geschlossen. 



Kap. IV. Tenüch, Arelnn, *Aleni id I)m: Mji'ii; «^iiinblnt, •Aiiuul, NhU-hI. ||^ 

gewanderten Süd-Araber ihren Besitz. In kurzrr Zeit wnnlr drr ^^an/c 
Südwesten des Libanon erobert, und die Marditen wurden .lu^dii-^nn i irlnrlr 
verdrängt. Schon der Sohn und Nachfoli^cr des .sic;.',rrirhrii l'jiin Ar-^Lui 
baute hier Schwefät, den eigentlichen Stammsitz der Arslan im I .ihanun, dn 
sich noch heute in der Hand der I^^amilie befindet. Nach und iiarh kamen 
weitere Fürstengeschlechter mit ihren zalilreiclien ^lerol^'-^lenlrn riarh 
dem Libanon. Die vornehmsten dcr-.elben waren ebenlalK Arij,^' liorij^M- 
der südarabischen FainiHengruppc, der die Ar-.lan eiit Ti>ro->.en v..in ri und 

die in den Quellen regelmiissig den gemeinsamen Namen 'lenu'h r- ^■ 

führen \), sowie die noniarabi-chcn Ma'n /^äa, /u dem -',tanjr/je 'Ur J'#<ij.. 

Rabi'a gehörig, die sich im Anfar^^^e de- 12 I'djrljMiderr in J'm*al',!:n nn ,' \i -^ 
nicderliessen ^ . Alle di'.-e 7.y/.v/Mx \}\Ar'':u i-Mx-. \\\ '**'.*:* Ji' /.' /.-/.;' 
von der christÜch-arrirria^^lvrr. L.*'yar;or; !>*:. s!,''.-: .:.;> .er-.' i. *:':«:.'.' .:-': 
zwar muhamnieciir.i-ch'r. <:*:' .':-;ro',;.'r .:.'': ':'-" /•.'>♦;■■.'-:..•.'/ ;,. m. 
arabische Lnkiave. L:-^-'::- <j*:'//::.-'ry. i'-z: -:'.':. ',.- ;, .' ':«•. i.* .' y n 
Tag erh=t:tcn. Ir. -:.h^■:":'. 'v.'- ';.,:.':*.- •^.'::. •. :.': / *.:.r'*- ...'*, -■'/'■■ 

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nicht aribi-chfr ::^''»'_'.-': '..'.' ':.':':. [,'.-.•'.:. •/*-.» 'r:. ".*.'• '* '* 

♦ iift'ii.r'nf'*! ( . ■■■ «"^ » ■. ♦ ^«« * '.^ ' t- ■ •''■.'•*•» ',»••# - ^^ ;. * ■ / ' ' / 

Stancltiiit ^\c.•'t:T. tZ'.*'.' .* ■ *, '.'•..'- '. ■ ♦. .*,' » '. •. •, ■ •: -'^•. ■';-' -• / 

Syrier siunst-r i. t -. • •• .' - •■ • • - .'.•••■ ■.■.'.;;*"• 

reccizertit' zi i::!- i**:' -.' * _• . • -. ■ •:■:*• ■'• " 

mehr zu*":! 'Jt. ;:■"_■ ii' -.::::'■ .* ' »-.••■* ' v ■ ,• . "j 

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I l6 Kap. IV. Schicksale der Arslän. 

des Libanon geworden. In den Kämpfen mit den Kreuzfahrern waren 
sie vom ersten Augenblicke an erbitterte Gegner der Franken. Einzelne 
Familien scheinen in dieser Zeit furchtbar gelitten zu haben. Insbesondere 
gingen die Arslän, welche nach der Familientradition bis dahin vor- 
herrschend gewesen sein sollen, damals stark zurück. Die Stadt Berüt 
hatte sich zeitweise in ihrem Besitze befunden. Die heldenmütige, 
allerdings vergebliche Verteidigung von Berüt durch den Emir 'Ali •A<Jud 

id Daula 43 jJin JUäP Ip ist heute noch in der Erinnerung der Familie 

wach. Es sollen 25 männliche Mitglieder derselben im Kampfe mit den 
Kreuzfahrern gefallen sein. Die Franken verwüsteten ihren Stammsitz 
Schwcfat, und die Familie war dem Aussterben nahe. Der einzige übrig 

gebliebene Spross, Bubtur j^, Sohn des genannten *Ali, den seine 

Mutter als Kind in einem Keller (in der Ortschaft *Arämün)') barg, 
wurde der Stammvater der weiteren Arslän-). 

Wir müssen jetzt in der (ieschiclite um mehrere Jahrhunderte zurück- 
gehen. Noch bevor das Staatengebilde, welches der Prophet Mubammed 
geschaffen hatte, in seinem beispiellosen Sie<^cslaufe sich zum grössten 
Reiche der damaligen Zeit \) ausdehnen konnte, hatte es bereits den Keim 

^ Vergl. SchidjäV a. a. O. S. 225. 

" Nebenstehend ist die unter Berücksichtigung^ der F>stgeburt bei den jüngsten GeneraüoDcn 
aufj^estcllte Stammtafel der Ar.-^lan ^'egeben. l>er }^egcn\värli;;e Kaimnia^^äm des Schuf, Emir 
Mustafa Pascha Arslän. ist der ( >nkel des im Stammbaum zuletzt genannten Kmir Schakib. 
Alle Arslan nennen sich >. Kmir Kürst oder Prinz . 

^ Schon im S. Jahrhun-lert n, Chr. \\ aren die a^abi^che Halbinsel und Vorderasien 
mit Ausnahme des Ilocldandes von KJeinasion und des Kaukasusi^cbirtes, sowie das heutig^e 
Pcrsien und grosse Teil«' Traiisoxanicns , ferner i:anz Nordafnka. <ler grössere Teil der 
spanischen Halbin>el und das ( iebiet von Narbonne in Sütifrankreich dem Islam gewonnen 
vcrgl. die Karte bei Müller, Der I-^lam, Bd. IK S. 18, ferner L. Menke. Die Länder <les Islam 
in Spruner-Menke, llist. Handatlas, Gotha 1877, No. 78, 81— 83 . Zanzibar und die Ostkiiste 
von .Vfrika, sowie weitere grosse Distrikte dieses Krdleils wurden bald darauf muhamme- 
danischen Herrschern unterworfen. Im Mittelalter waren Sizilien, Teile Sardiniens und Kor- 
sikas, ferner Genua und andere ' )rte der norditalienischen und französischen Küste zeitweise unter 
muhammcdanischer Herrschaft. Das gebirgige vordere Kleinasien und die europäische 
Türkei mit Konstantinopel kamen erst verhältnismässiij spät, im 15. Jahrhundert, in die 
Gewalt des Islam, der längst vorher aus dem übrigen Kuropa verdräu;^'t war. Dafür machte 
das muhammedauische Bekenntnis in .\sien und Afrika immer weitere Kortschritte. Gegen- 
wärtig ist der Islam nächst dem Christentum die geograjihisch am wcite>ten verbreitete Religion. 
Zu den mubammedanischen Gebieten müssen gerechnet werden: in Europa Teile der Balkan- 
halbinsel, der Krim und des südöstlichen Russlands; der ganze Morden von .Vfrika; die Sa- 
hara-Länder; verschiedene central- und westafrikanische Staatengebilde; /anzibar; grosse 
Teile des östlichen Afrika; nahezu die ganze asiatische Türkei; die arabische Halbinsel; 
Persien; die im russischen Reiche mehr oder weniger aufgegangenen west- und ceutral- 
asiatischen Chanate; grosse Strecken Vorder- und Hinterindiens und des malu3rischen 
Archipels, sowie verschiedene kleine Inseln des indischen <.)ceans und der Südsee, von den 



22. Ibn il Emir *A<Jud id Daule *AlI, gestorben 

23. Ibn il Emir Nähid id Din Abi 1 *Asä'ir Bubtur 



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24. Ibn 

25. Ibn 

26. Ibn 

27. Ibn 

28. Ibn 

29. Ibn 

30. Ibn 
31.. Ibn 
32. Ibn 
33- Ibn 
34. Ibn 
35- Ibn 

36. Ibn 

37. Ibn 

38. Ibn 

39. Ibn 

40. Ibn 

41. Ibn 

42. Ibn 



1 Itimir Kawam id Din *Ali *Irf id Daule, 
1 Emir Bedr id Din Jüsuf, gestorben i 
1 ICmir Zein id Din Säleh Abi '1 Ciaisch, 
1 Emir Seif id Din Mufarri^, gestorber 
1 Emir Nur id Din Säleh, gestorben u 
I Emir Seif id- Din Jahjä, gestorben ir 
1 Emir Saläh id Din Mufarri^, gestorber 
1 Emir Bahä' id Din Chalil, gestorben 
1 Emir Ciemäl id Din, gestorben im Ji 
1 Emir Muhammad, gestorben im Jahr 
1 Emir Mezgah, gestorben im Jahre 
1 Emir Jabjä, gestorben im Jahre . 
1 Emir Fachr id Din, gestorben im Ja 
1 Emir Suleimän, gestorben im Jahre 
1 Emir Haidar, gestorben im Jahre . 
1 Emir Fachr id Din, gestorben im Ja 
l Emir Junus, gestorben im Jahre . 
l Emir Hasan, gestorben im Jahre . 
l Emir hkimmüd, gestorben im Jahre 



43. El lilmir Schakib, geboren im Jahre 



im Jahre 


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Kap. IV. Die Erbfolge im Chalifat. 1 1 7 

ZU dem Uebel in sich aufgenommen, welches, weit mehr als äussere 
Feinde, die Unbotmässigkeit entfernter Satrapen und andere Fährlich- 
keiten, sehr bald schon an der Zerrüttung und Unterwühlung der ge- 
waltigen Macht zu arbeiten begann. Es war dies eine Bewegung, die 
zwar den Namen *AlIs, des Vetters und Schwiegersohnes des Propheten 
zu ihrer Devise gemacht hatte, der aber in erster Linie die endliche 
Auflösung des auf der Grundlage des arabischen ChaHfates bestehenden 
panislamischen Reiches und seine Umwandlung in eine Reihe 
mehr oder weniger festgegliederter muhammedanischer Staaten zuzu- 
schreiben ist, die in der Folge, abgesehen von dem Haupterben des 
Chalifates, dem osmanischen Reiche, vornehmlich nach Nationalitäten 
sich gruppierten. Schon bald nach dem Tode des Propheten begann 
die folgenschwere Bewegung. Einer der grössten, wenn nicht der grösste 
Fehler, den das sonst so geniale System des Propheten Muhammed für 
den auf seiner Lehre sich aufbauenden theokratischen Staat enthielt, war 
das Fehlen von Bestimmungen über die .Erbfolge im Chalifatc. Wenn 
der Prophet einen Sohn gehabt hätte, wer weiss, ob der grosse Neuerer 
in diesem Falle nicht eine Erbfolgeordnung gefunden hätte, welche diesem 
und dessen direkten Nachkommen die weltliche Herrschaft über die 



Komoren bis uach Neii-(Iiiiiiea hin; in China vorzütflich die westlichen Provinzen und das 
Tarim-Becken mit den früher selbständigen turkest;uiischen und tatarischen Emiraten und 
starke Cvemeinden in zwei von Westen nach Osten die centralasiatische Wüste umspannenden 
Länderstreifen, von denen der nördlichere über Kuldscha uach der Mandschurei, der süd- 
lichere über Tibet nach Jünnansich hinzieht. Selbst im äusserstcn (.)sten, so in Pekinjj und 
Hongkong, finden sich sehr bedeutende rauhammedanische Geniein<len. Verspreng^te Muham- 
medaner, welche sich zu Gemeinden zusammengeschlossen haben, trefl'en wir ausserdem noch 
in verschiedenen anderen Ländern an: ich erinnere vor allem an die an Zahl stetijj 
zunehmenden, vorwiegend malayischen Kolonien Südafrikas und Australiens. In letzter Zeit 
haben sich selbst in England und Amerika aus christlichen Kcncg:'.ten kleine muhamme- 
danische (lemeinden gebildet. 

Im Jahre 1855 berechnete Ravenstein (A Siatistic View of the Population, the religions 
and languages of Europe, Trauscaucasia and Turkey in Asia, London 1855, S. 13) die Ge- 
samtzifTer aller Muhammedaner auf 10568.S000 gleich 8,37 Prozent der i 263574860 Seelen be- 
betragenden gesamten Bevölkerung der Erde. In der Zusammenstellung von Krcderick 
Martins (Statesman's Year Book vom Jahre 1875, '^* XXXV) werden die Muhammedaner mit 
204200000 gleich 15,81 Prozent der etwa i 292 000 000 betragenden gesamten Bevölkerung 
der Erde beziffert. Professor Juraschek führt 18S9 in Otto Hühners Geographisch- 
statistischen Tabellen «^Frankfurt a. M. 1S89, S. 45", und ähnlich Wichmann in Justus Perthes' 
Taschen-Atlas von 1895 die Muhammedaner nur mit 171 000 000 Seelen gleich 11,3 Prozent 
der mit etwa 1500000000 angenommenen gesamten P>dbevölkerung auf. Dagegen stellt 
The Dictionary of Statistics von Michael G. Mulhall (London 1892, S. 513; im Jahre 1892 
200900000 Muhammedaner gleich 18,95 Prozent einer Gesamterdbevölkerung von 
I 060 120000 gegenüber. 

Weitere Zusammenstellungen sind bei Dr. Hubert Jansen, Verbreitung des Islams mit 
Anf^be der verschiedenen Riten, Sekten und religiösen Brüderschaften iu den verschiedenen 



Il5 Kap. IV. Die Kämpfe der Omaijaden und der Abbasiden. 

Gläubigen gesichert hätte. So aber stieg er ins Grab, ohne dass er durch 
die Suren des Korans oder andere Aussprüche (Hadit) die wichtige Frage 
seiner Nachfolge geregelt hätte. Die Uebergehung *Alis, des Gatten der 
einzigen Tochter des Propheten, bei den in der Zeit von 22 Jahren dreimal 
notwendig werdenden Wahlen schaffte Unzufriedene, und — merkwürdige 
Ironie des Schicksals — als endlich *Ali das nach der Annahme der 
meisten ihm zukommende Erbe antreten konnte, kam es zum ersten Male 
zum Kampfe, geführt von Muhammedanern gegen Muhammedaner*). Die 
Anhänger 'Alis spalteten sich selbst wieder in die Chärigiten (Auszügler) 
und die Partei 'Alis (Schi*at *Ali). Das Wort Schi*a, Partei, erhielt 
später erst die bis auf den heutigen Tag geltende spezielle Bedeutung, 
die Partei derer zu bezeichnen, welche *Ali als den ersten rechtmässigen 
Nachfolger des Propheten und seine Söhne und deren Nachkommen in 
der Folge einzig zur Erbschaft des Chalifatcs berechtigt anerkannten. 



Ländern der Erdf 1890 bis 1S97 Friedrichshairen bei Berlin IvSqj, S. 72) jjegebcn. Jansen 
seihst {jelancjt a. a. (). S. 73' auf (irund sorgfältij^ster Bcnutzuni; der Spezi al- Litleralur der 
einzelnen Länder zu foljjcnder Tabflle: 



Ivrdteile Prozentsatz '| 

, ,, Gesamt- ^. ^ i^- Islamitcn von der , Islamiten 

und Haupt- . ., Sunniten Schi'iten .. l! ^ 

Ik'völkerunj^ um iS«)0 C^csnrat- ,1 iSgj 

Inselpebiete Bevölkerunjrü 



Europa 372459634 1145213^ »470 i i 453 ^OvS, 3,075 11 515402 

./j/V/i S62'jq4 4Öi 124 rjj OS7 Jo ojö 414 i,ir4 2ji 4J1 iS^SJ77 140 »jj 864 

Malaiim 44 ^^7 5^1 Jo 455 (>SS -- jo 455 ^SS 6S.244 31049144 

A s i e n m i t i 
,, , 907422048 154010670 10076 414 164OVS70S4 18,140 171278008 

M a 1 a s 1 e n I ^ 

Oceanien 2 4SS 353 700 — 700 0,028 JOO 

Australien S 47J 55^ 17702 — 17702 ojio iS 746 

Austral ien 1 

und 5956909 1S402 — 18402 0,309 19446 

O c e a n i e n ' 

Afrika 200000000 74953541 i 000 74954541 37477 76818253 

Amerika 130 104 28S 48922 6^=? 49457 0.038 49 5^3 

Ganze Erde : , '1 

a) um 1890: I 615 942 879_ 241 083 673 10079 519 251 163 192 15-543 '259680672 

Der Prozentsatz der Schi'iten 
von den Llamiten = 4,013% '■ 

b) für 1897: 1672500000,1 darunter im ganzen Islamiten: 15,543 ^^ = ca. 260 Mill^ 

Selbstverständlich beruhen die vorstehend aufgeführten Zahlen und VerbältnisafiferQ 
zum grossen Teil nur auf vorsichtig aufzunehmenden Schätzungen. Jedenfalls iit za kon- 
statieren, dass in diesem Jahrhundert der Islam weiter an Boden gewonnen hat, eine Bewe- 
guncr, die auch «gegenwärtig noch anhält und zu deren Förderung das Haupt des Islam, der 
Sultan-Chalife '.^bd ul Hamid, entschieden beiträgt. 

M Vergl. Müller, Der Islam, Bd. I, S. 316. 



Kap. IV. Der Sieg der Abbasiden. I jn 

Sobald irgendwo zu Gunsten eines dieser Mi^lieder aus dem Hause 
des Propheten eine Bewegung gegen die bestehende Regierung entstand, 
war von einer neuen Schi*a die Rede. 

Nach dem Tode *Alis wurde das Haus des Propheten abermals vom 
ChaHfate ausgeschlossen; statt der beiden einzigen Enkel des Propheten, 
Hasan und Husen, die im Kampfe gegen ihre Widersacher ihr Leben 
einbüssten, gelangte MoTiwija zur weltlichen und geisthchen Regierung, 
ein Urenkel Omaijas, der wohl zu den Stammesgenossen des Propheten, 
den Koraischiten , aber nicht einmal zu seinen näheren Verwandten ge- 
hörte. Er wurde der Begründer der in Damaskus residierenden Dynastie 
der Omaijaden, die das Chalifat vom Jahre 66i bis zum Jahre 750 n. Chr. 
in Händen hatten. Die Omaijaden wurden im Chalifat von .den ihre 
Residenz demnächst nach dem Osten, nach Bardäd, verlegenden Abbasiden 
abgelöst, welche, ohne direkt von 'Ali und der Prophetentochter Fatma abzu- 
stammen, immerhin verwandtschaftlich dem Propheten näher standen als 
die Omaijaden. Ihr Stammvater, dessen Namen sie trugen, war *Abbäs, 
ein Onkel des Propheten Muliammed, und sie behaupteten, ein Enkel des 
'Abbäs habe sich das Recht der Nachfolge im Chalifat von 'Abdallah, der 
wiederum ein Enkel des Chalifen 'Ali und einer Frau aus dem Stamme 
der Benü Hanifa ^) war — nicht also Fatmas, der Tochter des Propheten — 
übertragen lassen. Jedenfalls gewannen die Abbasiden das Chalifat und 
die Herrschaft über die Gläubigen mit Hilfe der AHden, der Parteigänger 
der Nachkommenschaft vVlis und Fatmas, welche in erster Linie den 
Tod Husens und Hasans an den Omaijaden rächen wollten*). 

Die gegen die Abbasiden gerichtete Schi*a, deren Anhänger von 
jetzt an recht eigentlich als Schiften zu 'bezeichnen sind, hat im 
Laufe der Zeiten das Abbasiden -Chalifat in gründlicher Weise zu unter- 
minieren und zu zerrütten gewusst. Gerade der Umstand, da.ss die Abba- 
siden keine Nachkommen *Alis und Fatmas waren, wurde die Losung 
für die schon im ersten Jahrhundert ihrer Herrschaft beginnenden Um- 
wälzungen. Aber diese Bewegung trug in weit höherem Grade noch 
als die Umwälzungen, welche den Sturz der Omaijaden herbeigeführt 
hatten, neben dem religiösen einen politisch-nationalen Charakter. Der 
eigentliche Herd der immer wieder erneuten Revolution gegen die 

*) Vergl. Müller ;i. a. O. Bd. 1, S. 379 und .S. 444. 

-} Das Chalifat blieb seitdem in der lland der Abbasiden, auch später, als sir ilie 
weltliche Macht mehr oder wenijjer an ihre Majordonie verloren. Nach clor Zerst(>runij 
Bafdäds durch die Mon^i^olcn nahn) der egyptische Mamluken -.Sultan Baibars den abba- 
sidUchen Chalifen Mustan^ir in Kairo auf, dessen Nachkommen liier bis /um Jahre 15 17 <lie 
geistliche Würde des Chalifates repräsentierten. In dem genannten Jahre Hess sich der 
türkische .Sultan Selim I., der Krol»erer Syriens und Ägyptens, die geistliche Würde von dem 
letzten Abbasiden-Chnllfcn Mutawakkil feierlich für sich und das osmanische Haus übertragen. 



I20 KM\i, IV. Die Slellongnahme der Perser. — Sektenbildungen in Pertien. 

Dynastie des 'Abbäs lag in der östlichen Hälfte des Reiches, in Persien, 
und hier war die religiöse Seite derselben im Grunde für viele nur der 
Deckmantel, hinter welchem der Nationalhass sich verbarg, den die weit 
civilisierteren Perser den arabischen Wüstensöhnen, die sie unterjocht 
hatten, und deren Nachkommen entgegenbrachten. 

Als die Abbasiden den Krieg gegen die Omaijaden eröffneten, 
hatten sich die Perser ihnen angeschlossen, in der Hoffnung, sich 
selbst dadurch die Freiheit erkämpfen zu können. Die Enttäuschung, 
welche sie erfahren hatten, verstärkte ihren Hass gegen die Araber und 
die Abbasiden, welche diese nunmehr repräsentierten. Allerdings ist 
der religiöse Gedanke hierbei nicht zu sehr zu unterschätzen. Die Herr- 
schaft der Araber, die nicht abgeschüttelt werden konnte, wurde im 
Namen Allahs, des neuen Gottes, geführt, und gegen die neue Religion 
regten sich die alten, vielfach zum Mystischen neigenden Gottesideen 
der Perser in reaktionärem Sinne. Schrecklich waren die Folgen der 
Kämpfe, die der Zu.sammenstoss des ar«ibischen und des persischen 
Klementes bewirkte. Sie endeten mit dem Ruin beider Nationen. 

Schon zur Zeit der Sassaniden hatten sich in Persien pantheistische 
und kommunistische, ja gänzlich freidenkerische Ideen geltend gemacht, 
sowie andere, welche den ostlicheren Relij^ionen entnommen waren, 
so die Scclenwanderung, vor allem aber die Theorie der Inkarnation 
Gottes, und zwar namentlich die Fleischwcrdung in der Gestalt des 
Menschen, der die höchste weltliche Gewalt verkörperte. Während der 
Regierungszeit der ersten Abbasiden erhoben trotzigen Mutes Vertreter 
der alten Lehre Zoroasters wieder ihr Hauj)t, und nach ihrer Nieder- 
werfung wurden neue Systeme erfunden auf der Grundlage der vor- 
erwähnte'n, altheidnischen (bedanken, die sich nur weni^i^ um den jungen 
Islam kümmerten. Ehrgeizige Betrüger gaben sich selbst als Fleisch- 
werdungen des göttlichen Geistes oder als deren Hevollmächtigte aus. 
Je fester der Klam Jiber im Laufe der Zeiten in Persien Fuss fasste und 
je mehr auch hier auf die >= Gläubigen« Rücksicht genommen \Yerden 
musste, desto mehr wurden muhammedanische (jedanken in die neu 
erfundenen Religionssysteme gebracht. 

Ks ist leicht erklärlich, dass gerade in Persien sehr bald ein Teil 
der Muhanimedaner sich dazu verleiten lie^s, die Inkarnationslehre auf 
die Vertreter der Familie Muhammeds anzuwenden, derart, dass sie die 
Fleischwcrdung Gottes vom Vater auf den Sohn vererben liess. Schon 
zur Zeit Man^jurs, des zweiten und kraftvollsten der Abbasidenchalifen 
(754 — 775 n. Chr.), hatte sich eine merkwürdige Auslegung der In- 
karnationstheorie geltend gemacht, die im Grunde nichts weiter als 
die Huldigung vor Mansur selbst bedeutete. Zahlreiche Perser waren 
von weit her an den Hof des ChaUfen gekommen, und sprachen von 



Kap. IV. Die Inkamationstheorie und der Chalife Man^ür. — Die Zindi^. 1 2 1 

ihm als von ihrem Gotte, während sie zwei seiner obersten Beamten 
als Adam und den Engel Gabriel bezeichneten*). Mansür aber sah 
ein, welche Gefahr die praktische Anwendung dieser Theorie für das 
Abbasidenhaus in sich bergen musste, das durchaus nicht die direkte 
Descendenz in gerader Linie von *Ali und der Prophetentochter 
darstellte. Er Hess daher die frommen Leute einkerkern und, als 
sich daraufhin ein Aufstand erhob, niedermetzeln. Aber sehr bald 
standen neue Vertreter der Inkarnationslehre auf, die von jetzt an sich 
gegen das Chalifat der Abbasiden richteten. Von ihnen sei nur *Atri 
el Mukanna* (»der Verschleierte«), ein Perser aus Merw, genannt, der 
sich selbst als letzte Fleischwcrdung Gottes ausgab, sich vor der 
unheiligen Menge nicht anders als mit einem goldenen Schleier sehen 
Hess und von seiner Burg Sanäm aus grosse Teile Transoxaniens für sich 
gewann. Nur mit vieler Mühe konnte man die Bewegung ersticken, bis 
endlich, im Jahre 780, nach zweijähriger Thätigkeit der falsche Prophet sich 
mit allen seinen Weibern in seinem Bergschlosse, das er selbst in Flammen 
aufgehen Hess, den Tod gab. Er ist der »Veiled Prophet of Khorassan« 
Thomas Moores (Lalla Rookh)=^). So zahlreich wurden die Vertreter 
aller dieser neuen Rcligionstheorien, dass von den Abbasiden eine eigene 
Behörde eingesetzt wurde, welche ihnen nachzustellen und für ihre Be- 
seitigung Sorge zu tragen hatte. Man gab den Ketzern den schon zur 
Sassanidenzeit für Zauberer und andere Rcligionsabtrünnige gebrauchten 
Namen Zindik, begriff darunter alle möglichen unbequemen Freigeister und 
machte ihnen regierungsseitig regelrecht den Krieg. Desto mehr hielten 
sich die Fanatiker im Verborgenen und desto gefährlicher wurden sie. 

Das tolle L-nkraut war, wie gesagt, im Anfang auf persischem 
Boden gewachsen, aber nach und nach verlor die Bewegung, wie sie 
ihres rein antiislamischen Charakters sich längst entledigt hatte, auch 
die antiarabische Spitze. Längst waren am Hofe der Abbasiden Nicht- 
Araber die mas.sgebenden Berater und Staatsmänner geworden. Die 
Abbasiden selbst wurden von ihnen immer mehr in die Rolle lediglich 
geistlicher Oberhäupter zurückgedrängt. Aber auch dieser letzte Schein 
von Macht sollte den Chalifen gcnonr.ncn werden, und unter dieser Devise 
gingen die Zindfks vor. Die schreckliche Misswirtschaft, die im Abbasidcn- 
rciche Platz gegriffen hatte, kam ihrem Treiben vortrefflich zu Statten. 

Immer wieder wurde die Idee des Mahdi (gedacht als Messias, Ki löser) 
in sehr geschickter Weise herangezogen, jene Weissagung, nach welcher 
der wahre von Gott auserwälilte Chalife aus den direkten Nachkommen 
•Alis eines Tages aufstehen und eine Regierung der Gerechtigkeit ein- 



^) Vergl. Müller ;i. a. O. Bd. I, S. 494. 
') Vcrgrl. Müller a. a. O. Bd. I, S. 495. 



122 Kap. IV. Die Idee des Mahdi. — Die Imame. 

fuhren werde. Dieser Gedanke, welcher bis in unser Jahrhundert hinein 
in den verschiedensten Ländern und zu den verschiedensten Zeiten 
unzufriedene Mengen fanatisieren, Reiche untergehen und entstehen lassen 
konnte, schuf den Zindiks bei dem Verfalle der Abbasidenmacht in Persien, 
aber auch im *Iräk und in Arabien immer wieder neufe Anhänger*). 

Die Aliden selbst halten sich längst gespalten; sie gruppierten 
sich aber in der Folge in zwei Richtungen, je nachdem sie den zwölften 
oder den siebenten Imam als den erwarteten Mahdi bezeichneten. Unter 
Imam in diesem Sinne sind die zur Nachfolgerschaft des Propheten »als 
Beherrscher der Gläubigen« einzig berechtigten Personen, und zwar 
zunächst der Schwiegersohn des Propheten,, *Ali, dann dessen Söhne 
Hasan und Husen und des letzteren direkte Nachkommen zu verstehen. 

Der sechste Imam war (la'far es Sädik, ein Urenkel Huscns. Die 
Partei der Siebener erblickt in dessen Sohn Isma*il, dem siebenten Imam, 
den ersehnten Mahdi, die Zwölfer dagegen verehren als Mahdi Muliammed 
il Muntazar, nach ihrer Zählung der zwölfte Imam und ein Nachkomme 
eines andern Sohnes des (la'far es Sadik, Namens Müsä el Käzim^. Die 
Siebener werden nach ihrem Mahdi auch als Isma'ilier oder Isma'iliten be- 
zeichnet, sie sind von jeher die fanatischeren unter den Schiften gewesen'). 

^] Es ist nicht uninteressant zu konstatieren, dass die ersten Abbasiden selbst sich 
den Gedanken des Mnhdi nutzbar g^einacht haben. ^ ergl. G. van Vloten, Zur .\bbasiden- 
geschichte, in /. D. M. (/.. Leipzii; 1S9S, Htl. LH. S. 21S IT. 

-} Zur Uc])ersicht dicno die folijcnde Namentafel mit «ler Zählung der Imame (Vcrgl. 
i.ane Toole, The Mohanunadan Dviiasties, London 1804, S. 72): 

I. 'Ali — Fapna 

I 

2. Hasan i 50 d. IL 3. Husen t 61 <i. IL 

4. 'All Zeu rl Abidm f 94 

I 

5. Muliammed Iia\vir j 113 
(). da'lar ei» SadiV t 14^ 



7. IsmaMl 7. Müsa tl Kazim t 1S3 

oder I 1 

7. MuFiammcd S. *Ali Ridä i 202 

I . 

9. Mubammed dawad v 220 

I 

10. 'Ali el Hädi f 254 

I 

11. Hasan el Askari v 2Ö0 

I 

12 Muhammed el Muntazar, 

der Welt entrückt um 260. 
^ Vergl. Stan. Guyard: Textc> arabes relatifs ä la doctrinc des Ismaeliens, in: Notices 
et Extraits des manuscrits de l.i bibliotheque nalion ilc et autres biblioth^cjues, Paris 1874, 
lome X\ll. fc partie S. 177 ff. 



Kap. IV. Die Ittma^ilier. — * Abdallah ibn Maimün. 123 

Die Isma'Ilier und die Zwölfer mögen sich zu Lebzeiten des siebenten 
bezw. zwölften Imams, erstere also gegen 765, letztere gegen 873 n. Chr. 
gebildet haben*). Aber als keine der beiden Sekten die Menschheit von 
dem Jammer der bestehenden Regierung befreite, lebte man in der Folge 
der Ueberzeugung, dass der Mahd! sich vor den Augen der Menschen 
verborgen halte, um vielleicht erst Generationen später als Erlöser 
aufzutreten und die neue glückliche Weltära zu inaugurieren. 

Die im neunten Jahrhundert in Persien auf dem Boden des Heiden- 
tums entstandenen Religionen erkannten meist den Mahdi der Isma*ilier als 
den ihrigen an. Und wie ihrerseits die Perser, den Fortschritten der Zeit 
folgend, neben den Persönlichkeiten der Imanie aus der F*amilie Mu- 
bammeds alle möglichen muhammedanischen Anhängsel übernahmen, 
fanden gerade in Syrien und Arabien, im Stammlande des Islams und 
überall da, wo die Araber sich festsetzten, alle jene Nachklänge des auf 
persischem Boden stets erhaltenen Heidentums Eingang. Derjenige, 
welcher in die isma'ilischen Ideen und Bestrebungen eigentlich Prinzip 
gebracht zu haben scheint, war ein Perser, 'Abdallah ibn Maimim, der Sohn 
eines Augenarztes und PVeidenkers, ein unerbittlich ehrgeiziger Mann und 
ein unversöhnlicher F'eind der Araber im allgemeinen und der Abbasiden 
im besonderen. Ihm erst scheint man jenes teuflische System zuschreiben 
zu müssen, das durch Ueberhitzung und Verwirrung der Phantasie die 
Menschen zu willenlosen Werkzeugen in der Hand des Oberhauptes der 
Sekte umwandelte, Mörder und Brandstifter in zahlloser Menge schuf 
und infolge seiner terroristischen, durch die ganze muhammedanische 
Welt verzweigten, im Geheimen wirkenden Organisation Fürsten schaffen 
und Throne stürzen konnte, und das wohl als der mächtigste Faktor der 
damaligen muhammedanischen Welt angesehen werden muss, bis auch 
ihm der in seiner Art ebenso schreckliche Ansturm der Mongolen zum 
Wohle der Menschheit ein jähes und blutiges Ende bereitet hat. Die 
spärlichen Reste der eigentlichen Isnia^ilier, welche auch nach dem Ver- 
schwinden der Gottesgeissel Tschingis Chan und Hulagu Chan sich noch 
vorfinden, und die harmlosen und vcrblasstcn Formen des Isnia*iliertums, 
die sich bis auf den heutigenTag erhalten haben, sind belanglos im Verhältnis 
zu dem, was die Sekte einst gewesen. Genialität ist bei aller Verworren- 
heit dem System Ibn Mainiüns nicht abzusprechen. Siebenmal ist nach ihm 
das Wesen Gottes als Prophet Mensch geworden: in Adam, Noah, 
Abraham, Moses, Jesus, Muhammcd und in dem Mahd! — , als welcher 
jedoch nicht mehr Isma*il selbst, sondern dessen Sohn Muhammed gilt. 
Der letztere ist nicht gestorben, sondern nur unsichtbar geworden, und .sein 
Wiedererscheinen wird erwartet. Jede der Inkarnationen des göttlichen 

^) Vergl. Müller a. u. O. Bd. 1, S. 588. 



1 24 ^^P* ^V* ^^ Lehrsystem des Ihn Maimun. — Salamja als Stützpankt der Isma^ilier. 

Wesens hatte einen Helfer, einen Imam, welcher den göttlichen Willen 
zu verkünden und zum Ausdruck zu bringen hatte. So war Petrus der 
Imam Jesus' und *Ali derjenige Muhammeds. Jeder Imam selbst hatte 
wieder sechs Nachfolger bis zur nächstfolgenden Menschwerdung Gottes. 
So war Johannes der Täufer der letzte Imam vor dem Auftreten Jesu, 
'Ali der erste Imam Muhammeds, die übrigen Imame der isma*iUtischen 
Schi'iten seine Nachfolger und Isma*il selbst der letzte dieser Nachfolger vor 
dem Auftreten des erwarteten Mahdi, des Herrn der Gegenwart und daher 
des *Herrn der Zeit«. Dieses Mahdi Helfer und Imam ist 'Abdallah ibn 
Maimün, und ihm ist man ebenso wie dem Mahdi selbst blinden 
Gehorsam schuldig. Von ihm gehen Dä*is (Rufer, Missionare) aus, die 
sich überall, immer wieder unter verschiedener Maske, zeigen und 
Anhänger werben. Bevor das Rehgions.system dem, den man zu 
werben sucht, entwickelt wird, verlangt man von ihm vor allem 
unverbrüchliches Schweigen allen nicht Eingeweihten, unbedingte Wahr- 
haftigkeit den Dä*is gegenüber, und sodann die Erlegung einer den 
Verhältnissen entsprechenden Geldsumme zum Besten der Religions- 
gemeinschaft. Aber nicht auf einmal kramen die Dä'is ihre W^eisheit 
vor ihrem Opfer aus. Der Adept mu.ss vier Grade des Wissens 
durchgehen, bevor er in das oben ausgeführte Religionssystem eindringen 
kann. Erst wenn er soweit gediehen ist, beginnt der weitere Unter- 
richt, der in fünf ferneren Graden durch einen Wust altheidnischer, 
griechisch -philosophischer und neu erfundener Anschauungen hindurch- 
führt und den Glauben an jede positive Religion raubt. Schon im vierten 
Grade war im (jrunde bereits der Islam negiert. Selbst das Lehrsystem 
der ersten vier Grade wird durch allegorische Deutung wieder derart 
verrückt, dass derjenige, welcher sich durch alles das, was ihm vorge- 
tragen wird, durchfinden kann, nur mehr Eines erkennt: Die Ewigkeit 
der Materie und die Unmöghchkeit, das Wesen der Dinge in religiösen 
Begriffen festzulegen. (länzlicher Skepticismus, Materialismus und 
cynischer Egoismus mussten die geistige Frucht dieser Erziehung werden M. 
Der eigentliche Zweck dieser Erziehung für Ibn Maimun und seine 
Nachfolger sollte aber nur der sein, die Thoren derart zu verwirren und 
die Klugen so zu schulen, dass sie aus Furcht oder aus Fanatismus oder 
aus Eigennutz die Sklaven seines eigenen Willens wurden. Diesen Zweck 
hat er erreicht. Ein derartiges Unwesen trieb er mit Hilfe seiner An- 
hänger zunächst in Pcrsien, dass er von dort fliehen musste. Aber 
darauf setzte er sich in Salamja in Syrien fest, wo nach der Tradition 
aus früherer Zeit bereits isma'ilitische Ideen vorherrschend gewesen sein 
sollen (vor 873 n. Chr.). Salamja wurde nunmehr auf längere Zeit der 

' Ver^'l. Müller u. a. O. Bd. I, .S. 589 ff. 



Kap. IV. ^mdSn il ICarmat. — Abmed. — Sa^id *ObeidaUSh el Mahd!. 12 c 

Sitz des Grossmeisters der furchtbaren Sekte, der Mittelpunkt der 
isma'ilitischen Bestrebungen, und von hier aus setzten die Nachkommen 
'Abdallah ibn Maimüns das begonnene Zersetzungswerk gegen die Macht 
der Abbasiden fort. Es geht die Sage, dass einer der Dä*is des zweiten 
Nachfolgers Ibn Maimuns einen durch die Misswirtschaft der Bardäder 
Regierung heruntergekommenen Bauern, mit Namen H^n^^än, welcher 
mit allen möglichen körperlichen Gebrechen behaftet war, für seine 
Lehre gewann, und dass dieser dann selbst wieder der oberste Dä*I der 
Sekte für das östliche Mesopotamien und dessen Umgegend wurde. 
Infolge seiner Gebrechen soll Hamdän den Beinamen il Karmat geführt 
haben und hieraus die besonders übliche Bezeichnung Karmaten*) für 
die Isma'ilier Ibn Maimüns sich herleiten. Immer zahlreicher wurden 
die Anhänger der Lehre Ibn Maimuns nun auch in Südmesopotamien (*Iräls) 
und in Arabien, so dass sie seit 890 dort offen auftreten und sich eigene, 
feste Niederlassungen begründen konnten. Nunmehr hielt Ahmed, ein Sohn 
oder Enkel 'Abdallahs, die Zeit für gekommen, alle die mystischen Eigen- 
schaften, die in dem Lehrsystem Ibn Maimüns den Nachkommen des 
Propheten Muhammed alsimam gebührten, auf das eigeneHaus überzuleiten. 
Zu diesem Zwecke behauptete er kühn seine Verwandtschaft mit dem 
Hause Mubammeds, wagte es aber noch nicht, sich von *Ali, dem 
Schwiegersohne des Propheten selbst, abzuleiten; vielmehr führte er 
seinen Stammbaum auf 'Akil, einen Bruder des *Ali, zurück. Das war 
Hamdän il Karmat zu viel; er verweigerte die Anerkennung der Neuerung, 
verschwand dann aber plötzlich von der Bildflächc, wohl auf Veranlassung 
des Grossmeisters durch einen Sklaven seines Willens gctödtet^). Immer 
weiter breiteten sich nun die Karmaten, wie wir jetzt die Sekte nennen 
wollen, im *Iräk aus; in der syrischen Wüste und vor allem in Bahren, 
dem nordöstlichen Teile der arabischen Halbinsel, wurden ihnen zahl- 
reiche Beduinen gewonnen. Merkwürdig genug scheinen die Abbasiden 
diesem Treiben verhältnismässig freien Lauf gelassen zu haben. Auch 
in Südarabien, vorzüglich in Jemen, wo schon seit langer Zeit die Aliden 
besonderen Anhang gefunden hatten, und wo bis auf den heutigen Tag 
an einzelnen Orten Scherifen-Familien, Nachkommen Muhammeds, als 
Fürstengeschlechter kleinerer Landstriche aufgetreten sind, konnte die 
Sekte festen Fuss fassen. 

Bald nach dem Beginn des zehnten Jahrhunderts unserer Zeit- 
rechnung eröffnet sich eine neue Aera für die Karmaten: Der damalige 
Grossmeister war ein gewisser Sa'Kl'% angeblich der Neffe oder 



*) Ueber den Ursprung iles Wortes Kannuten ver^l. de (locje. Memoire sur les 
Carmathes du Bahru'in et les Fatimides, Leide 18S6, Appendice S. 199. 

») Verffl. Müller a. a. O. Hd. I, S. 594. 

*) Verj^l. Wüstcnfeld , Geschichte der Faüiniden-Chalifcn nach arabischen Quellen. 
Göttingen 1881, S. 3. 



1 26 I^P* IV. Die Karmaten in Nordafrika. — Karmatische ßecluinen im Lilianon. 

selbst ein Enkel oder Urenkel des genannten Ahmed, nach der Ansicht 
seiner Gegner aber nicht einmal so vornehmer Abkunft, sondern lediglich 
ein als Kind in der grossmeisterlichen Familie angenommener Fremdling, 
der sogar als der Sohn eines jüdischen Schmieds von Salamja bezeichnet 
wurde. Sa*id, der jedenfalls auf die Rolle eines Grossmeisters der 
Sekte seit seiner Jugend vorbereitet worden war, verwirklichte den Plan, 
der wohl 'Abdallah ibn Maimim bereits vorgeschwebt haben mag: Er 
wurde der Begründer eines festgegliederten Reiches, aber nicht in Asien, 
sondern im Norden Afrikas. 

Durch ausgesandte Dä'is, insbesondere durch den treuen ^Abdallah 
esch Schi'i hatte er das dortige Terrain vorbereiten lassen. Im Jahre 902 
kehrte er Salamja für immer den Rücken, um sich nach Afrika zu be- 
geben. Hier ist er zu einem anderen Menschen geworden. Er 
nennt sich *Obeidalläh el Mahdi und führt seinen Stammbaum nunmehr 
direkt auf 'Ali und F'atma und nicht mehr auf *Alis Bruder zurück. 
Vortrefflich weiss er die Rolle des verheisscnen Erlösers zu spielen. 
Jahre lang lässt er sich im fernen Westen, in Sigilmäsa, dem heutigen 
Tafilelt, einkerkern, bis seine Zeit gekommen und er im Jahre 910 von 
seinen getreuen DäMs befreit wird, um die Zügel des neuen Staatengebildes 
selbst in die Hand zu nehmen. Sein Sitz wird il Mahdije bei Kairowän. 
Die mit der Herrschaft der gestürzten Aglabiden unzufriedenen Berber 
vergrösserten seine Macht immer mehr, und bald konnte er daran denken, 
sein Reich nach Westen und Osten auszudehnen. 

Wiewohl er so zum weltlichen Fürsten geworden, blieb er trotzdem 
immer noch der Grossmeister seiner Sekte, die in Vorderasien und 
Persien nach wie vor blühte. In allem hatte 'Obeidalläh Glück. Wie er 
auf seiner Durchreise durch P^gypten den Sendboten der Abbasiden ent- 
gangen war, wandte sich die abbasidische Regierung erst unmittelbar 
nach seinem Aufbruch aus Salamja in ernsthafterer Weise gegen die 
Karmaten. Zunächst wurde mit wechselndem Glück gefochten, aber 
endlich wurde das Xest von Salamja, das nach wie vor der Aussen weit 
gegenüber der Sitz der Sekte geblieben war, aufgehoben. Den Isma'iliern 
in Syrien muss es damals schlecht ergangen .sein und nicht minder den 
Arabern der syrischen Wüste, die sich ihnen angeschlossen hatten. Es 
ist wahrscheinlich, dass damals grös.sere Teile der syrischen Beduinen 
bei ihren Stammverwandten, den Arabern, die, wie wir gesehen haben, 
sich eine schwer zugängliche neue Heimat im Marditen-Gebiete im Libanon 
gegründet hatten, Zuflucht gesucht und gefunden haben. Auch nach 
den weiteren Kämpfen der Karmaten in Syrien dürfte sich dieser Vor- 
gang wiederholt haben. Ich erwähne dieses, weil mein oben bezeichneter 
Gewährsmann in Uebereinstimmung mit anderen Drusen mehrfach betont 
hat, dass die arabischen Stämme des Libanon und dessen gebirgiger 



Kap. 1\'. LabsA in Babren wird SiU des KarmatentamB. 127 

Nachbarschaft schon vor Einzug der drusischen Religion batinidischen ^) 
bezw. isma'ilitischen Tendenzen gehuldigt hätten*^). 

Nach ihren ersten Misserfolgen in Syrien verlegten die Karmaten 
den Schwerpunkt ihres Wirkens nach dem für die Heere des Abbasiden- 
Chalifen fast unerreichbaren Lal.isa in Bahren am Persischen Golf. Der 
isma*ilitischen Lehre muss hier damals eine Form gegeben worden sein, 
welche der beduinischen Eigenart zusagte, und die Beduinen des Ne^d 
und der umliegenden Steppen und Oasenbezirke sind es, welche nunmehr 
für eine Zeit lang die eigentlichen Träger des Karmatentums werden. 
Die mehr oder weniger sesshaften Bewohner der arabischen Halbinsel 
hatten sich die alte Urwüchsigkeit und Kraft bewahrt, welche der Lehre 
Mubammeds einen Teil der Welt erobert hatte. Längst hatte die Völker- 
wiege Arabien neue Streiter geschaffen an Stelle derer, die mit den Feld- 
herren und ersten Nachfolgern des Propheten ausgezogen waren und deren 
Nachkommen durch ihre Berührung mit weiter fortgeschrittenen Nationen 
Kosmopoliten geworden und in den Städten verweichlicht waren. Zur 
Zeit Mubammeds, — aber auch noch im Anfang dieses 19. Jahrhunderts, 
als die puritanischen Wahabiten auftraten und sich ein arabisches Reich 
schufen, das die heiligen Städte des Hi^äz in sich schloss und erst nach 
jahrelangen Kämpfen, welche die Egypter im Auftrage des Sultan führten, 
eingedämmt werden konnte, — zeigte es sich, dass die Araber der Wüste 
mystischen religiösen Ideen zugänglich sind, vor allem wenn hierdurch 
sich ihnen Gelegenheit bietet, ihrer vornehmsten Passion, der Raublust, 
zu huldigen. Mit scharfem Blick müssen das die Karmaten erkannt 
und entsprechend ausgenutzt haben. Der Karmatenstaat von Lahsa 
gedieh zunächst unter der Führung von Dä'Is, später unter einer sechs- 
oder mehrköpfigen Regentschaft, die merkwürdigerweise unter sich einig 
war. Von Lahsa aus wurde die Schlappe in Syrien wett gemacht, und 
dieses, wie die umliegenden Gebiete, zahlte den Karmaten Jahre lang 
Tribut. In *Obeidalläh und seinen Nachfolgern müssen sie nach wie vor 
ihr geistliches Oberhaupt erblickt haben. Als sie im Jahre 930 die Kühnheit 
hatten, den heihgen Stein der Ka*ba aus Mekka zu rauben und nach 
Labsa zu bringen, verblieb er dort, trotz des Plinspruchs der ganzen 
muhammedanischen Welt, bis endlich der Pinkel 'Obeidallähs, Mansür, 
im Jahre 951 die Rückerstattung nach Mekka anordnete. Trotzdem kam 
es unter Man^ürs Sohn, Mo*izz, zum Streite zwischen den Karmaten 
von Bahren und den Nachkommen Ibn Maimüns. Die Feldherren 
der Fatimiden, — so nannten sich die Söhne *Obeidallähs nach ihrer 
erlogenen Ahnfrau Fatma, der Tochter des Propheten, — hatten während 

*} Verßl. Müller a. a. O. Hil. II, S. 61, Anm. 2. 

*) Verjjl. auch die Ausführunyfen Silvestre de Sacys in seinem Expose de la relifpon 
dei Drazes. 



1 28 Kap. IV. Znsaminenstosi der Fatimiden ond der Ba^J^ner. — Mo*izz und 'Aziz. 

der Regierungszeit von Mo'izz Eg>'pten erobert, und nahmen nun auch 
noch Syrien ihren Todfeinden, den Abbasiden') ab. Daraufhin hörte 
dieses Gebiet auf, an die Karmaten den Tribut zu zahlen. Dieses führte 
zum Konflikt zwischen den Leuten von Bal.ircn und den Fatimiden. Der 
Kampf wurde mit wechselndem Erfolge geführt. Ja, einmal zeigten sich die 
Truppen der Karmaten bereits vor den Thoren von F*ostät-Kairo. Aber das 
Glück blieb dem Hause Ibn Maimiins treu: Gerade dieser Umstand war es, 
der zum äusseren Anlass genommen wurde für die feierliche, mit grossem 
Pomp vorgenommene Uebersiedlung des »Chalifen« Mo*izz nach Kairo (im 
Jahre 973 n. Chr.), für den Beginn einer Jahrhunderte langen Herrschaft der 
Fatimiden über das reiche, heilige Nilland, dessen Bewohner mit Recht 
als treueste Anhänger der Sunna, der orthodoxen Richtung des Islam, 
galten, im Gegensatz zu der schi*itischen Richtung der Fatimiden. 
Mo*izz starb bald darauf. Sein Sohn *Aziz war siegreich in dem bereits 
von Mo*izz persönlich aufgenommenen Kampf gegen die Karmaten, 
bewilligte diesen aber eine jährliche Geldzahlung (im Jahre 977)*) und 
stellte so in gewisser Beziehung wenigstens wieder das alte gute Ver- 
hältnis zwischen der isma'ilitischen Sekte und ihrem angestammten Ober- 
haupte her. Mo'izz und 'Aziz machten allerdings von dieser Stellung — 
ohne Frage im Hinblick auf die sunnitische Bevölkerung ihrer neuesten 
Heimat — wenig Gebrauch. 

Erst der Enkel des Mo'izz, Häkim, ging in energischer Weise daran, die 
isma*ilitischcn Gedanken auch in Egypten einzuführen. Noch immer 
galt es, das letzte Ziel, das Mo*izz') ebenso wie der kühne 'Obeidalläh 
und wohl auch schon 'Abdallah ibn Maiinün selbst sich gesteckt, 
zu erreichen: die Abbasiden zu stürzen und das eigene Haus an deren 
Stelle zu setzen. Dieser höchste Wunsch der Fatimiden sollte jedoch 
niemals in Erfüllung gehen. Allerdings wurde in der Folge, und zwar 
schon zur Zeit des beginnenden Niederganges der fatimidischen Macht 
im Jahre 450 d. H. (1059 n. Chr.), der Name des Fatimiden-ChalifenMustan§ir 
nach dem Freitagsgebete in der Moschee zu Bardäd genannt. Aber nur 
sehr kurze Zeit lang triumphierten dieser Art die Fatimiden über die 
Abbasiden. Das Ereignis war zudem keineswegs die Folge fatimi- 
dischcr Siege und hatte auch keinerlei praktische Bedeutung*). Die 
Abbasiden bezw. deren mächtige Majordome erwiderten weidlich den 
Hass, welchen ihnen die l^\itimiden entgegenbrachten; in geschickter 
Weise hatten sie einen Annäherungsversuch, den schon der F'atimide 

'* In Wirklichkeit den Ichschiden, einer vom (.'halifnt in Bardä<I unabhängig; gewordenen 
kurzlebijjen Stallhalterdynastie von Egyj)ten. 

-) N'erj^l. Wüstenfcld, rieschichle der Kalimiden-Chalifen, S. 140. 
^; Vergl. Wüstenfeld a. a. (>. S. 130. 
*; Vcrgl. Wüstenfeld a. a. (). S. 24a tT. 




Kap. IV. DerCh«U[«I^kini, lein PrieBterDtirazi, detem erste Erfolge unWädi itTem. 129 

'Aziz machte, benutzt, um durch die Aliden von Bardäd im Jahre 980 
n. Chr, (369 d. H.) den Stammbaum der Fatimiden als gefälscht be- 
zeichnen zu lassen*). 

Den Leitgedanken im Leben des Chalifen il Häk'im btamrilläh 
Abu 'Ali Mansür bildete ohne Zweifel die gänzliche Verdrängung der 
Abbasiden vermittelst einer Wiederbelebung der isma'ilitischen Ideen. 
Ijäkim war der siebente Herrscher der von 'Obeidalläh gegründeten 
Dynastie, der dritte der in Egypten herrschenden 
Fatimiden, und soll eine Christin zur Mutter gehabt 
haben. Als Knabe von elf Jahren war er auf den Thron 
gekommen, fünf Jahre darauf trat er bereits selbständig 
auf und begann nun eine Reihe von Tollheiten, aus 
denen jedoch eine gewisse Genialität und innere Kraft . . , „, . 

hervorblitzte. Bereits Mo'izz hatte bei seinem Einzug Häkim. 

in Kairo die schi'itische Form des Freitaggebetes ein- 
geführt, viel weiter war weder er noch sein Sohn 'Aziz ' gegangen. 
Häkim aber liess planmässig isma'ilitiscbe Ideen durch Lehrer in den 
Moscheen Kairos verbreiten, und plötzlich stand ein aus Persien ge- 
kommener Isma'ilicr auf, vielleicht seiner Nationalität nach ein Türke, 
id Darazi genannt, predigte die alte Inkarnationstheorie und wandte 
sie auf den gegenwärtigen Herrscher, den Chalifen Häkim, selbst an. Das 
war den sunnitischen Kairensern zu viel; Darazi wurde beinahe tot- 
geschlagen, konnte jedoch flüchten, und begab sich, mit Geldmitteln des 
Chalifen reichlich ausgestattet, nach Syrien in das Berggebiet des Hermen, 
woselbst er, im Jahre 1017*), am Wädi it Tem die ersten Anhänger fand, 
die an die Göttlichkeit Häkims glaubten. Der Chalife wiederholte den 
zuerst missglückten Versuch, das Isma'iliertum in der erwähnten Form 
wieder aufzufrischen; ein weiterer Prophet trat in Kairo auf, verschwand 
jedoch bald wieder, ohne besondere Bedeutung erlangt zu haben, und 
ebenso wenig Erfolg in Kairo hatte i. J. 1019 ein Perser, Namens Hamza, 
der allerdings dank der Schreckensherrschaft, welche Häkim führte, eine 
Zeitlang sich vernehmen lassen konnte, dann aber gleichfalls flüchten musste 
und sich zu id Darazi nach Syrien begab. 

Anfang des Jahres 1021 erreichte die öffenüiche Thätigkeit 
Häkims ihr Ende. Ebenso merkwürdig wie sein Leben war sein 
Tod. Auf einem weissen Esel hatte er eines Morgens einen Ritt 
in das Schluchten reiche Mokattam-Gebirge, unmittelbar bei Kairo, unter- 

') Vei^l. WUstenfeld a. a. O.. S. 3 fr., S. Mi. 

') Verjjl. Müller a. a.O., Bil. [, S. 632. Dieses Datum wurde mir auch in Syrien 
selbst voD Drusen genannl. Bei Wikslenfeld ^Gcschichle der FalimideD-Chalifeu, S. 206 If.) 
werden diese Ercij^nisse auf eloen spateren Zeitpaokl, in das letzte Regienuiesjahr Häkims 

Frbr. v. Oppinhiini, Vom Minsimcn lum PenüchcD Gol£ B 



IjO ^P- ^^'- ^^^ »Alle To« Ben^c. 

nommen und war nicht wieder zurückgekehrt. Das wurde in der Za- 
kunft den Vorbildern der letzten Imame der Zwölfer und Isma^ilicr 
entsprechend gedeutet. Es hiess, er sei nicht gestorben, sondern 
nur entrückt. Mit Häkim waren aber die Hoffnungen der Ismallier im 
Westen ins Grab gegangen. Die Karmaten in Babren waren bereits 
vom Schauplatze abgetreten'). Ihre weltliche Organisation und die Biidang 
eines regelrechten Staates hatten ihrer mystischen Kraft Abbruch 
gethan. Auch starke Beduinenstämme, wie die Montefik, die einst auf 
isma'ilitiscber Seite gefochten hatten, waren siegreich im Kampfe gegen 
die Herren des Babren, und in Mekka selbst, dessen Besitz den letzteren 
solange von sunnitischer Seite missgönnt worden war, ^ii-aren aiidische» 
vom Propheten unabweisbar richtig abstammende Scherifen zur Herrschaft 
gelangt. Erst mehrere Jahrzehnte später sollte das Isma^iliertum neue 
Kraft gewinnen, diesmal jedoch wieder in seiner Urheimat, in Persien, 
dem Sitz des ultraschi'iti.schen Gedankens, und zwar in der Gestalt, welche 
der schreckliche Ibn e.«? Sabäh» der >Alte vom Berge«, der Stifter des 
Ordens der Assassinen^j, ihm gegeben hatte. 

Ha.san ibn e.s Sabah, ein ehrgeiziger Perser, verstand es, ähnlich 
wie 'Abdallah ibn Maimiin, die vorhandenen isma*ilitischen Ideen und 
deren Anhänger sich nutzbar zu machen und ein in seiner Familie erblich 
werdendes Grossmeistertum zu schaffen. Mit den Fatimiden kam er 
1078 n. Chr. in Krypten selbst in Berührung, entzweite sich hier aber 
mit den gcmkssigtcren Schi'iten des Kairenser Hofes, welche einem 
jüngeren Sohn des Chalifen Mustansir an Stelle Nizars den erledigten 
Thron verschafften, obwohl Xiz«ir nach streng isma*ilitischer Idee als der 
älteste Spross das Frbe des Reiches — und auch der göttlichen Wesenheit 
des Vaters — hätte antreten müssen'*). Hasan erkannte, dass die Fati- 
miden für das Isma'ilicrtum definitiv verloren seien und wandte sich 
nunmehr nach Pcrsicn, wo in gleicher Weise wie im *Irak die isma'ilitischen 
Gedanken weiter lebten. Fben.so gewandt und in den Wissenschaften 
seiner Zeit unterrichtet, wie verwegen und rücksichtslos, gelang es ihm, 
im Jahre 1090 die im nordwestlichen Hergland Persiens gelegene Burg 
Alamut (»Adlerhorst^) in seine Gewalt zu bringen. Seinen Anhängern gab 
er Haschisch, angeblich ein Hanfpräparat, zu essen, wodurch sie in wahn- 

* Vcr^^l. de CJijL*]«:, La fin des Carmathes, Journal Asiatique 1895 Extrait No. l). 

'* Verj^l. über die Assassinen J. von llaninicr. Die Geschichte der Assassinen aOs 
mor^'cnliiridischen '.»Hellen, Stiilt<,Mrt und TübiuLjcn iSiS, S. 330 ff. ; M. C Defremery, Nou- 
velles recherches sur les Isrnaciiens ou Hathiniens de Syrie, plus connus soos le nom 
d'Assas.sins, Paris 1855; St. (iuyard, l'n ^rand-inaltre des Assassins au temps de Saladin, 
Journal Asialifjuc, 7. Serie, toine I\, Paris ivSyj, S. 324 ff. ; van Herchem, Epij^aphie des 
Assassins de Syrie, Journal Asiatifju««, Mai —Juni 1897. 

'^ Vergl. Müller a. a. < )., Dd. II, S. 100. 



Kap. IV. Assassinen, Noseirier. Ißl 

sinnigen Taumel verfielen, nun im Traume, der vielleicht durch weitere 
künstliche Mittel unterstützt wurde, die höchsten Wonnen durchlebten und 
dann, gebannt von der Wirkung des Haschisch und ihres Spenders, jeden 
Auftrag zu erfüllen bereit waren. Nach dem Haschisch nannte man die 
Anhänger Hasans Haschchäschln, eine Bezeichnung, die von den fränkischen 
Kreuzfahrern in »Assassinen« umgewandelt wurde und als »assassin« in 
den französischen Wortschatz übergegangen ist 

Sehr bald breiteten die Assassinen ihre Thätigkeit über die Grenzen 
Persiens aus. Schon im Jahre 1 102 gelangten sie, durch einen Fürsten 
von Aleppo, der sich ihrer als Bundesgenossen bedienen wollte, herbei- 
gerufen, nach Syrien. 11 26 gewannen sie die Stadt Banias am Hermon, 
die sie jedoch nach drei Jahren wieder aufgeben mussten, bald darauf 
das Bergschloss Kadmüs bei Hama und endlich im Jahre 1140 das 
Felsennest Masjäd im Noseirier- Gebirge^), welches das Centrum ihrer 
verderbenbringenden Thätigkeit in Syrien wurde. Zahlreiche weitere 
feste Schlösser in unzugänglicher Gegend entstanden dann in Syrien als Stütz- 
punkte ihres gefährlichen Wirkens, das sich hier ganz besonders auch gegen 
die christlich -fränkische Herrschaft richtete. Mehr als einer der Kreuz- 
ritter verblutete unter dem Mordstahl der Assassinen. In dichtestem Ge- 
tümmel, in der Königsburg oder am Altar, wussten die Leute des »Alten vom 
Berge« — so wurde Hasan nach seiner Burg Alamut genannt — ihre Opfer 
zu finden. Was machte es den Fedawi, den »Todgeweihten <s wenn sie, 
ihrem Grossmeister gehorchend, ihr Leben cinbüssten. Sie waren gewiss, 
dann dauernd die Freuden zu geniessen, die sie im Haschischrausche 
gekostet^). Der geringe Bildungsgrad der meisten der Kreuzfahrer macht 
es begreiflich, dass sie bald jeden Mord, der unaufgeklärt blieb, den 
Assassinen zuschrieben, gleichzeitig aber auch als Assassinen alle die- 
jenigen betrachteten, deren religiöse Anschauungen ihnen unverständlich 



*' Die Bewohner des Xoseirier-Gebirges bekannten und bekennen sich zu einer Religion, 
die zwar gleichfalls isina'ilitischer Natur, jedoch derartig mit christlichen Ideen vennenßft ist, 
dass man fast annehmen könnte, sie sei auf christlicher Grundlage erwachsen. Vielleicht 
sind die Noseirier als die Nachkommen der einstmals christlich-aramäischen Bevölkerung 
des nördlichen Libanon anzusprechen. Nicht unniöjjlich, <Iass die Assassinen, als sie ihren 
Wirkungskreis im Süden von Aleppo ausdehnten, bei den Noseiriern einen Stützpunkt zu finden 
hofften; statt dessen stellten sich die Noseirier den neuen Ankömndingen durchaus feindlich 
gegenüber. Ueber die Noseirier vergi. Sulainiän il Atlani, il Haklira is Sulaimaniji; fi 'd Dijane 
in Nu^airije, ohne '^rt u. Jahr (IJeiut, Ainerik. Druckerei; dieses Buch behandelt 
M. E. Salisbury, Journal of the Auut. Orient. Soc. i, VIII; vergl. ferner Clement Unart, La 
poesie religieuse des Nosairis in Journ. Asiat. 1S79 t. II, S. 190 — 261; WollT, Auszüge aus 
dem Katechismus der Nusairier in /. D. M. G. HI. 

-^ Der Venetianer Marco Polo, ein /»itgeiiosse des letzten ";>Alten vom Bergt^'., gii-bt 
in der Beschreibung seiner Reise nach dem Orient eine Schilderung der Verführungskünste, 
welche der letzte Herr von Alamut anwandte, um sich seine Würgeengel zu erziehen. Der 
»Alte vom Berge« hatte in der Nähe seines Schlosses einen zauberischen Garten errichten 

9* 



1^2 Kap. IV. Isina*ilier. Ümsen, Metäwile. 

waren. Die Assassinen erlagen erst dem Anstürme der Mongolen. 
Hulagu Chan hob 1256 die Schreckensburg Alamüt auf; der letzte 
und siebente Grossmeister des Ordens wurde getötet*), und das Ima'ilier- 
tum wurde in ganz Persien gründlich ausgerottet. Auch in Vorderasien 
wurden die Isma'ilier überall verfolgt. In Syrien widerstanden einzelne der 
Felsennester der Assassinen den Mongolenhorden, doch war die früher so 
unheimliche Gesellschaft derartig geschwächt, dass der kräftige Mamluken- 
sultan Kaibars von Egypten im Jahre 1273 ihre letzte Burg in seine Gewalt 
brachte und jeder Organisation unter ihnen ein Ende machte. Wohl 
mögen Kaibars oder seine Nachfolger sie gelegentlich noch als bestellte 
Mörder benutzt haben. Jetzt bestehen die wenigen isma'ilitischen Gemeinden, 
welche sich bis auf den heutigen Tag in Syrien erhalten haben, aus fried- 
lichen Kürgcrn und Kauern*). 

Doch kehren wir zu den Sendboten Häkims zurück. Id Darazi*) hatte 
in .Syrien zahlreiche Anhänger gewonnen, und nach ihm wurde die dort 
entstandene Lehre benannt*), wiewohl er selbst sich in Widerspruch mit 
Ijakim gesetzt hatte und bald nach der Ankunft Hamzas verflucht und 
aller Wahrscheinlichkeit nach getötet worden ist. 

Erst Hamza ist als der eigentliche Gründer der drusischen Religion 
anzusehen, die als eine Abart oder Fortsetzung des Isma*iliertums be- 
trachtet werden kann. Diese neue Religion hatte jedoch die gegen die 

l:iHH(rn, in (Iciii juiid^e Leute unterhalten wurden, «lic ihn nie verlassen durften und nnaiif- 
horlich alle irdi^ch<;n Krcu<len genossen. Lnerschrockene, mutige Männer, die der Herr von 
Alaiiiut zu \V< rk/.iugcM seines Willens machen wollte, liess er, betäubt durch einen Trank, 
in «lieM-M I'arudies i>ringen, woselbst sie mehrere Tage lang an den Freuden der ständigen 
Hewühnrr desselben teilnahmen, dann wurden sie ai^ermals in künstlichen Schlaf versetzt 
und aus <lern («arten wieder entfernt. Das Versprechen, die genossenen Freuden nach dem 
im Dienste des .-Allen vom Berge* gefundenen Tode wiederzufinden, spornte die zum Bc- 
wusHtsein (Jelangten /u den verwegensten Thalen an. Vergl. Marco Polos Reise in den 
Orient während <ler Jahre 1272 bis 1295, herausgegeben von Felix Peregrin, Leipzig 1802, 

s. 37 ir. 

» Vergl. Müller a. a. ()., Bd. II, S. 230. 

'*') Abgesehen von den Drusen sind die Noseirier die zahlreichsten der noch heute in 
Syrien Iei)en<len Anhänger der alten isma'ilitischen Ideen. Die Metäwile und die gegen- 
wärtig direkt Isma'ilier sicli nennenden Ciemeinden sind an Zahl bedeutend geringer. In8> 
besontlere die sogenannten IsmaMÜer scheintrn ihren Traditionen zufolge die Nachkommen 
<lcr b*t/len Assassin<*n /u sein, während die Metäwile die Uebcrrcste der im IG. Jahrhundert 
im westliehen Syrien sich bildentlen Karmaten-( iemeinden sein dürften. 

* lejjer die B»ilrutung •le> Wortes Darazi vergl. Wüstenfeld. Fachr ed din, der 
Drusenfürst, und seine Zeitgen<»ssen , S. 8. Figentlich müsste nach id Darazi »Druzec 
geschriei)en winleii, doch hai>i- ich die allgemein übliche Schreibweise »Druse« beibehalten. 

* Die Be/eiclinung >^I)ruseA kommt bereits bei Benjamin von Tudela vor, der XI73 
starb. Die .\i)leitiing des Namens >^Druse.; von dem christlichen Grafen de Drcux ist eine 
woiil zur Zi-it Fachr id Dins entstandene Fabel, die von diesem Fürsten dazu benutzt 
werden sollte, <las Christentum tür seine Sache gegen die Türken zu interessieren. 



Kap. IV. Die Chog;as und Boberas. I^^ 

Abbasiden und die Herrschaft der Araber gerichtete Spitze des Isma*ilier- 
tums verloren, an Stelle der politischen betonte sie die philosophische 
Seite der alten Doktrin. Ihre ersten Anhänger am Wädi it Tem waren 
Araber, die ohne Frage mit den nach dem Libanon in das Gebiet der 
alten Marada gekommenen arabischen Stämmen in Beziehung gestanden 
haben. Diese arabischen Stämme müssen, wie bereits hervorgehoben 
wurde, damals stark isma'ilitisch angehaucht gewesen sein*). 

Häkim soll, wie die Drusen annehmen, nach den verschiedensten 
Gegenden hin weitere Emissäre entsandt haben, so nach dem Iran, nach 
Afghanistan und weiter nach dem Osten, nach China, Indien, ferner auch 
nach Jemen und verschiedenen Teilen Afrikas. Mein drusischer Gewährs- 
mann war der Ansicht, dass heute noch in Afrika auf der tunesischen 
Insel öerba sich drusische Traditionen erhalten haben müssten, die dortigen 
Bewohner würden von den Muhammedanern des Festlandes Chawäre^ ge- 
nannt, eine Bezeichnung, die auch den Drusen gegeben werde ^). Die 
Cho^as^) und Boheras in Indien seien zweifellos mit ihnen verwandt 



*) Verg:l. oben S. 126. 

*) Unter diesem Worte werden vom sunnitischen Standpunkte aus alle Unjjläubigen 
verstanden. 

') Mein Gewährsmann behauptete, dass die Cho^as, wenn sie auch mit dtn Drusen 
nicht in allen Dingen übereinstimmten, doch nach Negrän in Jemen pilgerten, um dem dort 
regierenden Dä*i zu huldigen, der als eine besondere Fleischwerdung Gottes be- 
trachtet werde, die sich immer wieder bei seinem Nachfolger erneuere. Ich habe mich bei 
einem Choga selbst über die religiösen Grundsätze der Sekte erkundigt, über die auch eine 
im Juni 1866 vor dem High Court of Justice zu Bombay stattgehabte Gerichtsverhandlung 
Licht verbreitet. Diese Verhandlung fand mit «lem ausgesprochenen Zweck statt, festzustellen, ob 
die Cho^as Sunniten oder Schi'iten seien und ob der Aya Chan berechtigt sei, sich als Imam 
der Cho^as zu bezeichnen. Nach diesen Quellen sind die folgenden Mitteilungen gegeben: 
Die Cho^as sind die Nachkommen von Hindu, die angeblich zuerst in Kutch durch einen 
Emissär Namens Suddroodin (Sadr idDin) bekehrt wurden. Dieser Dä'i hinterliess ihnen ein Buch, 
Ahhel Dasvatar (eigentlich Das avatar, d. h. die »zehn Fleischwerdungen«), welches die neun 
Inkarnationen Wischnus und die Erscheinung (lottes auf Erden in Gestalt des Chalifen *Ali 
beschreibt. Das Werk ist in Sindhischriftzeichen und in einem Dialekt geschrieben, der aus 
dem Kutchi und dem Guzarati zusammengesetzt ist. Der letzte Teil dieses heiligen Buches 
wird noch heute bei den Begrübnissen der Chogas verlesen. Die Chogas selbst nennen sich 
Imami Isma'ili, ihr höchstes Wesen ist der Apa Chan, den sie als die »fleischgewordene 
Emanation der Gottheit« bezeichnen. Der Afa Chan soll in direkter Descendenz von Isma'il, 
dem Sohne Ga*far e? Sädil^s abstammen, und ausserdem soll er in verwandtschaftlichen Be- 
ziehungen zu dem »Alten vom Berge« stehen lünige Chane der Chogas hatten ihren Wohn- 
sitz in Khekh in Persien, wo ihre Anhänger sie aufzusuchen pflegten, um ihnen (ieschenke 
und Gelder zu überbringen. Die Pilgerfahrten nach Mekka seitens der Chogas sollen zu 
den seltenen Ausnahmen gehören, auch die Wallfahrten nach Kerbela und dt-n sonstigen 
heiligen Stellen der Schi'iten kommen nur wenig vor. Von Pilgerfahrten nach Negrän und 
einem Zusammenhang mit den Drusen wissen die jetzigen Chogas nichts. Der jüngst ver- 
storbene Ära Chan, übrigens ein immens reicher und aufgeklärter, dem europäischen Sport 
sehr ergebener Mann, war mit einer Tochter des Schahs von Persien verheiratet, sein Vater 



17A Kap. IV. Kopfzahl der Drusen. 

Einen dauernden Erfolg hat Häkim mit den direkt von ihm aus 
gehenden Emissären nur in Syrien gehabt. Seine Religion, welche am 
Wädi it Tcm ihre ersten Anhänger fand und sich unter den Arabern des 
Libanon rasch ausgebreitet haben mag, wird bis auf den heutigen Tag mit 
einer bewunderungswerten Gesinnungstreue gewahrt, ist aber über den 
Rahmen des Libanon selbst und seiner Nachbarschaft nicht hinaus- 
gekommen. Mein drusischer Gewährsmann schätzte die Gesamtzahl seiner 
Glaubensgenossen auf etwa 132000. Nach ihm mögen sich im Libanon in den 
Bezirken von Rarb, Gurd, Metn, Schahär, Manä.sef, Schuf und 'Arküb ins- 
gesamt 40 000 Drusen befinden. Ausserdem zählt man 30 000 Seelen in 
den an den Abhängen des Hermon gelegenen Distrikten von Hä.sbejä, 
Räschejä und Katana. Im Flaurän selbst dürften ungefähr 40 000, in der 
Umgegend von Damaskus in einigen Dörfern, so Cicramäna, Sahnäje, 
Aschrafije, Der'ali u. s. w., ungefähr 5000, ferner im Ciebcl il *Alä, unweit 
Hama, ungefähr 2000, in Safed und bei 'Akkä (St. Jean d'Acre) ungefähr 
1 5 000 Drusen wohnen. 



Die Religion der Drusen betont in strenger Weise die Einheit 
Gottes. Sie selbst nennen sich Muwahhidm (Monotheisten) und hören 
die Bezeichnung Drusen ungern. Ihrer Ansicht nach bedeutet ihre Religion 
die höchste Ausbildung der Philosophie; sie behaupten, dass die Ichwän 
is Safä, die verschiedenen mystischen Philosophenschulen des Islam, 
ebenso wie die griechischen, indischen und persischen grossen Denker 
ihre Vorläufer gewesen seien. Es werden siebzig Perioden in der 
Weltgeschichte angenommen, und in jeder dieser Perioden zeigt sich 
Gott einmal in menschlicher Gestalt^). Doch liegt keine eigentliche 
Fleischwerdung vor, sondern Gott erscheint als Phantom auf Erden ohne 
menschliches Bedürfnis. Seine Gestalt kann mit dem Finger durchbohrt 
werden, ohne dass man Fleisch trifft Unter den Inkarnationen befanden 
sich u. a. die Gestalten des Aristoteles, indischer Gelehrter und zuletzt 
die des Fatimiden-Chalifen Häkim. Bei dem V^erschwinden Häkims wurde 
das »Thor des Glaubens«^ geschlossen, Proselyten gab es seit der Zeit 



und sein Grossvater wiiren Statthalter von Kerinan in Fersien. Die Zahl der Cho^as io 
Indien steht nicht fest. 1S66 wurde sie auf nur 4000 beziffert, jetzt dürften sich aUein in 
Hombay mindestens 10 000 Chogas befinden. Sie sind wenig fanatisch und ohne jede 
politische Hedeutungf, «lagegen gute Kaufleute und in fremden Si>rachen bewandert. Ncuer- 
ding^s haben sie sich in grosser Zahl in Zanzibar und Deutsch-Ostafrika niedergelassen, wo 
sie einen grossen Teil des Handelsverkehrs in Händen haben. Das arabische Gescbichts- 
werk chi^at wa ätär soll eine vollstän<lic:e Lebensbeschreibung des Gründers der Sekte der 
Chogas enthalten. — Die- Boh^ras sind isma'ilitische Schi'iten, deren äussere Keligionsgebräache 
aber von denen der Muhammedaner wenii»^ abzuweichen scheinen. 
^^ Vergl. de Sacy a. a. O.. Bd. I, S. iS ff. 



Kap. IV. Das drasiscbe Keli^on883r8tem. !?£ 

nicht mehr. Nur diejenigen, die damals den wahren Glauben angenommen 
hatten und deren Nachkommen sind Drusen, aber diese bleiben es auch, 
selbst wenn sie aus weltlichen Gründen, der ewigen Strafe nicht achtend, 
ihren Glauben wechseln. In diesem Glauben an die Auserwähltheit des 
Drusenvolkes dürfte der Hauptgrund dafür liegen, dass die drusische 
Religion über ein verhältnismässig enges Gebiet nicht hinaus gekommen ist. 
Neben Gott werden vor allem fünf Männer verehrt, welche 
seinen Willen auszuführen haben bezw. als die Minister der Gottheit 
in der sichtbaren Welt gedacht sind*). Der Geist dieser »Minister« weilt 
regelmässig bei den verschiedenen Menschwerdungen Gottes in denselben 
Aemtern auf Erden. Zur Zeit des Chalifen Häkim nahm die erste Stelle 
unter ihnen Hamza, der eigentliche Gründer der drusischen Religion, 
ein, der früher bereits als Jesus Christus und zur Zeit des Propheten als 
Salmän el Färisi aufgetreten war. Er wird als Grossvezir Gottes gedacht 
und repräsentiert recht eigentlich den »Geist«; seine Wesenheit, die 

immer wiederkehrt, wird Mauläi 'Akl Up ^ j(^ (Monseigneur l'esprit) 

genannt. Als zweiter Minister Gottes gilt Maulal in Nefs ^^aj\ (^^ j^ 

(Monseigneur l'ame), der als Zeitgenosse Muhammcds Mikdäd il Aswad^) 
hiess und sich unter Häkim Mubammed ibn Wahb nannte. Ihm folgt 

als Dritter Mauläi Kalima, Ar (^V^ (Monseigneur la parole) d. i. Herr 

der Beredtsamkeit. Thatsächlich geben die Drusen viel auf schöne 
Worte; aber als ob das beste Wort das des Schwertes sei, wird »Mon- 
seigneur la parole« auch »kriegerischer Geist« genannt, zur Zeit Häkims 
personifiziert als Abu Ibrahim IsmaMl'*), der Kriegsminister des ver- 
götterten Chalifen*). Der vierte in der Reihe der Minister ist der »Herr 

der Gelehrsamkeit«. Sein Name ist Mauläi Behä id Dln Jr Jül »y. ^ j(^» 

den er auch unter Häkim trug, dessen Kadi von Alexandrien er war'^). 
Ihm werden vier der heiligen Religionsbücher der Drusen zugeschrieben. 



*) Vcrgl. de Sacy u. a. O., Bd. II, S. i ff. und passim, ferner die »Mittler« bei Wolff, 
Die Dmsen nnd ihre Vorläufer, Leipzig 1845, S. 353 ff. 

•) Ein Gefährte des Propheten Muhammed, welcher i. J. 34 d. H. starb /Abulfcda, 
Add. Bd. I, S. 273). Vcrgl. de Sacy a. a, O., Bd. II, S. 252; ferner die Stelle im drusischen 
Katechismus daselbst S. 249. 

•) »Abu Ibrahim Isma'il<: ist ein Schlachtruf der Drusen. Noch im letzten Aufstande 
fingen die Regierung stürzten sich die Hauränier mit diesem Rufe in den Kampf. 

*) Die Darstellung meines drusischen Gewährsmannes steht hier im Widerspruch mit 
de Sacy (a. a. O. Bd. II, S. 90 u. 229), demzufolge zur Zeit Häkims »Monseigneur l'ämec 
durch Abu Ibrahim Isma*il, /.Monseigneur la parole« durch Mubammed ibn Wahb ver- 
körpert gewesen sei. 

') de Sacy a. a. O., Bd. II, S. 240 ff., will diesen den fünften Rang einnehmen lassen. 



1^6 Kap. IV' Das dmsiache Religionssjntem. 

Der fünfte und letzte Minister der Gottheit ist der mystische Mauläi is 

Säbilj:, /y LJI (S^ J^' ^^^ ^"^ ^^^^ ^^^ Chalifen Häkim als Seläma 

sichtbar war. 

Die heutigen Drusen leben in dem vorletzten ihrer Zeitabschnitte. 
Der Chalif Häkim war die letzte Menschwerdung Gottes. Wenn die letzte 
Periode der Weltgeschichte angebrochen sein wird und Gott sich abermals 
in menschlicher Gestalt auf Erden zeigt, d. h. wenn Häkim wieder erscheint« 
dann werden die Glaubensbrüder der Drusen aus dem fernsten Osten, aus 
China, kommen, auf ihrer Wanderung sich mit den übrigen Drusen ver- 
einigen, und sich über Hag^ar*), die heilige Stadt der Karmaten in Babren, 
nach Mekka begeben, sie werden die Stadt des Propheten erobern und 
von dort nach Jerusalem weiter ziehen. Um diese Zeit werden alle euro- 
päischen Fürsten mit dem Beherrscher der Gläubigen (dem osmanischen 
Sultan)*), im Kampfe liegen. Die chinesischen Drusen werden sich gegen 
diese alle wenden und sie insgesamt vor Jerusalem vernichten'). Die 
ganze Menschheit wird sodann den drusischen Glauben annehmen. 
Damit wird der Welt Ende angetreten sein und eine Scheidung aller 
menschlichen Seelen stattfinden: Diejenigen, welche in ihren früheren 
Fleisch werdungen — die Drusen nehmen auch bei den gewöhnlichen 
Sterblichen die Seelenwanderung an — sich als gut und gerecht gezeigt 
und ihre Verfehlungen gesühnt haben, werden in den Berufen, die sie auf 
Erden ausübten, in ungeahnten menschlichen Freuden ein ewiges Leben 
führen. Die Bösen aber, die nicht gebüsst haben, werden fürchterlichen 
Strafen zur Busse ungesühnter Verbrechen ausgesetzt sein. 

Die Grundzüge der drusischen Religion sind in sechs »Büchern der 
Weisheit« niedergelegt, von denen vier, wie bereits erwähnt, dem Geist 
der Gelehrsamkeit, Mauläi Behä id Din, zugeschrieben werden. Die beiden 



^) Die Stadt Hagar ^It in so hohem (]rade als heilig, dass besonden Terehrte 
Schechs den Beinamen il Hagari erhalten. So i«i dem Grossvaier des jetzt in der Ver- 
bannung lebenden Schech Hasan von Kanawät, des Oberschechs für den Haurän, dieser 
Ehrenname deshalb beigelegt worden, weil er die Drusen in der Le^ «um Wider- 
stände gegen die eg)'ptischen Truppen Ibrahim Paschas mit der Propheseinngf an- 
gespornt hatte, dass sie nicht besiegt werden würden. Die Heilighaltung der Stadt 
Ha^ar ist ein weiterer Beweis für die Verwandtschaft der drusischen Religion mit 
den isma'ilitischen Traditionen ; Hagar war eine der Hauptstädte des Karmatenreiches. (VergL 
de Goeje, Memoire sur les Carmates du Bahrain et les Fatimides, S. 197; Silveitrc de 
Sacy a. a. O., Bd. I, Introduction, S. 240.^ 

'l- Diese leine Prophezeihung muss wohl neueren Datums sein, da zur Zeit der Ent- 
stehung der drusischen Religion an die Uebernahme des Chalifates durch die Osmanen wohl 
kaum gedacht werden konnte. Oder sollte auch diese vorhergesagt worden sein ? 

'} Vergl. hierzu die phantastische Darstellung bei Petermann, Reisen im OricBlt 
Leipzig 1860, Bd. II, S. 396 f. 



Kap. IV. 'U!^^ and Öuhhäl. i^j 

Übrigen sollen von Häkim selber herstammen. Eine Art von Reformator 
erstand im 15. Jahrhundert in der Person des dem vornehmen Geschlechte 
der Tenüch angehörenden Emir 'Abdallah. Ihm wird eine Interpretation 
der heiligen Bücher, und namentlich eine vortreffliche Ausgestaltung der 
Morallehre verdankt Es heisst, dass er sich mit der Absicht getragen 
habe, die Gottheit Häkims zu bestreiten, an seinem Vorhaben jedoch 
durch die einflussreichen Strenggläubigen verhindert worden sei. Jeden- 
falls war er die Heiligkeit selbst, und noch heute pilgern Christen und 

Drusen zu seinem Grabe im Dorfe 'Abeih <**p im Libanon. 

Die Geheimnisse der ReHgion sind nur den *Ukkäl, J^» den 

> Wissenden c^), bekannt, nur diese nehmen an den Donnerstags statt- 
findenden Versammlungen der Gläubigen teil. Ihr Versammlungsort, 

der möglichst ruhig und abgelegen sein soll, wird Chalwe ^A^ genannt. 

Ihnen gegenüber stehen die Öuhhäl JL>.' ^^^ »Nichtwissenden«, welche 

von den religiösen Uebungen ausgeschlossen sind, sich aber trotzdem durch- 
aus als Bekenner der drusischen Religion fühlen. Nur beim Begräbnis 
eines Alpl wird Gott um Milde und Erbarmen angerufen. Um *Akil zu werden, 
muss der Druse mindestens 1 5 Jahre alt sein, das Gesuch ist in der Chalwe 
anzubringen. Der Novize muss sich einer längeren oder kürzeren Probezeit 
unterziehen, während der er seine Lebensführung nach den strengen Grund- 
sätzen der 'Ukkäl einzurichten hat, gleichzeitig wird er in der Chalwe in 
das Religionssystem eingeführt. Je nachdem, wie er beleumundet war, 
den Moralgeboten nachlebt und an Kenntnissen fortschreitet, dauert es 
Monate oder Jahre, ehe die Aufnahme in den Kreis der Wissenden er- 
fo^. Auch Frauen können zu dem Range der 'Ukkäl emporsteigen. 
Den Ausschlag giebt der Schcch der *Ukkäl des betreffenden Distriktes. 
Da die 'Ukkäl die winzige Minderheit ausmachen, so befindet sich der 
grösste Teil der Drusen in Unklarheit über die Eigenart ihrer Religion. 
In den heiligen Büchern ist die Verschwiegenheit über diese Materien 
ausdrücklich zur Pflicht gemacht. 

Wie in dem drusischen Bekenntnis zahlreiche Ideen der östlichen 
heidnischen Religionen und antiker Philosophenschulen wiederkehren, 
so hat auch das Christentum seine Spuren in der drusischen 



*) Das Wort 'AjjlU (plur. Uk^äl) bedeutet der v»I)u^cbgeisti^te^:. Diese Bezcichnuntj 
für die eigentlichen Träger der drusischen Relijjion ist in Verbindung damit, dass der erste 
Minifter Gottes Mauläi *AV1, ^>Monseigneur rKsprit<.s, als Verkörperung des Geistes gedacht 
wird, ein Beweis für die hohe Verehrung, welche die Drusen dem Geist und dem Wissen 
entgegenbringen, worauf sie besonders stolz sind. 



I ^3 ^P- ^^* BeziehuDf^en xum Christentnm und zum Iilam. — Drasische Monllehre. 

Glaubenslehre hinterlassen, doch ist deren Grundlage unverkennbar der 
Islam. Das Evangelium *) und der Koran werden als inspirierte Bücher 
betrachtet, ohne jedoch religiöse Quellenwerke zu sein. Die Drusen 
haben vielfach aus praktischen Gründen den muhammedanischen Macht- 
habern gegenüber geltend gemacht, dass sie im Grunde Muhammedaner 
seien, um nicht als deren religiöse Widersacher zu erscheinen. In der 
That bestehen viele Aehnlichkeiten zwischen den Aeusserlichkeitcn der dni- 
sischen und muhammedanischen Religionsübungcn, so namentlich zwischea 
den beiderseitigen Hochzeits- und Begräbnisgebräuchen. Dieser Umstand 
erleichtert es den Drusen, in schwierigen Zeiten eine Annäherung an 
den Islam zu betonen"'*), ohne dass sie dadurch gezwungen wären, ihrem 
Glauben untreu zu werden oder gegen dessen Vorschriften zu Verstössen* 
Die Knaben werden auch bei den Drusen beschnitten. Der Kurbän- 
Beiräm wird in der pomphaftesten Weise gefeiert, die ganze Nacht vor 
diesem Feste wird in der Chalwe wachend zugebracht. Dagegen sind 
den Drusen ausdrücklich vier der Grundgebote des Islam erlassen: Das 
Beten, die Pilgerfahrt nach Mekka, das Fasten und die bestimmten obliga- 
torischen Almosen. Au^ anderen Vorschriften leiten sie ihren Vorrang 
vor den sonstigen Bekennern der Lehre Muhammcds her. Die Sklaverei 
gilt als haräm, d. h. verboten, die Frauen sind den Männern gleichgestellL 

Das Lesen- und Schreibenlernen ist den Drusen ausdrücklich anbefohlen. 
Auch ist ihnen strenge Wahrheitsliebe und Hingabe an die Brüder znt* 
Pflicht gemacht. Namentlich die *L'kkal befleissigen sich, diesen Vor- 
schriften strengstens nachzuleben. Der *Äkil darf nicht rauben und nicht 
stehlen; Schweigsamkeit, Einfachheit im Auftreten und Sparsamkeit 
gelten als Tugenden, Uebertrcibung in Reden, Lügen, Fluch- und 
Schimpfworte sind verpönt. Selbst die Feinde der Drusen bekennen^ 
dass diese im Kriege niemals an den Frauen der Gegner sich vei^eifen. 

Es gilt als besonders heilig, sich die Lebensbedürfnisse selbst her- 
zustellen, selbst zu ernten und Brot zu bereiten. Die strenggläubigsten 
*Ukkäl meiden den Verkehr mit denjenigen Schcchs, die nach ihrer Auf- 
fassung ihr Vermögen nicht in einwandfreier Weise erworben haben. 
Besonders Fromme behalten das von Nicht-Drusen erworbene Geld nicht, 
sondern wechseln es zunächst bei einem anderen Drusen, der noch nicht 
*Akil ist, ein. 

Manche Charaktereigen.schaften der Drusen berühren durchaus 
sympathisch. ICinzelne der spezifisch orientalischen Tugenden sind bei 
ihnen besonders ausgeprägt: Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, sowie 
in hochentwickeltem Grade Höflichkeit und Beachtung der äusseren Form. 

^] Verj^l. de Sacy n. a. O. Bd. II, S. 103 f. 

'" So noch in den let/icn Ilaurän-Aufständen. Vori;!. unten .S. 176. 



Kip. IV. Feudalsystem bei den Drasen. 



139 



Die Hochachtung, die der Druse den Freuen entgegenbringt, wurde 
bereits erwähnt. Die Vielehe ist verpönt, die Ehescheidung sehr er- 
schwert, als Scheidungsgründe werden nur Unfruchtbarkeit und Untreue 
der Frau anerkannt. Der geschiedenen Ehegattin gebührt die Hälfte des 
Vermögens des Mannes; verstössl die Frau ihren Gatten, oder wird sie 
für den schuldigen Teil erklärt, so muss sie ihrerseits die Hälfte ihres 
Vermögens abtreten. Die Drusen wachen eifersüchtig über die Tugend 
ihrer Frauen, und es ist nichts Seltenes, dass Männer ihre Gattinnen, 




Uurg Sali 



Väter ihre Töchter und Brüder ihre Schwestern töten, wenn diese in 
dem Verdacht der Unsittlichkeit stehen. Im übrigen sind die Drusen 
ein derbes, aber kräftiges Bergvolk mit allen seinen Tugenden und Un- 
tugenden, von stark ausgeprägtem Selbstbcwusstsein, tapfer und kriegerisch, 
aber gewaltthätig und wegen ihrer Raubsucht und Rachsucht verschrieen'). 
Bis in dieses Jahrhundert hinein war bei den Drusen das feudale 
Prinzip in ähnlicher Wei.se au.sgebiidet, wie im mittelalterlichen Kuropa. 
Die höchste Gewalt im Libanon übte ein H;ikim, d. h. Gouverneur, aus, 
der einem der alten oder der später zur MacJit gelangten Fürsten- 
geschlechter angehörte und seine Bestallung als Lehen von dem jeweiligen 

■äsen darf man nicht di:ii (.'uro|i:iisc!i<.-n Mi.isslali aotegen, 
iih trill <lie Kaubsuchl bt^i ihiR'ii in gewühnticbeo /.ctten 
'Ottern, den heute noch nom.idisierondcn licduincn. 



■) Bei der Üjutteilu 
e dieses vielfach geachic 
fit weniger hervor, als b. 



I^O Kap. IV'. Familien und Kasten. 

syrischen Machthaber empfing, dem er dafür tributpflichtig war. Unter 
dem Häkim, in Europa in der Regel Gross-Emir genannt, standen Emire 
und die Häupter einiger vornehmer Familien, die, ohne den Titel Emir 
zu führen, in einzelnen Distrikten die Macht in Händen hatten. 

Die Vasallen der Emire waren die Schcchs, und diesen folgten 
die Bauernfamilien. Die Emire erhoben von ihren Gefolgsleuten Kon- 
tributionen und bei besonderen Anlässen besonderen Tribut. Jeder 
kräftige Mann musste im Kriegsfalle dem Emir bezw. dem Schech Gefolg- 
schaft leisten. Die Emire ernannten die Schcchs, indem sie sie mit 
der Anrede »Schech c auszeichneten. Die Lehen pflanzten sich in den 
verschiedenen Familien erblich fort. War der Lehnsherr mit seinem 
Gefolgsmann unzufrieden, so suchte er einen anderen Mann, zumeist 
desselben Stammes, derselben Familie zu Ansehen zu bringen, um ihm 
hierdurch einen Widersacher zu schaffen. Zur Zeit der Blüte der 
drusischen Nation führten sowohl der iTläkim wie die Emire und diiB 
Schcchs einen fürstlichen Haushalt. Die Häupter der vornehmen Familietf 
bewohnten im Libanon festungsartige Schlösser, die unseren rheiniscbfitt 
Burgen nicht unähnlich sahen, gewöhnlich auf Berggipfeln erricbfcet 
waren und in deren Nachbarschaft die übrigen Familienmitglieder und 
die treuesten Gefolgsleute lebten. Die Gastfreundschaft wurde in grcm 
artigster Weise ausgeübt; wenn der Schech seinen Emir besuchte, braute 
er oft Hunderte von Leuten mit sich, die dann Wochen lang bewirtet 
wurden. Dabei wurden kostbare Geschenke, namentlich Pferde und - 
Waffen, zwischen Wirt und Gast ausgetauscht. Die Jagd bildete einet 
der hauptsächlichsten Zerstreuungen bei diesen Besuchen, und ein ausser^ 
ordentliches Aufgebot von Menschen pflegte dabei zu Dienstleistungen 
herangezogen zu werden. 

Die Slrafgerichtsbarkeit lag in den Händen der Emire bezw. der 
Schcchs, soweit diese ihre Macht faktisch ausüben konnten, für die Civil- 
gerichtsbarkeit waren Kadis bestellt. 

Die Angehörigen der drusischen Familien waren ursprünglich als 
getrennte Kasten ausserordentlich strenij von einander geschieden, derart, 
dass das niedrigste Mitglied der höheren Kaste über dem vornehmsten 
Angehörigen der niederen Kaste rangierte. Die in den Augen der Drusen der 
Abstammung nach ältesten und edelsten Geschlechter sind die Tenüch, 
die Arslan und die 'Alem id Din. die, wie oben^) ausgeführt wurde, 
sämtlich einer und derselben grossen südarabischen Fürstenfamilie angehören 
und von denen heute nur noch der Zweiy^stamm der Arslän blüht. Auf der- 
selben Stufe stehend wurden die nordarabischen Ma'n erachtet und be- 
handelt. Alle diese Familien führten ebenso wie die später eingewanderten 

*; Verijl. oben S. 1 15. 



Kop. IV, Die Tracht der Drusen. 



141 



Schihäb und die Bellatna' den Titel Emir'). Unmittelbar hinter ilinen 
rangiert die zu grossem Einfluss und Reichtum gelangte Familie der 
Gumblät'), dann folgen, um nur einige zu nennen, die 'Amäd'), die Nakad*), 
die Talhiilj'') und die 'Abd il Malik'). P^in au.sge sprechen er Klassenunter- 
schied hat sich bis in die untersten Volksschichten fortgesetzt und kommt 
bei dem gemeinen Volke noch heute in der Weise zum Ausdruck, dass 
diejenige Familie als die vornehmste im Dorfe betrachtet wird, die 
zuerst dort ansässig wurde. 






-^i^ 



Die Tracht der heutigen Drusen besteht aus einem Hemd (Kami?) und 
bauschigen Beinkleidern (Libäs), über dem Hemd wird eine kurze, ärniel- 

') In früheren Zeiteo vermisohU-n sicli die Arsbn nur mit den TenQch, den 'Alem 
id DiD und den Ma'n, heule verheiraten sie sich nur mit den muhammcilanischen .'schihäh, 
ausserdem nehmen sie tscherkessiäthe Frauen, litvor die liellania' Chhsltn wurden, h.ilten 
sie auch mit diesen veru'andtadiAiihche Hi'ziehuniren. 

») Verßl. unten ,S. 150 f. 

') VerRl. Schidjak u. a. (). S. loc. 

*) Vergl. Schidjät n. a. O. S. 144. 

*) Vercl. Schi.ijäb n. -.u . ). .S. ,54. 

•) Vercl. Schidj.ilf a. :i. (1, .S. isq. 



1^2 Kap. IV. Die Tracht der dnisischen Frauen. 

lose, schwarz und weiss oder rot gestreifte 'Abäje getragen, vielfach auch 
ein langes hemdartiges Gewand (Kumbäz), das verschieden gefärbt ist. 
Die 'Ukl^äl legen oft noch ein grösseres, den ganzen Körper umhüllendes 
schwarzes Oberkleid an. Die *Abäjes werden immer von den Drusen 
selbst gefertigt. Die Leibbinde, welche im allgemeinen aus Wolle, bei 
den 'Ukkäl aus Leder gearbeitet ist, heis.st Zennär; die Pantoffeln nennt 

man Medcxs ^^r^'ju». Als Kopfbedeckung wird der Tarbüsch mit. einem 

Turban getragen. Das Turbantuch ist immer weiss und wird in r^^l- 
mässigen glatten Windungen gewickelt, während die Muhammedaner 
bunte oder gesprenkelte Stoffe verwenden, die kreuzweise über der Stirn 
zusammengelegt werden. Aeltere und würdigere Leute pflegen breitere 
und längere Tücher zu benutzen, um dadurch einen besonders hohen und 
dicken Turban zu erzielen. Im Haurän tragen die jungen Drusen, welche 
nicht *Ukkäl sind, vielfach .statt des Turbans die bei den Beduinen übliche, 
aus Kamelhaaren gefertigte dicke Schnur (*Akäl), um die Keffijezu befestigen. 
Erst in der letzten Zeit tragen einzelne aufgeklärte Drusen den Tarbüsch 
ohne Turban, sowie europäische Tracht bezw. die Stambulina der 
türkischen Eifendis. 

Die Tracht der Frauen besteht aus einem Hemde, einem Beinkleid, 
einem oder mehiercn schlafrockartigen Gewändern und einer weit aus- 
geschnittenen, meist dunkelfarbigen Weste, welche miederformig den 
Busen hält (Sidrijc). Vielfach tritt auch die Brust frei aus dem Mieder 
heraus. Als Obcrkleid wird regelmässig der Kumbäz getragen. Beim 
Ausgehen bedeckt die Frau sich von der Taille an mit einem Säjc, 

Aiua, einem den Drusen eigentümlichen schwarzen Tuch, das bei den 

Reicheren aus Seide besteht und vorn mit einer silbernen Schnalle 
befestigt wird. Um den Oberkörper wird shawlartig ein dünner weisser 
Schleier gele<^t, der auf dem Kopfe festgehalten wird und mit dem die Frauen 
bei der AnnäherunLj eines Fremden das Gesicht bis aiif ein Auge bedecken*). 
Unter dem Schleier wird als Koi)fbedcckung eine Kappe aus Tuch, 
Seide oder Samniet cjelragen. welche mit .Siiberstuckchen oder aneinander 
gereihten Münzen verziert ist. Die alte Kopfbedeckung, das Tantür, 
ist vollständig ausser Gehrauch gekommen. Dieselbe bestand aus einem 
cylinder- oder n'hrenförmig aus Metall L^'cfertigtcn Aufsatz, mit einer 
kleinen Platte auf der .sj)itze. von welcher der .Schleier herunterfiel. 
l'ebrigens triiii^en auch libanesische und syrische Christinnen diesen Tantür. 



') L>i'.>c Art <l'jr Verschleierung »iiirfic in inuh:i;nin's.'«jan:sjhen < •ölenden sehr alt sein. 
Im M.'irrii; .st ^ic heute ri'»ch ii])lic!i. mir •l.i'«s dun st.itt »Ics -1111111011 Schleiers ein undnrch- 
siehligcs Tuch (;en».«inmt:n ru werden jirteLil. 




Dru^eninädcl 



Kap. IV. Die Geschichte des Libai 



143 



Die Geschichte des Libanon bietet ein Bild unaufhörlicher Kämpfe, 

und die des Drusenvolkes insbesondere zeigt immer neue Entzweiungen 
und Parteispaitungen. Dies mag dazu beigetragen haben, dass, obgleich 
aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe des u. Jahrhunderts die ganze 
arabische Enklave des Libanon dem Drusentum gewonnen wurde, die 
Führerrolle von den drusischen Fiirstenhäusen sehr bald an muhamme- 
danische Geschlechter überging. Aber bemerkenswert und für die ethno- 




irien wichtig ist es, dass die Gro-isKmirc des 
tcin regelmässig arabischen Ursprungs 
;o.iehciieii drusischeii I'aniilieri als Stammes- 



graphische Stellung der Dri 
Libanon bis in dieses Jahrhui 
waren und von den 
verwandte behandelt wurden. 

Zu der Zeit, d;i im Libanon die Lehre des Darazi fe.'iten Fuss fasste, 
waren dort die südarabischen Fürstcngeschlcchter prädominierend. Als 
die Arslän, wie bereits erwähnt, in den Kämpfen gegen die Kreuzfahrer 
nahezu vernichtet wurden, trat die ihnen nahe verwandte Familie der 



1^6 Kap. IV. Fachr \<\ Din I., KorVmfts, Fachr u\ Din II. 

Sohn, und zwar waren die Emire der Reihe nach die folgenden; Sef id 
Din, 'Abdallah, *Ali (vermählt mit einer Tochter des *Ämir Schihäb, des 
Enkels des Munkid Schihäb)*), Beschir Mubammed*), Sa'd id Din, 
'Otmän (der sich mit einer Tochter des Abu Bekr Schihäb vermählte), 
Abmed, Melhem. Melbem hatte zwei Söhne'*), Jfisuf und 'Otmän*), 
der Sohn des Letzteren war Fachr id Din I. 

Während Eachr id Din Gross-Emir des Libanon war, begannen 
die Türken unter Selim I. Syrien zu erobern. Fachr id Din ging alsbald 
zusammen mit den drusischen Fürsten, insbesondere Gemäl id Din 
Arslän und dem damaligen Führer des Hauses der 'Alem id Din, zu dem 
Osmanenherrscher über (151 6) und leistete ihm vortreffliche Dienste. 
Allem Anschein nach wusste er sich den Regierungswechsel zu nutze zu 
machen, um seine Herrschaft über den Libanon hinaus auszudehnen. 
»Unter ihm erlosch der Glanz des Hauses Tenüch und erstrahlte an 
seiner Statt der des Hauses Ma'n«'^). Bald glaubte er sich stark genug, 
um dem türkischen Statthalter von Damaskus den Tribut verweigern 
zu können, doch wurde er genötigt, seine Unterwerfung anzubieten. Als 
er sich nach Damaskus locken liess, wurde er dort getötet (1544). Sein 
Sohn Korkmäs (türkisch gewöhnlich Ma'n orlu, d. h. Sohn des Ma'n, ge- 
nannt) verzieh den Türken den an seinem Vater begangenen Meuchel- 
mord nicht, wenn er sich auch mit der Regierung zu verhalten wusste. 
Auch Korkmäs starb eines unnatürlichen Todes (1584). Unter ihm und 
seinem Nachfolger, dem grossen Fachr id Din II, gelangten die Ma*n, 
trotz der unaufhörlichen Intriguen der Emire des Libanon und der Um- 
gegend zum höchsten Ansehen. Dank dem Umstände, dass die Türken 
anderweitig beschäftigt waren, konnten beide zeitweise ihre Herrschaft von 
Aleppo bis nach St. Jean d'Acre au.sbreiten und sogar die nächste 
Umgegend von Damaskus in Besitz nehmen. Die Burg von Palmyra 
wird einer Lokaltradition zufolge einem Ma'n orlu zugeschrieben, ihre 
Restaurierung wird um diese Zeit von Fürsten des Libanon vorge- 
nommen worden sein*'). Fachr id Din begünstigte die europäischen 

'} In die Zeit des Ali fällt der Ansturm der Monjjolen ge^cn Syrien. DaBS die Ma*n 
damaLs bereits eine befestij^te Machtstellung besassen, beweist die Thatsache, dass die 
Schihäb, die sich am Wädi it Tem von den Montjolen bedroht sahen, bei ihnen Zuflucht 
suchten und fanden. 

^' Etwas anders die Keihenfolqc bei Wüstenfeld, a. a. O. S. 77. 

•"^^ Nach Tornberjj a. a. (). S. 496 foltrte auf Meinem dessen Sohn Junis, den auch 
Schidjäk a. a. O, S. 163 erwähnt, ohne ihn indess verwandtschaftlich zu placieren. 

*) Otman ist der erste Ma'n, von dem wir wissen, dass er ^1507) in Saidä begraben 
wurde. i^Schidjat a. a. O. S. ji(>3. Seit der Zeit scheint Saida der Befinräbnisort für die 
meisten -Ma*n geworden zu sein. 

^' Blau a. a. O. S. 480. — Ein Tenuchide .Sa'd 'u\ Din wird noch als mütterlicher Oheim 
und Erzieher des grossen Fachr id Din genannt. Vergl. Blau a. a. O. S. 481. 

«^ Vorgl. Kap. VTII dieses Werkes S. 307. 



Kap. IV. Kaisi und Jetneni. i^J 

Kaufleute und christlichen Missionare der syrischen Küste. In den haupt- 
sächlichsten Hafenstädten, il Lädiklje, Tripolis, Beröt, Saidä und 'Akkä 
legte er Burgen, aber auch Paläste und Lustgärten an ^). Er liebte es in 
Berüt, später in Saidä und *Akkä zu residieren, und that manches 
für die Entwickelung des westlichen Syriens^). Es scheint, dass Fachr 
id Din weitgehende Pläne hatte und geradezu daran dachte, die Franken 
wieder nach dem Gelobten Lande zu bringen'^), um mit ihrer Hilfe seine 
Eroberungen weiter nach dem Norden, vielleicht bis nach Konstantinopel 
hin, auszudehnen. Die türkische Regierung schritt endlich energisch ein. 
In geschickter Weise benutzte sie die Widersacher Fachr id Dins, unter 
diesen die selbständig gewordenen Emirfamilien der Ibn Sifä zu Tripolis, 
die bei Ba*albek ansässigen Mutwäll-Emire Harffisch u. A.*) für ihre Zwecke. 
Um diese Zeit scheint der alte Gegensatz zwischen den Kaisi und den 
Jemeni, den Nord- und Südarabern, der seit Muhammed in der ganzen 
arabischen Welt besteht und nicht nur in Arabien und Mesopotamien, 
sondern selbst in entlegenen muhammedanischen Ländern, wie in Spanien, 
zu blutigen Fehden Anlass gegeben hat, im Libanon zum ersten Male 
akut geworden zu sein und den Ma'n, die ja nordarabischen Ursprungs 
waren, ernste Schwierigkeiten bereitet zu haben. Selbst ein Teil der 
Schihäb stellte sich Fachr id Din gegenüber, während andere Mitglieder 
dieser Familie den Ma'n die traditionelle Gefolgschaft leisteten und 
dafür entsprechend belohnt wurden''). Im Jahre 1614 begann der Pascha 
von Damaskus einen regelrechten Kampf gegen Fachr id Din, der immer 
weiter an die Küste gedrängt wurde und dem schliesslich nichts anderes 
übrig blieb, als Syrien zu verlassen und, seiner früheren, durch Verträge 
besiegelten Verbindung mit den Medicäern eingedenk*'), an den Hof des 
Grossherzogs Ferdinand I von Toscana zu flüchten. Ueber fünf Jahre 
Wieb er in Italien''), und lenkte dadurch zum ersten Male die Auf- 
merksamkeit Europas auf die Existenz der Drusen. Damals setzte er 
die Fabel von der Abstammung der Drusen von einem christlichen 
Kreuzfahrer, dem Grafen de Dreux®), in Umlauf; er selbst führte seinen 
Stammbaum auf Gottfried von Bouillon zurück. Als er sich aber in 

^) Vergl. Maundrell, Voyage d'Alep ä Jerusalem, a Päques en l'annee 1697, '^- ^5 '^^ 
und Ritter a. a. O., Bd. 17 I, S. 446 und passim. 

') So wird ihm die Brücke ] bei dem Nähr el Kelb und die Anlage der Pinien- 
waldungen bei Berüt zugeschrieben. Vcrgl. Maundrell a. a. O. S. 60. 

') Vergl. Roger, La terre sainte, ou description topographicjue tres particulicre des 
saints lieux et de la terre de promission, S. 346. 

*) Vergl. Wüstenfeld a. a. O. S. 104 ff. 

^) Vergl. Blau a. a. O. S. 486. 

«) VergL Mariti a. a. O. S. 95 ff. 

*) Inzwischen scheint Fachr id Din einmal auf kurze Zeit in Syrien gewesen zu sein. 

*) Vergl. oben S. 132, Anm. 4. 

10* 



IaH Kap. IV. JHe letsttn Oros«-EUnire ans den Hans« der BfaHu 

meiner Hoffnung, Schiffe und Truppen zum Kampfe gegen die Türken 
zu erhalten, getauscht sah» kehrte er nach dem Libanon zurück. Im 
Jahre 1619 landete er in Saidä und übernahm alsbald wieder die Zügel 
der Regierung, die während seiner Abwesenheit sein Bruder Junis und 
Hein Sohn 'Ali geführt hatten^). Bald brachen die Unruhen von Neuem 
aus. Fachr id Din war siegreich gegen seine Widersacher im Libanon 
und im westlichen Syrien und ging abermals daran, seine Herrschaft im 
östlichen Syrien auszudehnen. Im Jahre 1633 entsandte endlich die 
Pforte Kütschük Abmed Pascha mit einem Heer von 50000 Mann 
gegen Fachr id Dm, dessen Sohn *Ali und dessen Bruder Junis in den 
Kämpfen mit den Türken getötet wurden. Fachr id Din hatte sich in 
die unwirtlichen Berge seines Stammlandes isch Schuf zurückgezogen und 
wurde hier nach einer langwierigen Belagerung der Bergfesten in einer 
Höhle, in die er sich zu flüchten gezwungen war, gefangen genommen. 
1> wurde mit seinen Söhnen nach Konstantinopel gebracht (1633). 

.An seiner Stelle wurde nunmehr ein Jemeni, der Emir *Ali *Alem 
id Dm zum Gross-Plmir des Libanon erhoben'). Zwei Jahre darauf aber 
sammelte Melhem, der Sohn des Junis, also ein Neffe Fachr id Dins, die 
Kaisi um sich und verdrängte den *Alem id Din. Die Folge war, dass 
sämtliche Ma'n zum Tode verurteilt wurden, ein Befehl, der an Fachr id Din 
und zweien seiner Söhne zu Konstantinopel (1635) vollstreckt wurde. Nur 
Musen, cinSohnPachr idDms, derschon vor der (iefangennahme seines Vaters 
in die Gewalt der Türken geraten war, blieb verschont und gelangte später 
in Konstantinopel zu hohen Würden, kehrte aber niemals nach Syrien zurück. 
Aber Mclhcm war imstande, die Herrschaft über den Libanon und sogar 
einen Teil der syrischen Küste, wenn auch nicht in der Ausdehnung, 
wie sein Oheim l\'ichr id Dm, sich zu erhalten. Er starb im Jahre 1658 
und wurde in Saida begraben^). Melhem hinterliess zwei Söhne: Korkniäs 
und Ahmed, die zunächst gemeinsam das Gross-Emirat übernahmen*). 
Um diese Zeit wurde Saida zu einem Paschalik erhoben und türkische 
Truppen gegen die übermütigen beiden Emire entsandt. Korkmäs wurde 
{getötet (1662), sein Bruder Ahmed konnte sich schwer verwundet retten 
und behielt dann bis zu seinem Tode im Jahre 1697 ^^^ Macht in Händen. 

Ahmed war der letzte Spross aus dem Hause der Ma*n, sein 
einziger Sohn Melhem war schon im Jahre 1679 gestorben. Klüglich 

'' hioHcr 'All hatte sich im Jahre i6i8 mit einer Tochter des 'Ah Schihäb yermählt. 

* Schitljft^ tt. a. (>. S, 144 bchchet in <ler Genealogie der »Tenüch aus Jemenc, 
ilu«» dienrr lunir 'Ali *Alcin id Dm im Schlosse von 'Abeih die letzten eigentlich tenachidischen 
Mmirc umtrebracht hübe. 

!«> VtMcl. Mariti a. a. O. S. 303. 

'"^ Kiue ansohHiiliche Schilderung der leichtsinnigen Lebensführung der beiden Emve 
vrrgl. in von Arvieux" Merkwürdige Nachrichten, deutsch von I.abat, Band I, Kopen- 
hai^en und l.eipric 1753. S. 3550*. 



Kap. IV. Die Schleicht bei *Aindara. iaq 

benutzte er den Zwiespalt zwischen den Kaisi und Jemeni, um nach dem 
Erlöschen seines Geschlechts, das er voraussah, den mit seinem Hause 
seit Jahrhunderten durch zahlreiche Zwischenheiraten verwandten Schihäb 
die Oberherrschaft im Libanon zu sichern. Unter dem Vorwande, der 
drusischen Nation Bruderkriege ersparen zu wollen, versammelte er alle 
vornehmen Geschlechter um sich und setzte die Wahl des jugendlichen 
Emir Haidar Schihäb, seines Enkels (eines Sohnes seines Schwiegersohnes 
Müsä Schihäb), zum Häkim des Libanon durch. Nach dem Tode des 
Ahmed Ma'n übernahm zunächst Beschir Schihäb an Stelle des 
noch minderjährigen Haidar Schihäb die Regierung ^). Die Schihäb 
siedelten nunmehr von Hä.sbejä nach Der il Kamar über, das 
bereits zur Zeit Fachr id Dins an Stelle von Ba*aklm der Regierungs- 
sitz des Schuf, des Stammlandes der Ma'n, geworden war. Beschir 
Schihäb starb im Jahre 1708 in *Akkä an Gift, das ihm angeblich 
von Haidar Schihäb oder dessen Freunden beigebracht worden sein soll, 
und nunmehr ergriff Haidar Schihäb selbst die Zügel der Regierung. 
Inzwischen hatten die Jemeni wieder ihr Haupt erhoben^). Der Pascha 
von Saidä nahm ihre Partei und gestattete sogar dem Jemeni Mali mild 
Abu Harmüsch, den Titel eines Pascha des Libanon anzunehmen. Haidar 
Schihäb war zeitweilig gezwungen zu flüchten, und die Kaisi waren mannig- 
fachen Bedrückungen preisgegeben. Endlich sammelte IJaidar seine Ge- 
treuen um sich. Abu Harmusch zog ihm entgegen, die Unterstützung der 
Pascha von Saidä und Damaskus erhoffend, aber noch ehe die türkischen 
Truppen zu seinem Heere stiessen, kam es zur Schlacht bei *Aindära(i7 1 1)^), 

*) Müsä Schihäb war der Enkel KäsimSchihäbs, der seinerseits ein Sohn jenes Ali Schihäb 
war, mit dessen Tochter 'Ali ibn Fachr id Din sich vermählte. Der Bruder jenes 'Ah Schihäb, 
A^med Schihäb, hatte einen Sohn Ilusen und dessen Sohn war Beschir Schihäb, der erste Schihä- 
bide, der die Oberherrschaft im Libanon thatsächlich ausübte. — Der von Blau, a. a. O. S. 492 ff, 
wiedergfeg^ebene Auszug^ aus einer arabischen Geschichte des Libanon lässt die Emire nach dem 
Tode Al?med Ma'ns dessen Gross-Neffen, den Emir Beschir Schihäb, zum Oberhaupte des 
Libanon wählen. Seinen Nachfolger Haidar Schihäb bezeichnet diese Quelle als seinen Vetter. 

*'' Mariti, a. a. O. S. 307 ff., stellt die Genealogie der letzten Ma'n und die I^eihen- 
folge der Gross-Emire nach dem Tode Melbems L etwas anders dar, als die übrigen 
Quellen. Nach ihm waren Korl^mäs und A^med die Söhne des im Jahre 1633 (oder, 2 wie 
Mariti angiebt, 1635"^^ gefallenen 'Ali ibn Fachr id Din. Auf Korl^mäs sei, »ohne 
dass man den Grund davon angeben könne«, ein Färis Schihäb Gross-Emir geworden. 
Diesem sei zunächst Junis Schihäb gefolgt und erst dann sei Atimed Ma'n zur Regierung 
gekommen. Abiöed sei mit einer Tochter des Junis Schihäb vermählt gewesen und nach 
seinem im Jahre 1695 erfolgten Tode sei sein Schwager Man§ür Hakim des Libanon ge- 
worden. Als Sohn des Atimed und der Tochter des Junis nennt Mariti Beschir Manogli 
den er im Jahre 1708 zu 'Akkä an Gift sterben lässt. Dessen Sohn Musabin habe wider 
aUe Familientraditionen die Partei der Jemeni ergriffen und sei bereits im zwanzigsten Jahre 
(1723) ermordet worden. Erst dann sei Haidar Schihäb, der mit einer Tochter des Beschir 
Manogli vermählt gewesen wäre, Gross-Kmir geworden. 

■) Vergl. Schidjälf a. a. O. S. 364 f. 



I ^O Kap. IV. Auswanderung der Jemcni nach dem Haurän. 

die mit der völligen Niederlage der Jemeni endete. Die ganze Familie 
der *Alem id Dln wurde vernichtet, dem Harmüsch wurden die Zunge 
und die Zehen abgeschnitten, sein Leben aber aus Respekt vor seinem 
Paschatitel geschont. Ein grosser Teil der Jemeni wanderte damals 
nach dem Haurän aus^), darunter namentlich die Familie der Hamdän, 
die das Haupt der Haurän-Drusen wurde und bis zu ihrem vor etwa 
dreissig Jahren erfolgten Aussterben in Suwedä residierte. 

Durch die Schlacht bei 'Aindära wurde das Ansehen des Haidar 
Schihäb ungemein gestärkt, und er gebrauchte seine jetzt fast unbestrittene 
Machtstellung dazu, um die Jemeni, namentlich die Arslän, zu schwächen 
und sich selbst und die ihm befreundeten Familien auf deren Kosten zu 
bereichem. Er entriss den Arslän den Norden des Rarb und des öurd 
und übergab die beiden Gebiete den Talhük und den *Abd el Melik"*), 
die sich in der Schlacht bei *Aindära ganz besonders ausgezeichnet 
hatten. Die Beilama*, die sich nicht minder durch ihre Tapferkeit hervor- 
gethan hatten, erhielten das Recht, den Emirtitel zu fuhren, und Haidar 
Schihäb nahm selbst eine Bellama' zur Frau. 

Nach der Schlacht bei 'Aindära verlor der Gegensatz der Kaisi und 
Jemeni seine Bedeutung, da die im Libanon verbliebenen jemenischen 
Elemente ausserordentlich geschwächt waren ^). Seit dieser Zeit bildete 
sich eine neue Spaltung unter den Familien des Libanon aus: es ent- 
standen die Parteien der (iumbläti und der Jezbeki (Jazbekgi). Die Gegner der 
regierenden Schihäb, darunter in erster Linie die jemenischen Familien, 
sammelten sich um das Geschlecht der (^umblät, das nächst den Schihä- 
biden das mächtigste im Libanon geworden war. Die öumblät sind 
ihrem Ursprünge nach Kurden (oder Türken?). Im Anfang des 17. Jahr- 
hunderts finden wir sie als selbständige Territorialfürsten in der Ortschaft 
Killiz (Klis) unweit von Aleppo, wo die Familie noch heute muhammedanische 
Mitglieder besitzt Eine Zeit lang hatten sie sogar die Regierung von 
Aleppo in Händen. Später gerieten sie in Streitigkeiten mit dem Pascha 
von Aleppo, und dies war der Grund, dass sie Killiz verliessen und nach 
dem südlichen Syrien zogen, wo sie in den kriegerischen Wirren der 
damaligen Zeit eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Im Jahre 1630 
folgten sie einer Einladung Fachr id Dins, sich im Libanon sessbaft zu 
machen. Mit den Ma*n hatten die (jumblät schon früher freundschaft- 
liche Beziehungen unterhalten, der Aufforderung des damals von seinen 

^^ Verg^l. oben Kap. III, S. 100 und weiter unten S. 166 f. 

'} Dies war für die Arslän um so kränkender, als die Tal\^ü^ und die *Abd el Melik 
in ihren Diensten gestanden hatten. 

'; Im Jahre 1767 vermachte Isma'il Arslän, der sich mit seinem Hause überworfen 
hatte, einen fp-ossen Teil seines \'ermöj;jens seiner Gattin, einer Schihäb, ein Umstand, den 
sich der damals rej^erende Melkern Schihäb zu Nutze machte, um die Hand auf den STÖssten 
Teil der den Arslän noch verbliebenen Besitzungen zu legen. 



Kap. IV. Jczbeki uml öumbläti. iC] 

Widersachern hart bedrängten Fachr id Din hatte zweifellos der Wunsch 
zu Grundegelegen, sich einen kräftigen und verlässlichen Bundesgenossen im 
eigenen Lande zu schaffen. So war denn der Schech (lumblät^) mit seinen 
Söhnen Sa*id und Rebäh nach dem westlichen Libanon gekommen, wo er 
sich im Schuf unweit von Der il Kamar niederliess. Schech Gumblät wurde 
einer der Ratgeber Fachr id Dins, der ihn bereits im Jahre 163 1 mit der 
Führung einer kriegerischen Expedition betraute. 

Nach dem Tode des alten Cumblät (1640) wurde .sein Sohn Rebäb 
Schech im Schuf. Rebah hatte drei Söhne, 'Ali, Färis und Scheref 
id Din. *Alf (jumblät heiratete die Tochter des sehr reichen und 
durch seine Stellung als Oberrichter und geistlicher Führer der Drusen 
sehr einflussreichen Kablän il Kädi it Tcnüchi, also eines Jemeni^). 
Als dieser im Jahre 17 12 starb, vermachte er sein Vermögen zur einen 
Hälfte seinem Schwiegersohne *Ali, zur anderen Hälfte dem regierenden 
Emir Haidar Schihäb. Die Drusen wollten indess den Besitz nicht in die 
Hände der muhammedanischen Schihäbiden übergehen lassen und er- 
kauften denselben für die damals enorme Summe von 25 000 Piaster für 
*Ali öumblät, den sie ganz zu den ihrigen zu rechnen sich gewöhnt 
hatten. Der religiöse Einfluss des Kablän il Kädi scheint bei den Drusen 
den Glauben erweckt zu haben, dass die Familie der Ciumblät durch 
Prädestination im Grunde längst drusisch gewesen und ihre Aufnahme als 
Brüder seitens der Drusen daher naturgemäss gegeben sei. Der Wohlstand 
der öumblät wurde durch diesen Vermögenszuwachs noch ausserordentlich 
vermehrt. 'Ali siedelte jetzt nach Bazrän über und baute sich dort die 
Burg il Muchtära, die heute noch der Stammsitz der Ciumblät ist'^). *Ali 
(lumblät wurde, den Vorschlägen der vornehmen Familien des Schuf ent- 
sprechend, von Haidar Schihäb als Gouverneur dieser Landschaft bestätigt. 

Der wachsende P-influss der Gumblät scheint für die Schihäb Ver- 
anlassung gewesen zu sein, (^ie Bildung einer Gegenpartei zu fördern. 
Zu den treuesten Anhängern des regierenden Hauses zählten neben den 
Bellama' die Talbük und die *Abd il Melik, die ihren Wohlstand dem 
Emir Haidar Schihäb verdankten. Diese Familien schlössen sich mit 
dem reich begüterten und mächtigen Geschlecht der 'Abd is Selam il 
Jezbeki zu einer Gruppe zusammen, die den Namen Jezbeki erhielt^). 
Die folgenden Jahrzehnte sind durch unaufhörliche kleine Fehden zwischen 
den in die beiden Parteien gespaltenen drusischen Familien ausgefüllt, 



*) Schidjäl^ hat auch die Schreibung Gan Bülad i^a. a. C). S. 129'. 

') Dieses ist eine weitere Erklärunjr für den Anschluss der Jemeni an die ClumbläJ. 

') Vergl. oben Kap. I, S. 30. 

*) Vergl. Niebuhr, a. a. O. Bd. II S. 365 Anm. 6 (das dort erwähnte zur Gegen- 
partei gehörige »Beit Schocifat« sind die Arslän), ferner S. 367, wo Niebuhr als Wohnsitz 
des *Abd is Seläm die Stadt Barak in 'Ar^üb nennt und den Schech selbst bezeichnet als 



IC2 Kap. IV. Die egyptische Invasion. 

• 

in die auch die im Libanon wohnenden Maroniten und Metäwile oft 
genug hineingezogen wurden. 

Inzwischen war auf Haidar Schihäb im Jahre 1729 sein Sohn 
Melbem II. gefolgt, der sich besonders die Niederwerfung der Metäwile 
angelegen sein iiess, die er aus dem Norden des Libanon vertrieb und 
zur Ansiedelung am öebel *Ämul unweit Saidä und Sür zwang. Ihre 
Besitzungen übergab er maronitischen Familien zu Lehen. Im Jahre 
1756 dankte Meinem ab, und statt seines noch minderjährigen Sohnes 
Jüsuf übernahmen seine beiden Brüder Ahmed und Man§ür die 
Regierung. Alsbald kam es zwischen den Brüdern zu Differenzen, bei 
denen Ahmed sich auf die Jezbeki, Man$ur auf die öumbläti stützte. 
Die Letzteren gewannen die Oberhand und Ahmed musste fliehen. Die 
von dem siegreichen Man§ür grausam unterdrückten Jezbeki hoben 
nunmehr Jüsuf, den Sohn Melhems II., auf den Schild^). 

Während der Konflikt zwischen Man§ür und Jüsuf noch andauerte, 
entsandte 'All Bey, einer der Mamlulcenbeys von Egypten, die Ende 
des vorigen Jahrhunderts im ganzen Nillande die Macht in Händen 
hatten, ein Heer nach Syrien. *AlI Bey hatte sich mit Daher il *Amr, 
dem Herrn von *Akkä, verständigt, doch mussten die Egypter, obwohl 
Man§ür ihre Partei nahm, unverrichteter Sache wieder abziehen. Bald 
darauf kam es zum Kampf zwischen Jüsuf, den der Pascha von Damaskus 
mit Truppen unterstützte, und den Metäwile, die mit Daher il 'Amr 
verbündet waren. Jüsuf und die Türken erlitten eine gründliche Nieder- 
lage, gleichzeitig erschien, von Daher und *AIi Bey herbeigerufen, eine 
russische Flotte vor Berüt, das bombardiert wurde. Der Pascha von 
Damaskus entsandte nun Ahmed il öezzär*) nach Berüt, der sich auch 
der Stadt bemächtigte, sie aber dem Emir Jüsuf vorenthielt und für die 
Türken in Anspruch nahm. Infolgedessen verbündete sich Jüsuf mit Daher il 
*Amr, dieser rief abermals die russische Flotte herbei, die Berüt einen 
Monat lang belagerte. II Gezzar musste weichen, doch gelang es ihm, 
nachdem Daher il *Amr in 'Akkä von seinen eigenen Leuten erschossen 
war, *Akkä und Safed zu erobern, und er wurde zum Pascha von *Akkä 
ernannt. Seine Machtstellung missbrauchte er, um von dem Emir Jüsuf 
grosse Summen zu erpressen und ihn zum Spielball seiner Willkür zu 



r^le chef du parti qui soutient actuellement TEmir rep^nant.« Mein ( vewährsmann, dem 
die Entstehung der Parteibezeichnun^ unbekannt war, meinte, es sei, um keine RiTalität 
aufkommen zu lassen, nicht der Name einer der beteiliji^ten Familien, soodern irgend ein 
fremder Name gewählt worden. 

*} VergL Blau a. a. O. S. 497, Mariti a. a. O. S. 314 ff. 

'; Abmed il Gezzär war ein bosniakischer Mamluk Ali Bey's, der in Egypten als 
Scharfrichter (daher sein Beiname il (lezzär'^ debütierte; vergl. Ix)ckroy, Ahmed Ic Boncher, 
Paris 1888, S. 13, 15, 27. 



Kap. IV. Emir Bcschir Schihab I. je? 

machen. Jüsuf legte zeitweilig die Regierung in die Hände seines Neffen 
Beschir Schihäb, und als er ihn in einer diplomatischen Mission zum 
öezzär entsandte, benützte Beschir diese Gelegenheit, um sich von dem 
Pascha die Investitur als Häkim des Libanon zu holen. Der Neffe hatte 
seinem Onkel diese Wendung der Dinge selbst prophezeit, indem er 
sagte: »Jetzt bin ich Dein Sohn, ich furchte, ich werde als der Sohn 
des öezzär zurückkehren!« Jüsuf flüchtete vor Beschir nach *Akkä, wo 
er hoffte, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden, doch täuschte 
er sich, und als er die Geldgier des Pascha, der seine Gunst zwischen Onkel 
und Neffen lediglich nach deren Zahlungsfähigkeit verteilte, nicht mehr 
zu befriedigen vermochte, wurde er in *Akkä getötet. 

Der Emir Beschir Schihäb hat 54 Jahre lang, allerdings mit zahl- 
reichen Unterbrechungen, die Herrschaft im Libanon geführt. Er hat, 
um sich in seiner Herrscherstellung zu erhalten, mehr als einmal sein 
Land verraten und die Drusen empfindlich gedemütigt. Mit den Maro- 
niten, die nächst den Drusen das kräftigste Element im Libanon bildeten, 
hatte schon Melhem Schihäb zu liebäugeln begonnen^). Im Jahre 1756 
waren die Schihabidenfürsten *AII und Käsim zum Christentum über- 
getreten^), und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch Emir Beschir — 
der Sohn dieses Käsim — die Taufe empfangen hat^), wenn er auch der 
Oeffentlichkeit gegenüber an seinem muhammedanischen Glauben fest- 
gehalten zu haben scheint*). Jedenfalls hat er in den zahllosen inneren 
Streitigkeiten, die während seiner Regierungszeit den Libanon erschütterten, 
sich vorzüglich auf die Maroniten zu stützen gesucht. Beschir war ein 

^) Es ist deshalb chiirakteristisch, dass 'AH öuniblat die xMelkiten (Griechisch-Katho- 
lischen) ^egen die Maroniten unterstützt hat. Das Kloster Der il Muchalli? verdanken die 
Melkiten dem öumblät. 

') Vergl. Blau, a. a. O. S. 496. 

*) Verß:l. Ritter, 11. a. O. Bd. XVII, S. 693, Robinson, Voyage en Palestine et 
en S)Tie, Paris 1838, II. Bd, S. 427. — Auch die Bellama* traten zum Christen- 
tum über, um in dem vorwiegend christlichen Distrikt von Metn sich in der Regierung be- 
haupten zu können. Nach dem Reglement organique muss auch jetzt noch der Käinima\^äm 
dieses Distrikts ein Christ sein vergl. oben Kap. I, S. 35), und das Amt wird noch heute 
von den Bellama' verwaltet. Von den christlich gewordenen Schihäb sind später einige aus 
politischen und finanziellen Gründen zum Islam zurückgetreten. 

*} Heute wird noch von einem unterirdischen Gange im Schlosse zu Bteddin ge- 
sprochen, der von dem Bade nach der ausserhalb des Schlossgartens gelegenen maronitischen 
Kirche geführt habe. Im Libanon hiess es in der Mitte dieses Jahrhunderts, dass der Emir 
Beschir als Christ geboren sei, als Muselmann lebe und als Druse sterbe. (Vergl. Gerard de 
Nerval, Revue des deux mondes, Bd. XVIII. l*aris 1847, S. 639). Die charakteristische 
Anekdote, dass Beschir einem Maroniten, einem Drusen und einem Muhammedaner, die sich 
über den Glauben des Emirs stritten und schliesslich bei ihm selbst anzufragen beschlossen, 
wegen übergrosser Neugier die Bastonnade habe geben lassen, siehe bei Rey, Voyagc cii 
Syrie, Paris 1862, S. 73 f. 



I ^4 K.a^ IV. Beschirs Flucht nach E^rypten. 

grausamer und gewaltthätiger Mann, sein Vermögen mehrte er durch 
Konfiskation der Güter nicht nur seiner Gegner, sondern selbst seiner 
Verwandten. Er nahm ferner die Regie verschiedener Verbrauchsartikel, 
wie Seide und Seife, an sich. Nie soll er ein fremdes Weib angesehen, 
nie gelacht und nie ein Fluchwort gesprochen haben, aber oft genug 
liess er Menschen unter furchtbaren Qualen töten. 

Als Beschir nach der Ermordung Jüsufs im Libanon als Häkim 
anerkannt war, hielt er es für ratsam, sich mit dem Schech Beschir 
öumblät, der nach der Niederwerfung der Jezbeki der mächtigste Mann 
des Libanon und insbesondere der Führer der libanesischen Drusen war, 
in gutes Einvernehmen zu setzen. Der Ciezzär, in dessen Interesse 
es keineswegs lag, wenn geordnete Verhältnisse im Libanon sich bildeten, 
sah sich bald veranlasst, regelrecht gegen die beiden Beschir vorzu- 
gehen. Als der Emir Beschir nach *Akkä kam, um sich mit den 
Insignien des Häkims bekleiden zu lassen, wurde er gleichzeitig 
mit dem Schech Beschir öumblät, der ihn begleitet hatte, gefangen 
gesetzt und zwanzig Monate lang im Kerker behalten^). Aber im 
Gefängnis wusste der Schihäb die Habsucht des Gezzär derart zu reizen, 
dass dieser ihn wieder in seine Machtstellung einsetzte. Ein Vetter 
des Jüsuf Schihäb, der inzwischen die Rolle des Gross -Emirs usurpiert 
hatte, wurde von Beschir und seinem Freunde (lumblät überwältigt 
und erdrosselt. Fast ein Jahrzehnt hindurch herrschte jetzt Beschir 
im Libanon, ohne dass ihm ein ernsthafter Widersacher erstand. In 
diese Zeit fällt die Expedition Napoleons nach Eg>'pten und Syrien. 
Beschir wartete vorsichtig den Gang der Ereignisse ab, ehe er sich für 
oder gegen Bonaparte erklärte, und die Fruchtlosigkeit der Belagerung 
von St. Jean d'Acrc (1801), das der (iezzar heldenmütig gegen die Fran- 
zosen verteidigte, gab ihm recht ''^). 

Aber gefährlicher als alle bisherigen Schwierigkeiten drohte der 
Herrschaft Beschirs ein Aufstand zu werden, der im Anfange des neuen 
Jahrhunderts unter der Führung der Söhne seines Vorgängers Jüsuf sich 
erhob. Beschir musste in den Haurän fliehen, und als er dank der Unter- 
stützung des (lezzär zurückkehren konnte, sich in die Herrschaft über 
den Libanon mit seinen Vettern teilen. Die Intriguen und Kämpfe hatten 
mit dieser Lösung der Dinge naturgemäss kein Ende. Aber das Ge- 
schick war Beschir ungünstig, und er zog es schliesslich vor, sich über 
Cypern, Kleiuasien und Malta nach Egypten zu begeben (1805). Hier 
schloss er mit Muhammed *Ali, dem grossen Begründer der gegen- 

\' Veru^L Perrier. La Syrie sous le gouvemement de Meh^met Ali joiqu'en 1840, 
Paris 1842, S. 330. 

^) Napoleon wusste die Klugheit des Schihäbiden zu schätzen und verehrte ihm eine 
goldgeschinückte Flinte als Zeichen seiner Freundschaft 



Kap. IV. Aufstand und Ende de» Schech Heschir öumbläj. 155 

wärtigen egyptischen Dynastie, ein Freundschaftsbündnis, welchem beide, 
merkwürdig genug, bis zum Ende ihrer Laufbahn treu geblieben sind. 
Der Bund war auf Interessengemeinschaft gegründet: Beschlr scheint 
schon damals Muhammed *Ali in seinen weitausschauenden Plänen be- 
stärkt zu haben, und zielbewusst hat er ihm bei ihrer Durchführung zur 
Seite gestanden. Als Gegenleistung erhoffte und erhielt er durch Muham- 
med 'Ali eine Befestigung seiner Machtstellung in Syrien. Zunächst ver- 
dankte er der Fürsprache des Egypters die Wiedereinsetzung in seine 
frühere Würde. 

Kaum war Beschir nach dem Libanon zurückgekehrt, als er einen 
Rachefeldzug gegen seine Widersacher inscenierte. Die Söhne Jüsufs 
wurden gefangen genommen, und es wurden ihnen die Augen mit 
glühenden Eisenstäben ausgestossen und die Zunge mit Zangen aus- 
gerissen. Mehrere einflussreiche Parteigänger der jungen Emire wurden 
getötet, ihre sämtlichen Besitzungen konfisziert (1807). Bald darauf 
starb der Bruder Beschirs, der bei der Unterdrückung des letzten Auf- 
standes eine wesentliche Rolle gespielt hatte, eines geheimnisvollen Todes, 
und nunmehr hatte der Emir keinen Nebenbuhler mehr in seiner Würde 
als Häkim. 

Inzwischen war auch der Gezzär vom Schauplatz seiner Thätigkeit 
abgetreten. Die Lust am Intriguieren verleitete Beschlr, sich in die 
Streitigkeiten zwischen dem jungen Pascha 'Abdallah von *Akkä und dem 
Pascha von Damaskus zu mischen. ¥Jn Firman des Sultans verurteilte 
'Abdallah zum Tode und erklärte Beschlr seiner Würde für verlustig. 
Während ein türkisches Heer 'Abdallah in St. Jean d'Acre belagerte, 
entwich Beschir zum zweitenmale nach Eg>'pten. Abermals gelang es Mu- 
bammed 'All, Beschir gleichzeitig mit 'Abdallah Pascha die Verzeihung 
des Sultans auszuwirken, und wiederum kehrte der Schihäb als Herr in 
den Libanon zurück (1823). Er hatte vor seiner Abreise die Regierung 
seinem Bruder Abbäs anvertraut, dessen geringe Geistesgaben die Garantie 
zu bieten schienen, dass er im gegebenen Augenblicke ohne Widerspruch 
zurücktreten werde. Aber die Schwäche dieses Verwesers hatte der 
Schech Beschir Gumblät sich zu nutze gemacht, um sich die Herrschaft 
anzumassen. In dem Kampfe, der sich alsbald zwischen dem Emir und 
dem Schech entspann, nahmen die drei jüngsten Brüder des Schihäb 
Partei fiir den (jumblät. Mit Hilfe 'Abdallah Paschas gewann endlich 
der Emir Beschir die Oberhand; der Schech Beschir (jumblät wurde 
erdrosselt und sein Leichnam den Hunden vorgeworfen^). Die eigenen 
Brüder Beschirs traf dasselbe Schicksal, das einst seine Vettern erlitten 
hatten: ihnen wurden die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten. 



*) Vergl. Perrier, a. a. O. S. 336. 



I c6 Kap. IV. Mu^amined 'Ali wird Herr in Syrien. 

Zu Beginn der dreissiger Jahre sollten die kühnen Pläne Mubammed 
*Alis ihrer Verwirklichung entgegengehen. Zwischen ihm und 'Abdallah 
Pascha war ein ernster Konflikt ausgebrochen. Als Ibrahim, der Sohn 
und Feldherr Mubammed 'Alis, die bisher als unbezwingbar betrachtete 
Festung 'Akkä erobert hatte, erklärte sich Beschir offen für den Sieger 
(1832). Ibrahim nahm nach einem kurzen Feldzug ganz Syrien in Besitz, 
und die Egypter richteten sich häuslich im Lande ein. Mit der alten 
Pascha- und Emirwirtschaft wurde aufgeräumt, und Beschir Schihäb erhielt 
über ^en Libanon hinaus grosse Landstriche, sowie einen Teil der syrischen 
Küste überwiesen, über die er als nahezu selbständiger Gouverneur 
herrschte. Die Gewalt seiner Persönlichkeit in Verbindung mit seiner 
früheren Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit hatte bewirkt, dass er von 
Drusen und Maroniten mit einer fast abgöttischen Scheu gefürchtet und 
verehrt wurde. Gestützt durch das Bewusstsein der Freundschaft mit 
den egyptischen Herren, missbrauchte er sein Prestige, um den Liba- 
nesen unerhörte Summen zu erpressen. 

In seinem Schlosse Bteddin, das er in unmittelbarer Nähe von Der 
il Kamar sich errichtet hatte, führte Beschir eine prunkvolle Hofhaltung. 
Die Falkenjagd war sein Lieblingsvei^nügen, und der Ruf dieser Jagdzüge 
und der damit verbundenen rauschenden Festlichkeiten drang bis nach 
Europa. Er war ein musterhafter Gatte und Familienvater. Als seine 
erste Frau starb, die er mit aller Zärtlichkeit umgeben hatte, Hess er 
sich eine tscherkessische Sklavin aus Konstantinopel kommen, die er zu 
seiner Gemahlin erhob und mit der er ebenfalls eine ausserordentlich 
glückliche Ehe führte. Aber auch bei dieser Eheschliessung waren 
politische Gesichtspunkte für Beschir n>assgebend. Er wählte sich seine 
Frau nicht aus einem libanesischen Geschlecht, damit die auf diese 
Weise ausgezeichnete Familie nicht zu besonderem Ansehen gelange. 
Die Circassierin musste zunächst die Taufe empfangen, um dem Emir 
einen weiteren Berührungspunkt mit den Maroniten zu schaffen. Die 
Maroniten gegen die Drusen auszuspielen und die Drusen gegen die 
Maroniten aufzuhetzen, war hinfort das wirksamste Mittel, dessen Beschir 
sich bediente, um sich seine Machtstellung im Libanon zu erhalten. 

Als aber die Expansionspolitik der Egypter Ibrahim Pascha im 
Norden weiter vorzugehen zwang, wurden hierfür immer mehr Gelder 
und Menschen notwendig. Der Steuererhebung fügten sich die Be- 
wohner des Libanons, aber die Ankündigung, dass sie zum Dienst in 
den regulären Truppen der Egypter herangezogen werden sollten, rief 
eine ungeheure Aufregung unter Drusen und Maroniten hervor. Ibrahim 
bereitete daher eine allgemeine Entwaffnung der Bevölkerung vor. Beschir 
Hess zunächst die Maroniten durch die Drusen entwaffnen, denen ver- 
sprochen wurde, dass sie ihre Waffen behalten dürften. Aber kaum war 



Kap. IV. Aufstand der Haurnndrusen. I 57 

die Entwaffnung der Christen durchgeführt, als egyptische Truppen im 
Libanon erschienen und die Drusen zwangen, ihre Gewehre auszuliefern, 
wobei die Maroniten Kundschafter- und Angeberdienste leisteten. Die 
wehrlosen Gebirgsbewohner wurden nunmehr von den Steuererhebern 
in einer so brutalen Welse ausgebeutet dass bald an allen Ecken des 
Libanon Revolten ausbrachen. Auf Beschirs Rat bewaffnete jetzt Ibrahim 
die Maroniten gegen die Drusen, und wenn auch die Drusen den 
Christen an Kriegstüchtigkeit und Tapferkeit bedeutend überlegen waren, 
so mussten sie dennoch der Uebermacht der vereinigten egyptiscjien 
und maronitischen Waffen im westlichen Svrien weichen und sich unter- 
werfen. 

Ungleich gefahrlicher als die bisherigen Unruhen erwies sich ein Auf- 
stand der Haurändrusen, der Ende des Jahres 1839 ausbrach^). Ibrahim 
Pascha wollte aus dem Haurän 175 Mann zum Kriegsdienst heranziehen, 
und der Wali von Damaskus, Scherif Pascha, wurde mit der Ausführung 
des Befehls betraut. Als der Führer der Haurändrusen, Schech Han^^^n» 
hiergegen geltend machte, es sei wegen der Verteidigung des Gebirges 
gegen die Beduinen und Christen unmöglich, dass so viele waffenfähige 
Leute dem Haurän entzogen würden, entsandte Scherif Pascha einen 
Trupp von vierhundert Mann nach Umm iz Zctiin. um die Konskription 
mit Gewalt durchzuführen. Diese ganze Schar wurde von den Drusen 
getötet, nur der Anführer entkam. Ibrahim Hess darauf sechs Regimenter 
in den Haurän marschieren; aber die Drusen hatten sich in die Legä 
zurückgezogen, wohin die egyptischen Truppen ihnen folgten. Unter den 
ausserordentlichen Terrainschwierigkeiten hatten die Egypter sehr zu 
leiden, zu einer regelrechten Schlacht Hessen die Drusen es nicht kommen, 
brachten aber von den natürlichen Felsenschanzen und den unzugänglichen 
Verstecken der Legä aus ihren Feinden die empfindlichsten Verluste bei. 
Gleich zu Beginn der Campagne war der General Mubammed Pascha 
getötet worden, und bei einem Zusammenstoss in der Nähe von öeddel, 
wo drei egyptische Regimenter die Stellung der Drusen zu nehmen versuchten, 
blieben zwei Generäle und über dreihundert Soldaten auf der Stätte. 
Die Niederlagen und Misserfolge der Egypter machten in ganz Syrien 
den tiefsten Eindruck, die Haurändrusen erhielten von allen Seiten 
Munition und sonstige Unterstützungen. Nunmehr beschloss Ibrahim, den 
Feldzugsplan zu ändern. Er Hess der Reihe nach die Wasserstellen der 
Legä besetzen und ausleeren, und zwang dadurch den grössten Teil der 
Drusen, ihre Schlupfwinkel zu verlassen und sich nach dem Abhänge 
des Hermon, in die Umgegend von Räschejä und Hä§bejä zu wenden. 
Doch musste zur Beobachtung der Legä ein Teil der Truppen unter 



i> 



Verjjl. Rcy, Voyagc dans Ic Haouran pendant les ann^es 1857 et 1858, Paris o.J., S. 23 ff 



I cg Kap. IV. Knde der egyptischen Herrschaft in Syrien. — Beschlrs Stnrz. 

Soliman Pascha mit dem Hauptquartier gegenüber Mismije zurückgelassen 
werden. 

Der Sieg Ibrahims über die türkischen Truppen bei Nizib (1839) 
hatte seine Stellung in Syrien nicht befestigt. Die immer wiederkehrenden 
Gerüchte von einer bevorstehenden Aushebung Hessen die libanesische 
Gebirgsbevölkerung nicht mehr zur Ruhe kommen, und unter dem Drucke 
der gemeinsamen Gefahr schlössen sich endlich die Maroniten und die 
Drusen zusammen ^). Als nun Muhammed *Ali zur Befestigung der egyp- 
tischen Küste eine Nationalgarde formierte und, um diese bewaffnen zu 
können, die Maroniten zur Ausheferung der ihnen übergebenen Gewehre 
aufforderte, brach die Empörung im Gebirge los {1840). Grosse Scharen 
von Aufstandigen, unter denen man übrigens französische Abenteurer 
in leitenden Stellungen sah, wälzten sich nach Tripolis, Saidä und Berüt 
Täglich wuchs die Menge der Revoltierenden, mit denen nicht nur der 
Emir Kangar der Metiwilc, sondern auch mehrere Schihäb gemeinsame 
Sache machten. Trotzdem blieb der alte Beschir in seiner Residenz 
Bteddin unbehelligt. Die Egypter stellten drei Armeen auf, um der 
Bewegung Herr zu werden^) und bei Zafele kam es zu einem Zusammen- 
stoss, dessen Kosten die Maroniten allein bestreiten mussten, da die 
Drusen, durch die Intriguen Beschirs umgestimmt, ihre Bundesgenossen 
plötzlich im Stich Hessen. Der Aufstand erreichte damit ein vorzeitiges 
Ende. Zwar leisteten die iMaroniten noch an einzelnen Orten, besonders 
in Der il Kamar Widerstand, doch wurden sie bald überwältigt, und ihre 
Anführer wanderten in die Verbannung. 

Unterdess hatte sich die öffentliche Meinung in Europa gegen 
Mubammed 'Ah erklärt. Die Türken waren im Vormarsch gegen die 
cg>'ptischen Truppen, welche Syrien noch okkupierten, eine englisch- 
österreichische Flotte erschien in Bcnit und nahm die Stadt für die 
Türken in Besitz. Die Drusen erklärten sich offen für ihren früheren 
Oberherrn, den Sultan. Mubammed *AIi zog jetzt seine letzten Streitkräfte 
zurück, und damit hatte die achtjährige Herrschaft der Egypter in Syrien 
ihr Ende erreicht. In dieser kritischen Zeit hatte der alte Emir Beschir 
noch zu paktieren-*) versucht, aber er wurde von dem Sultan seiner 
Würden für verlustig erklärt und begab sich (12. Oktober 1840) in Saidä 
an Bord eines englischen Schiffes, das ihn nach Malta brachte. Später 
wurde er in Konstantinopel interniert, wo er im Jahre 1851 gestorben ist. 

Dem Emir Beschir ist in erster Linie die Schuld beizumessen, 
dass der Gegensatz zwi.schcn den Maroniten und den Drusen in den 

^} Damals wurde an den Sultan eine Petition gerichtet, in welcher Dmsen ond 
Nfaroniten um die Vertreibung der Egypter und Beschirs baten. 
^) Ver<jl. Perrier a. a. (). S. 380. 
^} Vcrjjl. Paton, Histor\- of the Eß^)'ptian Revolution, II. Rand, S. 190. 



Kap. IV. Die Entwicklung der Beziehunj^en zwischen Drusen und Maroniten. i cg 

folgenden Jahrzehnten in so unheilvoller Weise zum Ausdruck kam. 
Als eine arabische Enclave im Libanon fanden wir die Bekenner der 
Lehre des Darazi im i I.Jahrhundert. Unter der Führung muhammedanischer 
Geschlechter errangen sie eine prädominierende Stellung über die Maro- 
niten ihrer Nachbarschaft, deren Vorfahren einstmals von den süd- 
arabischen Einwanderern aus ihren Wohnsitzen v^ertrieben worden waren, 
und über die Metäwile, die Nachkommen der alten syrischen lsma*ilier. 
Nach und nach aber bildete sich ein freundnachbarliches Verhältnis 
zwischen den Drusen und Maroniten heraus, drusische Geschlechter 
setzten sich in maronitischen Gebieten fest Maroniten siedelten sich im 
Schuf und in anderen drusischen Bezirken an. Die Drusen wurden dabei 
als die Vornehmeren, die Lehnsherren, anerkannt. Aber die zahllosen 
Parteikämpfe der Drusenfamilien, die Besorgnis, dass einzelne führende 
Geschlechter gar zu mächtig würden, Hess zur Zeit der Schihäb die 
Maroniten in dem Ringen um den Vorrang im Libanon zu immer 
grösserer Bedeutung gelangen. Die Metäwile wurden schliesslich von 
den Drusen und Maroniten aus dem Libanon herausgedrängt. Politische 
Erwägungen veranlassten einzelne Schihäb und Bellama', zum Christentum 
überzutreten*), und damit steigerte sich naturgemäss der Einfluss der 
Maroniten weiter. Aber erst Beschir Schihäb hat zielbewusst die Drusen 
gedemütigt und das Selbstbewusstsein der Maroniten zu einer für ihre 
drusischen Lehnsherren verletzenden Ueberhebung gesteigert. Er trägt 
damit zum grossen Teil die historische Schuld an den unheilvollen 
Ereignissen, die unmittelbar nach seiner Absetzung den Libanon und 
ganz Syrien erschütterten. 

Längst hatten die Maroniten verlernt, ihren angestammten Schechs 
zu folgen. Die Schihäb hatten sie an ihre Person zu fesseln gesucht und 
zu diesem Zweck ein Element gross gezogen, das bis dahin nur geringen 
Einfluss besessen hatte, den Klerus. Durch grossartige Besitzverleihungen 
wurde der maronitische Klerus den Schihäb zum Freunde gewonnen 
und gleichzeitig zum eigentlichen Führer der Volksmassen prädestiniert. 
Die freundschaftlichen Beziehungen, die PVankreich zu der maronitischen 
Geistlichkeit unterhielt und noch jetzt unterhält, sind oben 2) dargelegt 
worden. Die maronitenfreundliche Politik Beschirs, der der Verbündete 
des von Frankreich protegierten Muhammed 'Ali war, die Beteiligung 
französischer Abenteurer an den von den Maroniten ausgehenden Auf- 
.ständen, sowie das Verhalten der französischen Konsuln in Syrien"*) -- 
alles dies Hess bei jedem einzelnen Maroniten den Gedanken aufkommen, 
dass er ein Schützling Frankreichs sei. 



') Vergfl. oben S. 153, Anm. 3. 

*) Verjjl. Kap. I dieses Werkes S. 16 f. 

8N 



Verg:!. Perrier a. a. O., S. 381 f. Churchill ;i. .1. ()., S. ii4fi". 



1 6o Kap. IV. Emir Beichir Schihäb U. — Kampfe zwischen Christen and Dnuea. 

An Stelle des alten Emir Beschir \vurde Beschir Schihäb Käsim, 
der sich offen zum maronitischen Glauben bekannte, zum Häkim des 
Libanon eingesetzt, ein Mann von . niedriger Gesinnung, der seiner 
schwierigen Aufgabe in keiner Weise gewachsen war*). Die Drusen 
nahmen diese Ernennung, die eine Konzession an die christliche Be- 
völkerung des Libanon bedeutete, mit lebhaftem Misstrauen auf, da sie 
weitere Demütigungen ihres Volkes voraussahen. Der maronitische 
Patriarch erliess bald darauf ein Rundschreiben, in welchem die Maroniten 
aufgefordert wurden, in jedem Dorf zwei Männer zu ernennen, denen die 
Lokalregierung übertragen werden sollte. Wenn diese Massregel durch- 
geführt wurde, so waren die Drusenschechs ihrer traditionellen feudalen 
Vorrechte thatsächlich beraubt, und es ist begreiflich, dass die Kund- 
gebung, die von den Maroniten Der il Kamars mit lärmender Freude b^friisst 
wurde, bei den Drusen die ernstesten Befürchtungen wachrief. Schon am 
14. September 1841 kam es in Der il Kamar zu einem blutigen Zusammen- 
stoss zwischen den Angehörigen beider Parteien, bei dem fünf Christen 
und 16 Drusen getötet und mehrere Personen ver^^'undet wurden*). Dieses 
Ereignis war das Signal zu einer regelrechten Belagerung Der il Kamars 
durch die Drusen. Die Stadt, in welcher der Emir Beschir Käsim sich 
befand, wurde in Brand gesteckt, die benachbarten Dörfer verwüstet und 
zahlreiche Maroniten fielen der Wut der Drusen zum Opfer. Dem eng- 
lischen Generalkonsul gelang es endlich, Der il Kamar vor der gänzlichen 
Vernichtung und dessen Einwohner vor einem allgemeinen Gemetzel zu 
bewahren. Aber die Einschliessung der Stadt dauerte noch drei Wochen, 
die Maroniten mussten die Waffen ausliefern und in einen schimpflichen 
Abzug willigen, an ihrer Spitze verliess der Emir Beschir den Ort 
Charakteristisch für die Beurteilung der damaligen Verhältnisse ist es, 
dass auch diesmal, wie immer bei den Streitigkeiten zwischen Drusen 
und Maroniten, die griechisch-katholischen Melkiten^) sich auf die Seite 
der ersteren stellten. Die Drusen hatten einen unbestrittenen Erfolg 
davongetragen, und wenn sie ihn nicht weiter ausnutzten, so war das 
lediglich der Mässigung ihres angesehensten Führers, des Na'män 
Ciumblät, zu danken. 

Der Emir Beschir Schihäb wurde seines Amtes entsetzt (Januar 1842) 
und demnächst nach Konstantinopel geschickt, an seiner Stelle wurde 
*Omar Pascha, der ungari.sche Renegat, der sich später im Krimkriege 



») VercrI. Churchill, a. a. O. S. 37. 

-] Der Führer auf drusischer Seite war Nä^if Bcy Abu Nakad. 

*l Ein grosser Teil der griechisch-katholischen Libanesen soll erst im Mittelalter in 
das Gebirge ein^^e wandert sein. Sie scheinen bis zu den Ereignissen von 1860 Tiel anter 
dem Uebermut und der religriösen Unduldsamkeit der maronitischen Geistlichkeit gelitten 
zu haben. 



K&p. IV. Verwaltungsreform im Libanon. l6l 

Lorbeeren erwarb, mit der Leitung der Geschäfte im Libanon betraut. 
Die Drusen waren durch ihre Erfolge übermütig geworden, die Schcchs 
pochten auf ihre alten feudalen Vorrechte und machten Miene, der 
türkischen Verwaltung die Anerkennung zu versagen. Sie warfen *Omar 
vor, dass er, seine christliche Abstammung nicht verleugnend, die 
Maroniten begünstige, und im November 1842 erfolgte ein Vormarsch 
der Drusen auf Bteddin, wo sich das Hauptlager 'Omar Paschas befand. 
Aber ein Heer, aus türkischen und albanesischen Truppen bestehend, 
fiel den Drusen in den Rücken, während 'Omar Pascha ihnen mit seiner 
Besatzung und einer Abteilung maronitischer Reiterei entgegenrückte. 
Nach tapferem Widerstände wurden die Drusen zersprengt, ihre Schechs 
flohen in den Haurän, viele angesehene Drusen wurden in Berät ins 
Gefängnis geworfen. 

Die Pforte teilte jetzt den Libanon in zwei Verwaltungsbezirke und 
setzte als Grenze die Linie Berüt-Damaskus fest. In dem nördlichen 
Gebiete wurde ein maronitischer, in dem südlichen ein drusischer 
Käimmakäm bestellt. Die Schihäb wurden bei der Besetzung dieser 
Aemter übergangen, die Pforte hatte eingesehen, dass sie mit ihnen 
nicht mehr im Libanon regieren könnte, und sie kamen auch in der 
Folge für die leitenden Stellungen nicht mehr in Betracht. In dem 
südlichen, drusischen Bezirk wurde vorsichtiger Weise nicht ein Mit- 
glied der mächtigsten und reichsten Familie, der Gumblät, gewählt, 
sondern das Geschlecht der Arslän zur Regierung herangezogen, dessen 
vornehme Abstammung von allen Drusen respektiert wurde, das aber 
seinen Einfluss und Reichtum fast ganz eingebüsst hatte. In dem 
maronitischen Gebiet wurde der Emir Haidar Isma'il Bellama' zum 
Käimmalyäm ernannt, aus dessen Familie seit langer Zeit die Herren des 
Metn entsprossen waren. Der drusische Regierungssitz wurde Schwcfät, 
woselbst sich die Stammburg der Arslän befand, Bekfaijä wurde der 
Amtssitz der maronitischen Regierung. In Der il Kamar, dessen Ein- 
wohner sich unter keinen Umständen den Drusen unterwerfen wollten, 
wurde ein türkischer Mudir ernannt. 

Aber keine zwei Jahre später brachen neuerdings blutige Streitig- 
keiten zwischen Drusen und Maroniten im Libanon aus. Diesmal ent- 
sandte die Pforte Schekib Effendi aus Konstantinopel auf den Schauplatz 
der Unruhen. Schekib Efifendi entsetzte den Emir Ahmed *Abbäs Arslän 
seines Amtes und machte an seiner Stelle den intelligenteren Emir Emin 
Arslän zum Chef des drusischen Libanonbezirks. Die Fehde hatte mit 
dem Siege der Drusen geendet, der J^^ricde zog wieder im Libanon ein. 
1859 starb der Emir Emin Arslän und wurde von seinem Sohn ersetzt, 
einem gebildeten und gelehrten Manne, der halb europäisch erzogen war, 
fremde Sprachen verstand, Bücher schrieb, aber kein Kriegsmann war. 

Prhr. V. Oppenheim, Vuiu Mitteimcer zum Pcr>i«chen Goll. 11 



l62 Kap. IV. Der französische Generalkonsul und der maronitische Patriarch. 

• 

Bald darauf brach der Streit zwischen den Drusen und den Maroniten 
von neuem aus. An der Spitze der maronitischen Bewegung stand der 
intrigante und einflussreiche Bischof Tobia in Berüt, dessen g^te Be- 
ziehungen zum französischen Konsulat oflenkundig waren. Käimmakäm 
des nördlichen Libanon war damals der Nachfolger des Abmed Bellama', 
der Emir Beschir Bellama'. Diese Trias')» der französische Generalkonsul, 
der Emir Bellama' und der maronitische Patriarch, vermochte längere 
Zeit hindurch den christlichen Einfluss in Syrien derart zu stärken, dass 
die muselmanische Bevölkerung mancher Bezirke sich im Zustand der 
Notwehr zu befinden glaubte und mit den Drusen Fühlung suchte. 
Der Zusammenschluss der Drusen und der Muhammedaner brachte es 
zuwege, dass in der Folge auch die Melkiten sich auf die Seite der 
Maroniten stellten, wiewohl sie unter deren Uebermut und religiöser 
Unduldsamkeit namentlich in Zahle viel zu leiden gehabt hatten *). So 
stand jetzt die ganze Christenheit des Libanon in Kampfbereitschaft. 
Die Christen rechneten aus, dass sie im Gebirge wenigstens 60000 waflTen- 
fahige Männer stellen könnten, während die Streitmacht der Drusen auf 
höchstens 1 3 000 Mann veranschlagt wurde. Bei dem Zusammenstoss, 
der alsbald erfolgen sollte, beobachtete die türkische Regierung zunächst 
eine wohlberechnete Neutralität. Die Drusen waren bei diesen Kämpfen 
in letzter Linie überall die Siegreichen, dank ihrer überlegenen militärischen 
Disziplin, die, ein Ausfluss des feudalen Verhältnisses zwi.schen Schech 
und Gefolgsmann, dem Führer den unbedingten Gehorsam und die blinde 
Ergebenheit seiner Leute sicherte. Trotzdem sollte die blutige Kraft- 
probe mit der politischen Niederlage der Drusen enden und eine völlige 
Umgestaltung der Verhältnisse im Libanon herbeiführen. 

Zuerst kam es (30. August 1859) in dem Dorfe Betmeri zu einem 
Handgemenge, bei dem die Drusen eine empfindliche Schlappe erlitten. 
Der folgende Herbst und Winter verging in umfassenden Kriegs- 
Vorbereitungen der Drusen. Sa*id Hey Gumblät versammelte alle drusischen 
Schcchs in Muchtära, und bald darauf begannen an allen Orten des Ge- 
birges die Reibungen zwischen Drusen und Christen von neuem. Bei 
*Aindära, in der Nähe von Zahle, kam es endlich zu einer Schlacht 
(27. Mai i8(5o), in der 3000 Maroniten von 600 Drusen in die Flucht 
geschlagen wurden. Die Drusen nutzten ihren Sieg rücksichtslos aus: 
brennende Dörfer und zahllo-c Morde bezeichneten den Weg, den die 
drusischen Trupi)s nahmen. Sa'id Hey konzentrierte jetzt seine Streit- 
kräfte auf Der il Kamar, das am 2. Juni den Drusen in die Hände fiel; 
die Chn.«>tcn durften vorerst ihre Watten behalten, aber die Stadt nicht 



* V..r-1. Churchill a. .1. «.). ^. li'). I2l und 125. 

• Vi;r::l. Julcs l-t:rroito in der Revm- da- dcux Mondes Bd. XXVIII, Paris i86o,S. 1009. 



Kap. IV. Die Blatbäder von Hä^bejä und Der il Kamar. — Die Intervention Europas, i gß 

verlassen. Am 3. Juni erschien ein drusisches Heer vor Hä§bejä; nach 
kurzem Widerstand wurde der Ort besetzt. Die männliche Bevölkerung 
wurde entwaffnet und in das Serai eingesperrt, und dann erfolgte das 
erste der furchtbaren Massacres, indem die wehrlosen Christen von den 
Drusen, die durch die fanatische Schwester Gumbläts, die Sitt Naifa, 
aufgestachelt waren, im Hofe des Serai zu Hunderten hingeschlachtet 
wurden, ohne dass Osman Pascha mit seiner Besatzungstruppe einschritt^). 

Der nächste Vorstoss der Drusen galt Zahle, der Hochburg des 
Maronitentums. Die Haurändrusen waren unter Isma'il il Atrasch mit 
3000 Mann zur Verstärkung ihrer libanesischen Stammesgenossen heran- 
gezogen, Kurden- und Beduinenhorden, selbst die Metäwile stiessen zu 
den Drusen, die unter der Führung Chattär Bey 'Amäds vorrückten. 
Nach wiederholten kleineren Scharmützeln kam es am 18. Juni 1860 zum 
Entscheidungskampf, der mit der völligen Niederlage der Maroniten 
endete. Die Drusen zogen in Zahle ein und die Stadt ging in Flammen 
auf. Was sich nicht in wilder Flucht ins Gebirge und in die rein 
maronitischen Distrikte retten konnte, wurde niedergemacht, aber die 
unmündigen Kinder und alle Frauen wurden geschont Zwei Tage später 
wiederholte sich in Der il Kamar das Gemetzel von Hä§bejä, im Serai 
der Stadt wurden 1200 Christen abgeschlachtet^). Auch hier blieben 
die türkischen Soldaten der Besatzung müssige Zuschauer. 

Die furchtbare Erregung, welche den Libanonbezirk erschütterte, 
ergriff jetzt immer weitere Kreise und steigerte auch den Fanatismus 
der Muhammedaner zu einer unmittelbaren Gefahr für die Christen ganz 
Syriens. Schhesslich, am 9. JuU 1860, kam es zu den bekannten 
Massacres von Damaskus. Damit waren die syrischen Wirren zu einem 
Ereignis der europäischen Politik geworden. Der Sultan entsandte Fuäd 
Pascha, einen der hervorragendsten Männer seines Reiches, um den 
Frieden wiederherzustellen, die europäischen Mächte griffen ein, loooo 
Franzosen unter dem General Dufort landeten in Syrien — welche 
übrigens keinen einzigen Schuss abfeuerten — , die türkische Regierung 
opferte grosse Geldsummen, um das Los der unglücklichen Christen zu 
verbessern. Der il Kamar, das zerstört worden war, wurde auf Kosten 
der Regierung wieder aufgebaut, und die Neuordnung der Dinge, die 
vorher*) dargestellt ist, wurde eingeführt. 

^) Dass das Verhalten Osman Paschas nicht den Heifall seiner Kameraden halte, er- 
picht sich aus der Mitteilung Ferrcttes a. a. O. S. loii. 

*) Mein Gewährsmann behauptete mir jjej^enüber, dass die Mitglieder der vornehmen 
drasischen Familien sich an dieser Gräuelthat nicht beteilifs^t und soviel \ne möß:lich auch 
. dem Blutver^essen Einhalt zu thun versucht hätten; das Blutbad sei ausschliesslich von 
Uebelthätem und Gesindel ausgeführt worden. Doch vergl. Churchill a. a. O. S. 191. 

*) Vergl. oben Kap. I, S. 32 ff. 



164 ^P* I^'^- ^ic NeaordDang der Dingfe im Libanon. — Nene Parteibildungen. 

Seitdem ist es im Libanon ruhig geblieben, Kämpfe zwischen den 
beiden Religionsparteien haben nicht mehr stattgefunden. Durch das 
Eingreifen der Mächte wurde es den Drusen unmöglich gemacht, die 
Früchte ihrer Siege und ihrer Grausamkeiten zu ernten. Zwar ist bei der 
Besetzung der lokalen Verwaltungsstellen dem numerischen Verhältnis 
der Drusen und Maroniten Rechnung getragen, und die überwiegend 
drusischen Distrikte entsenden drusische Deputierte in den Conseil ad 
ministratif. Aber die Machtvollkommenheit des früheren Häkims ruht 
jetzt in den Händen eines christlichen Gouverneurs, und nur in einem 
der sieben Kadäs*) des gegenwärtigen »autonomen Libanonbezirkes«, dem 
Schuf, ist ein Druse Käimmakäm. Der Einfluss der vornehmen drusischen 
Geschlechter ist geschwunden, und lediglich die sorgfältig gewahrten und 
bereitwillig erwiesenen traditionellen Ehrenbezeugungen im persönlichen 
und schriftlichen Verkehr mit den Abkömmlingen der alten Familien^ 
erinnern an die feudale Periode der Geschichte des Libanon. Die Ver- 
gangenheit der Drusen macht es erklärlich, dass sie sich nur schwer und 
langsam in die modernen geordneten Zustände hinein gefunden haben. 
Deshalb haben z«ihlreiche Drusen den Libanon verlassen und sich nach 
dem Haurän gewandt. 

Der historische Parteiunterschied zwischen Gumbläti und Jezbeki 
hat sich dem Namen nach bis auf den heutigen Tag erhalten, ist aber 
jetzt ohne praktische Bedeutung und hat sich zu einem Wettbewerb um 
die den Drusen zugänglichen Amtsstellen und den grösseren Einfluss im 
Libanon verschoben. Bei diesem Wettbewerb stehen mit ihrem Anhang 
auf der einen Seite die Gumblät» die gegenwärtig die vermögendste und 
auch an Grundbesitz reichste Familie des Gebirges sind, auf der anderen 
Seite das der Abstammung nach vornehmste Geschlecht, die Arslän, 
deren Führer der heutige Käimmakäm des Schuf, Emir Mu§tafa Pascha 
Arslän, ist^). Unter dem gewöhnlichen Drusenvolke hat sich seit etwa einem 

halben Jahrhundert eine eigenartige Spaltung, die der Schakräwl (CJ)\yAZ» 

und Samadi ^^-».^ herausgebildet. Die Schakräwi haben ihren Namen 

von dem reichen und starken Bauerngeschlecht der Abu Schal^rä, ihre 
Gegner sind nach der Bauernfamilie der Abu Samad benannt. Beide 
P^amilien stammen aus 'Amatur. Der ganze drusische Libanon und mehr 
als das, selbst die christlichen Bewohner drusischer Dörfer im Gebirge 



' Veri^I. oben Kap. 1, S. 36. 

- Wrirl. .luch Ritter a. a. O. IM. XVII, S. 715, 716. .\uch die ISeschränkung' der 
Heiraten innerhalb der verschiedenen Kamilien;:ruppen vergl. oben S. I40) hat sich erhalten. 

^ Von den üellama' halten es i^ewisse Zweii^e, nämlich die Muräd Bellama* und die 
*I(1 Bellarna', mit den (iumblaj, während die Kä<Ji Hey Bellama' auf Seite der Arslän stehen. 



Kap. IV. Frankreichs und Englands Stellunjiif zur syrischen Frage. ige 

sind in diese beiden Gruppen gespalten, ja im Süden des Libanon 
zeigen völlig christliche Dörfer diese Parteiung. Die Angehörigen der 
beiden feindlichen Gruppen heiraten untereinander, aber ihre Streitig- 
keiten verlaufen oft sehr blutig. Vor 40 Jahren sind in *Amätur bei 
einem solchen Streit mehr als 40 Männer beider Parteien gefallen, bis 
die Frauen, die auf der einen Seite ihre Brüder, auf der anderen ihre 
Gatten verloren, den Kampf zum Abschluss brachten. 

Auch die Verhältnisse der christlichen Libanonbevölkerung haben 
sich geändert Die Maroniten bilden, wie oben ausgeführt*), die breite 
Masse der Bevölkerung und stehen nach wie vor unter der Leitung ihres 
Klerus, von dem freilich in jüngster Zeit die zahlreichen > Ausgewanderten« 
sich zu emanzipieren trachten. Ein grosser Teil des libanesischen Grund- 
besitzes befindet sich in den Händen der maronitischen Geistlichkeit, 
die auch hierdurch ein politischer Machtfaktor geblieben ist. Dagegen 
haben sich neben den Maroniten griechische Katholiken und MitgUeder 
anderer christlicher Bekenntnisse mehr und mehr im Libanon festgesetzt, 
die infolge ihres grösseren Bildungsbedürfnisses den aufgeklärteren und 
geistig überlegenen Teil der christlichen Bevölkerung bilden, unter 
der sie zum Teil auch an Wohlstand hervorragen. Gerade diese 
Elemente sind es, welche gegenwärtig fast sämtliche höhere Aemter der 
Libanon regierung und somit die eigentliche Macht in Händen haben. 

Die Beziehungen Frankreichs zu der christlichen Bevölkerung des 
Libanon sind unverändert geblieben. Dagegen hat England seit dem 
Ende der Regierung Beschir Schihäbs die Partei der Drusen ergriffen. 
Als bei den Verhandlungen der europäischen Mächte mit der Pforte, 
welche den Ereignissen von 1860 folgten, Frankreich die Hin- 
richtung von 1500 Drusen, darunter die Häupter sämtlicher vornehmer 
Familien forderte, verlangten die Engländer die Hinrichtung ebenso- 
vieler Maroniten, auch des Bischofs Tot>ia*). Diese Stellungnahme hatte 
unverkennbar den Zweck, die Drusen als Gegengewicht der Christen im 
Libanon zu erhalten und damit zu verhindern, dass vielleicht einmal ein 
französisches »Protektorat« in Syrien sich entwickle. Bis dahin hatten 
vorwiegend die 6umbläti sich von P^ngland unterstützt geglaubt^), seit 
1860 betrachten auch die Jezbeki die Engländer als ihre Freunde. Ich 
selbst habe in Muchtära, dem Stammsitz der Ciumblät, die Bildnisse 



*) Vcrgl. oben Kap. I, S. 6 ff. 

') Infoljje dessen sah ilie Pforte von den Ilinrichtun^^en ab, und die Ilaupträdelsführer 
der Drusen wurden nach der europäischen Türkei und nach Tripolis verl)annt. 

•) Enfi^lischer Einfluss hatte es durchjresetzt, dass Na'män Ounibläl, der Xachfoljjer 
des erdrosselten Beschir ( rumblat, die Besitzungen zurückerhielt, die unter dem Emir Beschir 
Schihäb von den Egyptern konfisziert worden waren. Isma'il Gumblä^, der jüngste Sohn 
des Schech Beschir Crumblät, ist in En^rland erzogen worden (vergl. Churchill a. a. O. S. 88^. 



166 



Kap. IV. Die HanTiuilnuen. 



Lord Dufferins und anderer hervorragender Engländer vorgefunden, 
welche mit sehr freundlichen Widmungen versehen, im Empfangszimmer 
des Schlosses einen Ehrenplatz einnahmen. Für die Stellungnahme der 
Engländer haben neben politischen Erwägungen wohl auch konfessionelle 
Rücksichten mitgesprochen : Frankreich war von jeher bestrebt, im 
Libanon mit Hilfe der Maroniten jedes Wirken der englischen und 
amerikanischen Missionen zu vereiteln und das Aufkommen des Pro- 
testantismus unmöglich zu machen'). Im Gegensatz zu den (jumblät 
vermeiden es übrigens die Arslän, schon weil sie deren politische Gegner 




inbeduiDe (Na'emi). 



im Libanon sind, englandfreundliche Gesinnungen an den T^ zu legen; 
sie stützen sich jetzt rückhaltlos auf die türkische Regierung. Mehrere 
Söhne Mustaß Arsläns sind in Konstantinopel, darunter einer im Mini- 
sterium des Aeusseren, beamtet. 

Die Neubesiedlung des Haurän durch die Drusen hatte, wie oben 
dargestellt^), nach der Schlacht bei 'Aindärä im Jahre 1711 begonnen. 
Seit jener Zeit aber haben fortgesetzt weitere Einwanderungen drusischer 
Familien aus dem Libanon und dem Hermon nach dem Haurän statt- 
gefunden, und diese Bewegung nahm einen grösseren Umfang an, 



1 Vercl. Churchill a. a. O. S. 40 a. 4Z. 

) Vergl. S. 150 and Kap. III S. 100 dieses Werkes. 



Kap. IV. Die Haurandrnsen. 



167 



als mit dem Emir Beschir Schihäb die Maroniten die Oberhand ge- 
wannen, vor allem aber, als später, nach dem Jahre 1860, die Verhältnisse 
im Libanon dem unfiigsameh, ein geordnetes Unterthanenverhältnis un- 
wiUig ertragenden Charakter der Drusen immer weniger zusagten. Im 
Haurän lebten die Drusen völlig unabhängig, sie zahlten keine Steuern, und 
das althergebrachte Feudalsystem regelte allein das Verhältnis von Hoch 
und Niedrig. Die eigentlichen Herren des Landes waren einzelne Schech- 
familien, unter denen die Hamdän die Führung hatten. Ihnen traten die 
Bauern den Ueberschuss der Feldarbeit ab, und die ausserordentliche 




Fruchtbarkeit des Bodens erzeugte rasch allgemeinen Wohlstand. Die 
verlassenen, Jahrhunderte alten Steinhäuser der friiheren Ilauränbewohner 
boten den Neuankömmlingen fast fertige Wohnungen, in die nur noch die 
Thiiren einzusetzen waren. .•\uch die Kampfcslust der Drusen fand ihre 
Befriedigung, fast jeden Abend wurde in einem Dorfe Alarm (i"isije) 
gerufen. Zunächst galt es, die Hergbeduiiien des liaurän, welche 
dort einen Teil des Jahres wenigstens ihre Horden zu weiden und sich 
als Wächter des Gebirges zu betrachten sich gewöhnt hatten, zu bekriegen, 
und als sie diese in Abhängigkeitsverhältnis gebracht oder ganz verdrängt 
hatten, mussten sie sich gegen die unaufhörlichen Linfallc der in der 
Ebene hausenden Raubbeduinen und grösseren Stämme verteidigen. 



I68 



Kap. IV. Plilnderang tod 6a;r il Htrir'i dnrch die Dnuen. 



Die weiteren Zuzügler, die durch die nach dem Herraon und dem 
Libanon dringenden Berichte über die ungleich günstigeren Zustände im 
Haurän herbeigezogen wurden, halfen die Stellung der fuhrenden Familien 
befestigen, die ihre verarmten Stammesgenossen mit Geld und Getreide 
unterstützten. Das Geschlecht der Hamdän hatte sich im südlichen Haurän 
festgesetzt, hier blühten auch die N'a^r, während im Norden die Familie 
der 'Amr sassen. Nachdem die Hamdän mit Wäkid Hamdän ausgestorben 
waren, traten an ihre Stelle die Atrasch'), deren Chef Isma'il il Atrasch 
_ im Jahre l86o, wie bereits hervor- 
gehoben, mit 3000 l^aurändrusen 
an den Kämpfen im Libanon teil- 
nahm'). 

Der wachsende Wohlstand, das 
Bewusstsein der kriegerischen Ueber- 
legenheit über die Beduinen und die 
Erinnerung an die gegen die Egypter 
errungenen Erfolge steigerten den 
Uebermut der t^faurändrusen derart, 
dass die türkische Regierung sich 
im Jahre iS$2 veranlasst sah, Kibrisli 
Pascha mit einem Heere von 35000 
Mann nach dem Haurän zu eot- 

senden. Bei Rabärib _^W, noch 
in der Ebene, kam es zu einem Ge- 
fecht, der Beginn des Krimkriegs') 
machte Jedoch der Expedition ein 
vorzeitiges Ende. Das Selbstbewusst- 
sein der Drusen wurde durch diesen 
Ausgang noch erhöht. Besonders in Damaskus benahmen sie sich 
in der arrogantesten Weise, und die Damascener Hessen sie gewähren, 
weil sie ihre Handelsbeziehungen mit den Hauränicrn nicht aufgeben 
konnten, und weil sie wiissten, dass für den Tod jedes einzelnen Drusen 
doppelt und dreifach Rache genommen werden würde. 

Als aber im Jahre 1S79 die Drusen das muhammedanische Scherifen- 
dorf Busr il Hariri ausplünderten, entsandte Midhat Pascha, welcher da- 




■;. .-Ms ich im Jalire 1S93 deo Haurän bereislc. f»nd ich eine Kranze Aoiahl von Mit- 
Rlieilem der FainiJii- .^tr.iioh im südlichen Teile rles Uebii;;cü als .Schechs beiw. als von 
der Rejricruny eingesetzte Mudire. 

'' Vi-rcl. oben S. [63. 

'; An dem KrimkrieHB hat eine Handvoll Drusen unter dem Oberbefehl 'Ali Bey 



Kap. IV. Einj^^eifen der Türkei und Verwaltungsreform im Haoran. i5q 

mals Wali von Damaskus war, den General Gemil Pascha nach dem 
Haurän. Bei Kiräte in der Nähe von Bu§r il Harlri kam es zur Schlacht, 
in welcher die Drusen durch die Ueberlegenheit der türkischen Waffen 
150 ihrer besten Reiter verloren. Sie zogen sich zurück, überraschten 
aber während der Essenszeit das türkische Lager und töteten 500 Soldaten, 
worauf öemil Pascha die Flucht ergriff. Midhat Pascha stellte jetzt eine 
grössere Truppenmacht gegen die Haurändrusen ins Feld, aber er musste 
bald einsehen, dass der Kampf ausserordentliche Anstrengungen und be- 
deutende Verluste erfordern würde. Deshalb zog er es vor, sich gütlich mit den 

* 

Drusen zu einigen. Verschiedene Gründe sprachen dafür, ihnen besondere 
Rücksicht angedeihen zu lassen. Sie unterhielten gute Beziehungen zu den liba- 
nesischen Drusen, die als ein Gegengewicht gegen die franzosenfreundlichen 
Maroniten und als Parteigänger der Muhammedaner Syriens galten. Auf 
der anderen Seite konnten sie als Bollwerk gegen Invasionen der frucht- 
baren Thäler Syriens durch die grossen Beduinenstämme der eigentlichen 
arabischen Wüste gelten. Selbst die mächtigsten Stämme, wie die Wuld 
'Ali und Ruala, wagten sich nicht mehr in die Nähe des Haurängebirgcs. 
Der früher menschenleere Gebirgsstock war durch sie neu bevölkert 
und in ein fruchtbares Ackerland umgewandelt worden. Damaskus trieb 
einen schwunghaften und gewinnbringenden Getreidehandel mit dem 
Haurän, und es hatte sich gezeigt, dass jede Unternehmung gegen die 
Haurändrusen eine erhebliche Steigerung der Kornpreise in ganz Syrien 
zur Folge hatte. 

Midbat Pascha ernannte daher einen ihrer Schcchs, den Schibli Bey 



.• 1.. 



Talljul^ f^jpdj^ zum Kaimmakam des Haurän mit dem Sitz in Suweda, und 

diesem gelang es, die Drusen zur Nachgiebigkeit zu bewegen und eine 
Neuordnung der Dinge anzubahnen. Das Land wurde in acht Mudirijen 
eingeteilt, zu Mudiren wurden jedoch nur Drusen ernannt, Gerichte 
wurden eingesetzt, in Suwedä und Bo§rä Kasernements errichtet, später 
auch nach Busr il Hariri, Mismije und Mezra*a Besatzungen gelegt. Suwedä 
wurde auch zur Residenz des Militärkommandanten der nach dem Haurän 
gelegten Truppen ausersehen, um sowohl eine Unterstützung als eine 
Beaufsichtigung des Käimmakäms zu ermöglichen. Die Drusen fanden sich 
indess nicht leicht in die neuen Verhältnisse hinein, die Verwaltungsreform 
blieb naturgemäss nur eine äusserliche, die Unzufriedenheit trat überall hervor. 
Diese Verhältnisse benutzte der schlaue Ibrahim il Atrasch, der nach 
dem Tode seines Vaters, des vorgenannten Isma*il, der Chef der Familie 
Atrasch geworden war, um Schibli Bey Talhuk zu verdrängen und sich 
an seiner Stelle zum Käimmakäm des Haurän ernennen zu lassen. 

• • • 

Inzwischen war innerhalb der drusischen Bauernbevölkerung des 
Haurängebirgcs eine Bewegung entstanden, welche dahin ging, die Ab- 



I70 



K»p. IV. Schibli il Atras«b. 



tretung des herkömmlichen Drittels der Ernte an die Schechs zu ver- 
weigern. An die Spitze dieser Bauernpartei {'Ammije) stellte sich der 
ehrgeizige und ränkesüchtige Bruder des Ibrahim, Schibli il Atrasch, der 
Mudir von 'Ire. Infolge seiner unablässigen Heimarbeit nahm die Bewegung 
einen revolutionären Charakter an, und zahlreiche Schechs mussten vor 
ihren aufrührerischen Gefolgsleuten fliehen '). Die Unzufriedenheit mit 
dem aufoktroyierten Verwaltungssystem hatte an diesen Unruhen starken 
Anteil. Ibrahim il Atrasch 
wurde von den Drusen auf- 
' gefordert, den Käimoaal^äm- 
titel abzulegen und sich wieder 
einfach Schech Meschäich zu 
nennen*). Er musste schliess- 
lich nach Damaskus flüchten, 
wo er die Unterstützung der 
Regierung erbat. Der Waii 
von Damaskus stellte ihm 
eine starke Truppen macht 
unter Mansür Bcy zur Verfü- 
gung, mit der er im Verein 
mit den ihm treu gebliebenen 
Drusen sein eigenes Volk be- 
kämpfte. Das siegreiche Ge- 
fecht bei Suweda machte 
ihn wieder zum Herrn der 
Situation. Er wurde als 
Käimmalfäm des Haurän 
restituiert, die früheren Mu- 
dire wurden wieder in ihre 
Dörfer eingesetzt*). 

Aber nach wie vor 
^ichibii il Atraäch. blieben unruhige Zeiten im 

Gebirge. Ibrahim begriff, 
dass er, um sich in seiner Stellung behaupten zu können, die Unter- 
stützung der Regierung nicht entbehren könne. Als davon die Rede 
war, aus Drusen irreguläre Regimenter (Hamidije) zu schaffen, ebenso 

' L'mer ihnen auch ,1er Schech Muh-immed Nassär von Sali. 

'^; Ibrahiin haue 'ien l'arhusch ancelt;:! als Zeichen seiner forti;eschritteDen Ideen, 
die Drusen vcrlan[;len, dass er sich wieder der volkslUmlichen Kopfbedeckaa(>, de* TotImd*, 
beilienen aolle. VL-r:;l. üben .S. 142. Als ich ihn 1893 in SuwedÜ aufsuchte, hatte er xich 

'" Erst seit dieser Zeil liuiierl die Starke der Besatiuouen in den Ter«chiedeneo 
Garnisonorlen des Ilauran, wie icli sie 1S93 dürt vorfand ^iin ganien etwa 4 Bataillone). 




Kap. IV. Die Belafjferang von Mezra'a. I ^ I 

wie CS im Hochland Kleinasiens bei der dortigen kurdischen Be- 
völkerung geschehen war, suchte Ibrahim il Atrasch sich bei der Pforte 
zu insinuieren und diesen Plan zu unterstützen. Er begab sich deshalb 
anfangs des Jahres 1893 mit einigen Freunden, darunter Mubammed 
Na$$är, nach Konstantinopel. Aber von Damaskus aus war gegen ihn 
intrigiert worden, und insbesondere hatte die französische Regierung gegen 
die Bewaffnung der Drusen mit modernen Gewehren Einspruch erhoben ^). 
Schliesslich sah man in Konstantinopel von dem Projekte ab, Ibrahim 
il Atrasch wurde mit geringen Ehren aufgenommen, immerhin aber 
wurden er und seine Begleiter durch Orden ausgezeichnet, und er selbst 
erhielt den Rang eines Pascha. Bei seiner Rückkehr wurde ihm ein 
schlechter Empfang bereitet, weil es ihm nicht gelungen war, einigen 
Drusen, welche infolge der Ereignisse des Jahres 1890 nach Rhodos 
verbannt waren, die Freiheit wieder zu gewinnen *). Bald darauf brachen 
neue Streitigkeiten zwischen den beiden feindlichen Brüdern Schibli und 
Ibrahim aus, bei welchen Ibrahim am Fuss verwundet wurde. Kurz darauf, 
Juni 1893, besuchte ich ihn in Suwedä^), wenige Monate nach meiner 
Abreise starb er. 

Nach seinem Tode wurde zunächst *Omar Bey, derselbe, welchen 
ich 1893 als Militär-Kommandant in Suwedä traf, mit der interimistischen 
Führung der Amtsgeschäfte betraut, behielt aber gleichzeitig seinen 
militärischen Posten. Während dieser Zeit blieb alles ruhig im Haurän, 
da Schibli il Atrasch die Hoffnung hegte, selbst Käimma^äm des öebel 
id Drüz zu werden. Als jedoch statt seiner ein in Damaskus geborener 
Araber diese Stellung erhielt, begannen die Intriguen Schiblis von neuem. 
Seine Leute führten Raubzüge in die Haurän -Ebene aus, bis die Klagen 
der Geplünderten nach Damaskus drangen. 'Omar Bey wurde beauftragt, 
Schibh gefangen zu nehmen. Er führte den Befehl im Herbst 1893 aus, 
aber als Schibli nach Damaskus transportiert werden sollte, griffen nach- 
eilende Drusen den Geleitzug unweit des Forts von Mezra'a an, in das 
sich die Leute *Omars flüchten mussten. Mehrere Tage lang wurden sie 
hier belagert, und als es endlich den Drusen gelang, der Citadelle das 
Wasser zu sperren, mussten sich die Eingeschlossenen bequemen, 
Schibli il Atrasch herauszugeben. Schibli, der bei dem Handgemenge 
von seinen eigenen Leuten verwundet worden war, kehrte nach 'Ire zurück. 
Die Verluste waren auf beiden Seiten gross, und die Regierung löste bald 
darauf die Garnisonen von Suwedä und Mczra*a ab, wie die Drusen 



*) Bisher hatte man nur einiß:e wenige Drusen mit Miliiär-Gewchren ausß:e8tattet, so- 
weit sie als Zaptije der Mudire zu fun^^ieren hatten. 

■) Nachträglich wurden diese Verbannten durch die Hilfe der Arslän, welche mit 
Ibrahim il Atrasch befreundet waren, befreit. — Schibli il Atrasch galt als Freund der önmblät. 

*) VergL Kap. V dieses Werkes S. 191. 



■72 



Kap. IV. üeneiulpsrdoi: 



e EmpümDg. 



meinten, um den Anlass zur Blutrache zu nehmen. Eine Kommi:ision 
aus verschiedenen Notabeln von Damaskus unter Vorsitz des Mutesamf 
von Schech Sa'd, von dem das Haurängebirge dependiert, untersuchte 
den Fall, und auf Grund direkter Weisungen aus Konstantinopel wurde 
den Drusen der Aman (Generalpardon) erteilt und Schibli il Atrasch als 
Mudir in 'Ire belassen. Der bisherige Käimmakäm des (lebel id Driiz 
in Suwedä wurde einige Monate später durch Jüsuf Pascha Zijä ei Chälidi 
ersetzt. Dieser, ein stiller Gelehrter'), war wenig dazu geeignet, die 




Megdi,'] ä 



Ruhe im Haurän aufrecht zu erhalten. Nach etwa einem Jahr brachen 
die Flammen der Empörung wieder offen aus, Jüsuf Zijä wurde abberufen 
und Chosrew Pascha zum Käimmakäm des Haurän ernannt In diese 
Zeit fallen blutige Streitigkeiten zwischen den Tscherk essen') und den 



I dem 



: des 1 



Unler den Flüchtlingen Muhh^ 
dänischen, später christlich gci 
ADsbreituni:; Kusslands in ilen 
Wohnsiifc suchten, stehen sie 



eine kurdische (irammatik verfnssL 

ch am Ilermon, uic in vielen anderen Orten Syrieai, DameDÜich 
rusiisch-tiirki sehen Krieges in grosserer Zahl niedergelassen. 
Irin), die im Laufe dieses Jahrhunderts au früher muhamme- 
urdi-nen Hegenden kumen und besonder» seit der ßTösseren 

Kaukn ■Ausländern im Gebiete des türkischen Reiches neue 
n erster Linie. Lin iin'osser Ted dieser Cirkassier fand m- 



Kap. IV. Die Kiissam und die ZarrÄba. ly^ 

Drusen von Meg;del Schems an den Abhängen des Hcrmon. Die Un- 
sicherheit drohte in Südsyrien allgemein zu werden, und die Regierung 
ersetzte im Juli 1894 den Wali von Damaskus, Ra'üf Pascha, durch *Osmän 
Pascha, der bereits einmal in Damaskus und zuletzt in Aleppo Wali ge- 
wesen war. *Osmän stellte den Frieden zwischen den Tscherkessen und 
den Drusen im Hermon wieder her. Aber im Haurän war die Ordnung jetzt 
völlig gelockert. Die Drusen scharten sich mit Beduinentrupps zu Räuber- 
banden zusammen, die sich Kassära d jL5 nannten und die Ebene durch- 
zogen, auch Christen und sesshafte Muhammedaner sollen sich ihnen an- 
geschlossen haben. Andere drusische Freischaren, Zarräba Aj\cJ genannt, 

• 

mit dem Hauptsitz in Salchad, hatten sich angeblich lediglich den Zweck 
gesetzt, Ungerechtigkeiten zu steuern und den Bedrückten zu helfen. Die 
alten Streitigkeiten und Spaltungen innerhalb des Drusenvolkes lebten 
wieder auf, die Anarchie war allgemein, und nur die religiösen Schechs, 

namentlich Hasan il Hagari ^^pt^'l jV-^ ^" Kanawät und Husen Tarbaih 

A^ Jjp ^J^^>' in Suwedä, hatten noch einigen Einfluss. 

Den eigentlichen Anlass zu neuerlichem bewaffneten Einschreiten der 
Regierung und zu den blutigsten Kämpfen, die der Haurän in der jüngsten 



hcl Ju^ u 
il Haräk ti\j>- in der Nukra. Ein Damascener Kaufmann, Namens 'Osmän 



Zeit gesehen, bot im Jahre 1895 ein Angriff auf die Dörfer Kehcl L^ und 



en Nüri, der von einigen in dem Dorfe Kehcl ansässigen Muhammedanern 
Greld zu beanspruchen hatte und nicht zu seinem Recht kommen konnte, hatte 
sich an die Zarräba gewandt, um mit deren Hilfe Zahlung zu erhalten. 
Die Zarräba sagten ilire Unterstützung zu, drangen im Spätherbst 1895 
in Kebel ein und schleppten das Vieh fort. Darauf überfielen die 
muhammedanischen Einwohner des Dorfes Kehel und des benachbarten 



nächst iu Bul^^'aricn eine neue Hcimnt, die sio dann nach der dem letzten russisch-türkischen 
Krießfe folgenden Umwandlung: der Verhältnisse in »kr europäischen Türkei wieder verliesscn, 
nm nach den asiatischen Provinzen weiter zu ziehen. Die Pforte hat diesen Zuzüfjlern 
Ländercien überwiesen, die sie meist in schweren Kämpfen mit der anjjesessenen lievolkerunjj 
zu verteidijTcn hatten. Nicht selten sin<l dahei die Tscherkessen völlig aufirerieben worden. 
Dieses heimatlose Element suchte stets Anlehnun;^^ an die Rei^ieruug, welche die Tscher- 
kessen an vielen Orten als Gendarmen unil lieamte verwendet, so s])eziell in Syrien 
(Damaskus, Palmyra'^ und in einzelnen (gebieten Mesopotamiens. L'ebrij^ens haben Circassier 
seil Jahrhunderten in einzelnen muhammedanischen Ländern eine ijewisse Rolle jjespielt. 
Es waren «lies die an den Höfen und im Hausstand \ornehmer Familien erzoüjenen Nach- 
kommen teils freier muhammedanischer Tscherke*isen , teils in die Sklaverei verkaufter, 
ursprünglich christlicher Tscherkessen, teils Angehörij^e circassi.^cher Mädchen, die in die 
Harems der Grossen kamen. Ueber die circassischen Mamlukensultane ver^l. Kap. II. dieses 
Werkes, S. 52, Anmerk. 3). 



IVJ, Kap. IV. Die Zentörnng der Moichee vod i1 IJuäL 

il Haräk eine drusische Karavane, plünderten sie aus und töteten mehrere 
Leute der Begleitmannschaft. Als die Nachricht hiervon nach dem 
I:Iaurän drang, eilten die Drusen racheschnaubend in die Ebene und 
ccrnierten die in eine Moschee umgewandelte alte Burg von il Haräk, 
in welche die Muhammedaner der beiden genannten Dörfer geflüchtet 




Schech llasan il lliigaii von Kanawät. 

waren. Bei der Belagerung wurden den Drusen 22 Mann getötet, dtc 
Muhammedaner niussten sich jedoch ergeben und baten um Frieden; es 
wurde ihnen auch das Leben geschenkt, aber die Moschee von il Haräk 
wurde zerstört. Der damalii^c Mutejarrif des Haurängebietes, der Kurde 
Redri Hey, war mit einigen Leuten herbeigekommen, um den Frieden 
wiederherzustellen, wurde aber von den il Haräk belagernden Drusen 
angegriflen und musste sich, nachdem sein Pferd unter ihm erschossen 
worden war, nach Schech Sa'd zurückziehen. 



Kap. IV. Die Mission Edhem Paschas. — Die Schlacht bei Kirite. 1J5 

Die Zcntörung der Moschee von il Haräk verursachte nicht nur 
unter den Muhammedanem der H^uränebene, sondern auch ganz Syriens 
eine gewaltige Entrüstung gegen die Drusen. In damaliger Zeit war 
die Aufregung infolge der armenischen Wirren eine sehr lebhafte. Man 
glaubte auch in den jüngsten drusischen Unruhen den Einfluss englischer 
Machenschaften^) sehen zu sollen, und die Pforte beschloss deshalb, um 
neben der armenischen keine »drusische Frage« aufkommen zu lassen, die 
Haurändrusen sofort mit aller Energie zur Botmässigkeit zu zwingen und 
ihre Autorität fortan im öebel id Drüz in derselben Weise geltend zu 
machen, wie in den muhammedanischen Distrikten Syriens. Die Drusen 
versuchten, den Konflikt zunächst dilatorisch zu behandeln und baten, 
den Fall von il Haräk durch eine gemischte Kommission, aus Drusen 
und Muhammedanem bestehend, untersuchen und die Schuldigen auf 
beiden Seiten bestrafen zu lassen; Schibli il Atrasch erbot sich, dabei 
mitzuwirken, er bezeichnete als die Rädelsführer bei den letzten Unruhen 
die Kassära, deren er sich entledigen wollte. Die türkische Regierung 
Hess sich aber auf nichts ein, sondern entsandte Edhem Pascha mit einer 
grossen Truppenmacht ins Gebirge, die in Bu§r il Hariri konzentriert 
wurde. Die Drusen boten jetzt ihre Unterwerfung an, und es wurden 
ihnen darauf folgende Bedingungen gestellt: sie sollten die Haurän- 
Muhammedaner für ihre Verluste entschädigen, sie sollten Militärdienste 
leisten, sie sollten Steuern zahlen, die rückständigen Steuern nachträglich 
abliefern und sich im allgemeinen allen Vorschriften, die fiir die rein 
muhammedanischen Bezirke bestehen, unterwerfen. 

Während diese Verhandlungen im Gange waren, schnitten die Drusen 
von Kiräte den in Bu§r el Hariri lagernden Truppen das Wasser ab. Da- 
mit war der Kampf unvermeidlich geworden. Es wurden erst kleinere, 
später grössere Truppenabteilungen nach Kiräte geschickt, und eine Schlacht 
begann, die drei Tage lang dauerte und sich bis nach Neg;rän hinzog, ohne 
dass es zu einer endgiltigen Entscheidung gekommen wäre. Im ganzen 
hatten 15 — 16000 Mann auf Seiten der Türken an dem Kampfe teil- 
genommen. Die Führer der Drusen rieten zum Frieden, und die Türkei 
erteilte wieder einmal Generalpardon ^). Ein Teil der Drusenschechs, der 
Volk.spartei angehörig, lehnte es jedoch ab, sich zu unterwerfen, der 
trotzige Abu Tfilib *Amr zog sich mit seinen Angehörigen in die Harra 
zurück. Die türkischen Truppen wurden nach Suwcdä vorgeschoben. 
Edhem Pascha blieb zunächst unthätig und wurde bald darauf durch 
'Omar Rüstern ersetzt, der dann einen militärischen Spaziergang durch 
den ganzen Haurän unternahm. 

*) In Wirklichkeit stehen die Pnisen (U^r all'^enieinen \Velt])olitik vullständiij fern, 
and der HaurnuaMfstand dürfte Icdi^^lich auf die lokalen Vcrwicklunj^^en zurückzuführen sein. 

*) In dem Kampf hatten die Drusen zwei Kanonen mit einiger Munition, sowie eine 
Anzahl Gewehre erbeutet, die zurUck!:^ej;;feben werden mussten. 



1^5 Kap. IV. UmgesUltung der Verwaltung. — DemUtif^ng der Drusen. 

Die Anwesenheit des türkischen Militärs glaubte Schibli il Atrasch 
für seine Zwecke benutzen zu können. Er mochte von der Annahme 
ausgehen, dass in absehbarer Zeit die alten feudalen Verhältnisse in den 
Haurän zurückkehren würden, und hielt es für geraten, unter Preisgabe 
seiner früheren Stellungnahme für die Bauernpartei an die Spitze der 
Schechpartei sich zu stellen, in der Hoffnung, demnächst das Käimma- 
kämat in Haurän zu erhalten und dieses benutzen zu können, um die 
Abgaben der Bergbewohner in seine Tasche abzuleiten. Auf Grund 
seiner Denunziationen wurde eine grosse Anzahl seiner früheren Partei- 
gänger festgenommen. 'Omar Rustem Hess bekannt geben, dass alle 
Drusen, die nach Suwcdä kommen würden, um sich zu unterwerfen, 
straffrei ausgehen sollten. Aber dieses Versprechen wurde nicht ge- 
halten. Abu Tälib *Amr erschien, um Schibli il Atrasch anzuklagen, 
dass er es gewesen sei, der die Drusen gegen il Haräk und Kebel 
geschickt habe, und die Türken Hessen nunmehr sowohl Schibli il 
Atrasch als Abu Tälib *Amr festnehmen. Mit ihnen sind eine grosse 
Anzahl vornehmer Drusen in die Citadelle von Damaskus gewandert, 
darunter fast die sämtlichen Atrasch, Suleimän Chälid und der Schcch 
Hasan il Hagari. Beim Eintritt in die Stadt soll ihnen öfter von den 
erbitterten Damascenern schlecht mitgespielt worden sein. Mehrere 
hundert Drusen wurden von Rustem Pascha als Rekruten nach Kreta 
gesandt, wo die meisten allerdings desertierten. Schibli wurde bald 
darauf über Berüt nach Anatolien gebracht, weil er im Verdacht 
stand, noch im Gefängnis an der Aufwiegelung der Drusen beteiligt 
zu sein. Eine allgemeine Entwaffnung der Haurändrusen wurde an- 
geordnet, aber viele vergruben ihre Gewehre und entzogen sie auf diese 
Weise der Konfiskation. 

Inzwischen waren überall an Stelle der früheren drusischen Schechs 
Türken oder Tscherkessen als Mudire eingesetzt worden; nur Ibrahim U 
Ka<Jmäni und Muhammed Nas§är blieben im Amte, ersterer in Schuhba, 
letzterer in Sali. Die türkischen Truppen waren bis auf sechs Bataillone, 
welche unter dem Oberbefehl von Mamdüb Pascha in Suwedä und Bu§r il 
Hariri verblieben, zurückgesandt worden; etwa loo Soldaten wurden nach 
Bosrä eski Schäm detachiert, die Festung Mezra*a wurde geschleift. Dafür 
wurden kurdische Zaptijes in grosser Zahl nach dem Haurän gebracht, 
deren annias-^endes Benehmen viel dazu beitrug, die unter der Asche 
glimmende Empörung des Volkes wieder anzufachen. Die religiösen 
Brauche der Drusen wurden der Gegenstand des Spottes und ihre An- 
dachtsübungen wurden oft ge-^tört. Völlig kleinlaut geworden durch 
die ausserordentliche Machtentfaltung der Regierung, suchten einzelne 
sich in den Aeusserlichkeiten der Religion den Muhammedanem an- 
zupassen. Sie bauten selbst eine kleine Moschee in Suwedä, aber 



Kap. IV. Die Vorgänge in Kanawät und *Orinän. \nn 

wenn ein Druse zum Beten kam, so wurde er als Heuchler beschimpft. 
Ganz besonders musste es die im Punkte der weiblichen Ehre so fein- 
fühligen Drusen kränken, dass ihre Töchter mehrfach für türkische 
und arabische Harems begehrt wurden. Zu allem diesem Ungemach 
kam noch hinzu, dass die Bergbeduinen des Haurän, welche früher 
die Diener und die Hirten der Drusen waren, plötzlich in der frechsten 
Weise gegen ihre ehemaligen Herren auftraten. 

Es konnte nicht ausbleiben, dass die Flammen des Aufstandes 
schliesslich wieder hell emporlohten. Die ganze Nation war lange zum 
Aeussersten entschlossen, als zwei Fälle den Anlass zum Kampfe gaben. 
In Kanawät war zwischen Bergbeduinen und Drusen ein Kampf aus- 
gebrochen, den zu schlichten der Kommandant von Suwedä einen Trupp 
Reiter entsandte. Aber anstatt die bezichtigten Drusen festzunehmen, 
versuchten die türkischen Soldaten, die angesehensten Männer des Ortes 
zu ergreifen. Als die Drusen Widerstand leisteten, wurden weitere 
lOO Reiter von Suwedä abgeschickt, mit dem Auftrage, nötigenfalls das 
ganze Dorf niederzubrennen. Es wurden auch fünf Häuser eingeäschert 
und die Notabein von Kanawät nach Suwedä gebracht. Der zweite Fall 
hatte einen blutigeren Verlauf. Ein Druse von *Ormän hatte einen Befg- 
beduinen angeschossen. Daraufhin wurde der türkische Bimbaschi 
'Abdallah Effendi mit 30 kurdischen Gendarmen und mit ihnen ein 
Druse, der als Offizier in türkische Dienste getreten war^), sowie dessen 
Sohn nach *Ormän entsandt Die Zaptije und die beiden Drusen wurden 
bei dem Schech Abu Cher untergebracht, der sie gastfreundlich aufnahm. 
Während der gemeinsamen Mahlzeit verlangte der drusische Offizier in 
barscher Weise von seinem Wirt den Aufenthalt des schuldigen Drusen 
zu erfahren. Als er eine abweisende Antwort erhielt, zog er seinen 
Revolver und schoss Abu Cher nieder; die natürliche Folge war, dass 
der Thäter und seine kurdischen Zaptije hingemetzelt wurden. Der 
Mudir des Distriktes, 6umblät Bey, ein Circassier, der in Malab 
residierte, kam auf die Kunde mit sieben Reitern hinzu, wurde aber 
ebenfalls mit seinen Leuten getötet. Nur ein Mann entkam und 
brachte die Mitteilung von der Blutthat nach Suwedä. Hier waren die 
Ansichten über die zu ergreifenden Schritte geteilt. Man entschied 
sich endlich dahin, sofort die Drusen in 'Ormän zu züchtigen und nicht 
erst, wie von anderer Seite vorgeschlagen wurde, grössere Truppenkräfte 
in Suwedä zu konzentrieren. 

So gingen zwei Bataillone, im ganzen 800 Mann, mit zwei Kanonen 
nach *Ormän ab. Die Drusen waren jedoch auf der Hut und über- 



^) Auch heute dienen noch mehrere Söhne dnisischer Schechs als türkische Offiziere 
in Damaskus. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Penischen Golf. 12 



1^3 Kap. IV. Die Schlacht bei *IjuD. — Die Belagerung von Suwedä. 

fielen die türkischen Truppen bei *Ijün unweit von Salchad, woselbst 
sie ihnen eine sechsstündige Schlacht lieferten, die mit der Vernichtung 
des grössten Teils der Regierungstruppen endete, während die Drusen 
HO Mann verloren. Muhammed Ära von öerüd, welcher gleichzeitig 
mit einer kleinen Abteilung seiner irregulären Beduinenreiter nach *Ormän 
gesandt worden war, erschien zu spät, und die Drusen bedeuteten ihm, 
sich zurückzuziehen, da sie mit ihm befreundet seien. Mubammed Ära 
zog es vor, Suwedä zu meiden, und verschwand in der Steppe. Als- 
dann zogen die Drusen nach Suwedä und cernierten die etwa i km 
westlich oberhalb der Stadt auf einer Höhe gelegene Citadelle, in der 
noch zwei Bataillone, die Frauen der Offiziere und die hohen türkischen 
Beamten der Stadt, im ganzen etwa looo Menschen, lagen. Die muham- 
medanischen Bewohner von Suwedä flüchteten in die Ebene, die drusischen 
Frauen verliessen den Ort mit allem Gepäck und begaben sich nach 
Kanawät. Darauf schritten die Drusen, deren Schechs zuvor in Kanavvät 
zusammengetreten waren, zum Bombardement der Citadelle von Suwedä, 
einer der kurdischen Gefangenen musste das bei *Ijün erbeutete Geschütz 
bedienen. Nachdem aber die Terrasse der Kaserne zum Teil zusammen- 
geschossen war, und die in der Festung eingeschlossenen Frauen zu 
jammern begannen, wurde auf Anraten Muhammed Na$$ärs das Bom- 
bardement eingestellt, und auch bei den übrigen Drusenschechs drang 
die Auffassung durch, die Feindseligkeiten nicht zum äussersten zu 
treiben. Die Absicht der Belagerer, der Festung die Wasserzufuhr ab- 
zuschneiden, wurde von einem Teil der in Suwedä wohnenden Drusen 
vereitelt, ein Dienst, der ihnen von der Regierung später nicht ver- 
gessen wurde. 

Inzwischen war die Nachricht von den Ereignissen im Haurängebirge 
nach Damaskus gedrungen und hatte dort eine grosse Aufregung 
hervorgerufen. Die Centralregierung in Konstantinopel beschloss, mit 
allen Mitteln den neuen Aufruhr zu ersticken. Der Wali von Damaskus, 
'Osmän Nur! Pascha, wurde seines Postens enthoben und an seine Stelle 
Hagi Hasan Pascha, welcher durch seine Amtsführung des Wilajets 
Bardäd bei der Pforte in gutem Ansehen stand, nach Damaskus berufen. 
Bis zu seiner Ankunft wurde der Gouverneur von Berüt, Na§übl Bey^ 
mit der interimistischen Wahrnehmung der Amtsgeschäfte betraut. Gleich- 
zeitig wurde der Kommandeur des 5. Armeekorps, *Omar Ruschdl Pascha, 
durch den F*eldmarschall (Muschir) Tähir Pascha ersetzt. Von allen 
Richtungen her wurden reguläre Truppen nach Damaskus gezogen und 
die Landwehr verschiedener Jahrgänge in Syrien aufgeboten. Die 
Besorgnis in Damaskus war um so grösser, als man dort befürchtete, 
dass die libanesischen Drusen sich ihren Stammesgenossen im Haurän 



Kap. IV. Die Anfregung in Damaskus. — Der Kampf am Teil Hadid. j^g 

anschliessen würden^). Auch traute man den grossen Beduinenstämmen, 
welche sich zum Teil nicht weit von Damaskus in der Syrischen Wüste 
aulhielten, nicht — mit Unrecht: dieselben stellten sich vielmehr sofort 
auf die Seite der Regierung, insbesondere nahm der Schech der Ruala, 
Sottäm Ibn Scha'län, an dem Kampfe gegen die Drusen teil und stellte 
den Türken Kamele für den Transport von Schech Miskln nach Suwedä 
zur Verfügung. Die *Aneze, zu denen die Rualabeduinen gehören, 
betrachten die Drusen als ihre Erbfeinde, weil diese ihre Raubzüge in 
der Nukra bedeutend eingeschränkt haben, und weil sie den Berg- 
beduinen des Haurän, der Le^ä und der Rubbe ihren Schutz angedeihen 
lassen, so dass diese kleineren Stämme sich Razus gegen ihre viel mäch- 
tigeren Nachbarn erlauben können. Nur diese Bergbeduinen blieben auch 
während der letzten Ereignisse den Drusen treu*). 

Tähir Pascha rückte Anfang Juli 1896 mit einer Heeresmacht von 
ungefähr 30000 Mann von Schech Miskln, bis wohin hauptsächlich die 
Eisenbahn zum Truppentransport benutzt wurde, gegen den Haurän vor. 
Am ersten Tage wurde bis id Därä unweit östlich von il Haräk marschiert, 
am zweiten Tage das Lager auf der Höhe bei Teil HadId aufgestellt, 
am dritten Tage begannen die Kämpfe. Die Truppen, welche von Teil 
HadId wieder bergab und dann die steile Anhöhe des Haurän nach 
Suwedä zur Entsetzung der dortigen Garnison emporklimmen mussten, 
wurden von dem Feinde unausgesetzt beschossen. Die Drusen besassen 
trotz der von Edhem Pascha angeordneten Waffenkonfiskation eine grosse 
Anzahl von guten Gewehren; ihre alten versteckten Bestände hatten sie 
durch Ankauf bei Berüter und Damascener Händlern ergänzt, und durch 
den unglücklichen Tag von *Ijün waren weitere Waffen in ihre Hände 
gefallen. Es dürften etwa 6 — 7000 Drusen an den Kämpfen dieses Tages 
teilgenommen haben, welche den türkischen Truppen viele Hunderte von 
Toten und Verwundeten kosteten. Aber Tähir Pascha gelang es noch 
an demselben Tage, Suwedä zu nehmen. Die Besatzung der Citadelle 



^) Dass dies nicht (reschah, ist ein entschiedenes Verdienst des Libanon-Gouverneurs 
Na'^üm Pascha und des Emir Mustafa. Arslän. 

') Ihren Höhepunkt erreichte die Bewef^^nqf in Damaskus, als während des ei^cnüichen 
Hauränfcldzue^cs im Juli der Schech Ismall il Hazil aus Salchad mit etwa 400 Drusen, 
unweit Rabärib in der Nähe des Dorfes Subba, ungefähr 8 Stunden von Damaskus entfernt, 
500 Lasttiere, welche mit Getreide aus der Hauränebene nach Damaskus {ringen, abfing. 
Ein Teil der muh<immedanischen Bevölkerung: von Damaskus verlangte, von der Regieruni^ 
bewaffnet zu werden, was Na^ült^i Hey wohlweise ablehnte. Die Nacht jedoch waren zahl- 
reiche Leute vor den Thoren versammelt. Insbesondere glaubten die Christen für ihr 
Leben und ihre Habe fürchten zu sollen. 'Omar Pascha, der älteste der in Damaskus 
weilenden Söhne des algerischen Emir 'Abd el Kädir, machte sich unter anderen um die 
Beruhigung der Gemüter verdient. Tähir Pascha schickte infolge des Vorkommnisses sofort 
ein Bataillon und 150 Reiter als Wache nach Subba. 

12* 



I 80 Kap. IV. Ucr Fall Sawcdäs. — Die Schlacht am Teil Knleb. 

hatte einen Ausfall gemacht und war den herannahenden türkischen 
Truppen entgegen gekommen, worauf die Drusen ins Kreuzfeuer ge- 
nommen wurden. Nach dieser Niederlage verliessen die Drusen fast 
.sämtliche Dörfer im Haurän. Die Frauen und Nicht-Combattanten wurden 
teils nach dem (jcbel Kulcb, einem der höchsten Punkte des Gebirges, teils 
nach der ILirra und der Le^ä in Sicherheit gebracht. Mubammed Nassär 
hatte sich mit über looo Dru.sen zu seinen Freunden, den Riät, in die 
Safabcrge zurückgezogen, da er an dem Kampfe gegen die Regierung 
nicht teilnehmen wollte. 

Nach einer Woche brach die erste Division des türkischen Heeres 
unter Mamdiih Pascha, im ganzen acht Bataillone mit sechs Feldkanonen, 
nach dem (iebel Kulcb auf, während die zweite Division unter A gib Pascha 
in Suwcda blieb. Tahir Pascha wollte die drusischen Frauen gefangen 
nehmen, um dadurch die Männer zur Unter\verfung zu zwingen. Aber die 
Drusen, deren Hauptmasse bei Kanawät vereinigt war, eilten alsbald eben- 
falls nach dem Teil Kulcb, woselbst es zu einem heftigen Zusammenstoss 
kam. Auch diesmal siegten die Türken mit ihrer gewaltigen Ueberzahl, 
doch gelang es den Drusen, ihre Frauen wegzufuhren; die meisten wurden 
nach Schuhba gebracht, die übrigen nach der Legä, wo die dortigen 
Suhlt- Beduinen ihnen Schutz gewährten. Tähir und Mamdüb Pascha 
wandten sich jetzt, ohne dass sich der Gegner ihnen stellte, nach Kana- 
wat, das inzwischen gleichfalls von den Drusen verlassen worden w-ar, und 
schlugen dort ihr Lager auf. In der nächsten Nacht überraschten die 
Dru.sen unter Chalil 'Amr die Türken und töteten und verwundeten über 
loo Mann. Innerhalb des Lagers wurden 40 Drusen als Leichen gefunden. 
Den türkischen Soldaten war inzwischen die Munition fast ausgegangen, 
aber 'Omar Hey, dem früheren langjährigen Militärkommandanten von 
Suwcda, gelang es am Tage darauf, mit nur einem Bataillon sich nach 
Suwcda durchzuschlagen und die Truppen in Kanawät wiederum mit 
Patronen zu verschen. Nunmehr wurde der Marsch nach Schuhba fort- 
gesetzt, eine halbe Stunde vor dem Ort wurde auf einer Höhe bivouakiert. 
Abermals wagten die Drusen während der Nacht einen Angriff auf das 
Lager. Am nächsten Tage fiel Schuhba, trotz tapferer Gegenwehr, den 
Türken in die Hände. An der Erstürmung des Ortes, die drei Stunden 
dauerte, nahmen acht Nizam- und vier Redif-Bataillone teil. Die Verluste 
der Drusen sollen mehrere hundert Mann betragen haben; der Rest zog 
sich jetzt in den inneren Teil der Le^ä zurück. 

Die türkische .Armee übernachtete in Schuhba, marschierte Tags 
darauf in den südöstlichen Zii>fel der Lci^ä hinein, und die erste Division 
bahnte sich über die zerklüfteten Lavafelsen des vulkanischen Plateaus 
einen Weg bis nach *Ahire. Hier lagerten die Truppen* obwohl ihnen 
das Wasser abgeschnitten war; am folgenden Tage aber beschloss Mamdüb 



Kap. IV. Die Unterwerfung der Drusen. igj 

Pascha, über Negrän nach Kiräte am Südrand der Legä zurückzu- 
marschieren. Vier Tage wurde in Kiräte Rast gemacht; die Soldaten 
hatten durch die Hitze, die Strapazen und die Kämpfe ausserordentlich 
gelitten, trotzdem gingen die Truppen abermals nach der Legä vor, und 
das Lager wurde nach Bu?r il Hariri verlegt. Hier boten die Drusen 
endlich ihre Unterwerfung an. Inzwischen war die Mitteilung von dem 
verzweifelten Widerstand der Drusen bis nach Konstantinopel gedrungen 
und hatte dort die Ueberzeugung reifen lassen, dass die Einstellung der 
Feindseligkeiten ratsam sei. Ausserdem sprachen die Erschöpfung der 
türkischen Truppen und die starken Verluste, die insbesondere die Division 
Mamdühs bei den letzten Kämpfen zu verzeichnen hatte, für eine gütliche 
Beendigung des Feldzuges. Tähir Pascha verlangte die Auslieferung aller 
Drusenschcchs, die Zurückgabe aller Waffen und der bei *IjQn eroberten 
zwei Kanonen. Die Drusen sagten alles zu, worauf der Sultan seinen Aman 
sandte. Tähir Pascha ordnete einen militärischen Rundgang durch das 
Gebirge an, welcher von acht Bataillonen ausgeführt wurde, und bei 
welchem alle Waffen, deren man habhaft werden konnte, mit Beschlag 
belegt wurden. Zunächst wurden sämtliche Schcchs in Suwedä vereinigt 
und dann wieder in ihre Dörfer zurückgeschickt. Eine Volkszählung 
zum Zwecke der Einstellung der Drusen als Soldaten wurde angeordnet. 
Auch Mubammed Naj=j.sär war, nachdem der Aman des Sultans bekannt 
geworden, aus der Safä nach dem Haurän zurückgekehrt; ein nicht un- 
beträchtlicher Teil der Drusen blieb indes, aus Furcht, nachträglich doch 
noch zur Verantwortung gezogen zu werden, teils in der Lcgä, teils 
unter der Führung Chalil *Amrs in der Ruhbe und den unzugänglichen 
Safäbergen zurück. 

Die Drusen wünschten, dass ein aus ihren Stammesgenossen und aus 
Muhammedanern zusammengesetzter Ausschuss über die obschwebenden 
Streitfragen beraten möge, die Pforte entsandte indess aus Konstantinopel 
eine Kommission, bestehend aus dem Conseiller de droit Hakki Bey, 
dem President de la Section criminelle de la Cour de Cassation, Schewki 
Bey, und einem Beamten des Seraskiriats, Namens Malik Flffendi. Kurz 
nach dem Eintreffen dieser Kommission wurde Tähir Pascha durch den 
Muschir 'Abdallah Pascha, denselben, der kurz vorher in Kreta gewesen 
war, ersetzt. Dieser ging alsbald wieder in strengerer Weise gegen 
die Drusen vor. Er lies» einen zweiten militärischen Rundgang durch 
das Gebirge unter Mamduh Pascha ausführen und zahlreiche drusische 
Schechs festnehmen, die dann, meist begleitet von ihren Familien, haupt- 
sächhch nach Anatolien verbannt wurden. Etwa 200 vornehme Drusen 
wanderten in das Exil ^), darunter auch Muhammed Na.ssär, obwohl er der 

^) Die noch in Damaskus aus früherer Zeit ^efan^en gehaltenen Drusen wunien bei 
dieser Gele^^^enheit mit verschickt. 



lg2 Kap. I\'. Gegenwärtiger Zustand im Haurän. 

Regierung zweifellos manche Dienste geleistet hatte. Mehrere Hundert 
Drusen wurden ausserdem als Rekruten nach Tripolis gesandt, wo sie 
jedoch zunächst keine Waffen erhielten, sondern nur eingereiht wurden, 
um sich an militärische Zucht und Ordnung zu gewöhnen. Diese Mass- 
nahmen hatten zur Folge, dass abermals zahlreiche drusischc Familien 
in die Leg^ä und die Harra flüchteten. 

Bald darauf wurde indess der Aman erneuert, und 'Abdallah Pascha 
verliess mit seinen Soldaten den Haurän, worauf die geflüchteten Drusen 
allmählich wieder ihre alten Wohnstätten aufsuchten. Chalil *Amr blieb 
bis zum Beginn des griechisch-türkischen Krieges in der Harra und kehrte 
erst auf Grund eines Spezialpardons zurück. Als Käimmalj:äm des Haurän- 
bezirkes wurde ein Tscherkesse, öawäd Bey, eingesetzt, die Mudirijen 
wurden von acht auf fünf herabgesetzt, unter denen sich nur noch zwei von 
Drusen verwaltete befinden, nämlich Schuhba unter Hamed Atrasch und 
Sali unter Sälem Abu Arslän. In die früheren Garnisonorte, Suwedä, 
Bu$r el Hariri, Brak, Mismije^) und Bo§rä Eski Schäm wurden wieder Be- 
satzungen gelegt. Die Kaserne von Mezra*a ist, wie bereits erwähnt, ge- 
schleift worden und wird auch nicht wieder aufgebaut, da sie kein eigenes 
Wasser besitzt und schlecht zu verteidigen ist. Als Zaptije sind Kurden 
angestellt. 

Seitdem ist es im Haurän, wie auch im Hermon ruhig geblieben; 
das energische Vorgehen 'Abdallah Paschas hat die Drusen gänzlich 
entmutigt, in den letzten Kämpfen haben sie nahezu looo Mann ver- 
loren, abgesehen von den Verbannten und Konskribierten. Ihr Wohl- 
stand hat durch die lang andauernden Kämj)fe sehr gelitten, fast ihr gesamtes 
Vieh ist ihnen durch die Räubereien der Tscherkessen und Beduinen ab- 
handen gekommen. Vor allem aber empfinden sie es auf das schmerz- 
lichste, dass sie ihrer angestammten religiösen und weltlichen Führer 
beraubt sind. Als ich im Jahre 1897 wiederholt in Damaskus weilte, 
kamen mehrere Deputationen der Drusen sowohl vom Haurän als auch 
von den Abhängen des Hermon, aus Räscheijä, Hä.sbejä und Meg^del 
Schems zu mir. Mein früherer Aufenthalt im Haurän war ihnen in 
der Erinnerung geblieben, und sie hofften, dass ich als Unterthan 
Seiner Majestät des deutschen Kaisers, dessen Freundschaft mit dem 
Sultan sie kannten, ihnen nützlich sein und insbesondere die Rück- 
berufung ihrer Schechs oder wenigstens einzelner derselben betreiben 
könne. Es war ein malerischer und ergreifender Anblick, wenn die Reihen 
weissbärtiger Männer mit ihren Söhnen in würdigster Haltung herankamen, 
um mir ihre Klagen vorzutragen. Namentlich die Verbannung Mubam- 



\ Lci<ler sind die schönen Tempelrcsta von Mismije fast ganz in die vor einigen 
Jahren neu errichtete Kaserne verbaut worden. 



Kap. IV. Gegenwärtiger Zustand im Hanran. I83 

med Na§§ärs wird von den Drusen noch immer als eine befremdende 
und nicht gerechte Mafsregel betrachtet. 

Im übrigen scheinen sich die Haurändrusen in die neuen Ver- 
hältnisse allmählich hineinzuleben. Bei der ausserordentlichen Frucht- 
barkeit des Gebirges dürften sie sich wirtschaftlich bald wieder erholen, 
die versöhnliche Politik, welche der jetzige Wali von Damaskus ihnen 
gegenüber befolgt, trägt, wie ich noch in jüngster Zeit aus Syrien und 
zwar auch von drusischer Seite hörte, gute Früchte. 'Abdallah Pascha 
ist aus Damaskus abberufen^) und durch Halcki Pascha ersetzt. Von 
dem Plane, die Drusen zum regulären Militärdienst heranzuziehen, hat 
die Regierung vorläufig Abstand genommen und will damit warten, bis 
die Zustände im Haurän sich weiter befestigt haben. Ich halte es nicht 
für unwahrscheinlich, dass die Durchführung dieser Mafsregel den Anlass 
zu neuen Unruhen im Haurän geben würde. 



^) Er erhielt das Kommando des VII. Armeekorps in Jemen mit der besonderen 
Mission, den Aufstand in Südarabien zu unterdrücken. 



tj)? 



V. KAPITEL. 



Durch das Hau ran -Gebirge 

(äebel id Drüz). 

Bu^r il Hariri. — II MezraM. — Suwedä. — Ibrahim Pascha il Atrasch. — Ein Festmahl 

bei den Drusen. — II Kanawät. — 'Ire. — (iemerrin. — Bosrä Eski Schäm. — SaJchad. — 

Schech Mubaiiimed il Afrasch. — Romerstrassen. — Sali. — Die Nekropole bei Sali. 



Bei Bu.«iir il Hariri i^j j>^ j^a^ fand ich, wie berichtet, mein Lager 

aufgeschlagen und zwar am Fusse der hier steil in die Ebene abfallenden 

Le^ä oU-, während der Ort selbst, ebenso wie die hier befindliche 

türkische Kaserne, auf dem Lohf i^ii-, dem Rande des Lavaplateaus 

liegt. Unweit des Lagerplatzes führte eine steinerne Brücke über den 
Wädi il Kanawät. Nur der kleinste Teil der alten Steinhäuser von Bu§r 
il Hariri ist zur Zeit bewohnt, die Bevölkerung besteht zum grösseren 
Teil aus Muhammedanern, zum kleineren aus Christen. 

Burckhardt^) giebt an, dass der Ort im Jahre 1810 hauptsächlich 
von Drusen bewohnt gewesen sei, während Buckingham^) ausdrücklich 
betont, dass zur Zeit seiner Anwesenheit(i8i6)der Ort nur Muhammedanern, 
und zwar etwa hundert Familien, zum Aufenthalt gedient habe. Auch 
(irahanr*) fand 1859 in Busr nur Muhammedaner, die ihn recht un- 
freundlich empfingen, wenn es ihm auch nicht so schlimm erging, wie dem 
Reisenden Porter^) in dem wenige Stunden westlich gelegenen Ezra*. 
Gegenwärtig sind die Verhältnisse in l^usr il Hariri vollständig geordnete, 

'' J. L. Hurckhardt, Travels in Syria and the Holy Land, London 1S22, S. 64. 
- J. S. Buckinj^liain, Travels araonir the Arab iribes inhabiünt^ the countries east 
of Syria and Palestine, Lon<lon 1S25, S. 265. 

'^\ Verj;l. Journal of the Royal Geographical Sociely, Band XXVUI, S. 260. 

*' J. L. Porter, Kive years in Damascus. London 1S55, Band II, S. 216 u. 230. 



Kap. V. Bu§r il Harirl. 185 

nachdem der Ort Sitz eines Käimmakäm geworden ist, dem ein halbes Tabor 
(Bataillon) Infanterie und eine Abteilung Reiter zur Verfügung stehen. 

In Bu§r liegt das Grab des Lokalheiligen il Hariri ( *der Seidenweber«), 
nach welchem noch mehrere Orte der Umgegend benannt sind; an- 
geblich soll hier in einer Moschee, die westlich von der Kaserne, gleich- 
falls dicht am Rande des Lavaplateaus, steht, der Prophet Elischä* 

p-uLjJI (Elias oder Elisa?) begraben sein, zu dessen Grab an gewissen 

Tagen Christen und Muhammedaner wallfahrten. Die Moschee ist ein 
aus alter Zeit stammendes Kauwerk, welches von zwei mit modernen 
Spitzenaufsätzen versehenen Türmen flankiert ist und mit seinem weissen 
Kalkanstrich als Wahrzeichen des Ortes weithin in die Ebene hinableuchtet. 
Zahlreiche, allerdings stark zerfallene Bauten .aus der Rassaniden-Zeit 
lassen erkennen, dass hier einstmals eine umfangreiche Niederlassung 
bestanden hat; namentlich erweckte ein weitläufiges, mit Pfeilern und 
Bogen geschmücktes Gebäude, das »Schloss«, dessen Aussenseite unweit 
des Portals eine grosse griechische Inschrift, sowie eine kürzere arabische 
in kufischer Schrift trug, mein Interesse. Der Beginn der aus 13V2 
Zeilen bestehenden griechischen Inschrift (die erste Zeile und die 
ersten Buchstaben der zweiten Zeile) deckt sich mit der Nummer 2472 
in Waddington's Inscriptions grecques et latines ^). Leider habe ich nur 
den Anfang an Ort und Stelle flüchtig aufgenommen, weil ich vermutete, 
dass die Inschrift bereits von früheren Forschern abgeklatscht worden sei. 
Da ich sie jedoch bisher nirgend wiedergegeben fand, folgen nachstehend 
die von mir aufgezeichneten Zeilen. 

ZHCHOAEAOCOAIAACKAOC 
Z TY/BOCYnOYOAI0)NHAK 

APCOl/tO AETOaeNIKeTAYCY . 
KAHTOY /ONO MA 

Die arabische Inschrift ist nicht mit Sicherheit zu lesen; die Zeichen 
scheinen Folgendes zu geben: 

\ • • ^ 

Darunter finden sich auch einige Zeilen in feinerer Schrift. 

Von einem etwas erhöhten Punkte bot sich eine ausserordenthch 
wirkungsvolle Aussicht: südlich lag die düstere Stadt mit ihren not- 
dürftig wieder hergestellten und zum Teil noch in Ruinen liegenden 
Häusern aus Dolerit- und Lavablöcken, die nur wenig von dem Unter- 

\^ \V. H. Waddinsjton, Inscriptions grecques ei latiues de la Syrie, Paris 1S70. 
Inschriften, S. 562, Text, S. 566. Die von Wadciington kopierte Inschrift wurde jedoch 
nicht am Schloss, sondern in der »kleinen Kirche<< gefunden. 



l86 Kap. V. II Mezra»a. 

grund abstachen; nach allen anderen Richtungen dehnte sich weithin 
die Le^ä mit ihren erstarrten Lavamassen, aus denen nur hier und da 
wie gelbe Punkte einzelne steinfreie, dem Getreidebau dienende Flächen 
hervortraten, welche nach der Regenzeit mit Gerste und Mais bestellt 
werden. 

Am folgenden Tage traten wir den Marsch nach Suwedä \Jü^^ an, 

der uns in südöstlicher Richtung führte. Die Leg^ä und die alte Ruinen- 
stadt Neg^rän*) blieben nördlich liegen; zu unserer Linken wurden die 

verfallenen Reste der Städte Karrä§e <^'^ und Sig^n /Pt-^, zur Rechten 
E)ür j j^ und I§lftba <^i^\ passiert, — wildromantisch auf kleinen Berg- 
kuppen gelegene Felsennester. Ob diese Orte lediglich alte Ruinen- 
städte oder heute wieder bewohnte Dörfer sind, habe ich nicht feststellen 
können. 

In il Mezra*a APj 'X\ fanden wir auf einer isolierten Anhöhe eine 

türkische Kaserne, zu welcher die abgetragenen Baureste eines noch von 
Burckhardt^ gesehenen alten Kastells, sowie die Ruinen eines Dorfes aus 
der sabäischen Glanzperiode des Haurän die Bausteine geliefert hatten. 
Das umfangreiche, ein Viereck bildende Gebäude lag links vom Wege; 
es hatte, wie die meisten türkischen Kasernen, ein einziges starkes 
Thor und schloss einen grossen Hof ein, während rechts noch die 
Grundrisse einzelner alter Häuser zu sehen waren, neben denen sich 
kleine Gartenanlagen befanden. In früherer Zeit soll hier eine gute 
Quelle vorhanden gewesen sein, die nach der Volkssage von Timur- 
Lenk verschüttet worden ist. Wie oben berichtet, ist die Kaserne 
nach den letzten Unruhen im Haurän geschleift worden. 

Hinter il Mezra*a stiegen wir zunächst bergab; nachdem zur Linken 

Rime AZ j und zur Rechten Walra <iij passiert waren, ging der Weg 

wieder steil bergauf; auf einem immer steiniger und holperiger werdenden 
schmalen Saumpfade, der einer ausgetrockneten Rinne glich, stiegen 
wir zum eigentlichen Haurän-Gebirge empor. Links am Wege erhob 
sich, malerisch am Bergabhange gelegen, ein viereckiger, starker Turm, 
der schon zu Suwedä gehörte. 

Eine Zeitlang ritten wir zwischen niedrigen Mauern hindurch, die 
Kornplätze einzäunten, und umgingen dann ein rechts von der Strasse 
gelegenes, trotzig aussehendes, viereckiges, von dorischen Säulen um- 



\ Der Name ist >'ie11eicht eine Krinnening an die vorislamische Stadt und den Stamm 
Negrän in Südwestarabien. 
*) a. a. O. S. 65. 



Kap. V. Suweils. 



187 



gebenesGebäude, 4 uiDubese genannt, das ein gewisser Odenatos') für 

seine Frau hat errichten lassen. Das Grabmal trägt auf seiner Plattform 
einige Steinlagen, welche einen pyramidischen Aufbau vermuten lassen, 
wie er sich bei anderen Grabtiirmen in Syrien, in Petra u. s. w, vor- 
findet. Wir passierten darauf eine grosse Birke, ein in den Erdboden 
gegrabenes VVasserservoir, dessen Umfassungsmauern halb verfallen waren 
und das mehr einem Tümpel glich, und standen dann vor dem riesigen 
Mauergewirr der alten Stadt Suwedä. Der Marsch von Buyr bis hierher 
hatte einschliesslich des Aufenthaltes in il Mezra'a etwa 4'/a Stunden 
gedauert. 




Das Kastell Suweda ist nach einer Notiz Abulfedas von dem 
Rassaniden in Na'män ibn 'Amr ibn il Mundir ^^ ^\ j\*»j' 
jJui\ Jr' erbaut worden*), der Ort dürfte jedoch älter gewesen sein. 

Nach einer lateinischen Inschrift aus dem Jahre 103 hat hier Nerva 
Trajanus Caesar, Sohn des Germanicus Dacicus, einen Aquädukt und 
andere Bauten errichtet^). Zu seiner Zeit, also vor dem Beginn der 
Aera Bostrensis (105 n. Chr.) und vor der direkten Angliederung des 
Haurän an das römische Keich muss Suwedä bereits eine volkreiche 



') Vergl. VoeUc. Sj-rie centrale, Arcliitecliire, S. 29. TnM I; Vol'UÜ, Inscripti 
«imilicinee, S. S9fr. Der Name Odenato» iM in lier llerrsoherfaniiUe von Piilinyra häi 
Auch der Gatte ZcntibU;«. der letzten Königin von l'almyra, hie«ii <'>(lenatos. 

)) Abulfe<1ae histori.1, anieislainica. srabice ed. H. O. Fleischer, l.i:ipzi(; 1S31, S. : 

») Vercl. Ritter a. a. O.. Bd. XV. .S. 928. 



ijjg Kip. V. Snwedä. 

Stadt gewesen sein. Unter den heute erhaltenen Bauresten') sind be- 
sonders die Ruinen einer Basilika beachtenswert. 

In einem Privathause der Stadt wurde mir ein sehr schön gearbei- 
tetes Hochrelief gezeigt, welches den bärtigen Kopf eines Mannes dar- 
stellte, der ganz aus zusammen gefügten Weinblättern gebildet war. Der 
Kopf sollte unweit von K^"'''^^ät — ■ nach den mir gemachten Angaben 
könnte es sich mir um Si* ^^-^ handeln — gefunden worden sein. Neuer- 
dingshat Clcrmont-Ganneau ein aus der Umgegend von Suwedä stammendes 
Basaltrelief beschrieben, einen 2 m langen und 80 cm breiten Block, der 
vermutlich als obere Thiirschwelle gedient hat. Das Relief, das der 




Zeit des Niederganges der griechisch-römischen Kunst angehört, ver- 
anschaulicht eine Episode aus der Gigantomachie und wird von dem 
französischen Korscher als die Darstellung des Vorganges gedeutet, 
wie Zeus die Sonne aufhält, so lange Herkules die Mächte der Finsterais 
bekämpft. Nach Clermont-Ganneau soll die Gestalt des Herkules eine 
mythologische Vcrgütlerung des Kaisers Maximianus (256) sein, der den 
Beinamen » Herkules ' erhielt. Babylonische und assyrische Dar- 
stellungen drücken bcreit.s den gleichen Gedanken aus: den Kampf zwischen 
Licht und Finsterni.i; auch die Bildwerke, welche den heiligen Georg 
im Kampf mit dem Drachen zeigen, werden vielfach auf dasselbe Motiv 
zurückgeführt. 

Da^ gegenwärtige Suivcdä besteht aus einem ausserordentlich aus- 
gedehnten Ruincnfcldc; e.s wird von einer langen, ziemlich geraden 
Strasse durchzogen, welche in ein triumphbogenartiges Thor endet. 

' V.T^'l. Huraii-irdt, a. .1. < 1. ,s. 79 iT. ; nr.ham, Jouni;il of the ßeotrr. Soc„ Band XXIV. 
S. 35.S: IVrlcr, l'ivt ye;ir»m l>am;iscus. l.on.liin. Band II. S. t zo iT. uud ii VA. ^1870% S. 219 B.; 
Key. V0y:i:;i- .lati^ Ic tl.iouran 1S57 un.i iS.qS' S. 144. 15; ff.; SeeUcn. S. 76 ff.; Vogfle. 
.^rchitcotun- S. 31), 60 elc. ; Vngüc. Inscr. scmiliquos. S. Sg. 92; Waddington. iDicripüons 
l^eciiucs et latincs de la Syriv. Inschiiflen No. 3303 — lJ2ä; Socin a. a. O. S. 3t 1. 



Kap. V. Suwedä. 189 

* 

Terrassenförmig baut sich die Stadt auf einem Plateau und am Abhang 
des Haurän-Gebirges auf; in dem tiefer gelegenen südwestlichen Teile, 
auf dem Wege nach *Ire, liegt ein Viertel mit neueren Behausungen, 
die von kleinen Gärten umgeben werden, während im übrigen die Wohnungen 
unter Benutzung der aus früherer Zeit vorgefundenen Häusermauern her- 
gestellt worden sind. 

Suwedä ist durch seine Lage zum Vorort des Haurän bestimmt 
und von den Türken mit gutem Vorbedacht als Sitz der Centralregierung 
des Haurän-Bezirkes ausersehen. Schon zu Porters Zeit wohnte hier der 
mächtigste Drusenschech des Haurän, damals (i853)der Familie der Hamdän 
zugehörig. Suwedä ist der bevölkertste drusische Ort des südlichen Haurän, 
zu meiner Zeit mögen hier mehrere Hundert Familien ansässig gewesen 
sein, unter ihnen auch einige Christen. Mitten in der Stadt sahen wir 
auf der Plattform eines Hauses sogar einen europäisch gekleideten Effendi, 
einen christlichen Militärarzt, der gleichzeitig Privatpraxis ausübte. 

Das Haus des in Suwedä residierenden Käimmakäm des öebel id Drüz, 
des Ibrahim Pascha il Atrasch ij^J^^^ jcnä\j<I, befand sich an einem 

freien Platze im nordöstlichen Teile der Stadt. In der Nähe standen noch 
einige mit schönen Kapitälengeschmückte Säulen eines heidnischen Tempels, 
indessen altes Material eine riesige, nachdemfreien Platze zu offene Empfangs- 
halle, J J *•!> Manzül genannt, hineingebaut war. Auf einer breiten 

steinernen Freitreppe stieg man zu der Halle empor, deren Deckenbogen 
durch Säulen getragen werden. Solche Empfangshallen, die sich in allen 
grösseren drusischen Ortschaften des Haurän finden, meist im Häuser- 
komplex des Schechs oder in dessen Nähe, dienen den geringeren Gästen 
als Schlafraum und werden zu öffentlichen Empfangen, Versammlungen 
u. s. w. benutzt. 

Wir schlugen unser Zeltlager neben dem Hause des Käimmafeäm 
auf, nachdem wir die Stadt bei der erwähnten halbverfallenen Birke betreten 
und uns durch eine Menge kleiner, meist nicht bewohnter Gässchen 
durchgewunden hatten. Wenige Minuten oberhalb unseres Lagerplatzes 
befand sich ein anderer, weit besser erhaltener Wasserteich, die Birket 

il Hagg^ Äi-\ Aj j< , d. h. der »Wasserteich des Pilgerzuges«, ein Name, 

der darauf hindeutet, dass hier eine Zeitlang die nach Mekka pilgernden 
Karawanen durchgezogen sind oder dass sich hier die Gläubigen des 
Haurän zur Pilgerfahrt versammelt haben. Eine weitere riesige Birke 
lag mitten in der Stadt, schmale steinerne Stufen führten zu der Wasser- 
stelle hinab und waren ständig von bunt gekleideten Frauen belebt, 
welche grosse Thonkrüge auf dem Kopf oder der Schulter trugen. Neben 



I90 









dem Teich lag in dem Hofe eines zerfallenen und zum Teil neuer- 
dings festungs massig hergerichteten und mit einer kleinen Besatzung 
ausgestatteten Gebäudckomplexes ein alter mit Köpfen geschmückter 
heidnischer Altar. 

Die Kaserne, ein grosses, stattliches, neues Gebäude, befand steh in 
einer Entfernung von etwa zehn Minuten oberhalb östlich der Stadt. Zu 
meiner Zeit standen zwei Bataillone in Suwedä. Der türkische Militär- 
kommandant war Ibrahim il Atrasch koordiniert; Letzterer hing von 




dem Chef des gesamten Haurängebietes, dem Mute$arrili^_^,i.dl* in Schcch 

Sa'd .Xaw tcx^ ab und hatte sieben Mudire unter sich, die damals noch 

sämtlich Drusen waren und zum Teil zu seiner Familie gehörten. Die 
Zaptije der Mudire waren gleichfalls Drusen. Die Garnison pflegte die 
Stadt nur zu verlassen, um in die Ebene hinabzusteigen, ging jedoch 
nicht weiter in das Gobirge hinein. Die militärischen Uebungen wurden 
in dem grossen Hofe der Kaserne oder auf dem davor gelegenen 
Platze abgehalten. 

Bei unserer Ankunft in Suwcda wurden wir von den Söhnen des 
Ibrahim Pascha il Afrasch empfangen, welche in der liebenswürdigsten 



Kap. V. Im Hanse des Ibrahim Pascha il Atrasch. iqi 

Weise die Wirte machten; einer derselben war türkischer Offizier, und 
gerade aus seiner Garnison Damaskus beurlaubt. Der Pascha selbst war 
krank. Die Gerüchte von seinem Tode, die wir in Schech Miskin gehört 
hatten, waren zwar unrichtig, doch war er infolge einer Verwundung 
durch eine Gewehrkugel, die er in einem kürzlich stattgehabten Gefecht 
mit den Anhängern seines Bruders Schibli erhalten hatte, gezwungen 
das Zimmer zu hüten. Sein bald darauf erfolgtes Ableben dürfte auf 
diese Verletzung zurückzuführen sein^). Während unseres mehrere Tage 
dauernden Verbleibens in Suwedä sahen wir ihn nur zweimal. Er empfing 
uns in einem im zweiten Geschoss gelegenen geräumigen Gemach, zu dem, 
wie bei allen grösseren Häusern im Haurän, eine grosse steinerne Freitreppe 
vom Hofe aus emporführte. Das Zimmer hatte ein flaches Steindach und 
war durch riesige Bogen in zwei Räume geteilt. Den Fussboden bedeckten 
schöne Teppiche und in Suwedä selbst fabrizierte Filzdecken. An der 
Westseite des Raumes zog sich unter mehreren grossen Fenstern ein 
die Wand ausfüllender Divan aus bunt gemaltem Holze hin. Ibra- 
him lag auf einer Matratze in der Mitte des Saales. Nur mit Mühe 
vermochte er sich bei unserem Eintritt zu erheben. Der ganze Saal 
war von wild, aber vornehm aussehenden, bärtigen, weiss beturbanten 
Männern besetzt, welche sich sämtlich zugleich mit dem Pascha schweigend 
erhoben und dann wieder in langen Reihen auf dem Boden niederhockten. 
Meinem arabischen Sekretär Ne^ib und mir wurden Plätze auf dem Divan 
angcwiesjen. Im Gespräch wurden die ausgesuchtesten Höflichkeits- 
formeln ausgetauscht, deren sich die Drusen so gern bedienen. Die 
offizielle Legitimation des Mute^arrif, mehr aber noch der Geleitbrief, 
den ich in Berüt von dem Emir Mustafa Arslän erhalten hatte, sicherten 
mir eine ausgezeichnete Aufnahme. Der Pascha Hess uns später durch 
seine Leute nach Kanawät führen und, als wir Suwedä verliessen, durch 

den ganzen Haurän nach Salchad JbJL» und Sali ^w begleiten. 

In der That ist die Gastfreundschaft, die ich während meines 
Aufenthalts im Haurän bei den Drusen genoss, eine aufrichtige, herz- 
Uche und weitgehende gewesen. Schon am ersten Tage wurde mir 
ein grosses Gastmahl gegeben, an welchem die Angesehensten des 
Ortes in dem zu ebener Erde gelegenen Herrengemach des eigent- 
lichen Hauses der Atrasch , die übrigen in der schräg gegenüber- 
liegenden Empfangshalle teilnahmen. Die Civilisation hat in Suwedä 
schon Fortschritte gemacht. Die Schüssel, aus der gegessen wurde, 
stand hier nicht, wie sonst gewöhnlich bei den Drusen und Beduinen, 
auf der blossen Erde, sondern auf einem kleinen Stühlchen, auf das 



*) Verjfl. oben Kap. IV S. 171. 



192 






,lm:M h 



i den Dru 



noch eine riesige Kiipferplatte gelegt war. Das hölzerne Untergestell 
wiederum war auf eine hübsche, bunte Matte placiert. Die Schüssel 
hatte etwa einen halben Meter im Durchmesser und enthielt Reis und 
grosse Stijcke Hammelfleisch. Der Reis wurde in unserer Gegenwart 
mit beträchtlichen Mengen flüssigen Hammelfettcs übergössen. Um die 
Mittelschüssel henim waren in kleineren Tellern Leckerbissen, mit 



Honig zusammengekochter Rosin. 
keiten — Haläwi äj^^ — , S!\ 



saft — Dibs . i — , andere Süs^ig- 
e Ziegenmilch — Leben -J — - 



W- 


^ii^m^M M» 


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1 





und stark gewürzter Käse aufgetragen, sowie die etwa 20 cm langen, 
in der Mitte dickeren, nach den Enden schmaler auslaufenden harten 
Kuchen, aus Brot, Milch, Mandeln, Fleisch und allen möglichen sonstigen 
Substanzen gebacken. Dieses Gebäck ist eine Lieblingsspeise der 
Kinder, die ich oftmals mit einem solchen Kuchen in der Hand den 
Tisch verlassen sah. Auf der Matte lagen dann noch in mehreren 
Haufen die Brote, und zwar die in den Städten gebräuchlichen, etwa 20 
bis 30 cm im Durchmesser haltenden und 1^2 cm dicken Fladen, wie 
die bis zu ',im grossen, manchmal papierdünnen, runden Kuchen, die 
zusammengefaltet werden und ebenso nahrhaft wie wohlschmeckend sind. 
Um die Tafel herum nahmen gleichzeitig lO — 15 Personen hockend 
Platz, mit ihren Händen — Löffel gab es für die drusische Küche nicht — 



Kap. V. Ein Festmahl bei den Drasen. ig^ 

warfen sie den fettigen Reis wiederholt in die Höhe und ballten ihn dadurch 
zu einem eiförmigen, ziemlich voluminösen Knödel zusammen, den sie 
dann in den Mund schoben*). Was bei diesen Manipulationen übrig blieb, 
wurde in die gemeinsame Schüssel zurückgeworfen. Die Fleischteile 
wurden, wenn sie nicht schon klein genug auf der Schüssel lagen, mit 
der Hand von einem oder mehreren zerrissen, dann und wann auch darauf 
vor den Gast hingelegt. Der Rosinensaft und die saure Milch wurden 
mit Hilfe von Brotstückchen genossen, die man in Löffelform gebracht 
hatte, wenn man nicht vorzog, die Milch aus dem gemeinschaftlichen 
Napf zu trinken. Ausserdem wurde auf Verlangen Wasser in einem 
Lederbeutel oder Thonkruge gereicht*^). Erstaunlich war die Geschwindig- 
keit, mit der meine Tischgenossen ihren Reisbrei verschlangen. Sobald 
einer satt war, stand er auf, um einem weiteren Gaste seine Stelle einzu- 
räumen, bis etwa siebzig Personen aus einer Schüssel gespeist waren. Ich 
habe meinen Wirten manchmal eine Freude dadurch bereitet, dass ich 
zwei oder drei Serien von Essern überdauerte, deren Schnelligkeit ich 
nicht zu folgen vermochte. 

Die Drusen machten mir damals den Eindruck durchaus zufriedener, 
behäbiger Bauern. Die Feldarbeit ist im Haurängebirge keine leichte, 
aber sie lohnt durch vielfache Frucht die aufgewandte Mühe reichlich. 
Oft habe ich gesehen, dass der Pflug, um nur kleine Stellen urbar zu 
machen, um Steinflächen herumgeführt oder einen Abhang empor ge- 
hoben werden musste. Die Oberfläche des vulkanischen Gebirgsstocks 
zeigt zum Teil anstehende Felsen, zum Teil mehr oder minder verwitternde 
Lava, die zwar einen ungewöhnlich guten Ackerboden liefert, aber oft 
den Bodenarbeiter zwingt, die nicht in Humus umgewandelten Lavablöcke 
einzeln aufzulesen. Diese Steine pflegen zu Mauern aufgeschichtet zu 
werden, welche die Felder umgeben und gleichzeitig als Schutzwehr der 
Dörfer gegen feindliche Angriffe dienen, in derselben Art, wie die Garten- 
umzäunungen von Damaskus eine strategisch nicht zu unterschätzende Um- 
wallung bilden. Die dunkle Ackerkrume des Haurängebirges trägt alle 
möglichen Getreidearten, auch Oliven- und Mandelbäume. Der Weinbau 
muss früher im Haurän in grösserem Massstabe betrieben sein, worauf 
noch die Traubenmotive der sabäischen Ornamentik, die auf die altarabische 



^) Die Drusen essen ebenso wie die Araber nur mit der rechten Hand, die Linke 
gilt als unrein. Bis in die niedrigsten Klassen ist die Sitte verbreitet, vor und nach dem 
Essen sich die Hand zu waschen und den Mund zu reinigen; nur die Beduinen verzichten 
oft darauf, weil ihnen das Wasser zu wertvoll ist. Die in Marokko beliebte Methode, dem 
Gastgeber nach der Mahlzeit durch wiederholtes vernehmliches Rülpsen zu bekunden, dass es 
geschmeckt hat, ist in Syrien und Mesopotamien nicht üblich. 

*) Wasser ist bei den jjewöhnlicheu Mahlzeiten das übliche Tischgetränk, wird aber 
nur auf besonderen W'unsch gereicht. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. 13 



194 



Kap, V. 



dem Dionysos venvandte Gottheit Dusara bezug hat, hindeuten dürfte; 
heute werden nur noch an wenigen Orten im Cebel id Drüz, so in 
Salchad, Reben gepßanzt. In Bo$rä fand ich, allerdings nur in Gärten und 
Töpfen, einige BaiimwoUenstauden, deren Herkunft den Einwohnern nicht 
mehr erinnerlich war. Pferde, Kamele und Rinder giebt es wenig im 
Kaurängebirge, dagegen sah ich Schafe und namentlich Ziegen in 
grosser Zahl. 



1 I 






Tempel bei li^anawät. 

Von Suwedä aus unternahm ich einen Abstecher nach dem nördlich 
im Gebirge gelegenen il Kanawät »Tj^^^uI^') einem der ältesten Orte des 
Haurän, der vielfach mit dem biblischen Kenät identifiziert wird. Der Weg 
führte auf holpriger Strasse an wilden, nicht sehr dichten, kleinen Eichen- 
waldungen vorbei, und bot vielfach prächtige Ausblicke auf die Haurän- 
Kbene mit den daraus hervortretenden Hügcichen und Stadtruinen und 
die schwarze wilde Legä , während im fernen Westen , jenseits der 
Xubra, die nordpalästinensischen Gebirge und der ehnvürdige, schnee- 
bedeckte Hermon aufragten. Ehe wir in die Stadt einritten. kamen wir 



', Vercl. Biirckh.inll 
VocUe. Archil. Bd. I, .S 59 



und Qacllen 
und Hüuiün 



. 83-87: Uraham ^.258: Key S. llS fT.; Seeuea S. jSff.; 

W.-iddingtcin, lascripiians S. 533 bis 539: Porter, FJve ytar» 
[, S. Iioff.; Hsn bei Rey, .^tliis. Ta(el VI; lemer die Ansfühningcii 
von Professor Guthe, l>r. A. StUbeU Reise nach der Diret et Tolül 
Zeilschrift de» Deutschen PaläJtina-Vereins. Bd. XII, l^eipzig 1889. 



Kap. V. II Kanawät. mc 

an den Resten eines kleinen Tempels aus heidnischer Zeit, des sogenannten 
Peripteraltempels, vorüber, von dem noch sieben mit herrlichen Kapitalen 
geschmückte Säulen stehen. 

Kanawät wird von mehreren breiten Strassen durchzogen, die 
an manchen Stellen noch das alte Pflaster aufweisen. Nur zum kleinsten 
Teil ist der einst bedeutende Ort jetzt wieder bewohnt; öde sind die 
Strassen, deren Häuser vielfach von aussen kaum die Spuren ihrer Jahr- 
tausende tragen. Aber wenn man die Schwellen überschreitet, erkennt 
man die furchtbaren Verwüstungen, welche die oft wiederholten Erd- 
beben auch hier angerichtet haben. Eine schmale Strasse führt am Ab- 
hang des Wädi il Kanawät zu einer im Südosten der Stadt gelegenen 
dominierenden Akropole hinauf, welche die bemerkenswertesten Ruinen 
in sich vereint. Hier sind noch mit den schönsten Ornamenten geschmückte 
Bogenportale, Säulen und ganze Wände von Tempeln und Schlössern 
erhalten, femer die Reste eines Triumphbogens und einiger Cisternen. Im 
westlichen Teil der Stadt erblickt man die Ruinen einer christlichen 
Kirche. Auf dem rechten Ufer des Wädi il Kanawät, unweit des 
Baches, liegt das offene Theater, dessen gut erhaltene steinerne Sitz- 
bänke den Zuschauern eine herrliche Aussicht auf die Stadt gewährten. 
Heute ist die alte Musenstätte von wildem, Jahrhunderte altem Gestrüpp 
umrahmt, das dank dem fliessenden Wasser auch im Sommer sein 
saftiges Grün beibehält, den Bach aufwärts bis zu den Ruinen eines 
Nympheums hinzieht und nur hin und wieder modernen Nutz- und 
Gartenanlagen Platz macht. Die heutigen Bewohner von Kanawät, aus- 
schliesslich Drusen, hausen in den alten Bauten des südwestlichen Stadt- 
teiles, bei meiner Anwesenheit waren kaum mehr als 30 oder 40 Familien 
dort ansässig. 

Der Schech von Kanawät, in dessen kühlem, von Säulen ge- 
tragenem Manzül wir rasteten, war einer der Söhne des Ibrahim il 
Atrasch, wohl der Hünenhafteste von allen an Gestalt, aber auch der 
Derbste in den Umgangsformen. In Kanawät lebte auch der Schech 

Hasan il Hagari (^j^\ <V-^» ^^^ ^^^ ^'^ höchster geistlicher W^ürden- 

träger der Drusen im Haurän bezeichnet wurde und an den mir der 
Mute§arrif in Schech Sa*d einen Brief mitgegeben hatte. Ich unter- 
liess jedoch meinen Besuch, da der junge Atrasch anscheinend nicht in 
guten Beziehungen zu ihm stand. Auch zu Grahams Zeiten, P2nde der 
50er Jahre, soll in Kanawät »der grosse Imäm der Drusen«, der 
gelehrteste Mann des Landes, gewohnt haben. 

Am Tage vor meinem Abmarsch aus Suwedä gab ich den Söhnen 
des Atrasch und seinen Leuten in meinem Zeltlager ein Diner, an 
welchem auch der Militär - Kommandant von Suwedä, der Bimbaschi 

13* 



ig6 Kap. V. *Irc. 

'Omar Bey und dessen Adjutant teilnahmen; ersterer Hess es sich nicht 
nehmen, mich noch zum Frühstück in seiner Dienstwohnung in der 
Kaserne einzuladen, wo wir ä la Franka mit Messer und Gabel, jedoch 
aus einer gemeinschafdichen Schüssel ohne Teller zusammen mit mehreren 
Offizieren speisten. Die Kaserne, vor deren einzigem Thor ein kleines 
Gärtchen angelegt war, machte ebenso wie die Soldaten einen recht guten 
Eindruck. *Omar Bey hat dank seiner Ortskenntnis bei den letzten Wirren 
im Haurän den türkischen Truppen gute Dienste geleistet*). 

Am 4. Juli verliessen wir Suwedä und zogen in fast gerader Richtung 
südsüdwestlich weiter. Anfangs in steilem, dann in sanfterem Abstieg ging 
es zur Ebene hinab. Zuerst führte der Weg parallel einer alten Römerstrasse; 
später wurde diese selbst benutzt. Eine halbe Stunde hinter dem Ort trafen 
wir eine dem Ibrahim Pascha gehörige grosse Wassermühle, kamen dann an 

dem rechts gelegenen Dorfe il Mug^edil Jjl^\ vorbei, über die ausge- 
bt» 

trockneten Bäche Köm il Hasä ^^i-l ^ß (»Kieselsteinhaufen«) und Wädi 

Tälit slJyt (^^^Jy bis nach zweistündigem Marsche das malerisch auf 

einer Höhe gelegene *Ire*) (^j^ erreicht ward. Kurz vorher lag 

rechts ab vom Wege ein verfallenes grosses Gebäude Kischlat Darärik, 

^j\j^ A>^i welches uns als eine jetzt verlassene Kaserne bezeichnet 

wurde. In *Ire wohnte in einem weithin sichtbaren Bau der mehrerwähnte 

Bruder Ibrahims, Schibli il Atrasch ,j^J^^ ^ U*-^- Ihm meinen Besuch 

zu machen, verhinderten mich die mitgekommenen Leute Ibrahims, 
welche behaupteten, sie wären froh, dass Schibli uns nicht angreifen 
Hesse. Auf dem Weitermarsch blieben links die Trümmerhaufen des 

Dorfes il Magemir ^^-^^ und dann eine andere Ruine liegen, die mir als 



DerZuber --; j j ^ (»Kloster des Zuber«)*) bezeichnet wurde. Hinter dem 

Dorfe il Charäbe i» ^J>^\ das angeblich nur von Christen bewohnt 

wird, trat die Strasse aus dem Haurän -Gebirge und damit aus dem 

Gebiet der Drusen heraus. Erst hinter Bosrä (^j-^^ sollten wir wieder 

die Gebirgsregionen betreten. 

Etwa in zwei Stunden flotten Marsches, von *Ire ab gerechnet, ge- 

*) Vergl. üben Kap. IV S. 180. 

*) Verjjl. Burckhardt a. a. O. S. 225. 

'; Vergl. Porter a. a. O. Bd. II, S. 140. 



Kap. V. öemerrin. IQ7 

langten wir nach der Ruinenstadt Ciemerrin ^j yt-^), die bereits in der 

Ebene und zwar an einem bei meiner Anwesenheit ausgetrockneten, 
im Winter jedenfalls ziemlich starken Bache liegt, über den im 
Zuge der Römerstrasse eine aus mehreren Bogen bestehende Brücke führt 
Unweit letzterer, auf der nach der Stadt zu belegenen Seite, steht ein ver- 
fallener, viereckiger, starker Turm, in dessen Nähe die wohlerhaltenen 
Stadtruinen beginnen. Unter diesen ist besonders ein Gebäudekomplex 
bemerkenswert, der verschiedene Höfe und Flügel enthält. In einem der- 
selben fanden wir im Erdgeschoss und im ersten Stock mehrere neben- 
einander liegende Zimmer mit schön dekorierten Kuppeldächern in so 
guter Verfassung, als ob sie soeben erst verlassen worden wären. Das 

Haus gehört dem Man§ür il Käsim ^u)\ j yULJ^^ dessen Angehörige 

hier mit ihrem geringen Viehstand vereint hausen und neben wenigen 
anderen muhammedanischen Familien die einzigen Bewohner dieser nicht 
sehr grossen, aber einst prächtigen und reichen Stadt sind. Die Fagade 
des Hauses besteht aus wohlbehauenen Quadern und zeigt als Mauer- 
aufsätze treppenartige und giebelförmige Verzierungen. Die Fenster- 
öffnungen lassen schon von aussen mehrere Etagen erkennen. In 
Gemerrin finden sich mehrere griechische Inschriften vor; so war auf 
dem Eingangsthore des Man.stlr'schen Hauses der Name ♦ H A I K O C 
deutlich zu lesen; auf einem Steine unweit der Brücke sah ich eine 
grössere arabische Inschrift in kufischen Schriftzeichen. Der Stein lag 
auf dem Boden unweit des vorerwähnten Turmes und stammt nach 
Angabe der Eingeborenen von der Brücke her, die augenscheinlich in 
arabischer Zeit erneuert worden ist. 

Nach kurzem Ritt erreichten wirBo§rä Eski Schäm ß\Zi .S-*^^ ^^^-.a», 

(d. h. Alt-Damaskus), wohl die grossartig.ste Ruinenstadt des Haurän-Gebiets. 
Mit seinen Türmen, Minarets und der das ganze Trümmerfeld hoch 
überragenden Burg macht der Ort einen überaus imposanten Eindruck; 
jiicht minder ergreifend aber wirkt der Anblick der furchtbaren 
Zerstörung, welcher auf Schritt und Tritt dem Wanderer sich bietet. 
Neben den Wirkungen der Erdbeben erkennt man die Spuren der 
zahlreichen Kriege, die über Bo.?rä hingezogen sind, was bei der 
Lage des Ortes, am Fusse des Gebirges und am Eingangsthore der 
Wüste, ganz natürlich erscheint. Boj^rä beherbergt jetzt in seinem östlichen 
Teil mehrere hundert Seelen; Burckhardt traf keine vierzig Familien 
an. Die Einwohner sind neben einigen wenigen Christen sesshaft 



*) Bnrckhardts Schreibart »Shmerrin« (a. a. O. S. 105), Rey's (a. a. O. S. 176) 
»Jermarrinc und SeeUen's (a. a. O. S. 65) »SchmUrrin« ist falsch. 



Iq8 Kap. V. Bo$rä Eski Schäm. 

gewordene Beduinen, Bauern (Fellachen), die aber noch nach alter 
Stammessitte ihr Ross zu tummeln und mit der Lanze bewaffnet ins Feld 
zu reiten lieben. Auch in der Kleidung ähneln sie ihren nomadisierenden 
Vettern, mit den Drusen standen sie in schlechten Beziehungen. 

Wir betraten die Stadt von Nordosten her, nachdem wir den weit- 
gestreckten Friedhof passiert hatten, aus welchem die weisse Kubbe 

der Moschee il Mabrak iJju^ hervorleuchtete, durchzogen das ganze 

Trümmerfeld, besuchten den Schcch und fanden endlich im Südosten 
der Stadt in der Nähe einer guten Wasserquelle unsere Karawane, im 
Begriff, das Lager für mehrere Tage aufzuschlagen. 

Bo§rä zerfällt in zwei Teile: der östliche enthält die nennens- 
wertesten Ruinen, und hier hausen, wie gesagt, die wenigen Einwohner, 
die sich in den Trümmern der alten Bauwerke ihre Wohnungen 
errichtet haben. Der westliche Teil zeigt bedeutend weniger Ueber- 
reste ehemaliger Bebauung; vielleicht stand hier früher das alte 
römische Lager. Eine noch deutlich erkennbare Strasse durchschneidet 
diesen Teil in seiner ganzen Ausdehnung in westnordwestlicher Richtung 

und führt nach dem Bäb il Hawa \^^ w-)l oder Bäb il Rarbi LiSi\ «^^L 

dem »Thor des Windes^^ oder »Westthor«, einem mächtigen Bauwerk, 
dessen übereinander gelagerte Rundbogen noch heute gut erhalten 
sind. Von diesem Thor aus geht ein uralter gepflasterter Weg in ge- 
rader Linie nach Der'ät iWj^, dem Edre*i des Alten Testaments. 

Auch in dem östlichen Stadtteil sind manche alte Strassen erkennbar, 
und die Traccn derselben beweisen die grosse Regelmässigkeit des 
ursprünglichen Bauplanes. Die Strassen sind freilich überaus holprig: 
wenn auch hin und wieder das alte Pflaster zu Tage tritt, so haben 
doch die Trümmer es vielfach verschüttet und sich meterhoch darüber 
aufgehäuft; mit Mühe verfolgt man den unwegsamen Pfad, den spätere 
Generationen über das Schuttlager gebahnt haben. 

In dem westlichen Stadtteil liegt ein grosser, jetzt ausgetrockneter 
Wasserteich, der in alter Zeit als Naumachie gedient haben soll. 
Unweit hiervon nördlich befand sich die Quelle, neben der mein 
Lager aufgeschlagen war. Von den Ruinen im östlichen Stadtteil sind 
in erster Linie zwei Moscheen erwähnenswert, die Moschee *Omar 

ibn il Chattäb w-)wlai.l (j* \ ^ (erbaut vom zweiten Chalifen'Omar634 — 644) 

und das Der il Muslim J^^y^ genannte Bauwerk. Beide haben vier- 
eckige Minarets, ein Beweis, dass sie aus der ältesten islamischen 



Kap. V. Bo^ra Eski Scham : Die Moscheen 'Omar ihn il Cbattäb und Der il Muslim, i qq 



Zeit stammen.^) Von der erstgenannten Moschee stehen noch mehrere 
Reihen von Säulen und Säulenstümpfen, welche einstmals die Decken 
jetzt völlig eingestürzter Hallen trugen. Die Säulen, teils aus einem 
Stück bestehend, teils aus mehreren zusammengesetzt, sind aus grünem 
Marmor und Dolerit gemeisselt, wunderschön sind einzelne in korinthischem 
und ionischem Stil gehaltene Kapitale aus weissem Marmor. Zweifellos 
sind die Bestandteile älteren Bauwerken entnommen; die Kreuzornamente 
der Säulen lassen darauf schliessen, dass sie früher in christlichen Kirchen 
gestanden haben. Bemerkenswert sind die Reste des an einer Mauer 
herumlaufenden Frieses mit reich ornamentierten kufischen Schriftzeichen 
in Stuck. An der Aussenseite der Moschee, dort wo der Haupteingang 
sich befindet, gegenüber den Resten eines alten Portikus, sind mehrere 

Inschriften angebracht; eine lautet: 'Abd ir Rahmän il Masri jl^J\ JLP 

(C^^^\, d. h. 'Abd ir Rahmän der Egypter. Jenseits der Strasse 

ragen vier prachtvoll erhaltene korinthische Säulen empor. Westlich von 
der *Omar-Moschee steht ein grosses Gebäude, das nach einer Inschrift 
aus der Römerzeit stammt und zweifellos ein luxuriöses Bad war. 

Die Moschee Der il Muslim dient noch jetzt religiösen Zwecken; 
in dem Gebäude wohnt ein Tempelhütcr, und von der Galerie des 
Minarets, von der aus man eine wundervolle Fernsicht auf die Nukra 
und das Haurängebirge bis zu dem Berg von Salchad gcnicsst, werden 
noch heute die Gebetszeiten ausgerufen. Im Hofe des Der lehnte an 
einer Mauer noch derselbe Stein, auf dem sich die bereits von Burckhardt^) 
envähnte und von Rey-*) abgezeichnete Inschrift befindet. Alte Inschriften 
in Kursiv-Arabisch (Nes-chi) finden sich vielfach in Boj?rä, so auch in der 
Nähe einer ausserhalb des eigentlichen Ruinenfeldes gelegenen Birke 
auf einem Stein über der Thür einer kleinen Moschee, die danach im 
Jahre 655 (1257) gebaut i.st. Diese Inschrift lautet: 



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^) Die modernen Minarets sind in der asiatischen Türkei und in Ej^pten nmd oder acht- 
eckig, dagegen sind in Marokko die Minarets durchfi^ehends viereckig, ein Wahrzeichen dafür, 
dass sich im Marrib, im äussersten Westen, der Islam in seiner ältesten Form erhalten hat. 

') a. a. O. S. 232. Doch giebt Burckhardt nur einen kleinen Teil. 

») a. a. O. S. 179, 192. Atlas, PI. XV. 



200 Kap. V. Bo$rä Eski Schäm: Die Burg. 

Südlich von derStadt erhebt sich dieBurg, ein Bauwerk von gewaltigen 
Dimensionen, umgeben von tiefen Gräben, die aus einer benachbarten Birke 
bewässert werden können. Diese Birke ist wohl eine der grössten des ganzen 
Orients; auf der einen Seite des Rechtecks misst sie nach Rey*) nicht 
weniger als 216 m. Der Grundriss der Burg ist ein unregelmässiges 
Parallelogramm, mit einem halbkreisförmigen Ausbau nach Süden 
hin. Eine aus sechs Bogen bestehende Brücke führt von Norden her 
über den Burggraben zu dem einzigen Eingangsthor. Die Wälle sind 
bastionartig gebaut und tragen lange arabische Inschriften. Das Kastell 
selbst besteht aus mehreren Etagen. Der ganze untere Teil ist kase- 
mattiert und stellt ein Labyrinth von Korridoren und Kammern dar, in das 
absteigende Gänge hineinführen. In demselben befindet sich auch eine 
Moschee, die in ihrer gegenwärtigen Gestalt wenig Interessantes bietet; 
allerdinj^s sind Spuren von Kalk und Erdanwurf deutlich sichtbar, wo- 
durch möglicherweise einiges Wertvolle verdeckt wird. Ueber der Thür 
steht eine fromme Inschrift. 

Den oberen Teil des Kastells, ich möchte sagen die Plattform, 
nimmt ein gewaltiges, halbkreisförmiges, teilweise noch mit schönen 
Säulen geziertes Theater-) ein. Am rechten Eingange zur Bühne haben 
die Eijubiden ein grosses Wafifenmagazin gebaut, auf dessen Thorbogen 
die folgende Inschrift sich vorfand: 

Nach dieser Inschrift ist das Gebäude errichtet von dem Eijubiden- 
sultan von Damaskus is Sälili Ismail Ibn il *Adil im Jahre 629 d. H. 
(1231/32 n. Chr.). Wie diese, so mögen die meisten anderen arabischen 
Inschriften des Kastells ebenfalls aus der Eijubidenzeit, und zwar aus dem 
13. Jahrhundert n. Chr., stammen. Die Burg, die einer grossen Anzahl 
von Soldaten Unterkunft gewähren könnte, beherbergte zu meiner Zeit nur 
etwa fünfzig Mann, deren Kommandant in einem der die Wälle flan- 
kierenden Türme wohnte. In nächster Nähe der Burg liegt der dürftige, 
aus einigen Läden bestehende heutige Bazar von Bo§rä; Spuren des 
alten ßazars sind noch heute vorhanden. 



M a. a, O. S. 186. 

* Verjrl. Vog^iie, Architect. Bd. I S. 40, PI. $. Rcy a. a. O. Atlas PI. 13. 



Kap. V, Bojrä Kski Schäm: Dag vflitgende Sohloas»,. 2OI 

Aus der Römerzeit stammen die sehr umfangreichen Ruinen des so- 
genannten »fliegenden Schlosses," arabisch Kasr tajarän j',;J* j-ai- 

das der Sage nach von Dschinncn ((ienien) hierher versetzt sein soll, 
seinen Namen aber vielleicht der Erinnerung an den Kaiser Trajanus 
verdankt. In die ReKierungszcit des Kaisers Trajan ist der eigentliche 
Aufbau der Stadt Hostra zu verlegen. Nova Trajana Kostra wurde der 
Name der neuen Kolonie und der Hauiitstadt der neu gegründeten Pro- 
vinz Arabia'). 










IJic ]'>inncnui^ an i\^n I'roplieten Muhammod \^ird geweckt durch 

drei Gebäude, die *S^\\ Namen des Manches üahira aj^ tragen: ein 

Haus, eine Kirche un<l ein Kloster. Als Muhanmicd auf einer Reise 
von Damaskus über Hosrä zurückkehrte, soll er hier den Nestoriancr 
liahira kennen gelernt haben, der ihm seine zukünftige Griisse weissagte. 
Der ganze Osten der Stadt wird von einem weitgedehnten I'ricdhof 
umschlos.scn , aus dem sich die bereits envähnte Mo^chee il Mabnik 



: V<:rKl, Moini 



. V. 4- - 



202 Kap. V. Bo^rä Eski Scham: Der Friedhof. 

^ jJl\ als vornehmstes Monument hervorhebt. Der Name il Mabrak (»Ort 

des Niederknieens«) wird auf den Chalifen *Otmän jUip zurückgeführt, der 

auf der Stelle eine Moschee zu bauen gelobt hatte, wo sein Kamel zuerst sich 
niederlassen würde. Im Jahre 1854 ist hier Prinz Mubammed, ein Sohn 
des Chediven *Abbäs I. von Egypten, bestattet worden. Ihm zu Ehren 
Hess der Chedive Sa'id Pascha die von den Wahhabiten zerstörte Kuppel 
der Moschee wieder aufbauen^). Der junge Prinz Mubammed war im Alter 
von drei Jahren den Ruala, einem Zweigstamme der 'Aneze, zur Erziehung 
übergeben worden, um bei ihnen die Reitkunst, die Kriegsführung und 
die Fähigkeit, Strapazen zu ertragen, zu erlernen. Der gegenwärtige 
Chedive, 'Abbäs II., dem ich später in Kairo von meiner Anwesenheit 
in Bosrä berichtete, sagte mir, dass Prinz Muhammed nicht der einzige 
seiner V^erwandten sei, dem die Beduinen Lehrmeister geworden. Auch 
sei eine der Prinzessinnen seines Hauses die Tochter eines Beduinen- 
schechs gewesen; manchmal habe sie sich auf dem Dache ihres Palastes 
ein Zelt aufrichten lassen, um der Zeit zu gedenken, in der sie mit ihrem 
Stamme in der Wüste weilte. 

Bosrä ist noch heute eine strategisch wichtige Stadt und hat an 
Bedeutung noch gewonnen durch den Bau der Bahn nach Muzerib und 
die dadurch erhöhte Wichtigkeit des Jahrmarktes von Muzerib, welchen 

Bo§rä gegen den Andrang der Beduinen des Hamäd ^{jt- zu schützen 

bestimmt ist. Muzerib, das auch eine der Hauptstationen des Hagg ist, 
wird an den Markttagen vom ganzen Haurän, vom südlichen Hamäd, von 
Bardäd und selbst von Negd aufgesucht, um Pferde und Vieh, auch 
wohl die geraubten Gegenstände zu verhandeln und Waffen, Zelttücher, 
Matten, Kleiderstoffe und Erzeugnisse des Westens dafür einzutauschen. 
Von Bo?rä aus wandten wir uns ostwärts, um auf der alten Römer- 
strasse nach Salchad JbtJL» zu reiten. Nachdem wir eine rechts 
vom Wege liegende grosse Stadtruine, Burd ^j, passiert hatten, 
kreuzten wir einen von Süden her nach der nördlich gelegenen be- 

*} Auf dem Grabstein stehen zwei arabische Verse, die in der Uebersetzung von 
Wetzstein (a. a. O. S. 72) wie folj^t lauten: 

Der Taj^ hat sich geneig^t, ich bin als Gast 
Im reichen Hause Gottes angekommen, 
Und Gäste sind ja freundlich überall 
Vom Gasttreund und mit Ehren aufgenommen. 

Kann durch den Eintritt in die König^sburg 
Ein Fehlender Verzeihung schon erlangen, 
Wie dürfte dann nicht hoffen, wer ins Haus 
Des allbarmherz'gen Gottes eingegangen? 



Kap. V. Salchad. — Schech Mabammed 11 Aptsch. 20^ 

deutenden Drusenstadt il Kreje 4»^'l fuhrenden Weg, dann sahen 

wir den noch nicht wieder bevölkerten Ort il Munecjara 2jla.Il\. Von da 

ab stieg die schnurgerade Römerstrasse sehr steil nach Salchad hinan, 
dessen Bergschloss ich schon von dem Minaret des Der il Muslim zu 

Bo§rä erblickt hatte. Unterwegs war im Norden der Kuleb ,_ 1^ 

{>Herzchen' )^j, der Haupt\'ulkan des Haurän, mehrfach erkennbar. 

Wir wurden in Salchad in der herzlichsten Weise aufgenommen. 
Der Schech Mubammed il Atrasch, ein Bruder Ibrahims und gleich 
diesem ein vornehm ausschauender, weissbärtiger Mann, führte uns bald 
aus der offiziellen EmpfangshaUe in das Innere seines Hauses, wo wir 
mit ihm speisen mussten; er zeigte uns nach der Mahlzeit sein Haus 
bis in die kleinsten Details und stellte uns sogar seine junge, schöne 
und stolze Frau vor, die Mutter seines etwa sieben Jahre alten Lieblings- 
sohnes. Die Empfangshalle befand sich innerhalb eines Hofes, durch ein 
zweites Thor gelangte man in den schön gepflasterten Innenhof, wo die 
aus mehreren Stockwerken bestehenden Wohngebäude lagen. Mubammed 
hatte vor kurzer Zeit einige Zimmer durch einen Damascener Künstler 
mit geschnitzten Holzbänken versehen und die Wände weiss kalken und 
stellenweise bunt übertünchen lassen. 

Salchad ist am Südostabhange des Burghügcls aufgebaut: zu Füssen 
der nicht sehr ausgedehnten Stadt liegt das mächtige eingemauerte Wasser- 
reser\'oir. Grosse, steinerne Tröge dienen zum Tränken der Tiere. Das 
Wasser der Birke war von dunkler Färbung und unangenehm bituminösem 
Geschmack. In einzelnen Häusern befinden sich seit alter Zeit künstliche 
Cistemen, die aber noch schlechteres War»ser als die Birke liefern. Nur 
der Schech lässt jeden Tag seinen Bedarf von der mehrere Kilometer 
nördlich gelegenen, durch ein vorzügliches Wasser sich auszeichnenden Birke 

holen, einer Stelle, die den Namen 'Ijün j^, d. h. Brunnen, Quellen, fuhrt. 

Die Burg von Salchad ist auf der .Spitze eines steilen, vulkanischen 
Kegels errichtet; mitten in dem runden Kastell befindet sich eine ein-tmais 
tiefe Birke, die auf dem Kratergrund aufgemauert ist. Durch eine hohe 
Bogenbrücke gelangt man zum Eingangr.lhor. an dem noch heute 
römische Adler sichtbar sind. Dann fuhrt ein tunnelamger Durchgang 
in das Innere der P'c-lung. deren Hofe zumeist mit glatten, viereckigen, 
grossen Steinen gq^flastert ^ino. Eine Anzahl von Gangen und Zimmer- 

weise 'iebtl Klt'.j c:»: NuTj.tLi-'^'rz^-'-hi.'jLt^ r.'.r.::4f::t.-t»:i]:. 'i:s i-is drihiL '»er-tl Ktlr- ^t- 
heiss^D habe. w«i^ H-:jd«::-»*:rg. :/*: -*r-:r iuHai: -^HtTz'iftrg' . «o :*i i:e» eiri Imswi. >cbcia 
Wetzsieia i's. a. O. .S. 2S .'itt Cit Y'^nri KtV:* aut-drücküch vemncilL :iiii s^ocät Sfetr*n 
(a. a. O. Bd. J y>. 1041 b'/r.iriot o^re:ti CtJtb el Hacr^n Debea el Kalb. 



204 



Kap. V. äakhad: Die Buri^. 



sind noch deutlich erkennbar; ebenso mehrere kleine Wasser- 
reservoirs. Die Aussicht von der Spitze der Trümmer ist prachtvoll; 
man überschaut das Innere der Burg und die bis auf den Grund der 
Birke führenden Treppen, im Norden ragen die zerklüfteten Berge des 
Haurän empor, im Westen dehnt sich die weite, helle Nukra, im Süden 
und Osten erblickt man kleine Bergkegel und das Lavameer der Aus- 
läufer des Vulkangebirges und der Steinwüste Harra; rings, soweit 
das Auge reicht, gewahrt es fast auf jeder Bodenerhebung Burgen, 
Dörfer und Städte. 




In dem Kastell von Salchad fand ich eine grosse Menge arabischer 
Inschriften in Kursiv, von denen ich die folgenden, welche den Ausbau 
der Burg betreffen, hier wiedergebe: 

>i ^Vl ^jUl ■^J^ lÜA J.JL»i ^\ 



Kap. V. Inschriften an der Burg von Salchad. 20^ 

»Befohlen hat diesen gesegneten Turm zu restaurieren der Emir 
Fachr id Din il Meleki in den Tagen des Melik il *Ädil [Abu Bekr ihn] 
Eijüb« (reg. 592 — 615 d. H. = 1196 — 1218 n. Chr.). 

An einem Portale stand: 

a\ ^V\ iJjUi r-jJi lA* öU ^\ 

— 

x« Dieser gesegnete Turm ist errichtet worden auf Befehl des Emir 
Ihn Ruwäba in den Tagen des Melik il *Ädil Sef id-Din Abu Bekr ibn 
Eijüb im Jahre 601.« 

An der südlichen Aussenseite der Wallmauer: 



• • •• 



A»\c^^J ^jfVAi j\^ ju-w Al-*> 

J I Jp JU *»\ Jl j^\ J^\ lyy 



I 

»Im Namen Gottes des Allbarmherzigen wurde dieses gesegnete 
Kastell erbaut auf Befehl unseres Herrn, des Sultans, des Weisen, That- 
kräftigen, welcher den heiligen Krieg führt . . ., des Siegreichen, des 
Eroberers, il Malik iij Sälili Fachr id Dunjä wa *d Dm Eijüb ibn Hamdän 
ibn Abu Bekr ibn Eijub, Stellvertreters des Beherrschers der Gläubigen 
am sechsten Tage des Monats (rumädä I im Jahre sechshundert und sieben 




2o6 Kap. V. Geschichte Salchadi . 

und vierzig, unter der Statthalterschaft des armen Knechtes vor Gott 
dem Allerhöchsten, 'Ali, Sohn des Imäm Aljmed, Sohn des Sälih in 
Nag^ibäni (Xa^rrmi?) i§ Sälibi.« 

Diese Inschrift befand sich, in den Wallquadern schön eingemeisselt, 
nicht weit von einer jetzt eingestürzten Brücke, die über den Burggraben 
geführt hat. Unter dem den Wall umgebenden Schutt dürften noch 
weitere Inschriften begraben sein. 

Die Geschichte der Stadt scheint bis auf die ältesten Zeiten zurück- 
zugehen. Es wird angenommen*), dass Salchad das im Alten Testament 
mehrfach als Grenzstadt Basans genannte Salcha sei. Die grösste Zahl 
der Häuser stammt jedenfalls aus der Rassaniden-Zeit. Römische Adler 
mit ausgebreiteten Schwingen finden sich, wie erwähnt, mehrfach auf 
Steinen der Burgruinen eingemeisselt Den persischen Löwen, welchen Lady 
Anne Blunt*) auf der Burg gefunden hat, erinnere ich mich nicht gesehen 
zu haben. Unter den sarazenischen Fürsten ist die Burg jedenfalls zu einer 
starken Festung umgebaut worden, und auch sonst mag manches für die 
Stadt geschehen sein, wie das schon von dem Mamlukensultan *Izz id Din 

Eibek itX^\ ^jM 's- im Jahre 603 (?) der Hig;ra (1225 n. Chr.) gebaute 

Minaret der grossen Moschee im Innern der Stadt beweist, welches 
folgende Inschrift trägt: 






»Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, mit der Erlaubnis 
Gottes hat befohlen zu errichten (diesen Bau) der gottesbedürftige 
*Izz id Din Eibek, Sohn des Melik il Mu'azzam *Isä, Sohn des Abu Bekr 
in dem Jahre 603, möge Gott es ihm vergelten und ihn belohnen, unter 
der Statthalterschaft seines Mamluken Man§ür.€ 

Die Inschrift war in Kursiv auf einem weissen Marmorstreifen an- 
gebracht, der rund um den achteckigen Turm lief, und zwar in so be- 



^] Verii^l. Guthe, Dr. A. Stübels Reise nach der Diret et Tnlul und llauran 1S82, in der 
Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins, Jahrgang 1S90, Bd. XII, Heft 4, S. 236. 
^ VergL Blunt, Pilgrimajje to Nejd, Bd. I. S. 55. 



Kap. V. Gescbichle SiUchads. 



20; 



trächtlicher Höhe, dass sie schwer und nur mit Hilfe eines Fernglases 
zu entziffern war. Wetzstein') hat als Jahreszahl 630, anstatt 603, herau.s- 
gelesen. Jedenfalls aber ist die Angabe Burckhardts '), nach der das 
Minaret zu seiner Zeit erst zweihundert Jahre alt gewesen .sei, unrichtig. 
Burckhardt^) hat in dem Hofe der Moschee einen Stein mit einer cin- 
gemeisseiten Lilie gefunden und Wetzstein*) in einem grossen Saale neben 
der Moschee Spitzbogen^). Hieraus .sowie auf Grund eines von Dmäri 
verfassten historischen , vielbän- 
digen, arabischen Romans, der in 
jener Zeit spielt, glaubt Wetzstein 
die Annahme rechtfertigen zu 
können, daas die Kreuzfahrer eine 
Zeit lang Herren in Salchad ge- 
wesen seien, wiewohl selbst die 
europäische Chronik bisher das 
Gegenteil hat gelten lassen. Viel- 
leicht ist jedoch die Lilie, welche 
sich bereits auf assyrischen Bild- 
werken vorzufinden scheint, ein 
schon zur Rassaniden ■ Zeit ge- 
brauchtes Ornament gewesen. 

Burckhardt fand Salchad gänz- 
lich unbewohnt; fünfzehn Jahre 
zuvor sollen jedoch nach seiner 
Angabe einige christliche und 
muhammedanische Familien dort 
gelebt haben. Wetzstein *) traf 
wieder einige christliche und dru- Minarei in Salchad. 

sische FamiUen an, die sich aber 

gerade zum Verlassen der Stadt anschickten, und die Blunts, welche sie 
im Jahre 1878 besuchten, erwähnen ihre Wiederbevölkerung durch Drusen. 
Diese Angaben sind charakteristisch für das Fluktuieren der Bevölkerung 
im Haurän. Ich selbst fand neben einer starken Drusenniederlassung 
noch einige wenige christliche Familien, 

Die erwähnte Römerstrasse, welche Salchad mit Bosrä verbindet, 
setzt sich von Salchad aus in südöstlicher Richtung fort und soll 




a. O. S. 70. 



) Spillbogen kannte die ambiäche oder vielmehr mohammedanische Kunst oncb. 
1 a. a. O. S. 66. 



208 Kap. V. Römerstrassen. 

nach einer jedenfalls übertreibenden Ueberlieferung früher bis zum 
Persischen Meer geführt haben. Allerdings haben die Blunts diese Strasse 
mehrere Tagereisen südöstlich von hier gekreuzt, aber es ist doch wahr- 
scheinlich, dass sie sich in der bis auf unsere Tage erhaltenen VortrefTlichkeit 
nur bis zu den letzten damals bewohnten, bisher unbekannt gebliebenen 
Städten des Vulkangebietes erstreckt hat. Nachdem die Strasse einmal 
den Rand der Harra erreicht hatte, bedurfte es keines Kunstweges mehr, 
höchstens waren in der Wüstensteppe Marksteine zur Angabe der 
Richtungen erforderlich. Zur Glanzzeit Palmyras wird dieses Handels- 
emporium in der Wüste mit den östlichen Endpunkten der durch das 
Gebiet der Rassaniden gehenden Römerstrassen verbunden gewesen 
sein. Nach dem Sturze von Palmyra soll allerdings von Bo.srä aus ein 
viel benutzter Karawanenweg nach dem nördlichsten Zipfel des Persischen 
Golfes gegangen sein*) und diese Thatsache wird zu der Sage Veranlassung 
gegeben haben, dass die Römerstrassc sich von Salchad bis zur Mündung 
des Schatt el *Arab fortgresetzt habe. Eine weitere Römerstrasse verband 

Salchad mit Maläh r-^^^ und Der in Na.sräni ^^^aÜ^ j^ (^Christen- 

kloster«). Graham hat sie benutzt, und nach seiner Annahme ging der Weg 

bis Nemära dju , von wo aus Wetzstein^) die Spuren einer Römerstrasse 

nach Schakkä, Graham'') die einer solchen in der Richtung nach Palmyra 
verfolgt hat; von Nemära führte eine weitere Römerstrasse nordwärts 
nach der Ruhbe. 

Ein Wallfahrtsort in der Nähe von Salchad trägt den Namen il 

Chidr j\^2^y d. h. heiliger Georg, übrigens nicht die einzige Stätte, 



welche die Erinnerung an den Heiligen bewahrt; bis nach Mesopotamien 
hinein finden sich Lokalitäten, deren Namen mit dem Chidr in Ver- 
bindung gebracht sind und die gleicherweise von Christen wie von 
Muhammedanern verehrt werden. Die Namen Eijüb = Hiob, Müsä 
= Moses, Elischä' = Elias (EHsa.^), *Isä = Jesus kehren ebenfalls in 
diesen Gegenden häufig wieder, und zwar vornehmlich für Hügel, auf denen 
irgend ein Heiligtum, meist in der bekannten Kubbe-Form, errichtet ist. 
Die Bemerkung, welche die Blunts gelegentlich der Beschreibung 
ihres Besuches von Salchad machen zu sollen glauben, dass die Land- 
schaft einen um so blühenderen Charakter aufweise, je weiter man sich 
von dem Sitz der türkischen Verwaltung entfernte, ist, soweit ich die 




^) Verijl. ;iuch Graham a. a. O. S. 255; ferner Sprenßfcr, die alte Geographie Arabiens» 
Bern 1875, S. 151, sowie Kap. VI II dieses Werkes S. 301. 
• a. a. ( ). S. 35 ; S. 68 Anin, und S. 73. 
*■ a, a. O. S. 250, 255. 



Kap. V, Aufbrach von Salchad. 20Q 

türkischen Provinzen Asiens durchreist habe, nicht mehr zutreffend. Im 
Gegenteil habe ich in den Gegenden, in welchen die Türken in der 
letzten Zeit sich festgesetzt haben und die dadurch von dem Druck der 
nomadisierenden Beduinen befreit wurden, einen entschiedenen Fortschritt 
zu geordneten Verhältnissen und eine Zunahme der Anbaufläche gefunden. 
Von Salchad an begleiteten uns mehrere Leute des Mubammed il 

Atrasch, (J^J^ii^ ^ ^ darunter ein als Kriegsheld berühmter, d. h. be- 
rüchtigter Druse, der sich oft wochenlang von seinem Wohnsitz entfernte, 
um nach Beduinenart mit einigen Genossen oder auch in V^erbindung mit 

den Zubed JU j, den gleich östlich von Salchad hausenden Berg- oder 

••• 

Harra-Beduinen, Razu j'j^ (Raubzüge) auszuführen. Den Erlös aus seiner 

Beute teilte er mit seinem Lehnsherrn il Atrasch, seinen Anteil verwandte 
er, um seiner bildhübschen jungen Frau, die er mit Stolz zeigte, Silber- 
schmuck und schöne Kleider zu kaufen. 

Meine Abreise von Salchad brachte mir noch Unannehmlich- 
keiten, die allen denen zu widerfahren pflegen, die mit arabischer 
Dienerschaft reisen. Ich hatte Befehl gegeben, dass die Karawane 
morgens früh, während ich die Burg besuchte, nach Sali abmar- 
schieren sollte; trotzdem fand ich meine Zelte nachmittags noch auf- 
geschlagen. Ein Streit meiner Diener, der in eine Messerstecherei aus- 
zuarten drohte und erst durch meine Dazwischenkunft geschlichtet wurde, war 
die Ursache der Verzögerung. Obgleich nun Sali für einzelne Reiter in vier 
.starken Stunden, für eine Karawane bei dem steinigen, holprigen Wege in 
.sieben bis acht Stunden zu erreichen ist, lie.ss ich trotz der vorgeschrittenen 
Zeit die Zelte abbrechen, die Tiere beladen und die Karawane abrücken; 
ich selbst ritt vorauf, da ich wusste, dass ich für die Nacht im Hause 
des Drusen.schechs in Sali Unterkunft finden würde. Muliammed il 
Atrasch, auf den ich mich vollständig verlassen konnte, versprach, durch 
seine Leute die Lastkamele sicher geleiten zu lassen; allerdings war die 
Gefahr, dass ein oder das andere Tier abstürzte, nicht au.sgeschlossen. 
Indess kam die Karawane ohne Unfall um drei Uhr nachts in Sali an. Der 
Marsch ging in nordöstlicher Richtung durch die überaus pittoreske, 
vulkanische Landschaft. Wir fanden im Gegensatz zu Graham^), der 
im Frühjahr hier durchzog und die Gegend mit ihren vielen kleinen 
Wa.sserläufen in üppigem Grün prangen sah, nur wenig Vegetation und 
die Bäche sämtlich versiegt. Die von Graham erwähnten Eichenwälder sowie 

der >Mandelbaumhügel« Teil il Lauz j^l t müssen mehr westlich liegen. 
^) a. a. O. s. 245. 

Frhr. v. Oppenkeim, Vom Minelmeer cum Persischen Golf. 14 



2IO Kap. V. Sali. — Schech Mubummed Na^^ör. 

Sali ^ uw^) war zur Zeit meiner Anwesenheit, wenn auch nicht die grösste, 
so doch die wichtigste Stadt im ganzen östlichen Haurän, weil daselbst der 
höchst einflussreiche Drusenschcch Mubammed Effendi Nassär ^Xil 

jUoj lebte. Als Wohnung diente ihm ein starker Rassanidenbau ; ein 

grosser, von riesigen Mittelsäulen gestützter, überdachter Raum bildete 
die Empfangshalle, an deren Wänden breite, gemauerte Bänke hinliefen, 
die mit Matten und kostbaren persischen Teppichen bedeckt waren. 
Thüren und Fensterläden bestanden auch hier schon aus Holz. Schech 
Mubammed Na.ssär empfing uns auf das AUerherzlichste, obgleich er 
auf so späten Besuch gewiss nicht vorbereitet war, zumal nicht eines 
Fluropäers; waren doch vor mir nur Graham, Wetzstein und Stübel in 
Sali gewesen. Uns wurde bald ein treffliches Mahl vorgesetzt und zum 
Nachtlager Matratzen und Kissen auf die Bänke der Halle gelegt. Wir 
fanden in Schech Mubammed Nassär einen aufgeklärten und zum Fort- 
schritt neigenden Mann; in seinem Dorfe hatte er einen aus Damaskus 
gekommenen muhammedanischen Schullehrcr zum Unterricht der Kinder 
angestellt. 

In der Nähe der besten der vorzüglichen Quellen, durch die Sali 
ausgezeichnet ist, wurde unser Lager aufgeschlagen. Das Wasser wird 
wenige Minuten von dem Orte in grossen Steintrögen aufgefangen. In 
der Nachbarschaft befinden sich weite, fruchtbare Felder, von denen 
manche mit Bäumen bepflanzt sind. Allabendlich sahen wir die Feuer 
der in der Nähe übersommerndcn Beduinen. 

Sali birgt noch zahlreiche sabäische Ruinen, die ich jedoch nur 
zum kleinen Teil bewohnt fand. Immerhin dürfte die Einwohnerzahl 
bereits mehrere hundert Seelen betragen, darunter einige wenige christ- 
liche Familien, welche aus ältester Zeit hier ansässig *^ein dürften ; auch 
ein christlicher Kaufmann aus Damaskus hatte sich in Sali niedergelassen. 
Interessant sind einige Baureste, die wenige Minuten südlich und süd- 
östlich von der Stadt liegen, bis jetzt aber von keinem Reisenden erwähnt 
sind; meiner Ansicht nach stammen sie von einer ausgedehnten Nekro- 
polis her. Dafür spricht der Umstand, dass beim Aufheben der Stein- 
blöcke vielfach Menschcnschädel und -knochen gefunden werden, die 

*) Der Name der !^tadt Sali ist in Büchern und Karten verschieden geschrieben. 
Hurckhardl (.S. 93 schreibt Zaele, Hurlon .Bd. II, .S. 177) .Sailuh, (iraham 'S. 244) 
.Sali, Porter SAleh, Wetzstein S. So] Sähi und Kiepert auf seiner Karle ebenfalls Said. 
Die gewöhnliche Aussprache ist jedenfalls .Sali mit tieni Acccnt auf der er^^ten Silbe. Ich 
bemerke dies darum, weil es mir thatsächlich schwer geworden war, durch meine der Schreib- 
weise der Bücher nachj^eformte .Aussprache mich im Lande verständlich zu machen unil 
Über die geographische Lage von .Sali Bestimmtes zu erfahren. 



Kap. V. Die Nekropole toh Sali. 2II 

blendend weiss gebleicht und teilweise fast schon zu Staud zerfallen 
sind. Die Dorfbewohner erklarten, dass diese Knochen »seit Urzeiten« 
dort lägen und dass sie selber ihre Toten anderwärts begrüben ; über die 
Bestimmung der eigenartigen Baurestc vermochten sie jedoch keine Auskunft 
zu geben. Deutlich erkennbar waren Fundamente und die unteren Teile von 
viereckigen, etwa 6 — 7 m in den Seitenlinien haltenden Mauern. Die Mauern 




.Sthech Mubammed Nnjfiir. 

umschlo.ssen einen Innenraum, der wiedi-rum durch leichtere Wände in 
mehrere, meist acht, kleinere Kammern geteilt war, und zwar so, dass 
die Kammern gleich massige Dreiecke bildeten, deren Spitzen mit dem 
Mittelpunkt des Vierecks zusammenfielen. Diese Spitzen aber waren 
durch je zwei Steine abgestumpft, zwi.schcn denen von dem innersten 
Achteck Eingänge zu den Kammern führten. Die Kauten hatten nur 
einen einzigen Eingang, in nächster Kähe einer der Ecken des Vier- 
kants. Das Material waren behauene Quadersteine oder grob zurecht- 



212 Kap. V. Die Nekropolc von Sali. 

gehauene Blöcke; weitere Steine lagen in der Nähe der Ruinenstätte auf- 
gehäuft, so dass auf eine frühere turmartige Form dieser Bauten geschlossen 
werden kann. Die Begräbnistürme waren ziemUch zahlreich, aber immer 
nur wenig über der Erdoberfläche noch erhalten. Vielleicht lässt sich 
eine gewisse Veru'andtschaft mit den von Perrot-Chipiez*) beschriebenen 
Bauten in Sardinien, den runden Nurhagen, behaupten. Eine Unter- 
suchung von Schädeln aus diesem Totenfelde würde vielleicht zu anthropo- 
logisch und historisch wertvollen Schlüssen führen. Ich selbst musste 
leider darauf verzichten, weil ich die Empfindlichkeit meiner Gastfreunde, 
von denen die Ausführung meiner Reise in die Harra abhing, nicht 
verletzen wollte. 



*) Perrot-Chipiez, Histoire de l'art de I'antiqaitef Bd. IV, S. 22 ft. 



y^^ 



VI. KAPITEL. 



Harra und Safa. 



Europäische Forschungsreisende in der Rubbe. — Die Riat. — Aufbruch von Sali. — 
Sa*ne. — Der Kintritt in die Hurra. — Die Wasserstelle il Hufne. — Die Sieb. — Ein 

• • • 

Zwischenfall. — Ein Zusaininenstoss mit den Riat. — Friedliche Lösung. — Nemära. — 
Schech Serä!|^. — Die Ru^be. — Im Zeltlajjer der Riät. — Die Besteigung der Safäberge. 
— Die Chuschbe. — Tulül is Safä. — Die Zuneta'a. — Niedcrlassung^en auf der Safä. — 
Flora und Fauna. — K*?' ^^ Abja4. — Schlechte Gastfreunde. — Neue Schwierigkeiten. — 
Der Aufbruch aus der Ru^be. — Der Bir Umm Räbil. — Der ftcbel Ses und seine 

Ruinen. — Der östliche Trachon. — Ankunft in Dumer. 



Nur viermal war es bis zum Jahre 1893 Europäern gelungen, in die 
Harra einzudringen und die Ruljbc zu erreichen. Zuerst dem Engländer 
Cyrill C. Graham, der im Spätherbst 1857, ^^^^ Damaskus kommend, 
von Westen her die Safäberge umritt und nach verschiedenen Touren in 
der nordöstlichsten Harra diese von Nemära aus auf westnordwestlichem 
Wege in der Richtung nach Schal>ka verliess. Ueber die Ergebnisse 
dieser Expedition sowie seiner grösseren Hauränreise hielt Graham 
leider nur einen einzigen Vortrag, der in der Zeitschrift der Londoner 
Geographischen Gesellschaft^) abgedruckt ist. 

Der zweite Europäer, der — ohne von der Reise Grahams gcwusst 
oder dessen Resultate gekannt zu haben — im Frühling 1858 die Harra 
besuchte, war der Arabist Dr. J. G. Wetzstein, damals preussischer Konsul 
in Damaskus und durch seine langjährige Thätigkeit auf das Innigste mit 
Land und Leuten vertraut. Die Reise war gründlich vorbereitet und 
lieferte ausserordentlich wertvolle Ergebnisse, insbesondere -wahllose In- 
schriften aus der Harra und dem Haurän. Der ausführliche Reisebericht 
erschien in der Zeitschrift für allgemeine Erdkunde und wurde nebst 

*) The Journal of the Royal Geographical Society, Vol. 28, London, 1858, S. 226 AT. 
ExploratioDS in the Desert East of the Hauran, and in the ancient Land of Bashan. Ry 
Cyrill C Graham Esq. F. R, G. S. 



214 Kap. VL Europäische Korse hungsreisende in der Harra. 

einem Anhang und ausfuhrlicher Karte als besondere Abhandlung^) 
herausgegeben. Das Werk ist noch heute von grossem Wert fiir 
unsere Kenntnis jener Gebiete und seiner Bewohner. Wetzstein betrat 
die Harra von den Wiesenseen bei Damaskus aus, folgte dem Lobf, dem 

Rande der DiretitTulül J>u\ ij^, besuchte den Krater von Rig;m il Marä 

Jl^l jVf" J und durchzog die Rubbe, von wo aus er die Safäberge bestieg, 

was bis zu meiner Anwesenheit in der Ruhbe kein Europäer ausser ihm 
unternommen hatte. Er machte Ausflüge nach el Rarz und Knese, ging 
nach Nemära und vcrliess die Harra auf nahezu demselben Wege wie 
Graham, in der Richtung auf Schakka. 

Im Jahre 1862 machten die beiden Franzosen, Graf de Vogüe und 
der nachmalige Botschafter in London W. H. Waddington einen Ausflug 
von Schakka aus nach dem Gcbel Ses und Xemiira, und zwar in der 
Weise, dass unter Umgehung der Safäberge abermals der direkte Weg 
Schakka-Ncniära benutzt wurde. Von dieser Expedition liegen aus- 
gezeichnete Abbildungen und Abdrücke von Inschriften in besonderer 
Publikation*'^) vor. 

Der letzte Besucher der Harra vor mir war Dr. Stübel, welcher 
namentlich geologische Untersuchungen vornahm, und von dessen Ex- 
pedition eine Karte nebst ausführlichem Ortsverzeichnis in der Zeitschrift 
des Deutschen Palast ina- Vereins '\) veröftcntlicht wurde. So gut diese Karte 
für den Hauran selbst ist, so waren doch bezüglich der Harra Irrtümer in 
der Zeichnung unvermeidlich, da ein grosser Teil der Darstellungen nicht 
auf eigener Beobachtung, sondern auf Erkundigungen basiert ist, die 
Dr. Stübel oder seine Vorgänger eingeholt hatten. Stübel war von 
pumer aus nach Umm in Niran und dann nach dem Ciebel Ses ge- 
gangen. Der Rückmarsch nach den Wiesenseen wurde im Norden der 
Safä auf der Wetzstein'schen Route ausgeführt"*). 

Der Versuch, in die Harra einzudringen und nach der Ruhbe zu 
gelangen, ist noch mehrfach von anderen gemacht worden, jedoch mit 
weniger Glück. Ich erwähne nur den bekannten Mekkapilger Burton, 



*' Reisebericht über Haur.m uml die Trachoncii nebst .Vnhuiij,'. Von Dr. Johann 
Gottfried Wetzstein. Herlin, iSöo. 

^ Voj^üe, .Syne Centr;ile, Architccture civjle el rcligieuse du j)rcmier au septi^me 
Siecle. Paris 1S65 — 1877. Derselbe, Inscriplions seinitinues, Paris iSoS - 1877. Waddington, 
Inscriptions |T7ec«|ues et latines de la Syrie, Paris 1870. 

^ Hd. KU, LoipziLT 1SS9, S. 235 tV. Ucber seine ijeulotrische Arbeit ver^jl. Kap. III 
dieses Werkes S. 90 f. 

*] Nach mir ist es unserem Landsmann Herrn H. Hurchardt j^elnnsren, auf ungefähr 
demselben Wege wie Wetzstein die Rubbe zu erreichen und «gleichfalls die Safäberge zu 
besteiii^en. Ihm verdanke ich insbesondere die Abbildun;^en vom Weissen Schloss und der Safä. 



Kap. VI. Die «Orbän il Öebel. 21$ 

welcher nach seiner eigenen Angabe im Südwesten der Safaberge von 
Riät, wahrscheinlich wohl von Schtäje beschossen^) wurde. Sein Be- 
gleiter wurde schwer verwundet und musste umkehren. Obgleich Burton 
englischer Konsul in Damaskus war, konnte er eine Bestrafung der An- 
greifer bei der türkischen Behörde nicht durchsetzen. Im Winter 1871 
reiste er dann von Schal^ka aus am Ostabhang des Nord-Haurän entlang 
nach Umm in Nirän und Dumer, ohne die eigentliche Harra betreten zu 
haben. Die Safävulkane und die Ruinen am Fusse derselben waren 
bis zu Anfang dieses Jahrhunderts für Europa vollständig unbekannt. 
Die erste Nachricht davon gab Burckhardt*) auf Grund von Erkundigungen 
bei Beduinen. 

Alle meine Vorgänger in der Harra halten den nördlichen Teil 
dieser Steinwüste in nächster Nähe der Safaberge besucht. Keiner war 
in südlicher Richtung über die Linie Schakka-Nemära hinausgekommen. 
Wetzstein^) bezeichnete ausdrücklich das südlich gelegene Terrain als 
vollständig unpassierbar. Meine Absicht war, gerade diesen Teil der 
Harra zu untersuchen und den Versuch zu machen, vom Süden aus die 
Ruhbe zu erreichen. Thatsächlich gab es auch von Sali bezw. Sa*ne aus 
südlich der von Wetzstein begangenen Route einen Weg nach Nemära 
und der Rul;ibe. 

Neben den grossen Schwierigkeiten, welche die Terrainverhältnisse 
einem Eindringen in die Harra und die Ruhbe entgegensetzen, ist die 
Gefahr, welche dem Reisenden von Seiten der dort hausenden Beduinen 
droht, in Anschlag zu bringen. In der Ruhbe selbst und in den stein- 
freien Stellen der nördlichen Harra leben die Riät sI^Lp und die ihnen 

verwandten Schtäje, westlich von ihnen vereinzelte kleinere Gruppen, im 
Südwesten der Harra, östlich von Salchad, der starke Stamm der Zubcd. 
Alle diese werden unter dem Namen Bergbeduinen, *Orbän il Gebel 

Li-1 jl^j zusammengefasst*). Steuern zahlen die Bergbeduinen nicht, 

sie sind durch ihre Raubsucht berüchtigt und liegen mit der türkischen 
Regierung und untereinander in fast ununterbrochener Fehde. Insbesondere 



*) Vergl. Richard F. Burton and Charles F. Tyrwhitt Drakc, Uncxplorcd Syria, London, 
1872. Vol. I S. 154. 

*) Travels in Syria and the Holy I^and, by the late John Lewis Burckhardt. London, 
1872, S. 92. 

») a. a. O. S. 68. 

*) Unter dem hier üblichen Saniinelbejjriff Berijbeduinon werden noch andere Stämme 
verstanden, so mehrere (Iruppen, welche im Winter am Nordwestrande des östlichen Trachon 
hausen, die Sulüt- Beduinen der Lc^a, kleine, stets im Hauränge birii^e selbst verbleibende 
Stammesteile u. a. 



2l6 Kap. VI. Die Riät. 

liegt zwischen den Riät und den türkischen Soldaten »Blut«, wie der 
Volksmund sagt: Die Beduinen rächen ihre im Kampf mit den Gendarmerie- 
truppen gefallenen Brüder nach den Satzungen der Blutrache, wann und 
wo sich immer einer ihrer Erbfeinde sehen lässt, und die Soldaten zahlen 
ihnen mit gleicher Münze heim — es sei denn, dass der Riäti sich unter 
dem direkten Schutz eines Freundes der Regierung befinde. Der Auf- 
enthalt in der Harra und in der Rubbe ist den *Orbän il öebel nur so 
lange möglich, wie die Sommerhitze nicht die Wasserstellen ausgetrocknet 
hat und sie Futter für ihre Herden finden. Sobald die Quellen und 
Wasserreservoirs versiegen, suchen die Beduinen an den Abhängen des 
Haurän und an den Wiesenseen andere Wohnsitze und Weideplätze. 
Die Riät kampieren während des Sommers im Ost-Haurän, und zwar in 
der Nachbarschaft von Sali, und sie müssen deshalb notgedrungen mit 
den dortigen Drusen Frieden halten, die ürigens kräftig genug sind, sich 
bei den Wüstensöhnen Respekt zu verschaffen 

Die X)rusen sind dann mit Getreide, Waffen und dergl. Käufer für 
alles das, was die Riät im Laufe des Jahres zusammengeraubt haben — 
so stammte auch ein prächtiger Teppich, den ich in Nas«;ärs Empfangs- 
halle bewundert hatte, von einem Raubzug der Riät. Noch weitere 
Interessengemeinschaften führen ein Einvernehmen zwischen Drusen und 
Riät herbei. Im Winter halten beide Stämme gemeinschaftlich die kleineren 
*Orbän il Gebel im Zaum, ausserdem stehen die Drusen den Riät gegen 
die mächtigen *Aneze bei. Schliesslich haben Drusen und Riät auch noch 
einen gemeinschaftlichen Lokalheiligen, den Schech Scräk, dessen Grabmal 
am Eingange der Ruhbe liegt. Der türkischen Regierung ist dieses 
Freundschaftsverhältnis sehr wohl bekannt, und sie weiss, dass die Drusen 
ihr keinen Riäti ausliefern würden; auch bei den letzten Aufständen der 
Haurändrusen haben die Riät ihnen die Treue bewahrt und Tausenden 
von P'lüchtlingen Aufnahme in der Ruhbe gewährt. In Zeiten der Gefahr 
bieten den Riät die Lavafelscn der Safäbergc Schlupfwinkel, in die ihnen 
kein Feind zu folgen vermag. Alle Versuche, ihrem räuberischen Treiben 
ein Ende zu machen, sind bisher gescheitert, und mit Stolz erzählten 
sie mir, wie noch vor wenigen Jahren zur Zeit Midhat Paschas der 
schneidige Militärkommandant von Damaskus, Fczi Pascha, der mit einem 
Heere von loooo Mann sie unter das türkische Joch hätte zwingen wollen, 
nach ungeheuren Verlusten an Menschen und Tieren gezwungen worden wäre, 
unverrichteter Dinge heimzukehren. Erst in letzter Zeit ist es ejelungen, die 
Postreiter zwischen Dumer und Bardäd gegen die Angriffe der Riät zu 
schützen, indem man einen ihrer Schechs, den ich später kennen lernte, ge- 
fangen nahm und nur unter der Bedingung freiliess, dass er in Dumer 
wohnen bleibe, wo er mit seinem Leben für die Sicherheit jener Post- 
reiter garantieren muss. 



Kap. VI. Aufbruch von Sali. 217 

Die Riät leben in sehr loser Gemeinschaft, ein Oberschech ist nicht 
vorhanden, höchstens kann man von der Hegemonie einzelner Familien 
reden. Gemeinschaftliche Kriege fuhren sie nur selten, wohl nur im 
Verteidigungsfalle; ihre Raubzüge werden meist von kleineren Trupps 
unternommen, grössere Razus kommen selten vor und dürften dann 
70 — ICX) Mann schwerlich übersteigen. Als wir in der Rubbe weilten, 
war gerade eine solche grössere Raubkarawane nach dem Norden zu 
den *Aneze unterwegs, nach deren Rückkehr die in der Oase noch 
anwesenden Riätfamilien ebenfalls nach dem Haurän ziehen wollten, da 
das Wasser in den Birke der Rubbe nur noch für wenige Tage aus- 
reichte. 

Die äussere Erscheinung der Riät zeigt gewisse Abweichungen von 
derjenigen der nordarabischen Stämme, z. B. der 'Aneze. Ihr Aussehen 
ist wilder, das Auge besonders unstät, das Gesicht spitzer, der Körper 
mager und leicht, die Kleidung äusserst zerlumpt und schmutzig, selten 
tragen sie eine 'Abäje. Der Kopf ist unbedeckt, das Haar lassen sie 
lang flattern. 

Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Drusen und den 
Riät ermöglichten mir meine Expedition auf der von mir projektierten 
Route. Mubammed Nas.sär gewann ein Mitglied einer der Schcchfamilien 
der Riät, Namens Dablän, der ihm schwören musste, mich durch die 
Harra zu geleiten. Dablän stellte noch sechs Kamele zu un.screr Karawane, 
die speziell dem Wassertransport zu dienen bestimmt waren und für die 
als Treiber einige weitere Stammesgenos^en des Dablän mitgenommen 
wurden. Doch mochte Muhammed Na.s^är den Kiat nicht allzuviel 
trauen, denn er gab mir noch drei seiner Verwandten, darunter seine 
beiden Neffen Ne^Ib und Färis, sowie einen alten drusischen Diener mit 
auf den Weg. 

Am 10. Juli, morgens 9 Uhr 30 Min., brachen wir von Sali auf. Die 

Route ging zunächst östlich und lief an dem Huwaijat .Sali /^Iw ^ ^, 

einem fast senkrecht aus einem Hügel hervorragenden kleinen Felsen, 
vorbei. Nach etwa 5 Kilometer*) Wegstrecke schlugen wir nördliche 

Richtung ein, und nach 10 Minuten passierten wir den Wadi ir kusch«:dc 

äJL-1»J- /C^*J, einen Bach, der ausgetrocknet war, im Wmter aber an- 

scheinend bedeutende Wa5?icrma:^sen führte. Auf dem jensoiti^^en VAi'.x 
erblickten wir eine steinerne Wassermühle. Oestlich von hirr la^^ auf 
einer Anhöhe, dort wo der Bach au-i dem Haurangebirge tritt, um sich 



welcher hier etw^ia üb'tr 3* ^ km W':(;lirj((#- 2firü'.k{f<tk;ft wrir'l«;n 



2 1 8 Kap. VI. Sa'ne. — Der Wädi isch Schäm. 

in die östliche Steinwüste zu ergiessen, das Dorf ir Ruschede Sjul^^^, 
beherrscht von einem trotzig aufragenden Wachtturm. 

Weiter ging es nordnordöstlich nach Sa*ne <!»-*», das eine interessante 



Burgruine birgt*), und welches früher eine bedeutende Stadt gewesen 
sein mag. Wir tränkten unsere Pferde in einem der beiden grossen 
Birke, die hier dicht neben einander liegen. Es scheint, als ob dieser 
natürliche Wasserbehälter durch künstlichen Ausbau verbessert worden 
sei, indess sind die Spuren menschlicher Thätigkeit fast zerstört. Dicht 
bei Sa*ne waren die Sommerquartiere Dabläns und unserer neuen Kamel- 
treiber. 

Die Marschrichtung wurde nun nordöstlich, und bald sahen wir die 
Harra vor uns liegen. In ihrer düsteren Eintönigkeit bot sie einen 
schauerlichen Anblick, und scharf und deutlich hoben sich ihre Grenzen 
von den Ausläufern des Haurän ab, die mit ihren spärlichen, zwischen 
den Steinen spriessenden Kräutern im Gegensatz zu der völlig schwarzen 
Harra geradezu als eine grünliche Matte erschienen. Jenseits derselben, 
in weiter Ferne, wurden in unsicheren Konturen die Safäberge sichtbar. 

Terrassenförmig dachte sich das Haunlngebirge hier nach Osten ab, 
und über das Hasalt- und Tuffgerölle kletterten wir in geringer Entfernung 

südlich des Wädi Ischbike AXJl» ^^^ J ^^^i^ bergab. Unterwegs ritten wir 

zu einigen künstlichen alten Höhlen am Abhänge des ausgetrockneten, tief 
eingeschnittenen Baches, wie sich solche im ganzen Flaurän und den 
Nachbargebieten häufig vorfinden.*) Am Fusse des Plateaus angelangt, 
marschierten wir ^ « Stunde nordnordöstlich, bis wir an eine ganz mit 

gelbem Sande bedeckte Einsenkung, Muschbik il Wudjän, j'u^ J» <^A-La, 

»Vereinigung der Wädis* kamen, in welcher von O., X. und S. her eine 
grössere Anzahl jetzt versiegter Wasserläufe mündeten, um in einem 

gemeinsamen Bette als Wädi isch Schäm ^liJ\ ^^^J ostwärts durch die 

Harra nach der Ruhbe zu fliessen. Bald in dem Bett dieses Baches, 
bald am rechten oder linken Ufer wandernd, durchzogen wir dann die 
öde Steinwüste. 

Wie ein ungeheures Grab nahm die Harra uns auf. Die Aussicht 
auf den Haurän und die vor uns liegenden Safäberge war jetzt ver- 
schwunden, in leichten, wellenförmigen Linien dehnte sich das steinerne 
Meer vor uns aus. So weit das Auge reichte, war überall der Boden 



^) Vergl. Wetzstein a. a. O. S. 65. 
-) Vcrgl. oben Kap. 111, S. 93. 



Kap. VI. Der Eintritt in die Harra. 2 IQ 

dicht mit schwarzen, mattglänzenden, glatten und mit Blasen bedeckten 
lose neben einander liegenden Blöcken besät, fast nirgends schimmerte der 
gelbe sandige Untergrund durch. Die Steine hatten eine durchschnittliche 
Höhe von 20 — 30 cm, selten waren sie zu mehreren zusammengehäuft, 
und nur hin und wieder ragte ein Felsen aus der Steinebene empor. 
Und doch führt, nur den Augen der Eingeborenen erkennbar, hier ein Pfad 
durch die Harra, welcher durch den Jahrtausende langen Verkehr in der 
Art entstanden zu sein scheint, dass der Tritt der Hufe die einzelnen 
Steine bei Seite geschoben hat, so dass die Reittiere auf dem sandigen 
Untergrunde Fuss fassen können. Aber fast nirgendwo ist dieser Pfad, wenn 
man ihn so nennen darf, breit genug, um zwei Reitern neben einander 
Platz zu bieten. Wehe dem Reisenden, welcher von diesem Wege, der 
nach den wenigen Wasserplätzen der Harra führt, abirren würde! Auf 
dem Steingeröll würden die Tiere bald erlahmen, und Mensch und Tier 
wäre dem Tode durch Verschmachten unrettbar verfallen. Die Harra 
behält diesen Charakter bis unweit der Quelle Nemära. Ich bestätige 
übrigens die Beobachtung Wetzsteins, dass die Lavasteine der IJarra hin 
und wieder mit lautem Knall zerspringen, eine Erscheinung, die sich aus 
der durch die glühenden Sonnenstrahlen bewirkten raschen Verdunstung 
der Wasserteilchen erklären mag, die sich während der Nachtkühle und 
aus Niederschlägen in den Steinporen ansammeln. 

Die Julihitze und der Reflex der Sonne von den Steinen machten 
den Marsch zu einer wahren Qual. Dazu kam, dass wir mit unseren 
Wasservorräten sehr haushalten mussten und unseren Durst nie völlig 
löschen konnten; war doch trotz der Sorgsamkeit unserer Führer immerhin 
die Gefahr nicht ausgeschlossen, dass wir vom Wege versprengt oder die 
bekannten Wasserstellen ausgetrocknet oder leer getrunken finden würden. 
Namentlich die Tiere litten unglaublich, und es war ein Glück, dass dieser 
Teil der Reise in den Anfang unserer Expedition fiel, wo sie noch frisch 
und rüstig waren. Beständig musste auf die Pferde und Kamele Acht 
gegeben werden, um sie vor dem Stürzen zu bewahren. Mehrere Kamele 
verletzten sich an den Steinen die Füsse derart, dass ihnen später in 
Dumer Lederstücke auf die wunden Stellen der Sohlen genäht werden 
mussten. 

Während des ganzen ersten Tages trafen wir kein Wasser an. Etwa 
um vier Uhr nachmittags fanden wir dicht am rechten Ufer des Wädi 
isch Schäm einen fast eine halbe Stunde langen, schmalen, dem Bachlaufe 
folgenden Lagerplatz (Mantar), welcher im Winter dem Beduinenstamm 

der ir Reseje <-wJ\, einem der Stämme der 'Orbän il Cicbel, ein Haupt- 

Stützpunkt ist. Mit unendlicher Mühe ist hier Stein um Stein entfernt, 
um auf dem platten sandigen Untergrund die Zelte aufschlagen und den 



220 Kap. VI. Die Wasserstelle il Hafne. 

Herden eine Lagerstätte bieten zu können. Mit den fortgeschafften 
Steinen hat man dann \'2 bis i m hohe Umfriedigungen für die Zelte 
und Weiden der einzelnen Familien errichtet. Solche künstlich ge- 
stalteten Lagerplätze, deren die Harra noch mehrere birgt, heissen 

Meschtä ^2-^ (»Winterplatzt). Kurz darauf kamen wir zu einer Ein- 

senkung im Flussbett, die man Hifän nannte und wo wir Wasser zu 
finden erwarteten; doch wurde unsere Hoffnung getäuscht. 

Erst um 6 Uhr abends erreichten wir die Wasserstelle il Hufne <1a>-^ 



die Stübel und Wetzstein auf Grund ihrer Erkundigungen in die Karten 
eingezeichnet haben, die aber bedeutend weiter östlich vom Haurän liegt, 
als dort angegeben ist. Auch glaubte ich auf Grund der Karten hier 
eine seeartige Ausbuchtung des Bachlaufes vorzufinden, traf aber nur auf 
eine 15 — 20 m lange, 4 — 5 m breite und etwa 40 cm tiefe Wasserpfutze, 
die auch im Winter nicht über 30 — 40 m breit, mithin auf der Karte 
bedeutend zu gross bemessen ist. Nördlich steigt das erweiterte Bett der 
Hufne sanft zum Niveau der Harra empor, während das rechte, südliche 
Ufer als eine vielleicht 30 Fuss hohe Wand steil aufragt, welche das Wasser, 
über das sie sich emporhebt, vor der ausdörrenden Sonnenglut schützt. 
Einige Minuten vor dieser Stelle waren auf dem linken Ufer die deutlichen 
Spuren der Löcher von Bijär, Ziehbrunnen, sichtbar, welche in den felsigen 
Untergrund hincingebrochen, später aber verschüttet und zerstört waren. 
Wahrscheinlich waren diese Brunnen einst eine Station auf dem Wege 

zu den Rassanidcn- Niederlassungen in der Rubbe A..>-j. 

Während die Harra selbst völlig pflanzenlos ist, fanden sich in dem 
ziemlich tiefen Bett des Wädi isch Schäm und in der Nachbarschaft 
anderer Wasserstellen gelegentlich ^anzc Büschel violetter, aromatisch 
duftender Blumen, sowie eine Strauchpflanze mit bläulichen Blüten, welche 
hier die Stelle des im nordwestlichen Afrika so häufigen Oleanders ein- 
zunehmen scheint. F^erner kam eine äusserst übel und penetrant riechende 
gelbe Blume vor, die von den Kamelen gern gefressen wurde. 

Wir schlugen unser Lager in der Hufne in der Mitte des Bachbettes 
auf, und Menschen und Tiere mussten ihren brennenden Durst mit dem 
gelblichen brakigen Wasser löschen. Die in den Ziegenhäuten mit- 
gebrachten Vorräte aus der herrlichen Quelle zu Sali, welche trotz aller 
Massigkeit stark zusammengeschrumpft waren, blieben für alle Fälle 
reserviert. 



Dicht neben der Hufne lagerten etwa 20 S'cb *^^JL^, Angehörige 

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eines der merkwürdigsten Stämme, die in ihrem Typus und in der Lebens- 



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Kap. VL Die Sieb. 221 

weise in vielen Beziehungen von den arabischen Beduinen verschieden 
sind. Meist kleiner als diese, leben sie hauptsächlich von der Jagd auf 
Gazellen, deren Häute sie häufig als Kleidung tragen. Die Frauen 
zeichnen sich zum Teil durch wunderbare Schönheit aus. Ich sah in der 
Ruhbe eine Slebije von etwas über mittelgrosser Figur, mit stark ge- 
bräuntem Teint, schmalem Gesicht schwermütigen, aber blitzenden Augen 
unter langen Wimpern, herrlichem, schlichtem, schwarzem Haar und 
prachtvollen Zähnen. Pferde und Kamele besitzen die Sieb nur selten, 
sie reiten vielmehr auf kleinen Eseln von grosser Widerstandsfähigkeit, 
halten sich auch nur hin und wieder einige Schafe und Ziegen. Die Sieb 
leben mit fast allen Stämmen der Wüste in gutem Einvernehmen und 
versehen für die Gastfreundschaft, die ihnen allerseits gewährt wird, und 
für die Schonung ihres geringen Eigentums überall Führerdienste; niemand 
kennt auch die Wüste so gut, wie der Slebi. Auch pflegen Männer wie 
Weiber bei Gelegenheit den Beduinen ihre Tänze vorzuführen, wofür 
sie dann Geschenke erhalten. Die ethnographische Abstammung der 
Sieb ist noch nicht genau festgestellt, wahrscheinlich sind sie nicht Semiten, 
sondern indischen Ursprungs. Die spateren Chalifen haben sich, wie es 
heisst, Musikkapellen aus Indien an ihren Hof nach Bardäd kommen 
lassen, deren Mitglieder beim Einfalle Timur Lenks in die Wüste gezogen 
sein sollen. Ich hörte die Ansicht aussprechen, dass die heutigen Sieb 
die Nachkommen jener Musikanten seien. Die Sieb sind gegenwärtig in 
der Wüste von Aleppo bis zum Persischen Meerbusen sudlich des Euphrat 
zu finden; wahrend die Beduinen stamm weise umherziehen, wandern sie 
nur familienweise, sogar oft nur zu zweien oder dreien, manchmal sogar 
ohne Zelte; ihre Toten be.statten sie indess möglichst auf grossen ge- 
meinsamen Kirchhöfen. Mit gewisser Berechtigung kann man sie die 
»Zigeuner der Wüste« nennen. 

Auch unser Abendessen nach dem schweren Ritt wurde gewürzt 
durch die Gesänge eine.'^ Slebi, der zu den Klängen einer viereckigen 
Guitarre das Loblied auf einen Schech der Ruala vortrug, für welches 
ihn ein.st dieser freigebige Beduinenfürst mit einem Kamel beschenkt 
haben soll. 

F*ast wäre an einem Missgrift', den ich bei diesem Abendessen be- 
ging, meine ganze Expedition durch die Harra gescheitert. Meiner 
Gewohnheit gemäss hatte ich allein gespeist und wollte nachher auch den 



* * 



mich begleitenden Drusen und Riat ihren Burrul Ip / vorsetzen lassen, als 

ich eine sehr tiefgehende I^rregung und \'erstimmung unter den Wüsten- 
söhnen wahrnahm, die, wie ich alsbald erfuhr, ihren Grund darin fand, 
dass ich durch meine Absonderung von der gemeinschaftlichen Tafel 
gegen die Regeln der arabischen Gastfreundschaft Verstössen hatte. 




222 Kap. VI. Ein ZwischeofalL — Ein Zusammenstoss mit den Riät. 

Meine Begleiter, die niemab mit einem Europäer, vornehmen Türken oder 
Städter verkehrt hatten, waren dadurch in ihrem Stolz tief verletzt. Es 
kam thatsächlich auf Dabläns guten Willen an, ob ich von ihnen weiter 
geleitet wurde oder gleich hier umkehren musste. Um die Gekränkten 
zu versöhnen, griff ich dann auch bei ihren Schüsseln mit zu, indem ich 
sagte, ich hätte bisher auf europäische Weise gespeist und wollte ihnen 
nun zeigen, dass mir auch die arabischen Sitten nicht fremd seien. 
Dieser kleine diplomatische Kunstgriff stellte das gute Verhältnis 
glücklicherweise bald wieder her. Dablän hat mir, wie ich gleich hier 
zu seinem Lobe bekennen muss, in der Folge treu gedient und mich 
bald nach diesem Zwischenfall mit eigener Lebensgefahr mehrfach gegen 
seine Stammesgenossen in Schutz genommen. 

Am folgenden Morgen um 6 Uhr rückte die Karawane von der Hufne 
ab. Um 7^2 Uhr gingen wir in OXO. -Richtung auf das rechte Ufer des 
Wädi isch Schäm, schlugen nach einer Viertelstunde wieder östliche 
Richtung ein und kamen um 9^ 2 Uhr zum zweiten Mal an einem bedeuten- 
den W^interplatz (Meschtä) vorüber. Der Ort zog sich mehr als eine 
Viertelstunde lang am Hachufer hin, die Breite war dagegen, wie die 
des früher passierten Winterplatzes, gering. Um loV 2 Uhr trafen wir in dem 
ausgetrockneten Bette unseres Wädi eine kleine Wasserpfütze, Namens 

Radir is Süs ^ ^^\ j Js^. Hier schlugen wir das Frühstückszelt auf, 

ohne zu ahnen, dass wir in einen Hinterhalt gegangen waren, der für 
die Expedition beinahe verhängnisvoll geworden wäre. Wie immer, 
wenn eine Gefahr nur von vorn drohen konnte, war ich mit einigen 
Berittenen der Karawane vorangeeilt und hatte dann um die Zeit der 
grössten Mittagshitze Halt gemacht und gewartet, bis die Karawane, 
die mit ihren Kamelen unseren Pferden nicht so schnell zu folgen 
vermochte und daher im gleichbleibenden Tempo von morgens bis 
abends unter der Eskorte der übrigen Reiter zu marschieren pflegte, an 
mir vorbeigezogen war. Kaum sassen wir wieder im Sattel, als wir Schüsse 
hörten und sahen, wie unsere Karawanen leute schleunigst umkehrten und 
hinter ihren Kamelen Deckung suchten. Das Feuer kam von einer vor 
uns liegenden, lang gestreckten Bodenerhebung, die mit zahlreichen Ri^m ') 

-^ j, künstlichen Steinhaufen, besetzt war. Dablän war der Ueberzeugung, 

dass das Schiessen nur von Leuten seines eigenen Stammes ausgehen konnte, 
und stürmte so rasch, als das glücklicherweise hier etwas bessere Terrain 



*' Die Rigm sind aus den aufijelcsenen Steinblöcken der Harra herpestellie Wälle, 
die sowohl als Standort zur Keko^nos/.iening der Gef^end wie als Schiessschanzen und Schutz- 
wehre dienen. 



Kap. VI. Friedliche Lösung. 223 

es gestattete, gegen die Höhe vor, ich folgte ihm. Man^ür blieb zurück, 
weil, wie er später erklärte, wenn wirklich Riät vor uns wären, diese ihn als 
*Aneze und Erbfeind erkannt und uns für die Vorläufer eines grossen 
'Aneze-Raubzuges gehalten haben würden. Sobald die Angreifer unserer 
ansichtig wurden, eröffneten sie ein ununterbrochenes Feuer auf uns, 
doch wurde, merkwürdig genug, niemand verletzt. Wir ritten vorwärts, 
bis es Dablän gelang, uns bei den Angreifern als Freunde zu legitimieren, 
worauf das Schiessen eingestellt wurde. Wir selbst hatten wohlbedachter- 
weise keinen Schuss abgegeben. Der Tod eines Beduinen hätte bei der 
Uebermacht unserer Gegner, die etwa loo Büchsen stark waren, zweifel- 
los den Untergang der Karawane zur Folge gehabt, denn die Angreifer 
waren wirklich Riät, und der Schutz, den uns die Geleitschaft durch 
ihren Stammesbruder Dablän sicherte, wäre illusorisch geworden und hätte 
sich in Blutrache gewandelt, wenn einer von ihnen verletzt worden wäre. 
Vielleicht war es gerade die Absicht der Angreifer, uns zu einer solchen 
Uebereilung zu verlocken, damit sie sich scheinbar mit gutem Recht 
der reichen Beute hätten bemächtigen können. Allerdings behaupteten 
sie, dass sie uns wegen unseres spitzen, weissen Zeltes für türkische 
Soldaten gehalten hätten, die wie zur Zeit des Generals Fezi Pascha 
einen Einfall in die Harra versuchen wollten; den heranstürmenden Dablän 
hätten sie zwar erkannt, ihn jedoch für einen freiwilligen oder geprcssten 
Verräter gehalten. Wir ritten nun mit den Riät, die fast alle mit Martini- 
Gewehren bewaffnet waren, weiter und gelangten, eine zweite Reihe von 
Ri^m passierend, nach etwa einer Viertelstunde in ihr Lager, wo sie mich mit 
Ziegenmilch und Brot bewirteten, jedoch nicht ohne mich darauf aufmerksam 
gemacht zu haben, dass dies Entgegenkommen ein kleines Gastgeschenk ver- 
diene. Ein halber Megidi (etwa 2 Mark) wurde mit Dank angenommen. Unsere 
Karawane passierte das Zeltdorf der Riät um i2'/2 Uhr, marschierte aber 
ohne Aufenthalt in NO. -Richtung weiter, bis sie um 4'/a Uhr Nemära 

Ä ju erreichte. Bei Nemära stiessen wir wieder auf den Wädi isch Schäm, 

den wir beim Radir is Süs verlassen hatten, da der Bach von da aus 
einen grossen Bogen nach Osten hin beschreibt. 

Der mit einem Gebäude besetzte Hügel von Nemära war schon 
von weitem sichtbar. Er liegt auf einer Insel in dem Wädi isch Schäm, 
der an dieser Stelle von Osten her einen Nebenfluss empfängt und sehr 
breit wird. Wir fanden stagnierendes, aber reichliches Wasser; denn 
der vom Winter übrig gebliebene Rest des Bachwassers wird hier durch 
eine spärlich, aber doch dauernd fliessende Quelle, wohl die einzige in der 
ganzen Harra, vermehrt. Ausserdem befinden sich östlich vom Hügel 
einige Ziehbrunnen, bis zu 5 m breit, von denen einzelne noch gut er- 
halten sind. Auch die vorerwähnte dürftige Flora war hier etwas reich- 



224 Kap. VL Nemära. 

haltiger vertreten und gab mit ihrem Grün dem etwa 20 Minuten langen 
und 5 Minuten breiten Platze stellenweise einen rasenartigen Anstrich. 
Der ungefähr 30 m hohe Hügel hat die Form eines abgestumpften Kegels; 
auf dem Plateau erhebt sich neben Mauerresten und vielen Gräbern das 
Grabgebäude eines alten Beduinenschechs, welcher sich angeblich Nemär 

ju nannte und der von den Arabern geschaffene Heros Eponymos des 

Ortes ist Das Mausoleum besteht in seiner gegenwärtigen Gestalt aus 
einem Viereck ohne Dach, welches durch einen Bogen in zwei Teile geteilt 
ist, von denen der hintere das mit Steinen in Form eines hohen Sarges 
bedeckte Grab enthält. Das Gebäude stammt aus älterer Zeit und 
diente früher als Wachtturm. Ueber der Thüröffnung und auf ver- 
schiedenen aus dem Boden ragenden Felsen fand ich griechische Inschriften. 
Die Schriftzüge sind sehr roh und wohl von Leuten eingemeisselt, die 
des Schreibens wenig kundig waren. Auf anderen Steinen waren noch 
verschiedene nicht minder kunstlose Graffiti in himjarischen Schriftzügen 
vorhanden. Westlich und östlich von diesem Hügel stehen auf zwei 
benachbarten Höhen noch Häuserreste aus alter Zeit. Die Inschriften 
von Nemära sind von den früheren Besuchern^) her bekannt, sie tragen 
zumeist die Namen römischer Soldaten von unverkennbar arabischer 
Abstammung. Aus den Inschriften geht hervor, dass hier eine römische 
Besatzung gelegen hat, welche zur Legion von Bo<;rä gehörte, und eine 
derselben^) lässt vermuten, dass der antike Name des Ortes Namara war. 
Nach der Notitia dignitatum standen (im 4. Jahrhundert n. Chr.) in Namara 
Equites promoti indigenae. Nemära bildete den am meisten in die 
Harra vorgeschobenen Posten zum Schutz der Rubbe auf der einen, 
des Haurän auf der andern Seite. 

Wir überschritten den Bach und schlugen jenseits des Nemärahügels 
unser Lager auf Als ich am anderen Morgen, während meine Leute 
das Lager abbrachen, abermals den Hügel besuchte, sahen wir von Westen 
her eine grosse Karawane anrücken. Mit seinen scharfen Augen erkannte 
jedoch Dablän den Zug als dieselben Riät, welche wir Tags zuvor 
getroffen hatten. Zur Begrüssung wurden auf beiden Seiten die her- 
kömmhchen Schüsse in die Luft abgefeuert. Von weitem dröhnte uns 
das wilde Geheul der Riät entgegen, welches immer wiederkehrend die 

Worte enthielt: Merhabä ja Dablän j^\»S l ^t/^ (^^^ gegrüsst, o Dablän). 
Einem weit voranlaufenden Fussgänger folgten ein Dutzend auf Delül J j)S 

V^ ^'crgl- Waddinijton, Inscriptions grecques et Intines de la Syrie 2264 — 2285. Vogiie, 
InscripüoDs semitiques S. 146. Wetzstein, ausgewählte Inschriften aus Ilaurän S. 265, 266. 

''^] Vergl. Waddington No. 2270 a. a. O. S. 523. Moritz, Zur anüken Topographie 
der Palmyrene S. 15, glaubt in Nemära das alte Salthata oder Salthada sehen zu sollen. 



Kap. VL Aufbruch von Nerafir«. — RÖmer»ln(i«ii in der Jjhrnu 225 

(Keitkamelen) sitzende Reiter, darnach in einiger Entfernung das Gros 
der Kamele mit Mannern, Weibern, Zelten und L^ergerät, von einer 
Anzahl Bewaffneter eakortiert, hinter denen in kurzem Abstand wieder 
ethche Kamelreiter kamen, alles in leichtem Trabe. Manchmal hockten 
die Riät zu Dreien auf den starken Tieren, unter denen wir verschiedene 
ganz schneeweisse Exemplare bemerkten, und es gewährte einen hübschen 
Anblick, mit welcher Kraft und Grazie die Frauen mit ihren Kindern 
im Arm sich von den Kamelen herabgleiten Hessen, wenn diese über 
den Bach setzen mussten. 

Unser Aufbruch von Nemära erfolgte um 7 Uhr morgens. Die Riat 
waren im Begriff, vor dem Brunnen von Nemära ihr Lager aufzuschlagen, 
eine Arbeit, die mit staunenswerter Schnelligkeit verrichtet wurde. Die 




Zell der Rifil-Bedainen. 

Steinwüste wurde jetzt immer welliger, und um 9 Uhr waren wir auf der 
höchsten Stelle, dem Manägg in Nemära »jl^Jl ^y^, angelangt. Bald da- 
rauf benutzten wir auf eine kurze Strecke eine alte Römerstrasse, deren 
Spuren noch deutlich erkennbar waren, und die in nördhcher Richtung nach 
der Oase geführt haben mag. Die Strasse war etwa 10 m breit und durch 
hier und da noch vorhandene Steinreihen in drei nebeneinanderlaufende 
Wege geteilt. Die verschiedenen durch die Harra hinführenden Römerstrassen 
sind in der Weise ausgeführt, dass Stein für Stein entfernt und zur 
Seite gelegt ist, eine wahre Titanenarbeit an Geduld. Zeit und An- 
strengung. Die Strasse, welche wir hier kreuzten, scheint nicht weiter 
ausgebaut zu sein, jedenfalls waren südlich von Manä^ in Nemära 
ihre Spuren auf der von uns begangenen Route nicht mehr zu ent- 
decken. Graham notiert auf seiner Karte eine Strasse, welche von 
Nemära in nordöstlicher Richtung, angeblich nach Palmyra, geführt^ 

Fifar. *. Opp«BlialD, Vom Wnelm«« lua Pwücb« Calf. IE 



226 ^V- VL Du Grab dn Scbeuh Seiäk. 

haben soll. Wir selbst wandten uns bald etwas mehr östlich und sahen, 
nachdem wir eine grosse Einsenkung passiert hatten, die Rubbe (d. h. 
Ebene) genannte Oase vor uns liegen. Seltsam hob sich die weite 
gelbe Fläche von der schwarzen Harra ab, und doppelt düster er- 
schienen hinter ihr die zackigen Lavafcisen der Safäberge. Die Sonne 
leuchtete grell, und eine wunderbare Luftspiegelung erhob sich über der 
Rubbe. Man glaubte, VVasserplätze vor sich zu sehen, hinter denen hoch 
oben Häuser und Baume erschienen. Als wir näher kamen, verschwand 
das Trugbild. Der Boden wurde jetzt immer besser, der Weg er- 
träglicher, und der gelbe Sand bot den Hufen unserer armen Tiere, 
welche mit sichtlich erfrischten Kräften der Ebene zustrebten, an immer 
grösseren Stellen einen steinfreien Untergrund. Links von uns lag der 
Südostabhang des Plateaus der Safävulkanc »U^aJU Unsere Richtung war 




Rutbe. 



NW. geworden; wir stiegen langsam zur Ruhbe hinab und näherten uns 
den Safäbergen im spitzen Winkel. Die zahlreichen Ruinen steinerner 
Häuser am Rande der Höhen gewannen an Deutlichkeit, und endlich 
ragten auf einem niedrigen Vorsprung der Safälava die Konturen des 

Kasr il Abjad jjÄ-Vl j-^* ("Weisses Schloss») scharf hervor. Vor uns. 
mitten in der Oase, lag das weisse Häuschen des Schech Seräl; 3'^j^> 
des Lokalheiligen der ganzen Gegend; um lo' i Uhr hatten wir es 
erreicht und ruhten im kühlen Schatten des Heiligtums aus. Es war ein 
einfaches viereckiges Steinhaus, aussen mit Kalk weiss bestrichen, mit 
niedrigen Thüren und zwei kleinen Fensterchen auf der Ostseite; erst im 
vorigen Jahre war es mit einem flachen Steindach bedeckt worden. 
Einzelne vom »Weissen Schloss« hierher geschaffte Steine mit Ornamenten 
schmückten die äussere Mauerwand. Im Innern befindet sich das Stein- 
grab des Schech, mit einer Unmenge von Lappen und Lumpen behangen. 



Kap. VI. Schech Seräk. — Die Rull^be. 227 

denn weit und breit giebt es keinen verehrteren Namen als den seinen. 
Auch meine drusischen Begleiter brachten dem Schech Seräk ihre Spende 
dar, sie bedeckten — ganz in der Weise wie es die Muhammedaner mit 
ihren heiligen Gräbern zu thun pflegen — grosse Teile des Sarges mit 
langen bunten Kattunstreifen, die sie, vorsorglich in Tücher gehüllt, mit- 
gebracht hatten, dann umschritten und küsstensie das Grabmal des HeiHgen. 
Ich selbst wollte nicht zurückstehen, und ich weihte dem Toten ein mit 
meinen Initialen versehenes, freilich nicht mehr ganz frisches Taschentuch. 
Vom toten Schech geht die Sage, dass, als man ihn in der Safä be- 
graben habe, er sich dreimal an seinen jetzigen Ort begeben habe, erst 
dann seien endlich seine Gebeine an der von ihm selbst gewählten 
Ruhestätte belassen worden. Der tote Heilige soll ausgerufen haben: 
»Die Safä ist die Hölle, die Ruhbe das Paradies, und ich habe das 
Paradies verdient«. Noch heute wird die Safä die Hölle und die Rubbe 
das Paradies genannt. Schech Seräk gilt als der Beschützer der Rubbe; 
wer von einer in der Nähe seines (irabes gewachsenen Frucht geniesst, 
einerlei ob Mensch oder Tier, wird zur Sühne dafür durch ihn getötet. 
Den Mauern des Heiligtums vertraut jeder Beduine sorglos sein Eigen- 
tum, selbst Geld an, so versicherte man mir, denn er weiss, dass er es 
noch nach Jahren hier unangetastet wiederfindet. Wir fanden denn auch 
eine Unmenge Sachen vor: *Abäjen, Hausgerät, ganze Zelttücher u. a. 

Im Frühjahr soll sich die Ruhbe in einem freundlicheren Gewände 
zeigen, als zu der Jahreszeit, da ich sie besuchte. Aber selbst dann ent- 
spricht ihr Bild nicht der Vorstellung, die man sich von einer Oase gemein- 
hin zu machen pflegt. Hier gedeihen nur Mais und Ger3te und die 
wuchernden syrischen Kräuter und Blumen; jetzt, im Juli, lag eine öde 
gelbe Steppe vor mir; neben dem Heiligtum des Schech Seräk standen 
einige wenige Maisstauden, welche die erwähnte Fata morgana veranlasst 
haben mochten; einen Baum habe ich in der Ruhbe nicht gesehen, nur 
noch einige Futterpflanzen für Kamel, Schaf und Ziege und die Stoppeln 
der letzten Ernte. Wollte man übrigens die Ruhbe in ihrer ganzen Aus- 
dehnung bebauen, so würde sie Tausenden von Menschen und Tieren 
Nahrung geben. Thatsächlich sprechen die zahllosen Ruinen am Ost- 
abhange*) der Safäberge sowie in der Ruhbe selbst für eine frühere 
grosse Bevölkerung. Ein Eigentumsrecht auf besonders abgegrenzte Acker- 
stellen hat der einzelne Riät-Mann nicht, denn jeder hat ein Anrecht auf 
die ganze Ruhbe und sät sein Getreide, wo es ihm passt. 

Die Länge der Ruhbe von Südsüdwesten nach Nordnordosten mag 
etwa 24 km betragen. Der südliche, also direkt östlich von den Safä- 

') Burckhardt giebt (a. a. O. S. 93) schon einzelne Namen der Ruinenstätlen. Er 
nennt die Ru]|^be-Oase einen Distrikt, in welchem eine Stadt gleichen Namens sich befinden 
soll. Diese existiert aber nicht. 



228 Kap. VI. Im Zeltlajjcr der Riäi- 

bergen gelegene, etwa 15 km lange Teil ist eine Art von Ueber- 
schwemmungsgebiet. Vom Süden her führen ihm der Wädi il Rarz 

jjiü\ ^^(j und der Wädi isch Schäm ^LlJ\ ^^^J das Wasser vom Ost- 
Haurän herzu, vom Osten her erhält die Einsenkung während der Regen- 
zeit Zufluss durch den Amlüd il Kunese <*-aI>J( ^^^ und den Amlüd il 
Rumär jUjLm ^^^, vom Norden her durch den Amlüd is Scs ^,juJ\ ^yo^^- 

Das im Norden an diesen tiefstgelegenen Teil der Rubbe sich anschliessende 
ebenfalls noch anbaufähige Gebiet der Oase enveitert sich nach Westen 
hin, um einen grossen Zipfel der Safäberge zu umfassen. 

Von einer sofortigen Besichtigung des Weissen Schlosses nahmen 
wir Abstand, weil Dablän fürchtete, dass die in der Rubbe anwesenden 
Riät einen Ueberfall auf uns ausführen würden, wenn sie nicht zuvor 
davon unterrichtet wären, dass wir unter der Geleitschaft eines ihrer 
Stammesgenossen reisten. Die Hauptniederlassung der Riät befand 
sich direkt nordwärts vom Grab des Schech Seräk, kurz vor der 
südöstlichen Ecke der Safäberge. Auf diese ritten wir zu. Dablän 
führte mehrmals den sogenannten Freundschaftsritt aus, d. h. er 
beschrieb, sich absondernd von dem Gros der übrigen Reiter, die im 
Schritt blieben, einen grossen Kreis im Galopp und hielt dann plötzlich 
sein Ross an. Nun kamen uns bewaffnete Gestalten entgegen, von 
Ziegen- und Schafherden begleitet, aber Dablän, der alsbald als Stammes- 
genosse rekognosciert ward, wurde nicht mit Flintenschüssen, sondern 
mit Küssen begrüsst, und unbehelligt ritten wir weiter, bis wir nicht 
weit von dem nordöstlichen Zipfel des Gebirgsmassivs, nur wenige 
Minuten vom Safärandc entfernt, das Zeltlager der Riät antrafen. Hier 
lag ein altes, tief in den vulkanischen Boden gebrochenes Wasser- 
bassin, die Birket is Suwedir jJüjJl O jr, und daneben ein Bir Fa<Jl 
La3 j^ genannter Ziehbrunnen, was auf eine im Winter grössere Nieder- 

lassung schliessen Hess. Wir schlugen hier neben dem Zelte des Bruders 
unseres Dablän, eines der vornehmsten Riätschcchs, unser Lager auf. 
Abends wurde uns zu Ehren ein Hammel geschlachtet, einige anwesende 
Siebfrauen führten Tänze auf, und zwei alte Riät wetteiferten in Barden- 
liedern, die mir und meinem Rosse galten und die ich deshalb mit 
klingender Münze lohnen musste. Im übrigen wurde der Abend mit 
Verhandlungen über den bevorstehenden Aufstieg in die Safäberge hin- 
gebracht. Wetzstein hat in beredten Worten die Schwierigkeiten ge- 
schildert, welche sich ihm bei seinem Vorhaben, den Safabergen einen 
Besuch abzustatten, entgegengestellt haben. Ich erhielt mit leichterer 



Kap. VI. Di« BesteiguDg der ^afäberge. 



229 



Mühe die Mitwirkung einiger ortskundiger Riät zugesagt. Für einen 
Megidi pro Mann und Kamel erboten sich jene beiden Riätbarden nebst 
zwei jüngeren Kriegern, uns auf Reitkamelen nach der höchsten Spitze 
des Gebirges zu geleiten. Unsere Absicht war, oben zu übernachten und 
erst am nächsten Tage nach einer Besichtigung des Kagr ü Abjad 
zurückzukehren. 

Bei Sonnenaufgang brachen wir auf. Da unser Lager dicht in der 
Nähe des Lohf lag, so befanden wir uns nach wenigen Minuten im 
Bereich der Berge. Gleich hier möge die Darstellung berichtigt sein, welche 




Burckhardt') nach einer Schilderung der Beduinen entwirft, ohne selbst die 
Safäberge betreten zu haben. Er vergleicht sie mit der Lej^ä, hält jedoch 
die Felsen der Safä für bedeutender, einen Brunnen gebe es hier nicht, 
sondern das Regenwasser werde in Cisternen gesammelt; kein Feind 
vermöge in sie einzudringen, ein einziger Weg führe hinein, nämlich ein 
schmaler Pass, genannt das Thor der Safa, zwischen hochragenden Felsen 
und nicht breiter als 2 Yard^ und lOO Yards lang — echt arabische 
Fantastereien '^. Thatsächlich ist die Safä von der Riihbe aus leicht 



') a. a. O. S. 92, Vergl. auch Rey a. a. O. .S, 32 1. 

■; Vergl. Burckhardt a. a. O. S. 93 udiI Appendix VI, S, 667. 



230 Kap. VI. Die Safä. — Die Chuschbe. 

zugänglich und entwickelt erst, nachdem man eine Zeitlang gestiegen ist, 
die Schrecknisse und die Grossartigkeit ihrer Gebilde, welche alles über- 
treffen, was ich bisher gesehen habe. 

Meilenweit zieht sich das Gebirgsmassiv hin, wir hatten 4Va Stunden 
zu marschieren, bis wir den Gipfel erreichten. Dieses ganze Massiv mit 
seinem riesenhaften Kubikinhalt stellt sich als ein ungeheurer Lavaerguss 
dar. Der Boden, der unter dem Hufschlag erdröhnt, der bald in me- 
tallischem Braun schillert, bald matt glänzend und grau und in düsterer 
schwarzer Tönung erscheint, gleicht an manchen Stellen erstarrten Wogen 
auf sturmgejagter See. Grosse Höhlen und Löcher zersetzen und zer- 
klüften wieder diese Stein gewordenen Wogenkämme, welche einst den 
feuerspeienden Kratern der Safävulkane entflossen sind. Eine solche 
Höhle durchquerten wir, die fast fünf Minuten Weglänge im Durchmesser 
hatte und ein selbstthätiger Krater gewesen sein mochte. Viele Kilo- 
meter weit dehnte sich dieses Steinchaos vor uns aus, und ein des Weges 
Unkundiger wäre unfehlbar in eine der zahllosen Spalten, die neben 
unserem Wege gähnten, hinabgestürzt oder hätte sich verirrt, um jämmerlich 
zu verschmachten. Uns führten unsere Riät auf kaum erkennbarem Pfade 
bergan. Ich hatte nicht geglaubt, dass es möglich sein werde, die Safa 
auf Reittieren zu erklettern, und war deshalb angenehm enttäuscht, dass 
wir unsere an den höchst beschwerlichen Weg gewöhnten Reitkamele nur 
an besonders schlechten Stellen verlassen mussten. Mein eigenes Dromedar 
litt freilich sehr und stöhnte unaufhörlich, weshalb ich es alsbald mit 
einem anderen, den Riät gehörigen Tier vertauschte, welches vier grosse 
Ziegenhäute voll Wasser schleppte. 

Zunächst ging es etwa eine halbe Stunde westwärts, nicht sehr steil 
bis zu einem ersten Plateau, das sich wie eine Terrassenstufe im Osten 
des Safamassivs hinzieht und das wir in südsüdwestlicher Richtung in etwa 
1 7« Stunden, immer massig ansteigend, durchzogen. Als wir uns etwa in der 
Breite des Ka§r il Abjac^ befanden, dessen Zinnen wir tief unten erblickten, 
wandten wir uns abermals eine halbe Stunde lang westlich, bis wir ein 
zweites Plateau erreichten, das wir passierten, um uns dann nach Norden 
zu wenden. Hier begann die schwierigste Partie des ganzen Aufstiegs, 

die sogenannte Chuschbe 4u*vl (»der Wald«), ein mehrere Kilometer 

im Umfange haltendes Lavachaos, welches mit seinen Klüften und 
Höhlen, mit seinen phantastischen Grottenbildungen und seinen steinernen 
Aesten und Zweigen, die aus den Abgründen emporragen und die Spalten 
überbrücken, ein Bild darbietet, wie es die kühnste und bizarrste 
Phantasie nicht ersinnen könnte. Im bunten Wechsel drängen sich 
hier die Lavaformationen aller Arten, tuffähnliche Gebilde wechseln 
mit lasurglänzenden Schlacken, und die erstarrte Masse zeigt alle 



Kap. VI. Tulül i9 §afä. — Die Zuneta*a. 23 1 

Schattierungen von Rot über Braun bis zu dem vorwiegend vertretenen 
Schwarz. Selbst für den Eingeweihten nur mühsam erkennbar und durch 
gewisse, besonders grosse oder sonstwie auffallende Lavablöcke als Weg- 
weiser markiert, führt eine Art Pfad durch die Chuschbe hindurch, die 
wir in etwa halbstündigem Ritt durchquerten, um nunmehr zum höchsten 
Plateau anzusteigen, welches die Kratergipfel der Safä träg^ Nach 
wenigen Minuten hatten wir dieses Plateau erreicht, das etwa 12 Kilo- 
meter lang ist und sich in Hufeisenform von Südsüdosten nach Nord- 
nordwesten zu erstrecken scheint. Im südöstlichen Ende liegen die 

höchsten Gipfelerhebungen, die eigentlichen Tulül i$ Safä ouUl uj^^ 

bestehend in mehreren riesigen Kraterbildungen von spitzer Hügelform, 
zwischen denen, umschlossen von einem niedrigen und an vielen Stellen 
zerbröckelten oder zusammengefallenen Rande, sich eine fast glatte, runde 
Ebene vorfindet, die vielleicht 1 km im Durchmesser hat. Auf dieser 
ist, wie die Riät angeben, bis vor einigen Jahrzehnten Gerste gebaut 
worden, ein Beleg dafür, dass Burckhardts Mitteilung*), man könne aut 
dem Safägipfel Getreide säep, richtig ist. 

Die östlichste Erhebung der Tulül ist ein selbständiger, von aussen 
kegelförmiger, im Innern trichterartiger Krater, dessen Ostrand zerborsten 
und eingestürzt ist. An Stelle der sonst überall vorfindlichen Lava sind 
hier nach aussen wie im Innern des Kraterkegels die Resultate eines 
Aschenergusses mit Lapilli vermischt zu erkennen, und als merkwürdige 
Naturerscheinung zeigen sich besonders hier viele präcis durchgebildete 
Röhrchen von wenigen Centimetern bis zu einigen Metern lichter Weite, 
welche ehemals als Ausflussöffnungen für Lavaergüsse fungiert zu haben 
scheinen und selbst wohl nichts anderes sind, als geplatzte Blasen in der 
Sudmasse aus der Zeit der Kraterentstehung. 

Nordwestlich reiht sich an diese Krater eine nur massige Erhebung 

des Lavaplateaus, die Zuneta^a AmLjJ\y welche völlig unvermittelt einen 

etwa 150 m langen, 30 m breiten und ebenso tiefen, gähnenden Schlund 
öffnet. Am südlichsten Punkte dieses ellipsenförmigen Abgrundes ragt, 
wie eine zu Stein erstarrte lodernde Flammensäule, eine rote mattglänzende 
Lavamasse auf, die grell von der durchweg schwarzen Färbung der 
ganzen Umgebung absticht und vielleicht als Rest einer früher den 
Schlund der Zuncta'a umgebenden natürlichen Randmauer zu betrachten 
ist. Unheimlich blickte der schwarze Grund des Kraters zu uns empor, 
aber vergebens spähten wir nach dem von Wetzstein*) erwähnten eisernen 



') a. a. O. S. 92, 93. 
*) a. a. O. S. 1 1. 



232 



Kap. \'L Dai Plateau der SafiL 



Ring, von dem auch die Riat erzählten und an welchem der Sage 
gemäss ein Rassanidenfürst die Verbrecher henken liess, damit sie in dem 
schaurigsten Teil seines Reiches, die Hölle vor Augen, stürben. 

Die ferneren Krater der Safaberge schliessen sich weiter nordwestlich 
und in Abständen von etwa I km der ZunSta'a an. Das Safäplateau dacht 
sich nach dieser Richtung hin immer mehr ab. Leider war unser Wasser- 
vorrat infolge der ungeheuren Hitze derartig zusammengeschmolzen, dass 
ich nicht daran denken durfte, diese Gipfel aufzusuchen, von denen ich 




PlateHn der Safä n 



dem Krater Merüli. 



noch den Meräti (j'JLl, den Wäsit ia— i'jil und den Abu Ränim ^Uj"' 
deutlich unterscheiden konnte. Die Karten von Wetzstein und Stiibel 
weichen insofern hier von einander ab, als die Richtung dieser Krater- 
linie bei ersterem eine nordwestliche, bei letzterem eine nördliche ist 
Auf der Stübel'schen müssten der Meräti etwas mehr westlich und die 
Hügel der Tulül mehr auseinander geruckt, auch die östlichen Vor- 
berge als weniger starke Erhebungen gezeichnet sein. Ueber die ver- 
schiedenen Namen der Gipfel waren die uns begleitenden Riät selbst un- 
einig, jedoch sind offenbar die auf der Wetzstein sehen und der Stübel'schen 
Karte aufgeführten Namen vorzugsweise im Gebrauch. Für die höchste Er- 
hebung der Tulfil ig Safa verlangten einzelne Riät durchaus den Namen 



Kap. VL Niederlassungen auf der 5?afä. — Flora. 233 

Abu Ränim ^\^ y\, welchen die genannten Karten dem nördlichsten 
der Krater des Safäplateaus geben. 

Von dem Plateau der Tulül bot sich eine sehr lohnende 
Aussicht auf das Steinfeld zu unseren Füssen , die Harra im 
Hintergrund , das Haurängebirge im Westen und die anderen 
nördlich gelegenen Erhebungen des Vulkangebietes. Auch wurden 
mir weit im Osten der Rubbe verschiedene Erhebungen bezeichnet, 
wo sich noch Ruinenstädte vorfinden sollen. Wir begannen, durch 
den drohenden Wassermangel angetrieben, bald den Abstieg, und 
zwar auf demselben Wege, den wir gekommen waren, durch die fürchter- 
liche Chuschbe, dann nordöstlich über das schmale obere Plateau bis zur 
unteren Terrassenlage, und zwar auf dieser so weit, bis wir das Kasr il AbjacJ 
wieder westwärts hatten. Hier wurde nach 2' 2 stündigem Hinabklettern 
an einer ebenen Stelle das Lager aufgeschlagen, der Hurrul gewärmt 
und das letzte Wasser ausgetrunken, dann hüllten wir uns in unsere 
Decken und gaben uns der Nachtruhe hin. 

Die Stätte, wo wir rasteten, zeigte deutlich«: .Spuren einer winter- 
lichen Niederlassung, wie denn überhaupt die .Safaberge durchaus nicht 
immer unbewohnt sind. Die Hohlen und Klüfte, welche die Lavaflut 
hier geschaffen hat, sind teilweise kun-tlich erweitert, ur.d wohl sclion in 
uralter Zeit mit Vormauern und Uebcrdachungen ver^chc-n worden. 
Zahlreiche von der Natur aufgerichtete Kigin. welche die Kiät noch ver- 
bessert und vermehrt haben, machen d:een \o:: mir betretenen Teil der 
Safä vollends zu einer für Feinde voüi;^ unzugangliciien Ee^^te. und es 
wurde mir hier klar, we-haib ein V crfok^-^n'^-zw/ '/e^/en die Hewohner 
der Rubbe so ifdnzlich aussichtslos :-t. An -.'er-chiedenen Stellen liess 
sich deutUch erkennen, das- rn<^r noc;) -jnlangst Mensclien in ;^rösserer 
Ansiedelung gelebt hatten. Ajch e:ne \'e;fetation fehlt der Safä 
nicht, namentiich dorr, vio in einzelnen grosseren Lavaein Senkungen 
das Winterwasser zv.sammenfiie-st und die vorn \\':nde herangewehten 
oder sonstwie vorhandenen Sand und hrc*j:i\f:htn einen Nährboden für 
die anspruchslosen Pf.anzen derW: te ;;es'.haffen haben. J>^ie V.'jrh. der 
Safä, soweit ^:e im ]Sa -j^ ::\\, ].'J'^*: :':'u v.oj?' i^•i we-entliciien 'Jt 
sammelt* : ich fa.nc etwa '/j .^rt'rr.. darunter !!.e;:rere, d:e ';ns a-jch in 
der Harra l^egegnet -.:A. -.0 c:e y'e oe -rViKjj^'c.r/e fe^'r^rr * r.t ;/.re'S-'rre 
blauliche Bl'jme. e.T.-e "r;.e r,'. j^ *v.'.e'::;;^.'t . d:«: aoer n'jr in ::.»rd'':;;^en 
straucharJgen Lxe:.^::v.a''er: .o^'r-aM. ]j:*t /'j'-.'/ki. l-ipezie- v. a'-e:: kle.re'-e 
Krautchen, die :r. <iitr. J^av:,.o'.:ierf » ei^*:rt.erten 



' V»rr;rl. -^jei. L»yla.i:ib<:iit:i, h^K.f.rc .11. iL bfci*'"^» CL-i«:bc.* Wfrr*;^t 




234 



Kap. VI. Fauna. 



Die Fauna ist, wenn auch nicht reich, so doch immerhin ver- 
treten*). Wir fanden mehrere Hyänenspuren, verschiedene Schlangen- 
und Eidechsenarten. Besonders schön war eine schon auf dem Nemära- 
Hügel gesehene, etwa 25 cm grosse Eidechse, mit kleinen, aber starken 
Schuppen, breitem Kopf, ziemlich hohen Beinen, von zierlicher Figur 
und braunroter Färbung, die etwa von der Mitte des Leibes an nach 
dem Kopf zu und besonders auf der Bauchseite in ein intensiv schillerndes 
Blaugrün übergeht Von Vögeln kommen Feldhühner und Falken vor. 
An unserem Lagerplatz neben der Zuneta'a las ich ein leeres Pupagehäuse 
(Pupa uva.^) auf, und weiter unten fand sich eine überall in der Harra 
begegnende Helix-Art Die Insekten sind wohl die nämlichen wie in 
der Harra und der Rubbe. 



*) lo Dumer wurden mir später die nachstehenden Tiere als in der Ru\^be und der 
§afä vorkommend genannt, doch sind dabei rweifellos mehrere in Dumer und dessen Nach- 
barschaft lebende Tiere mit untergelaufen. 



Dab' 

Abu '1 Hu^ein 

Fär 

öardän 

Haijc 

*A^ab 

Nisr 

Ruräb 

Ha^el 

•UVäb 






Hyäne 

Fuchs (eig. Vater der kleinen 
Burg; vergl. Malepartus) 

Maus 
Ratte 
Schlange 



s^i^ Skorpion 



Geier .Adler"^ 



\J^ Rabe 



Rebhuhn 



lUf' eine Adlerart 



Hamäm (aswad wa'azraV:) (c3-^j( J "^^0 f^ Taube (schwarze und blaue} 



Sunünu 

Teir il Lei 

Büme 

lianesch 

Schibii 

Abu Brei? 

Dabb 



y y>^ Schwalbe 

JJll\ J^ Nachtvogel (Fledermaus?) 

<jky Eule 

^-4>- Schlange (grosse, giftige) 

vl^A^ Tausendfüssler? 

l/^ J y \ Eidechsenart 

1^,^^«^ Dornschwanz 



Rill 



J . 



m 


K 


^^^^^ffb-^j /^^B^^^^^^S^^^H 


-M 


^^_^^^-fK.' '^-- '. _ 


'^i^-y'^ 




jH^^H^H^^^^BB^Hpt^'t 





1 den Kui 



ä Uei 



ii-n Schluss. 



r Kutlis 



Vor Sonnenaufgang brachen wir am anderen Morgen auf. um zu- 
nächst wieder eine Stunde weit dem alten Wege zu folgen und dann 
rechts östlich den steilen Abstieg nach dem Ka^r il Abja<;l fortzusetzen, 
welches wir nach einer weiteren Stunde erreichten. Das am letzten 
Ausläufer des Lolif belegene Kajr il AbjaJ'), von den Bewohnern der 



Hubärä 
Tawülfi 
pnrije 

Hubeibe 
Raclini 



JjLb- kleine Traj 

jj_ji* Truthahn^ 



i_5jLi=- \Vil,U-nle> 



I. O. S. 6! ff. un.i VoßUe, Archiieciure ». :i. ü. S. 69 t. 



Kap. VL Dai Kifr il Abja^. 






~:ubbe auch Chirbet il Beiijä (nveisse Ruine«) 
enannt, hat seinen Namen daher, dass das 
chte Grau des für den Bau verwendeten 
teines sich hell und grell von der schwarz- 
etönten Umgebung abhebt. Das Material 
tammt aus der Nähe von il 'Odesije ^) 



uJa-)\, 



im südöstlichen Teil der 



Kubbe gelegenen Steinbruch, wo Ruinen- 
;ste und zahlreiche sabäische Inschriften 
efunden worden sind. Die Aussenmauern 
ind in ihren unteren Teilen noch gut er- 
alten und zeigen eine ganz eigenartige 
truktur: keilförmige, nach innen spitz zu- 
lufende Steine bilden die äussere Fläche, 
ährend das Innere mit losem Material ge- 
jllt ist, hin und wieder sind Steinplatten in 
er ganzen Breite der Mauer zwischen die 
Hocke gelagert. Diese Aussenmauern, die 
her 60 m lang und etwa i' t m stark sind, 
ilden ein an allen Ecken mit runden Türmen 
ankiertes Vierkant, von welchem drei Seiten 
1 ihrer Mitte wieder mit halbrunden Türm- 
hcn versehen sind; die Ostfront hat statt 
ieser in der Mitte das Hingangsthor, dessen 
^rchitrav zerbrochen in der Nähe am Boden 
egt. Er ist mehrere Meter lang, über 80 cm 
och und über 60 cm breit; seine in Hoch- 
elief gehaltenen reichen Ornamente sind 
och wohl erhalten. Parallel mit diesen vier 
Lussenmauern laufen in etwa 10 Schritt Ab- 
tand bedeutend leichtere Innenmauern, die 
ur noch im Grundriss erhalten sind. Der 
Laum zwischen beiden Mauerzügen ist durch 
ünne, rechtwinkelig zu denselben aufge- 
ihrte Wände in schmale, rechteckige Zimmer 
et eilt gewesen. Diese Innenmauern um- 
chliessen einen grossen Hofraum, der durch 
ine der Thorfront parallele Wand in zwei 



Verel. Wctj 



. o. S. 133, Vogai 



Kap. VI, Das ^a^r il AhjaiJ. 




Aus den Rulni 



der Rutibe. 



Teile geteilt wird, von denen der vordere, östliche, der grössere ist. In 
diesem befindet sich, etwas linksab vom inneren zerstörten Hofthor, 
ein verschüttetes Brunnenbassin, während in dem dahinter liegenden 
kleineren Hofe, ebenfalls links an die Scheidewand sich anlehnend, 
ein turmartiges Gebäude von nahezu quadratischem Querschnitt in Grösse 
der Zimmerräume, mit einer schmalen Eingangsthür in seiner West^vand, 
steht. Dieser besterhaltene Südteil des ehemaligen Palastes zeigt mehrere, 
bis in die zweite Etage hinauf noch erkennbare Gemächer, deren Höhe 
und Grösse verschieden, aber durchweg recht gering sind. Vom Erd- 
geschoss führen Treppen in mehrere auf halber Höhe zwischen diesem 
und dem ersten Stock befindliche kleine Räume. Die Aussenseiten 
weisen mehrfach ornamentierte Steine in schöner Meisselarbeit auf, 
gleichartige Steine liegen am Boden, einige sind von hier wegge- 
schleppt und an dem Grabgebäude des Schech Ser.ik angebracht. 
Eine einzige Thür führt in den Turmbau hinein, dessen Wände durch 
mehrere kleine Fensteröffnungen durchbrochen sind. Mauerreste und 
Steintrümmer liegen überall im Ka^r il AbjatJ verstreut, aber Inschriften 
habe ich ebensowenig wie meine Voi^änger finden können. Indess glaube 
ich annehmen zu dürfen, dass durch Nachgrabungen manches Wertvolle 
aufgedeckt werden könnte, denn das Niveau des Hofes scheint durch 
Aufschüttung von Trümmern erhöht worden zu sein. Die Zerstörung 




238 Kap. VI. Schlechte Gastfreunde. 

des Schlosses wird von der Volkssage den Scharen Timur Lenks (um 
1400 n. Chr.) zugeschrieben. Der Turm im Hofe ist sicherlich rekonstruiert; 
dafür sprechen sowohl die eingelegten Ornamentsteine als die Struktur 
des Mauerwerks. Doch hat es den Anschein, als ob das Gebäude 
niemals vollendet worden sei'). Bauart und Ornamentik zeigen hier in 
besonders ausgeprägter Weise Motive, die der römischen Kunst fremd 
zu sein und auf östliche Vorbilder hinzudeuten scheinen. Die V^er- 
wendung runder, die Fläche der Aussenmauer nur im Halbkreis über- 
ragender Turmansätze fand ich bereits in der Dubese bei Suweda, ich 
fand sie wieder in dem moscheeartigen Gebäude zu Samarra und der 
Samarra benachbarten Palastruine El 'Aschik, beides Bauten aus der 
Zeit der ersten Abbasiden-Chalifen. Die Frage nach der eigentlichen 
Bestimmung des Weissen Schlosses ist noch nicht entschieden. Wetzstein 
glaubt, dass es von einem Rassanidenfürsten als Prunkschloss erbaut 
worden sei, zumal es im Gegensatz zu der in der Bauart verwandten Burg 
von Sa*ne keinen Wallgraben aufweist, immerhin ist es nicht unmöglich, 
dass die vielen kleinen Stübchcn in der ganzen Länge doch für eine 
militärische Belegung bestimmt waren, wenn sie freilich auch der Diener- 
schaft Unterkunft geboten haben könnten. 

In der nächsten Nähe, im Nordosten des Schlosses, befand sich 
eine alte Birke, die jedoch kein Wasser mehr enthielt, ausserdem lagen 
im Norden und Süden zahlreiche Häuserruinen, welche auf eine frühere 
starke Niederlassung deuteten. Insbesondere fiel ein grosses altes Ge- 
bäude auf, das etwa eine Viertelstunde nördlich vom Weissen Schloss 
dicht an der Grenze der Ruhbe aufragte und ebenfalls keinerlei In- 
schriften trug. 

Als ich vom Kasr il Abjad in etwa zweistündigem Ritt zu meinem 
Lager zurückkehrte, fand ich meine Leute in Sorge und Aufregung. 
Die Haltung der Riät erschien ihnen verdächtig, den ganzen Nachmittag 
hindurch hatten meine Gastfreunde in erregtem Ton mit einander ver- 
handelt. Die Ursache war, wie ich erfuhr, dass sie in meinem Leder- 
koffer viel Geld vermuteten, und ersichtlich lag ihre Habgier in schwerem 
Kampfe mit dem geheiligten Gastrecht. Dass die Situation eine unangenehme 
war, entnahm ich schon daraus, dass Dablän, der gleich bei unserer An- 
kunft im Riätlager zwei Hammel als Geschenk an meine Zeltseile hatte 
binden lassen, augenscheinlich um unser Gastverhältnis noch mehr zu 
betonen, jetzt eines der Tiere schlachten Hess und aus meinen Reis- 
vorräten den Ricit ein Gastmahl gab. Vor dem Schlafengehen erschien 
er gegen alle Gewohnheit mit der Büchse im Arm in meinem Zelt und 



^' Ich stimme hierin mit Wetzstein uml Vogüe üherein. Vorgl. im übrigen die 
Ausführungen in Kap. III. dieses Werkes S. 104. ' ' 



Kap. VL Neue Schwierigkeiten. 2XQ 

erklärte, die Nacht bei mir verbringen zu wollen, angeblich, um mich 
besonders zu ehren. Es ist mir nicht zweifelhaft, dass die Riät einen 
Anschlag gegen mich geplant hatten, der nur durch die Klugheit und 
Ergebenheit meines pablän verhindert wurde. Uebrigens ist dies, so lange 
ich in muhammedanischen Ländern gereist bin, der einzige Fall gewesen, 
dass ich der Gastfreundschaft der Beduinen nicht habe trauen können. 

Der folgende Tag brachte weitere Unannehmlichkeiten. Meine Ab- 
sicht war, auf einem bisher von Europäern noch nicht betretenen Wege 

den Gebel Ses ^.a— L>- und dann eine auf den Karten nicht verzeich- 

• 

nete, aber allen Beduinen unter dem Namen Bir Zubede dJU j ^ 

bekannte Quelle aufzusuchen, die sich hoch auf einem Berge ausserhalb 
des \'ulkanischen Terrains befinden sollte. Von da aus wollte ich auf direktem 
Wege Palm\Ta erreichen. Tags zuvor war ein Kundschafter nach dem 
Gebel Ses und einer nur wenige Stunden entfernten Wasserstelle ab- 
gesandt worden, um über die Wasser\erhältnisse zu berichten. Er war 
mit erfreulicher Antwort zurückgekommen und hatte — hier eine grosse 
Seltenheit — eine Gazelle mitgebracht. Da ich beabsichtigte, meine 
Karawane zeitweilig getrennt von uns Reitern ziehen zu lassen, weil es 
nicht geraten erschien, sie mit ihrem langsameren Tempo an samtlichen 
von mir geplanten Umwegen teilnehmen zu lassen, so war für beide 
Gruppen die schützende Anwesenheit eines Riäti erforderlich, besonders 
auch deshalb, weil ein Razu von "jo Riät gegen die *Aneze unterwegs war, 
dessen Ruckkehr jeden Augenblick erwartet werden konnte. Ich wünschte 
deshalb, dass Dabläns Bruder mich mit einigen seiner Stammesgenossen 
bis nach Palmyra begleiten sollte, obgleich bereits vor dem Bir Zubede 
die Machtsphäre der Riät endet. Jetzt türmte sich indess auf einmal eine 
gp-nze Fiille widriger Umstände vor mir aul. Zunächst zeigte sich die Un- 
fähigkeit meines .Schech Man^-r in ihrer ganzen Grosse. Er hatte nicht 
die geringste Kenntnis von der Entferuung und den Wasserstellen und 
hatte aus Damaskus nur zwölf Kirben mitgenommen, die, wie er meinte, 
auf alle Fälle ausreichen wurden. G]ucr:l:cherweise folgte ich meinen 
Ratschlägen diesmal nicht, ich wusste au- 6tn Erfahrungen der leti^ten 
Tage, dass wir auf dem bevorstehenden, nach Angabe der Ki^t zwei- 
bis dreitägigen Marsche d-jr-'jh \\a-5serloses Land -Atni^^stens 5O K:rben 
gebrauchen wurden. ^^^^ ni:t M:he gelan;^ e^ zv.\r. '^r\r:Atr^x\ \'ornit auf 
diese 2^hl von Schlaucrjen zu venuehren. trotzden: kamen wir l>ei aller ."^par- 
-samkeit spater ohne ;ectn '1 -opferj ^^*a~^er \z\ \r:^xn<tx an. .vjhech Maiiir-r hatte 
mir überdies ejne:. Losen .V.re:^rj ^^e>;y.e.t. indem er f jr d:e Strecke von <i^r 
Rubbe nach Dumer bezw. r^tzzn bir ZuLece den Kamelreitern einen Preis zu- 
gef^'-^hcrt hatte, welcher ötm Kaufpreis für die Tiere bemahe gleichkam. 



240 Kap. VL Dablän und seine Angehöri^^en. 

Als ich selbstverständlich diese Zahlung ablehnte, entspann sich ein sechs 
Stunden währender Wortkampf zwischen mir und den Riät, der schliess- 
lich eine leidliche Einigung dadurch fand, dass ich den für die dortigen 
Verhältnisse noch immer sehr beträchtlichen Preis von 10 Mark pro Tag 
und Kamel bewilligte. Neben diesen Schwierigkeiten hatte ich nun noch 
die Furcht meiner eigenen Kamelreiter vor den Riät einerseits und der 
Riät vor den türkischen Soldaten andererseits — in Dumer lag ein 
türkischer Gendarmerieposten — zu bekämpfen. Erst als Dabläns Mutter, 
der ich ausdrücklich versprechen musste, ihren Sohn vor den Türken zu 
beschützen, ihre Einwilligung gegeben hatte, willigten die Riätschechs ein, 
mich zu begleiten. Bedeutend schwieriger wurde es mir, die Angst meiner 
eigenen Leute zu überwinden. Die Kameltreiber, welche den Bir Zubede 
als verrufenen Durchgangspunkt für Raubkarawanen kannten, weigerten 
sich entsqhieden, mitzugehen, und zwei von ihnen schwangen sich sogar 
auf ihre noch nicht beladenen Kamele, um sich davon zu machen — 
ein Wagestück, das nicht minder gefährlich gewesen wäre, als der Weiter- 
marsch, da die Riät ihnen unverzüglich nachgejagt wären, ihnen die Tiere 
abgenommen und sie selbst bei dem geringsten Widerstand getötet hätten, 
ganz abgesehen davon, dass sie ohne Wasser in der ihnen unbekannten 
Harra verirrt und verschmachtet wären Mit Gewalt musste ich diese 

• 

Abtrünnigen erst wieder zurückführen lassen. Mehr als alles andere 
fürchteten diese Leute die Tücke der Riät, die, wie sie meinten, uns 
hinter Zubede hinterlistig angreifen würden. Als ich indess endlich den 
Bitten der Leute nachgab und anstatt über Zubede weiter westlich 
über den Cebel Scs nach Dumer zu gehen versprach, verweigerten wieder 
die Riät und selbst Dablän unter Hinweis auf die Blutfehde mit den 
türkischen Soldaten die Begleitung. Ich wage nicht zu entscheiden, ob 
nicht vielleicht die Besorgnis meiner Leute vor den Riät begründet und 
wirklich vor oder hinter dem Bir Zubede Böses gegen mich geplant war. 
Dem Zuspruch der Drusen gelang es endlich, in Verbindung mit meinem 
ausdrücklichen Versprechen, mit meiner Person den Türken gegenüber 
(lir die Riät einzustehen, die letzteren zur Einwilligung in das mir ab- 
gerungene Kompromiss zu bewegen. Trotzdem beharrten einzelne Kamel- 
führer, darunter Dabläns Bruder, auf ihrer Weigerung, die dem älteren 
Bruder gehörigen Kamele mitgehen zu lassen, und die Mutter Dabläns 
selbst begründete diese Weigerung mit den Worten, dass die Seinigen 
ihm die weitere Begleitung verböten. Mit Mühe brachte ich endlich die 
genügenden Leute mit Kamelen für meinen Zug zusammen und verab- 
schiedete erst dann meine braven Drusen, deren Anwesenheit wahr- 
scheinlich verhütet hatte, dass dieser unangenehme Auftritt ein schlechtes 
Ende nahm. Ich gab ihnen Dankesbriefe an Mubammed Xa$§är und 
Ibrahim Pascha il Atrasch mit, welchen ich die glückliche Ankunft in 



. VI. Aufbruch a 



r Rubbe. 



241 



der Rubbe und den Abmarsch aus der Oase mitteilte. Negib erhielt eine 
Uhr, Färis ein türkisches Pfund und zwei Keffije, der dritte Verwandte 
Muhammed Na^särs ein Pfund und eine KefTije, der Diener drei Megidi. 
Um 9 Uhr 45 Minuten erfolgte endlich unser Aufbruch, nachdem trotz 
scharfen Aufpassens doch einer der neuen Kameltreiber sich aus dem 
Staube gemacht hatte ; dagegen schlössen sich einige Sieb, zwei Männer und 
eine Frau, unserer Expedition an; sie wollten uns bis zu dem nördlichen 
Rande des Vulkangebietes begleiten und dann nach Nordosten zu ihren 




duinenfrauL-ri. Wasser holenil. 



Stammesgenossen ziehen. Dablan, den ich in IJumer zu entlassen 
versprochen hatte, war wieder guter Dinge geworden und ritt an meiner 
Seite fröhlich dem Zuge voraui. 

Unser Weg führte an der früher erwähnten Hirket is Suwcdir und dem 
Bir Fadl genannten Ziehbrunnen vorbei und zunächst über eine Chischm 
Ribän genannte Lavazunge hinweg, eine nur wenige Meter hohe Kr- 
hebung, die sich als nordöstlichster Zipfel des Lobt in die Ruhbe hinein 
erstreckt. Diese Lavazunge') ist mit zahlreichen Ruinen bedeckt, welche 

unsere Begleiter unter dem Namen il Brcsije <uJjJ\ zusammenfassten. 

') Chischm bedealet Vorsprui^; im IlcdalneD' Dialekt wird chischm für chischm 
iNisef (;e braucht. 



2J.2 Kap. VI. Der Bir Umra Räbil. 

Am Nordrande der Chischm standen auch wieder etwa 30 bis 40 Riät- 
zelte. Wir wurden hier und später nochmals von den Hütern der 
Ziegenherden mit saurer Milch bewirtet, die mit Wasser verdünnt war, 
einem köstlichen, erfrischenden Getränk, und zogen in bester Stimmung 
nordnordostwärts durch die jetzt sehr breite Rubbe. 

Etwas nördlich von der Linie, wo die Safäberge im Nordosten 
abschliessen, erhebt sich das Terrain allmählich; die steinfreie Ebene 
verbreitert sich hier auch nach Westen zu und zieht sich am Rande der 
Safa entlang. Die Ausdehnung dieses Teils nach Norden zu mag von hier 
ab noch etwa 8 km betragen. Unser Weg lief jetzt im allgemeinen dem 
ausgetrockneten Lauf des Amlüd is Ses parallel, jenes früher erwähnten 
Baches, welcher von Norden her zur Regenzeit der Rubbe Wasser 
zufuhrt. Erst um 12 Uhr, also nach fast zwei Stunden, war der ebene 
Boden, der hier nur in massigen Mengen vulkanisches Geröll zeigte, 
durchritten, und wir betraten wieder das eigentliche Vulkangebiet, 
eine Steinwüste von allerdings nicht so furchtbarem Gepräge als die 
südliche Harra. Zunächst passierten wir das Ausflussgebiet des Rigm 

il Marä dl^U /t^J» eines bedeutenden, uns nicht sichtbar gewordenen 

Vulkangebildes, das wir westlich weit linksab liegen Hessen. Gegen 
I2\^2 Uhr sahen wir ein grosses Meschtä, auf das noch an der östlichen 
Abdachung des Marä-Gebietes verschiedene kleinere Lagerplätze folgten. 
Um I Uhr 40 Minuten war das grosse Gebiet des Ses-Kraters erreicht, 
das wir in der Richtung auf den Kessel, also direkt nordwärts, betraten 
und immer langsam ansteigend durchritten. 

Nach IG Minuten war ein Lavaplatcau erstiegen, und jetzt sahen 
wir den Gebel Ses vor uns liegen, während links sich die Aussicht auf 
mehrere andere Berge eröffnete. Die Richtung blieb nördlich, und um 
2^2 Uhr standen wir vor einem weiteren Plateau, welches als neue 
Terassenstufe von wenigen Metern Ansprungshöhe sich über der sanft 
ansteigenden ersten Stufenfläche erhob. Der Abhang des Plateaus bildete 
eine halbmondförmige Einbuchtung, in welcher sich der nur den Orts- 



-> 



kundigen bekannte Bir Umm Rabil j3->-^J r^ j-* (»Brunnen der Mutter 
der Rahel«) befand. 

Dies war der Brunnen, den uns unser ausgesandter Bote tags zuvor 
als wasserhaltig bezeichnet hatte, aber es gehörte der brennende Durst 
dazu, der uns plagte, um den Inhalt geniessbar zu finden. Eine grünliche 
Schlammschicht hatte den Wasserspiegel überzogen; nachdem wir sie ent- 
fernt hatten, erblickten wir zahlreiches Gewürm, mehrere Frösche und eine 
Schlange in dem Wasserloch, und trotzdem tranken Menschen und Tiere 
in langen Zügen das erfrischende Nass. Das Bassin des Bir Umm Räbil 



Kap. VI. Der öebel Ses. 243 

ist ein jedenfalls künstlich erweitertes Felsenbecken von 3 m Durchmesser 
und etwa 2 m Tiefe, dessen Wasser im Winter auch einen Teil der 
Umgebung bedecken dürfte. 

Obgleich der Tag noch nicht weit vorgeschritten war, beschlossen wir, 
hier zu übernachten, weil unser Bote berichtet hatte, dass der Wasserbehälter 
des öebel Ses leer sei. Die Luftlinie von hier bis nach Dumer betrug 
etwa 70 km, wir brauchten bei dem schlechten Gelände also mindestens 
zwei starke Tagemärsche, um wieder zu einer Wasserstelle zu stossen, 
und waren deshalb auf den Wasservorrat in unseren 36 Kirben angewiesen, 
Ueberdies mussten wir darauf gefasst sein, wegen irgend eines den Riät 
feindlichen Stammes möglicherweise zeitraubende Umwege machen zu 
müssen. Schon der Aufenthalt am Bir Umm Räbil, besonders abends 
und morgens, war nicht ganz ungefährlich, denn dieser Platz war auf viele 
Tagereisen bis zum Bir Zubede im Norden, abgesehen von der Rubbe 
selbst, die einzige Wasserstelle für die Razu. 

Am folgenden Morgen trennten wir uns, wenn auch nicht leichten 
Herzens, von unserer Karawane, die jetzt direkt nach Dumer ziehen sollte, 
während wir den Umweg über den (jebel Ses zu machen gedachten. 
Die Route, die ich einschlug, führt geraden Weges vom Bir Umm Räbil 
zum Bir Zubede und ist deshalb räuberischen Ueberfallen sehr ausgesetzt. 
Schon aus diesem Grunde war es nicht geraten, die schwerfalligere Last- 
karawane mit dem wertvollen Gepäck, welches die Habgier der Beduinen 
reizen musste, auf dieser Strecke mitziehen zu lassen, während wir Reiter, 
die wir überdies sehr gut bewaffnet waren, es leichter auf einen Angriff 
der Wüstenräuber ankommen lassen konnten. Immerhin war die Gefahr 
nicht ausgeschlossen, dass unsere Karawane auf ihrem Wege von abseits 

des Darb il Razawät ^\jyü\ <w>J^(»Weg der Raubzüge«) schwärmenden 

'Aneze angegriffen wurde. Deshalb wurde unser Aschbän, einer der Ge- 
fährten Man§ürs, welcher den 'Aneze gut bekannt war, diesem Teil der 
Expedition beigegeben, während Man^ür bei uns verblieb. 

Nach zwei Stunden scharfen Rittes (etwa 12 km) in nördlicher 
Richtung gelangten wir an den Gebel Ses. Der Ses bildet einen über 
eine Tiefebene wohl 100 m steil aufragenden, nahezu kreisrunden Krater, 
dessen innerer Durchmesser etwa einen halben Kilometer beträgt. Der 
Kraterrand ist ungewöhnlich dünnwandig und fällt fast senkrecht wohl 
70 — 80 m tief ab. Nach Nordwesten hin zeigt er einen weiten Durchbruch, 
westlich und südlich von dem Berge befindet sich eine Art Graben, eine Ein- 
senkung zwischen der Erhöhung des von uns durchrittenen Plateaus und dem 
eigentlichen Kraterrand. Dieser Graben senkt sich südostwärts, immer breiter 
werdend, und geht am Süd- und Ostabhang des Ses in ein weites Flachthal 
über. Nach Osten hin wird das Thal zur Tiefebene, die ein mehrere Kilometer 

16* 



244 ''"P' ^'' ^'" L'ing^ifend de« ftebel Set. 

weites rundliches Sandbecken einschliesst und zur Winterzeit eine seichte 
Wasserlache bildet. Nicht weit von der Stelle, wo der Graben ansetzt, 

finden sich drei oder vier merkwürdige kleine Kesselchen, Neb' ^w 

genannt. Hier zeigte sich im sandigen Grunde tropfenweise ein «Venig 
klares Quellwasser. Wir konnten im ganzen nur einige Liter heraus- 
schöpfen, und mir wurde gesagt, dass erst einige Wochen später ein 
gleiches Quantum sich wieder angesammelt haben werde. Nach den 
übrigen Seiten hin fällt das Lavaplateau des Ses langsam ab und bildet 
ein riesiges Ausflussgebiet des Kraters, das im NW. an dasjenige des 




frhwtiU 




,^'i % 



=^f-==- y^ O RapiacmTfSKqjrt^i 



mr 







i L'mcegend (ieg ficbel Ses. 



Cebel ilMakbül ^jpS1\ J^, im SW. an das des kigm il Marä l\J^ ^j 

und im O. an die Wüstensteppe, den Hamäd ^Ir', stösst. In der südlichen 

Einsenkung stand einst eine verhältnismässig grosse Stadt, deren Häuser- 
reste man hier in einer Längenausdehnung von mehr als '/i Stunde 
verfolgen kann, während die Hreite nur gering ist. Die Spuren be- 
ginnen schon in der Thalerweiterung im SW. des Kraters. Am Ost- 
und Südabhange des eigentlichen Kraterrandes befinden sich ebenfalls 
Ueberreste von Gebäuden. Die Nekropole mag an diesem östlichen 



Kap. ' 



a am (icb«l Ses. 



245 



Abhänge gestanden haben. Ich fand hier eine etwa i\s m lange, 40 cm 
breite, am Boden liejjende Steinplatte, an deren Oberfläche ein langes 
Rechteck ausgehöhlt war, dessen eines schmales Ende sich zu einem 
bogenförmigen Auslaufe erweiterte. Am Siidostabhange oberhalb der 
Xckropole, vor allem aber hoch oben auf dem Kraterrande selbst, 
fanden wir eine grosse Anzahl der rätselhaften sabäischen Schrift- 
zeichen mit strahlenden Sonnen, mit Menschen, Kamelen und anderen 
Darstellungen, welche deutlich auf die südarabische Abkunft der ein- 
stigen Städteerbauer oder Bewohner hinwiesen'). Die Römer hatten am 
tiebel Siis eine Hauptstation, welche dazu bestimmt war, die Beduinen 




der Marra in Schach zu halten und Syrien gegen I-infalle von Osten 
zu schützen. Lateinische oder griechische Inschriften sind aber weder 
von Vogiie und Waddington, noch auch von Stübel und mir ge- 
funden worden. iJie römische Station des Sos wird wohl mil dem alten 
Anatha") ku identifizieren sein, welches nach der Notitia dignitatum mit 
eingeborenen Reitern belegt war und wie die (iarnison de.-; übrigens be- 
deutend kleineren Ncmam (Namarai dem Diix I'hocnicis unterstand^). 



' VogUc hal nur iln-i » 
Scs. viclcil;(;|rcbeD ^Sit. 10, 1 1 
Inscbriflen lr;i^en rl;is Krcu<t.'!':i 
riuchdirisllichen Jahrhinidcn. 

») Moriut. Zur Antiken 
IJLTlin 1889, S. i(), .sclimlil .\ui 

'' Vorcl. Noiiiia iliijiiiiatii 



.Ichur 



I hi~uliriflcn 



■ du f 



2AiS Kap. VL Die Ruinen am öebei Ses. 

Einige kufische Inschriften, die Vogüe*) gefunden hat, stammen aus der 
Zeit des Islam. 

Unter den bemerkenswertesten Ruinen des Gebel Ses möchte ich 
die folgenden besonders auffuhren: 

I. Am weitesten westlich auf dem dem öebel Ses gegenüberliegen- 
den Rande des Ruinenfeldes liegen die Mauerreste eines rechteckigen 
Gebäudes, das vielleicht nur aus einem einzigen grossen Räume, einer 
gedeckten Halle, bestanden haben mag. Die Aussenmauern messen 
29 Schritt in der Längsseite und 17 Schritt in der Tiefe. Sie weisen in 
der Mitte der Längsseiten im Norden und im Süden je eine Thür auf. 
Parallel den Längsseiten sieht man heute noch einen Doppelbogen, 
welcher die Decke tragen half und den Raum in zwei Teile schied. 

I THOR I 



DOPPELBOGEN 



THOR 

Grundriss einer Ruine am (*iel)el Ses. 

Noch erhalten ist auch der übrij^ens bedeutend kleinere Bogen des Süd- 
Thores, sowie Reste der aus Quadern errichteten Mauern. 

2. Wenige Minuten von diesem Gebäude entfernt, schon in der 
Tiefebene belegen, befindet sich ein grosses, quadratisches, wahrscheinlich 
römisches Kastell, dessen fast 2 m dicke Grundmauern noch sichtbar sind. 
An den Ecken und in der Mitte der etwa 90 Schritt langen Seiten 
sind runde Türme erkennbar, nur an der Xordfront statt dessen eine 
erweiterte halbkreisförmige Bastion mit einem grossen Thor. Diese 
ist aus starken Quadern erbaut und mit zwei Schiessscharten ähnlichen 
Fenstern verschen. An die Nordseite lehnt sich, die Tliorbastion noch 
umschliessend, ein kleiner, wohl neuerer, ebenfalls quadratischer Anbau 
von 54 Schritt Seitenlänge, in dessen Nordwest-Winkel weitere Mauer- 
reste vorhanden sind. Hier liegt ein verschütteter Bir. Von den Mauern 



1' 



] Virryl. Voirüe, Inscript. Semit. S. 142. PI. 18. 



Kap. VI. Die Ruinen am öebel Ses. 



247 



Stehen lediglich die untersten Steine. Die Thorbastion ist besser erhalten. 
Vogüe^) irrt sich in seinen Massen, er giebt für das Kastell etwa 34,20 m 
im Geviert, ausserdem hat er in seinem Grundrisse das grosse, mit dem 
Fort im Zusammenhang stehende Aussengebäude fortgelassen. Dies 
Kastell erinnert in seiner Form sehr an das Ka$r il AbjacJ in der Rubbe, 
ist aber von einem deutlich erkennbaren Wallgraben umgeben. 

3. Ein anderer, grösserer und noch immer etwa 10 m tiefer Zieh- 
brunnen, umgeben von einer quadratischen Mauer, befindet sich einige 
Minuten nordöstlich vom Kastell entfernt. 

4. Nicht weit von diesem Brunnen stehen die Grundteile eines 
fünfeckigen alten Turmgebäudes, welches nach Westen, also zum Gebel 
Ses hin, eine einzige Thür besitzt. 



• M 



E 



Sil 



liSli 

%4 ^..^ 



•^vb 




Das Kastell am (lebel Ses. 



5. In etwas grösserer Entfernung nach Südosten sind die am besten 
erhaltenen Baureste der Scs-Stadt zu finden. Hier fällt namentlich ein 
Gebäude auf, das die Beduinen bald als Bad, bald als Kirche be- 
zeichnen. Es besteht zum Teil aus roten Ziegeln und wird daher 

Chirbet il Hamrä \j^\ ^ J>' ('>die rote Ruinen) genannt, im Gegensatz 

zum Chirbet il Bei(Jä, der weissen Ruine, dem Ka.?r il Abjad in der 
Rubbe. Das 5 Schritt breite und von Nord nach Süd etwa 25 Schritt 
lange Hauptgebäude hat als Nordfront einen chorartigen, halbrunden Aus- 
bau, welcher zweifellos mit einem Kuppelgewölbe abgeschlossen war. Im 
Südende sind zwei rechteckige Stuben von etwa 2 m Seitenlänge. Der 
untere, aus Rohquadern aufgeführte Teil der Mauer scheint erst, nachdem 
diese eingestürzt, den jetzt sich vorfindenden Zickzack- Auf bau aus rotem 



') a. a. O. S. 71. 



248 Kap. VX. Die Rainen am öebel Ses. 

Ziegelstein erhalten zu haben. Diesem Mauerrest schliesst sich im Westen 
ein Vorraum von ausgezackter Kreuzform an, der durch eine Thüröffnung 
mit dem Hauptgebäude in Verbindung steht. Von diesem Vorräume 
sind nur noch geringe niedrige Reste vorhanden. Die röhrenartigen 
Oeffnungen in den kleinen Gemächern der Südseite des Hauptgebäudes 
lassen meines Erachtens darauf schliessen, dass das Ganze ein Bad ge- 
wesen ist*). 

6. Im Süden dieser Ruine ist der Mauerstumpi eines sehr umfang- 
reichen quadratischen Gebäudes von etwa 80 Schritt Seitenlänge zu sehen. 
Dieses Gebäude liegt am Abhänge des Plateaus, auf dem wir von Umm 
Räbil hierher geritten waren. Weitere bedeutende Ruinenreste schliessen 
sich nach Osten hin an. 

7. Im Mittelpunkte des von uns trocken vorgefundenen grossen 
Sandbeckens am Abhänge des Ses steht auf einer leichten Erhöhung 
Ruinengemäuer, welches anscheinend einem alten, isoliert liegenden 
Kastell angehört hat. 

8. Am Fusse des eigentlichen Scs-Randes ist ein grosses, viereckiges 
Thor und der bereits erwähnte Stein bemerkenswert. 

Um 8 Uhr 50 Minuten verliessen wir den Gebel Ses, um nunmehr 
den östlichen Trachon in seiner nordwestlich laufenden Diagonale zu 
durchqueren. Wir ritten zunächst durch den bereits erwähnten Graben 
in westlicher Richtung mit geringer Abweichung nach Norden und hatten 
um 10 Uhr 40 Minuten zu unserer Linken ein grosses Meschtä an der 
westlichen Grenze einer kleinen steinfreien l^lbene. 

Derartige Ebenen mehrten sich von jetzt an, und wenn auch das 
vulkanische Geröll immer noch pfadlos den Wüstengrund bedeckte, so 
Hess sich doch der Marsch nicht mit den Strapazen im südwestlichen 
Teile der Harra vergleichen. Mit einer Geschwindigkeit von gewiss 4^12 km 
in der Stunde kamen wir, durch die Ortskenntnis unseres Dablän geführt, 
vorwärts. Um i i-\a Uhr hatten wir zu unserer Rechten wieder ein Meschtä, 
bald darauf passierten wir die ersten der vulkanischen Höhen, welche 
die am weitesten östlich gelegene Reihe von Erhebungen bilden, die sich 
von den Safäbergen aus nach Norden hinziehen: die Berge Teil ir Ruhaije 

is Samrä \ .^ . n a^^j\ \j (»der Braune«) und Teil ir Ruhaije isch Schahbä 

L^-lII <.s>-j\ (m (»derGraue«), die um 12^/2 Uhr in etwa 2 km Entfernung zu 
unsererLinken lagen. Um I2'V4 Uhr kamen wir zumTulel ilAk'as ^^^^^ ^\^ 
und zum Teil il Ak*as ^^^^ ^> der etwa 3 km zur Linken lag. Unsere 

^] Verjjl. Grundriss und Zeichnunj^ bei Vo^^üe, Syrie Centrale, Architect. S. 71 und 
Plan 25. 



Kap. VL Der östliche Trachon. 24Q 

Richtung war nun völlig NW. geworden. Von hier aus peilten wir den 
Berg Rurele aJoPj Jjj- imSüden und sahen dahinter etwas rechts das Haurän- 
gebirge. 3 Uhr 20 Minuten lag Teil Kubaijän il Aschhab ^.^^-i V^ jLi \} 
rechts und die beiden Daräir y\j^\, die beiden »Frauen eines 
Mannes« Ünks; hinter letzteren und zwischen beiden hindurch war 
um 3 Uhr 35 Minuten der Teil i(J Dirs fj^jJai\ Jj (»der kleine Zahn«) 
sichtbar. Links und südwestlich von den Daräir lag Teil il Bauwäg 
^3^>Jl ^ (»die Kornblume«); rechts Chunefis il Aswad ^^S)l\ ^i-'-^ 
(»der kleine schwarze Käfer«). Um 57* Uhr hatten wir zur Linken und 
nicht weit von uns den Schech it Tulül, auch Teil 'Ä^il J>-U ^ oder 
BuJ\ Ij genannt, der diesen Namen führt, weil er unter den ihn um- 
gebenden Bergen der mächtigste ist. Hier wurde Halt gemacht. 

Bereits hinter dem Teil il Ak*as waren wir (um 2 Uhr 55 Minuten) 
auf unsere Lastkarawane gestossen, mit meiner berittenen Abteilung war 
ich jedoch wieder vorausgeeilt und hatte um 5 Uhr den Lagerplatz am 
Teil il *Ä^il bestimmt. Wir kampierten im Freien, die Mannschaft musste ab- 
wechselnd Wache halten. Um I2^•2 Uhr nachts sassen wir schon wieder im 
Sattel, zogen gemeinsam mit der Karawane erst nach Westen und dann nach 
West-Nord- West, den Teil il *Ägil in einem Bogen von rechts nach links 
umschreitend. Der Weg wurde zunächst wegen der Dunkelheit nur 
langsam zurückgelegt. Infolge des Richtungswechsels hatten wir kurz 

vorher zur Linken den Hügel Teil isch Schebe AuJÜl t, dann wurde 

eine Nord- Nord -W^est- Route eingeschlagen. Vorher peilten wir den 

Teil Lelä Ü t sowie den Teil Huwcfir j^ j>' l" links, die Tulctuwäh 

d^^xJiH Nord -Ost und Tulül is Surcgijät rechts voraus. Um 5 Uhr 

lag Teil id Dakwe 0^ J^\ X links und etwas südlich von diesem in der 

Ebene ein Meschtä. In dieser Gegend hat Stübel auf seinem Marsche 
eine weitere Ruine ausfindig gemacht, welche jedoch in ziemlicher Ent- 
fernung westlich unserer eigenen Route zu suchen ist. Beim Dakwe 
endet das eigentliche Streifgebiet der Riät und beginnt dasjenige anderer 
Stämme, welche zu den *Orbän il Gebel des I.Iaurängebirges in freund- 
schaftlichen Beziehungen stehen. 

Um 5 Uhr 45 Minuten stiessen wir auf eine mit dünenartigen Er- 
hebungen aus Flugsand bedeckte Ebene, auf der sich büschelartige Ge- 



2 CO Kap. VI. Üer östliche Trachon. 

wachse fanden, die uns seit langer Zeit wieder den Anblick grüner Vegetation 
darboten. 5 Uhr 50 Minuten peilten wir die Tulül is Sure^ijät, und westlich 

davon den Teil il Matalle AjJai^ ^J»' ^- h- *der über die andern Empor- 
ragendec, einen nach Westen zu eingestürzten Krater. Rechts, nordöstlich von 

uns, lag der Teil Umm Udn j^l ^\ V, hinter ihm war der Teil Milb 

Krumfil ti ^ t^ P sichtbar. Um 7 Uhr waren die Berge zurückgetreten, 

und wir erblickten, die weite Ebene zu unserer Linken, im Hintergrunde in ver- 
schwommenen Umrissen die Minarets von Damaskus. Um 8 Uhr fanden 
wir im Westen das Meschtä einer Familie, welche dem schon im Alter- 
tum bekannten Stamme Ma.säid J^Läa oder Masäid JLpL-/» angehört. 

Diese werden als Saijäde, »Jäger«, und Raije 4-Pj, >der Regierung unter- 

worfenc, bezeichnet. 

Hier waren wir fast am Rande des vulkanischen Trachon an- 
gelangt; um 8 Uhr peilten wir den Teil Barcrit, »niedriges Hügelchen < 
und 8 Uhr 45 Minuten den Teil *Aisch, den letzten der Hügel 
der Trachonitis. Das Terrain fiel jetzt sanft zur Ebene von Dumcr 
ab. Wir gaben unseren Pferden die Sporen und ritten im Galopp 
unserer Karawane voraus. 9 Uhr 10 Minuten lag Teil il Hudcb, und 
IG Uhr 45 Minuten ein in der Ebene vereinzelter Lavafelsen rechts, 
um II Uhr Teil il Urainebije links. Gegen 12^4 Uhr trafen wir 
auf den aus weissen Steinen erbauten Turm il Burg, mit Ruinen aus 
der Rassanidenzeit ^), welcher eine gute halbe Stunde von dem Ruinen- 
felde Chirbct il Maksüra entfernt liegt. 

Von il Burg erreichten wir den Nähr il Mukabrit, einen Bach von 
etwa ^4 m Breite und Tiefe, dessen Wasser einen schwefelartigen Ge- 
schmack besitzt, und der sich später bei Dumcr mit anderen schwefel- 
haltigen Bächen, die am (iebcl Abu *I Kos entspringen, vereinigt, um dann 
gemeinsam den Damascener Wiesenseen zuzufliessen. Jenseits der Stelle, 
wo wir den Nähr il Mukabrit berührten, stand eine kleine Kischla. Um 
I2\,2 Uhr hatten wir die Gartenanlagen von Dumcr erreicht. Vorher 
übergab Dablän mir persönlich sein Repetiergewehr, um vor den ge- 
fiirchteten türkischen Soldaten unbewatTnet zu erscheinen. Bis zur An- 
kunft unserer Karawane gewährte uns ein Dumerer Grossbauer in gast- 

* l)ie Inschriften sind bereits von Waddington .1. a. O. S. 5S5 /No. 5562 c) bekannt 
gegeben; vergl. Wetzstein, .^usi;e\vählte i^riech. u. lat. Inschr. (Abhdl. d. KgL Akad. 
d. Wissensch. 1863', Berlin 1S64, S. 315. 



Kap. VI. Ankunft in pamer. 25 1 

freundschaftlicher Weise Aufnahme. Der Mann stand mit Dablän im 
ChQwe -Verhältnis und mit den Riät in Handelsverbindung. Durch 
Dablän geschützt, pflegte er sich während des Winters in die Räuberhöhle 
der Rubbe zu begeben und den dortigen Beduinen in Dabläns Zelt alle 
möglichen europäischen Ellenwaren und wohl auch Waffen und Munition 
gegen klingende Münze oder auf glücklichen Razu erbeutete Gegenstände 
feilzubieten. 



W 



VII. KAPITEL. 



Von Dumer nach Palmyra. 

Damer. — Tempel. — Nördlichsie nabatäische Inschrift. — Wüstenpost. — Abschied von 
Oablän. — Durch die »Thalmulde« des Hamäd. — II Mal^$üra. — Chan Abu 'seh Schamät — 
Chane und Kischlas in der Wüste. — Der Zubede- Brunnen. — Abu '1 Hajäjä. — Das 
Gebirge zwischen pumer und Palmyra. — Die Vulkane il *Abd wil *Abde. — Der Razu am 
Hufeijir. — II Karjeten. — Das Wüstenschloss Ka^r il Her. — *Ain il Be^a. — Sandsturm. — 

Das Gräberthal von Palmyra. 



Unser Lager wurde an der Nordostseite des Dorfes Dumer j\^^, am 

Abhänge der im Norden sich hinziehenden Ausläufer des Antiübanon, aut- 
geschlagen. In der nächsten Nähe befanden sich zahlreiche, in den felsigen 

Grund gebrochene, tiefe Getreidekeller, »Matämir« ^Ua>, die wohl aus vor- 

muhammedanischer Zeit stammten. Die Aussicht auf Dumer mit seinen 
Gärten und einem aus dem Häusergewirr aufragenden alten griechisch- 
römischen Tempel erschien uns nach dem Ritt durch die Wüste ausser- 
ordentlich reizvoll. Der Tempel ist leider von Hütten so dicht umringt, 
dass man keinen Gesamtanblick desselben erhalten kann. In der grossen 
griechischen Inschrift an seiner Ostseite ist der Name des römischen Kaisers, 
dem zu Ehren der schöne Bau errichtet wurde, später unkenntHch gemacht 
worden, aus den erhaltenen Resten der Buchstaben, sowie aus dem Datum 
245 n. Chr. ergiebt sich aber, dass kein anderer als der Kaiser Philippus 
Aräbs, ein geborener Hauränier, gemeint sein kann *). Es sei bei dieser 
Gelegenheit erwähnt, dass Dumer der nördlichste Ort ist, in welchem 

^"^ Verjjl. Waddington a. a. Ü. S. 586 fi. No. 2562 g — 1. Die Bezeichnung il MaV^üra, 
welche Waddington für il Chirbe und für Dumer gebraucht, wird im allgemeinen nicht für 
Damer, sondern nur für il Chirbe, die östlich von Dumer gelegene Kastellmine, angewandL 
Der Name Domen, der in manchen Karten unweit der Stelle von Dumer eingezeichnet ist, 
hat jedenfalls in einer Verwechslung; mit Dumer seinen Grund. Ein Domen giebt es in 
jener Gegend des Hamäd nicht. Ueber Dumer;: Admedera der Tabula Peatingerana Seg- 
mentum X vergl. Waddington, Inscriptions de la Syric S. 58^. Moritz, Zar alten Topographie 



Kap. VII. Pnmer. — Nördlichste nabatäische Inschrift. 



253 



nabatäische Inschriften gefunden worden sind. Eine derselben, aus dem 
Jahre 99 n. Chr. stammend, hat Professor Moritz abgeklatscht; die acht- 
seitige Säule, auf welcher sie sich befindet, lag zur Zeit meiner An- 
wesenheit in einer Strasse Dumers^). 

Dumer ist das am weitesten in die Wüste, den Hamäd, vorgeschobene 
Dorf der Ebene von Damaskus. Der stark bevölkerte, von krummen und 
engen Gassen durchzogene Ort trägt in seiner Bauart vollständig den 
Charakter der am Wüstenrande und in den benachbarten Oasen ge- 
legenen Dörfer. Die ein- und zweistöckigen, aus Stein und Lehm ge- 
bauten, meist weiss getünchten und mit grellen Farben bemalten Häuser 
reihen sich unmittelbar aneinander, so dass die Strassenfronten eine fort- 
laufende, nur von den Thüren unterbrochene Wand bilden. Die Wohnungen 




Plan eines. Hauses in Dumer. 

haben, da die Bevölkerung Ackerbau treibt, Höfe und Stallungen. Ueber 
den niedrigen Thüren sind zahlreiche bunte, meist blaue Teller ein- 
gemauert. Der Hof ist wohl geebnet. In den Wohnstuben werden mit 
Vorliebe von den Frauen aus einer Art Mörtel, dem Mist beigemengt 
ist, schrankartige Nischen mit zahlreichen Fächern in durchbrochener, 
natürlich etwas plumper Arbeit gefertigt. Aus demselben Material 



der Palmyrene (Abhdl. d. Kgl. Akad.^, Berlin 1889, S. 13 und 20 lässt unentschieden, ob 
Admedera mit Dumer oder Saidnäjä gleichzustellen ist. Ritter a. a. (). Bd. XVII, ,, S. 1457 setzt 
nach Addisons Bericht (1835) dagejren Admedera = il Kuleife. .\lle diese Gleichstellungen 
befriedigen nicht. Admedera muss vielmehr, wenn anders der Zeichnung der Tabula Wert 
beigemessen werden darf, ungefähr da gelegen haben, wo am Pass Tenijet Abu '1 *Atä der 
Weg nach il Karjeten von der grossen Strasse Damaskus-Hom^ abzweigt. 

') Erklärt von Sachau in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischcn Gesellschaft, 
Jahrgang 1884, Bd. 38, S. 535 ff. 



254 



Kap. VII. Die Häuacr 



werden auch die grossen, oft über meterhohen, runden, unten spitz zu- 
laufenden Behälter für Stroh (Häcksel) und Getreide, Wasser und Oel 
hergestellt, die oft gross genug sind, um einen Mann aufzunehmen. 
Unwillkürlich wurde ich an das Märchen aus Tausend und einer Nacht 




erinnert, in welchem die treue Sklavin die in den Oclgefässen verborgenen 
Räuber getötet haben soll. Der ganze Ort ist von einem durch fliesscndes 
Wasser befruchteten Kranze von Gärten umringt, die von Lehmmauern 
umjjcbcn sind und gegen feindliche .Angriffe einen gewissen Schutz ge- 
wahren. In punicr herrscht ein leidlicher Wohlstand, namentlich sah 
ich viele Rinder, die sonst in den Oasenorten fehlen. 



Kap. VII. Wüstenpost. 255 

Die Einwohner von Dumer, welche im allgemeinen den Typus der 
syrischen Bauern tragen, zeichnen sich nicht gerade durch Schönheit 
aus. Sie sind sehr kräftig gebaut, starkknochig, mit plumpen Ge- 
sichtszügen und unterscheiden sich darin markant von der mehr 
aus sesshaft gewordenen Beduinen zusammengesetzten Bevölkerung von 
Palmyra und den anderen Wüstenorten. In den Dumerern muss noch 
ein gutes Teil des alten aramäischen Blutes fliessen. 

Dumer ist heute der Ausgangspunkt der Kamelpostroute von 
Damaskus nach Bardäd, die von Dumer an in fast östlicher Richtung 

die Wüste durchquert, den Euphrat bei Hit J^^-J^ überschreitet und 

dann südostwärts quer durch Mesopotamien nach Bardäd geht^). Die 
Post befand sich zuerst, seit den siebziger Jahren, in englischen Händen ; 
kurz darauf gründete jedoch der bekannte Reformator Midbat Pascha im 
Auftrage der türkischen Regierung ein Konkurrenzunternehmen, infolge 
dessen in der Mitte der achtziger Jahre die englische Post den Betrieb ein- 
stellte. Seitdem besorgt die türkische Post allein wöchentlich einmal die 
Verbindung von Damaskus mit Bardäd und umgekehrt.. Sie befördert, 
wie überhaupt die türkische Landpost, nur gewöhnliche Briefe, aber 
keine Wertsachen. Jeder Postreiter führt in der Regel ausser seinem 
Reittier ein Reservekamel, welches W^asser trägt. Die Postreiter sind fast aus- 
nahmslos 'AgeP). Gegen Entrichtung einer Taxe ist es Reisenden erlaubt, 
auf eigenen oder von den Postreitern gemieteten Kamelen und allerdings auf 
eigenes Risiko sich der Wüstenpost anzuschliessen. Vor mehreren Jahren 
büsste der griechische Wirt der Locanda in Bardäd auf der Poststrasse 
nach Damaskus sein Leben ein. Er konnte vor Erschöpfung nicht weiter 
reiten und musste in der Wüste zurückgelassen werden. Die Reise ist 
ausserordentlich anstrengend; die Tagesleistung beträgt 18 Stunden, 
während welcher in schneller Gangart geritten wird. Dreimal am Tage 
wird je zwei Stunden geruht. In der trockenen Jahreszeit dauert der 
Ritt 8 Tage, im Winter und im Frühjahr drei bis vier Tage länger, da 
dann der Regen den Wüstenboden stellenweise schlüpfrig macht. Die 
Regierung hat mit allen in Betracht kommenden Beduinenstämmen Ver- 



*) Der Ilamäd ist in der ungefähren Richtung der Postroute schon mehrfach von 
europäischen Reisenden durchkreuzt worden, so von Ormsby 1831 (verjjl. Ritter a. a. O. 
Bd. XVII,,, S. 1425 und 1431), Wellstedt 1833 (Travels to the City of the Caliphs, London 
1840 Bd.I,S. 303 ff.), Chesney 1837, Socin 1872 (»Ausland« 1873, S. 221 ff.), Huber 1883 (Voyape 
dans l'Arabie Centrale [Extruit du Bulletin de la Socicte de Geographie 1884— 1S85] 
S. 156 ff.), B. von Rakovszki, H. Burchardt und anderen. M. von Thielmanu hat den 
östlichen Theil des Hamäd. von Hille nach Palmyra, Blunt den westlichen von Palmyra 
südlich der Höhenzüge nach Dumer darchzogeii. 

*) VergL oben Kap. II, S. 78. 



2C6 Kap. VII. Abschied von DablÄn. 

träge abgeschlossen, wodurch die Sicherheit der Beförderung gewähr- 
leistet ist. 

In Dumer trennte ich mich von Dablän, der nicht zu bewegen 
war, mich weiter zu begleiten; ob aus Furcht vor den Soldaten, die 
mich von Dumer aus eskortieren sollten, oder vor den 'Aneze, welche, 
wie er glaubte, sich in der Umgegend umhertrieben, weiss ich nicht. 
Jedoch schieden wir nicht, ohne dass er schriftlich und vor Zeugen mit 
mir die Chilwe nach Beduinenart abgeschlossen hätte, deren Wortlaut 
hier in der Uebersetzung mitgeteilt sei: »Ich Endesunterzeichneter 
Dablän ibn Mubammed il Läfi, habe mit Herrn Baron Max Oppenheim 
die arabische Brüderschaft abgeschlossen, und dadurch bin ich verant- 
wortlich vor Gott und gegenwärtigen Zeugen, die Rechte der Brüderschaft 
zu beobachten und ihn zu beschützen, ihn und sein Hab und Gut, so 
lange er sich im Gebiete der Riät befindet, und zu beschirmen vor 
jeglicher Gefahr, die ihm zustossen könnte von den Riät, zu denen ich 
gehöre, und zu dem Zwecke habe ich ihm für mich diesen Vertrag und 
diese Schrift gegeben. Gezeichnet Dablän ibn Mubammed il Läfi von 
dem Stamme der Riät, i8. Juli 1893.« Unterzeichnet wurde noch von vier 
Zeugen, den Riät-Leuten Tälib is Sumbi, De'ekil Slimän, Mutlak iz Zäid 
und dem Dumcrer (Dumräwi) Schcch Mustafa. Letzterer allein konnte 
schreiben. Dablän erhielt für seine wirklich treuen Dienste einen Ehren- 
mantel und vier türkische Pfund; er schied von mir, indem er der 
Hoffnung Ausdruck gab, dass ich ihn wiederum aufsuchen würde. 

Nach einer Besichtigung der Ruinen von il Mak^üra beabsichtigte 
ich, wie erwähnt, den bei allen Beduinen der Syrischen Wüste berühmten 
Brunnen Bir Zubede aufzusuchen, um dann südlich von der gewöhnHchen 
Karawanenstrasse öerüd - Karjetcn nach Palmyra zu marschieren. Es 
schien mir nicht ratsam, diese Route einzuschlagen, ohne wenigstens 
auf dem ersten Teile des Weges von Riät-Beduinen begleitet zu sein, da 
wir in der Ruhbe gehört hatten, dass ein grosser Teil des Stammes kurz vor 
unserer Ankunft nach Norden aufgebrochen sei, um sein Glück auf einem 
grösseren Razu noch einmal zu versuchen, bevor die Zelte, des Wassermangels 
wegen, von der Ruhbe nach den östlichen Abhängen des Haurän verlegt 
werden sollten. Ich warb daher den Riät - Schech Tälib is Sumbi an, 
einen alten ergrauten Sünder, der vor mehreren Jahren nach einem Anfall 
auf die Wüstenpost in die Hände der Regierung gefallen war und dann 
nördlich unweit Dumer mit seiner Familie angesiedelt wurde, um in 
Zukunft als Geisel gegen Angriffe der Riät auf die Kamelpostreiter und 
Dumer selbst zu dienen. Vor Errichtung der Kischla von Dumer zahlte 
der Ort an die Riät eine Art jährlichen Tributs. 

Auf den bisherigen Karten sind die dem Antilibanon östlich vorgelagerten 
Gebirgsketten, die sich von Dumer nach Palmyra hinziehen, als ein einziger 



Kap. VIL Aaf brach von Pumer. 25? 

oder ein Doppelhöhenzug eingezeichnet; thatsächlich stellen dieselben jedoch 
ein gebirgiges Terrain dar, welches zahlreiche, mehr oder weniger hohe, 
selbständige Parallelketten in der Richtung von Südwesten nach 
Nordosten aufweist. Erst östlich von Karjeten, etwa beim öebel *Ain 
il Wu*Ql, scheinen sich diese Züge zu vereinigen, um nordöstlich in einem 
einzigen Gebirgsstock nach Palmyra weiterzugehen. Bei Palmyra trifft dieser 
mit einem von Hom§ östlich streichenden Höhenzug zusammen, mit welchem 
er die Steppe von Karjeten einschliesst. Nunmehr wieder nordöstliche 
Richtung annehmend, erstreckt sich das Gebirge weiter über Erek und 
Suchne bis zum Euphrat, den es unweit oberhalb Der ez Zör erreicht. 
Die ganze Bergkette ist als die Nordgrenze der Syrischen Wüste zu 
betrachten. Nördlich dieser Gebirgslinien weist der Boden nur im östlichen 
Teil, unweit des Euphrat, dieselbe Beschaffenheit auf wie der eigentliche 
Hamäd, ist jedoch weiter im Westen anbaufähig. Zahlreiche Ruinen- 
Städte, wie Taijibe, Resäfe, Isrije (is Serije), Anderin etc., zeugen für die 
grössere Kulturföhigkeit dieses westlicheren Gebietes. 

Nach einer Ruhe von zwei Tagen, die uns selbst sehr wohl that, 
und den Pferden und Kamelen ein Bedürfnis war, verliessen wir Pumer 
am Dienstag, den 20. Juli, um 77« Uhr morgens. Es begleitete uns 
für diesen Tag ausser Tälib is Sumbi und mehreren seiner Riät fast 
die gesamte Garnison, die in der Gendarmerie -Kischla bei dem Dorfe 
stationiert war, sowie einer der beiden Dorfschechs von Dumer und 
einige Dumerer Bauern, sämtlich bis an die Zähne bewaffnet. Mein edel 
gezogenes arabisches Pferd sowie das Pferd Mansiirs hatten die Strapazen 
gut überstanden und waren kaum zu bändigen, als wir, von den auf 
Stuten berittenen Riät geführt, aufbrachen. Unser eigener Tierpark 
bestand ausschliesslich aus Hengsten. Man liebt es, auf dem Marsche 
möglichst eine Stute die Tete nehmen zu lassen, wenn man die Pferde 
ermüdet glaubt. Die Karawane Hess ich wieder getrennt von uns 
marschieren und über Gerüd vorausgehen, einmal, weil es zu gefährlich 
erschien, sie nach dem Bir Zubcde mitzunehmen, und dann, um in 
derüd einige Zaptije für den Weitermarsch zu requirieren. Der Schech 
von Cerüd, Mubammed Ära, hat seit langer Zeit die Verpflichtung 
übernommen, mit seiner irregulären Reiterei die Karawanenstrassen der 
Umgegend von dcrüd zu sichern. Seine Tochter hat den Oberschcch 

der Ruala j(jj geheiratet. 

Unser Weg führte uns zunächst in den zwischen dem debel Abiri 
Kös und dem Nordrande des Trachons sich einschiebenden Zipfel des 
Hamäd zurück, der, durch diese Erhebungen im Norden und Süden 
eingezwängt, eine Art von Thalmulde bildet. Das Terrain fällt hier nach 
Südwesten ab, die Bäche, welche auch im Sommer bei Dumer, der 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golt. ^^ 



258 Kap. VII. Die »Thalmulde« des Hamäd. — II Mal^^ura. 

Kischla und der Ruine il Mal^^üra fliessen, ergiessen sich in die Wiesen- 
seen der Damaskus -Ebene. Etwa 20 Kilometer östlich von Dumer 
erhebt sich die Thalmulde etwas — hier dürfte erst der eigentliche 
Hamäd beginnen — , weitere 30 Kilometer östlich bildet sie eine Senkung, 
die sich zur Regenzeit mit Wasser füllt und auch im Sommer eine weithin 
weisslich glänzende sumpfige Fläche darstellt. Der Boden der Senkung 
ist sehr stark salzhaltig; der Salzsumpf (Sabcha) wird jedoch nicht aus- 
gebeutet. Im Frühjahr bedeckt sich die Thalmulde des Hamäd mit 
besonders üppiger Steppenvegetation und ist der Tummelplatz der Wuld 
* Ali-Beduinen'), denen sie fette Weiden für ihre Pferde und Kamele 
bietet Wir fanden hier während des Sommers kaum das eine oder andere 
kleine Pflänzchen vor. 

An der Kischla stiess der befehlshabende Offizier mit seinen Zaptije 
zu uns. und eineStunde nach unserem Aufbruche von Dumer erreichten wir il 

Mak§üra öjjuaja\ (il Chirbe Aij^\). Die Ruine besteht in der Haupt- 
sache aus einem grossen rechteckigen Bauwerk, von dem fast nur der 
untere Teil der Umfassungsmauern erhalten ist. Innerhalb der Mauerreste 
sind die Trümmer mehrerer Gebäude erkennbar. Unzweifelhaft haben 
wir es hier mit den Ruinen eines römischen Kastells^) zu thun, das den 
Zweck hatte, den 1 lamfidzipfel , das Durchgangsthor von der Wüste in 
die Ebene von Damaskus, zu bewachen und auch in gewöhnlichen Zeiten 
gegen die stets zu erwartenden Ueberfälle der Beduinen zu schützen. 
Das Jahr der Erbauung ist aus den bisher gefundenen Inschriften nicl'.t 
ersichtlich, wohl aber ergiebt sich aus einer derselben, dass die Anlage 
bereits zur Zeit des Kaisers Marcus Aurelius vorhanden gewesen ist. Im 
übrigen enthalten die Inschriften nur Angaben über die Garnison, die 
ihren Zwecken entsprechend wohl stets aus Reiterei bestand. In Dumer 
war mir ein Inschriftenstein gezeigt worden, der angeblich aus il Mal^^üra 
stammen sollte und folgende Inschrift trug: 

■ 

KTOYTiA.. 

TKIMTIOYI 

TKAKYHII 

KNAIIOYA 

NAIMCOAK 

MOYKTüN 

Nach einem Aufenthalte von 20 Minuten verlicssen wir il MaV§iüra, 
um unseren Marsch in östlicher Richtung fortzusetzen. Um g^jt Uhr 

^' Venjl. Hiirton, Unexplored Syria, London 1872 Ild. II, S. 3()4. 

* Vcrgl. Wetzstein, Ausj^ewählle j^ricchischc und lateinische Inschriften, j^esammelt 
auf Reisen in den Trachonen und um das Hauränijebirge. .-Vbh. der Kgl. Akad. d. Wiss. ) 
ßcrhn 1S64, S. 316. Wad«Ungton a. a. O. 2556 d— f. 



Kap. VII. Der Chan Abu 'seh Schämät. 2 50 

wurde uns links oben im Gebirge die Stelle der auf den bisherigen 

Karten schon verzeichneten »Mönchsquelle«, 'Ain ir Rähib ^^^^w^ /;\^, 

gezeigt, die nach der Angabe meiner Bes^leiter um diese Jahreszeit kein 
Wasser enthielt. Rechts lagen umfangreiche Gazellenfangplätze; es waren 
dies Plätze, umgeben von niedrigen, aus losen Steinen aufgeschichteten 
Mauern, um welche tiefe Gräben gezogen waren. Die Gazellen werden 
in diese Umgrenzung hineingetrieben, wobei sie fliehend über die Mauern 
springen und in die Gräben stürzen. 

Wir wandten uns jetzt etwas . südwärts und betraten wieder das mit 
liasaltgeröll bedeckte Gebiet des Trachon. Auf einer langgestreckten 

Welle desselben lag der Chan Abu 'seh Schämät OL>«LiJ\ ^\ jU- , bei 

• 

dem wir um Ii Uhr ankamen. Es war nur mehr der untere Teil der 
27^ Meter starken und aus unbehauenem Gestein errichteten Umfassungs- 
mauern erhalten. An den Ecken waren viereckige starke Bastionen in 
turmartigem Ausbau angesetzt. Das einzige Thor führte nach Norden 
in die Thalsenkung, davor lagen ein grösseres und ein kleineres vier- 
eckiges Wasserbassin, die indess beide verschüttet waren. Inschriften oder 
sonstige Angaben über die Zeit und den Zweck des Baues vermochte 
ich nicht zu entdecken. Doch möchte ich denselben nicht für ein römi- 
sches Kastell halten, vielmehr, wie der Name sagt, für einen wirklichen 
Chan, der vielleicht älteren römischen Bauten nachgebildet ist. 

Der Chan Abu 'seh Schämät scheint der erste einer ganzen Kette gleich- 
artiger Bauwerke gewesen zu sein, die sich mit wenigen Stunden Zwischen- 
raum von Damaskus bezw. Dumcr in nordöstlicher Richtung zum Euphrat 
und von da quer durch Mesopotamien nach Mösul, vielleicht auch den 
Euphrat entlang, hinzog: Karawanserais aus muhammedanischer Zeit, 
dazu bestimmt, nötigenfalls mehreren grösseren Karawanen während der 
Rastzeit oder im Augenblicke der Gefahr Schutz gegen Ueberfälle zu 
gewähren. Sie mögen zur Blütezeit des Chalifats errichtet worden sein, 
um diese Hauptkarawanenstrasse zwischen Bardäd bezw. Mösul und 
Damaskus zu sichern. Innerhalb der Chane oder in ihrer unmittelbaren Nähe 
sind regelmässig Wasserreservoire oder Ziehbrunnen angelegt. Begreiflicher- 
weise fehlen die Chane dort, wo sich schon feste Ansiedelungen be- 
funden haben. 

Der zunächst auf Abu seh Schämät foli^ende Chan ist das Kasr is Scgal 

li-ül j'O!^, südlich des Salzsumpfes in der Thalmulde des Hamäd. 

Diesen habe ich gesehen. Von dort nach Palmyra sollen noch mehrere 
Chanruinen südlich des Gebirges vorhanden sein. Zwischen Palmyra und 

Erek fand ich den Chan il Hamrä ^^\ jU- (Ka^r il ^umyj^zwei weitere 

17* 



26o ^*P* ^^^* Chane und Kischlos in der Wüste. 

Chane zwischen Erek und Suchne dicht nebeneinander (vielleicht zu ver- 
schiedener Zeit errichtet). Zwischen Suchne und dem Bir Gabagib dürften 
ähnliche Bauten am Fusse des Höhenzuges existiert haben, obwohl sie 
weder von meinen Vorgängern noch von mir bemerkt wurden; höchstwahr- 
scheinlich ging die frühere Strasse in einer etwas anderen Richtung, als die 
jetzige. Wenige Stunden östlich der alten Station Gabägib fand ich wieder 
die Spuren eines Chan. Von hier dürfte sich die Kette in direkter 
Richtung nach der Mündung des Chäbiir hingezogen haben. Am westlichen 
rechten Ufer des Chäbür lag eine Reihe grösserer und kleinerer Städte, 
deren Namen noch heutzutage an den Schutthügeln haften, und es ist 
wohl anzunehmen, dass diesen die Karawanenstrasse gefolgt ist. Den 

Chäbür hat sie zweifellos bei *Arbän jl^ überschritten. Hier stehen 

noch heute die grossartigen, mit schönen arabischen * Inschriften gpe- 
schmückten Reste einer breiten, monumentalen Brücke. Vom Ostufer 
dieses Flusses an dürfte die Strasse an der Südseite des Cicbcl Sin^är ent- 
lang nach Mösul gegangen sein. Vier Stunden von Beled Singär hat Sachau 
wieder einen Chan gefunden, der allerdings nach der von ihm kopierten 
Inschrift erst aus dem 14. Jahrhundert stammt*), vielleicht aber auf den 
Resten eines älteren Baues neu errichtet worden ist. 

Die Form der von mir j^efundcnen Chane ist im Grunde genommen 
regelmässig die des Chan Abii 'seh Schamat-'J. Sie sind jetzt sämtlich ver- 
lassen, die Mauern eingestürzt und ihre Wasserreservoire verschüttet, 
üeber die Zeit, wann der Verfall eingetreten ist. kann man nur Ver- 
mutungen hegen, wahrscheinlich dürfte er auf den ICinfall der Mongolen 
oder Tataren zurückzuführen sein. 

Statt der Chane hat die türkische Regierung in letzter Zeit neben 
einzelnen Wasserstellen in der Wüste kleine Forts, sogenannte Kischlas 

^Lii, errichtet, deren Besatzung, wie die Erfahrung gelehrt hat, nur 

eine ganz geringe zu sein braucht, um selbst grossere Raubzüge zurück- 
zuwerfen. Bei der Annäherung von Beduinen ziehen sich die Soldaten in 
die Kischla zurück, verrammeln das Thor und schiessen mit ihren guten 
Gewehren die sich nahenden Räuber nieder. Ich habe glaubwürdig erzählen 
hören, dass auf diese Weise zwei oder drei Soldaten hunderte von Beduinen 
am Wasserschöpfen verhindert haben. Eine längere Belagerung ist aus- 

*j Vcrj^l. Saciiau, Reisen in .Syrien un<l Mesopotamien, Leip/.itj 1SS3, S. 333 — 341; 
ferner Ihn Chunlarll>e bei Sprenijcr, Die Post- und Reiserouten dos < )rients, S. 107. 

*'*' l'ebrigens dieselbe, die ich bei IJefesti«;unji^en in Algerien und in Deutsch- 
Ost-Afrika antraf: ein viereckij^es, einen «grossen freien I'lati einschliessendes (iebäude, meist 
mit an den Kcken vors]>rinj;eiiden IJastioncn. Aehnliche Chan-Uauten finden sich aach anf 
anderen allen Karawanenstrassen inuhaminodanischer Länder. 



Kip. VII. tiUchlas 




geschlossen, d;i die Angreifer ja ohne Wasser nicht auskommen können. 
Ein Sturm auf die Kischia ist bei den geringfügigen Angriffsmilteln der 
Beduinen aussichtslos. Wenn sich die türkische Regierung entschhesscn 
könnte, die Ziihl dieser Kischlas zu vermehren, und die siimthchcn auch 
während der heissen Jahreszeit wasserhaltigen I'lät^e in der Syrischen Wüste 
durch kleine Hesatzungen xu schütxen, si) würde der dort jetzt im Sommer 
fast ganz brach liegende Handel und Verkehr einen wirksamen Schutz er- 
fahren; vielleicht könnten dann die verlassenen Städte an den grossen 
Karawanenstrassen, wie Palmyra, Krek u. s. w.. einer neuen Hlüte entgegen- 
gehen. Dabei würde nur eine beschrankte Zahl von Stellen in Helracht 
kommen, da der ständig wasserhaltigen Quellen sehr wenige sind. 
Allerdings niiissten ausserdem leicht bewegliche, auf Kamelen oder 
äonst beritten gemachte Truppen zur Verfugung .stehen, welche die 
Thätigkeit der Garnisonen der Kischlas zu unterstützen hätten. Welche 
Hedcutung solche militäri.sche Massnahmen haben, beweist <ler I'>f"lg, 
den die in Der tv, Ziir stationierte Maultierreilcrei mit ihren Pacilizierungs- 
versuchen in ilcm dortigen Teil der Wüste erzielt hat. 

Die Wasserstellen sind meist Ziehbrunnen, welche als Löcher von 
I — 3 m Durchmesser bei einer Tiefe bis zu Xo m erscheinen. Der lirunncn 
ist zuweilen ausgemauert, besonders oben am Rande, der Strick, an 

welchem der Schöpfeimer (D^hi J^) hängt, läuft entweder unvermittelt 



26z 



Kip. VI[. ZiehbninneD. 



über den Steinrand der Einfassung oder über ein hölzernes Joch, das 
man über der Brunnenöffnung errichtet hat. Das Wasser wird dadurch 
heraufgeschafft, dass Menschen oder Tiere, vom Brunnen wegschreitend, 
an dem Strick ziehen. Auf diese Weise sind in den Steinrand durch 
den langjährigen Gebrauch zuweilen tiefe Rillen eingeschnitten, so am 
Bir Gabägib von lo cm Tiefe. Das Wasser ist in der Syrischen und 
Nordmesopotamischen Wüste allgemein saU-, oft auch schwefelhaltig, 
weil hier Gipsboden vorherrscht, der oftmals schöne Kristalle zu Tage 
treten lasst. Immerhin erschien uns das Wasser des Hamäd vortrefflich 
nach dem brakigen Schlamm der Umm Räbil und der Harra. 




Vom Chan Abu 'seh Schamat aus war der Ciebel Zubede »-L- j , U»-, 
auf dem sich unser nächstes Ziel, die verrufene Quelle, befand und der 
eine Fortsetzung des Gcbel Abu 1 Kos bildet, schon zu erblicken. Auf 
dem Weitermarsche hatten wir die Aussicht auf die folgenden Spitzen 
des südlich von uns gelegenen Vulkan gebietes: Tel! il Matalle, Teil il 
'Abd, Teil id Dakive, Tuhil is Surcgijät, Sadrische, Hügel Umm Udn; das 
Gebirge Abu 1 Kös zog sich im Bogen noch weiter nach NNO. hin. 

Bald nachdem wir vom Chan Abu 'seh Schämat aufgebrochen waren, 
verliessen wir das vulkanische Gebiet wieder und durchzogen die bereits 
etwa lo Kilometer breit gewordene Thalinulde in nordöstlicher Richtung. 
Unser Rcittempo war flott, fast ständig der richtige kurze Reitergalopp. 
Verschiedentlich kreuzten Gazellcnherden und Trappen unseren Weg. 



Kap. VII. Der Zubede-Bninnen. 263 

Um 272 Uhr begann der recht beschwerliche Aufstieg in das 
nördUch der Mulde gelegene Gebirge, und um 3**^ Uhr hatten wir den 
Brunnen erreicht. Die wildzerklüfteten Kalksteinfelsen des Berges boten 
unseren Tieren nur selten einen Pfad, so dass die Pferde und Reit- 
kamele grösstenteils geführt werden mussten. Die Felsen glühten noch 
von der Mittagssonne, und ihre grau weisse Farbe blendete die Augen. 
Schon von weitem kündete sich die Nähe des Quells durch grüne 
Vegetation an, welche in den Ritzen des Gesteins und um den Brunnen 
Platz gefunden hatte und von der kahlen Oede des Gebirges sich freund- 
lich abhob. Die Quelle selbst lag fast auf der höchsten Spitze des 
1 Berges in einer Höhle, überragt von einem Felsenvorsprung, welcher das 
Wasser, das mehrere Meter tief aus dem Innern des Gesteins hervor- 
sickerte, vor den brennenden Strahlen der Sonne schützte. Vermittelst 
der mitgenommenen Zieheimer wurde das erfrischende Nass empor- 
gewunden, das sich als angenehm kühl, aber von leicht bitterlichem 
Geschmack erwies 

Vom Gipfel des Zubede-Felsens bot sich eine überaus grossartige 
Aussicht. Zu unseren Füssen lag die Thalmulde, die wir durchzogen 
hatten, etwas südlich grüsste das Ka.?r is Segal herauf, und daneben 
schimmerte eine weite Fläche, wie mit Schnee bedeckt: die flache, jetzt 
trockene Niederung der Sabcha. Die Thalmulde selbst, deren Vege- 
tation die sengende Sommerhitze verbrannt hatte, präsentierte sich als eine 
kahle öde Steppe. Dahinter erschien in seiner ganzen Schauerlichkeit das 
vor kurzem erst von uns verlassene Vulkangebiet des Trachon mit seiner 
dunklen Lavamasse, aus der die schwarzen Kraterkegel bald spitz, bald 
abgestumpft hervorragten. Ich benutzte die Gelegenheit, um die wich- 
tigsten derselben von hier aus anzupeilen. Deutlich erkennbar war der 
Teil Sadrische, dann Makbül, Karauwas, Ses, Tuletuwäh, ir Rubaije, 
der Teil il *Ägil oder Schech it Tulül, Teil il Ak'as, id Daräir, id Dirs, 
id Dakwe, il Matalle. Westlich von diesen Bergen sahen wir die Ebene 
von Dumer, im Osten dehnte sich die endlose und in allen P^arbentönen 
schillernde Hamädsteppe aus. Die wildromantischen Felskulissen des 
Zubede-Berges bildeten einen würdigen Hintergrund dir das überwältigende 
Bild, über dessen Anblick man der Gefahren vergessen konnte, welche 
die Zubede als eine der gefürchtetsten Durchzugspunkte für die Razu 
der Syrischen Wüste birgt. 

Der Bir Zubede ist auf keiner der bisherigen Karten verzeichnet. 
Jedenfalls ist es aber derselbe Brunnen, welchem die Leute der BluntsM 
auf ihrer ersten Reise ihren Wasservorrat entnahmen; der Brunnen 
wurde von Lady Anne Blunt fälschlich Bir Shedeh genannt. 

*) Vcrjjl. Ltidy Anne Blunt, Bedouin tribcs of thc Euphnites. London 1S79, Bd. II, S. I4r. 



264 ^P- ^^- ^"' ^^^ '' l:IaJ"JÄ. 

Meine Begleiter hatten inzwischen deutliche Spuren einer vielleicht 
erst in der vergangenen Nacht hier gewesenen Karawane entdeckt, und 
da die Raubzüge der Beduinen sich gerade mit Sonnenuntergang den 
Wasserstellen zu nähern pflegen, erschien es dringend geboten, an den 
Aufbruch zu denken. 

Der Abstieg begann um 57* Uhr nachmittags. Den Berg um- 
reitend, so dass er uns zur Linken blieb, gelangten wir auf abschüssigem 
Wege ostwärts in einen Pass, dessen andere Seite von dem mächtigen Cebel 

KarnKabsch ^tS jj^ S^ (»Widderhorn*) gebildet wird. Wir stiegen 

den hier überall mit auffallend schönen Kalkkristallen bedeckten Pfad 
hinab. Am Nordabhang des Zubcde-Passes zweigte sich die Spur eines 
Weges von dem unsrigen in etwa einviertelstündiger Entfernung von der 
Bergspitze ab, um mehr nach Osten zu gehen. 

Unsere Lastkarawane, die in der Richtung nach Palmyra den Um- 
weg über Cfcrüd gemacht hatte, konnte noch nicht so weit östlich wie 
wir selbst vorgedrungen sein, und wir mussten, um zu dem verabredeten 
Lagerplatze zu gelangen, wieder nach Westen zurück gehen. Bei der 
Auswahl des Platzes hatte in Betracht gezogen werden müssen, dass 
meilenweit nach Osten hin kein Wasser zu fmden war. Am Fusse des 
den Zubede-Brunnen tragenden Berges angelangt, nahmen wir NXW.- 
Richtung, durchzogen zunächst eine grössere und nach Passierung eines 
niedrigen Höhenzuges eine kleinere Ebene und überschritten um 7 Uhr 
den einer parallel dem ("iebcl ZubedeM. also ONO., streichenden Höhen- 

kette zugehörenden Teil Tmede öJS l> , indem wir einen kleinen 

ausgetrockneten Wädi entlang ritten. Immer NNW. marschierend, trafen 
wir um 7* 4 Uhr auf einen zweiten Höhenrücken und später noch auf 
weitere Parallelzüge. 

Gegen 7^^ Uhr erreichten wir den Bir Abu 1 Hajäjä lu5-\ y\ r^ 

(»Vater der Schlangen*); mehrere grosse und tiefe Brunnen hatten 
genügendes Wasser. In ihrer nächsten Nähe standen mehrere Zelte 
der Sieb. Unsere Karawane war bereits angelangt und hatte das 
Lager aufgeschlagen. Wir hatten es erst nach einigem Suchen ge- 
funden, nachdem mehrere Signalschüsse gewechselt worden waren. Mit 
der Karawane waren einige Zaptije aus Cfcrüd gekommen, welche uns 

^) In der europäischen Litteratur haben sich für die nuch Palinyni hinstreichenden 
Fortselziinijen des (Jebel Abu '1 Kös und des ( iebel Zubede die Namen cicbel isch .Scharlp und 
(Jcbel Tawil einjjebürgert, die an C)rt und Stelle unbt7kannt sind. Dort trägt vielmehr jede 
einzelne Erhebung ihren besonderen Nanuru. 



Kap. VIL DoB Gebirge zwischen I^umer und Palmyz«. 265 

nunmehr nach Palmyra führen sollten, während unsere bisherigen Be- 
gleiter uns hier verliessen, um nach Dumer zurückzukehren. 

Am folgenden Morgen 7^ Uhr verliessen wir Abu '1 Hajäjä. Auch im 
Norden wurde jetzt eine grössere Zahl von nordöstlich streichenden 
Höhenketten sichtbar. Nach zweistündigem Marsch waren im Süden die 
kleineren Hügelreihen zu Ende, nur die grössere Bergkette, welche unsere 
Route vom Hamäd schied, setzte sich weiter fort; im Norden aber 
blieben ständig mehrere Bergreihen zu unserer Seite. Wir hatten zu- 



^ j 



nächst nach dem Aufbruch vom Lager den (^ebel is Suraijar j\jLuJ\ L>- 

zur Linken, den Duhür il Mahsä ^^\ ^ ji^ zur Rechten und hinter 

diesem aufragend den mächtigen (lebel Zubede. Um 7^® Uhr lag genau 

rechts die Täbijet Zubede S JU j <- lU, die höchste Erhebung in dem 

», .., 

Gebirgskomplex der Zubede. 

Wir betraten nunmehr eine leicht wellenförmige schmale Ebene, 

Sahl Dob* ^uüa \^^, (»Hyänenebene«) genannt, die sich bald mehr 

ausbuchtete und zu unserer Linken an den Crebel Nasafet Dob* AdV,A» L>- 

UV« 

/u^ grenzte. Hier hatten wir um SV'i Uhr den Teil Dob* als nächsten 

Hügel zu unserer Rechten. Die Marschrichtung veränderte sich von NO. 
mehr nach NNO. Die Hügelreihe links senkte sich 8^^ zu einem Tiefpass 

Tanijet Maksar Nimr ^» ^.-^Xa <J^, dessen Name auf das Vorkommen 

von Panthern an diesem Orte schliessen lä^^st. Darauf folgte zur Linken 

der Bergrücken (rebel il Ruräb «^j\^'^ J^* 8*^* Uhr verlor die Bergkette 
rechts beträchtlich an Höhe und setzte sich nur mehr als niedrige, 
mehrere Kilometer lange Hügelrcihe bis zur Tamjet il Jabäride <Jü 
Ä^jla)\ (»Pass der Jabruder«)^) fort. 9° Uhr lag links (iebel Scha*b il Loz 

j j\I\ ,^.^.A-i !u>- (»Mandelschluchtberg'^), 9''" rechts (lebclljcmur )y^..^ \^. 

Von hier an hiess die Ebene, durch welche unser Weg führte, Suhiil 

Zaml Wadba <^^ Sf^^ ^y^- ^^^ lO**^ ab stie^ das Terrain, bis 11'^ 

der höchste Punkt der Erhebung, Teil Zaml Wadha, erreicht war. Der 
Gluthitze wegen wurde hier eine Mittagspause gemacht. Erst eine Stunde 

*) Nach dem Städtchen Jabrüd, oin Ostahhan); des Antilibanon, zwischen Damaskus 
und 'Hom^. 



266 Kap. VIL Die Vulkane il 'Abd wil *Abde. 

später überholte uns die Karawane. Sie war in dem gut gangbaren 
Terrain mit 4^,1 — 5 km Geschwindigkeit marschiert und setzte ihren 
Weg ohne Aufenthalt fort i*® Uhr verliessen wir unseren Ruheplatz. 

2** Uhr lag rechts Cebel il Butm J^^ U>^, links öebel ir Rüs it Tuwäl 

J\jl2)\ fj^jj^ A^ (*Berg mit den hohen Spitzen«), auf den (linl 

Minuten später ebenfalls links (lebel il 'Ancg tcxIJ^ U>- folgte. 

Von weitem schon war uns ein merkwürdiges doppeltes Höhen- 
gebilde aufgefallen, das sich durch seinen schwarzen Ton von dem 
hellen Grau der Kalksteinumgebung prägnant abhob. Wir schwenkten 
etwas nach Osten und erreichten um 3" Uhr die beiden Hügel, die die 

Namen il 'Abd wil 'Abde äJlJ\ % JLiJl (»Sklave und Sklavin«) führten. 

Ersterer lag nordwestlich von dem letzteren und durch eine kleine Sen- 
kung von ihm getrennt, doch so, dass die Basen ineinander verliefen, 
Dass die beiden Hügel, deren einer spitz, der andere stumpf war, vul- 
kanischen Ursprungs waren, zeigte schon das sie allerdings nur in ge- 
ringem Umkreis umgebende feine Lavagerüll. Die gänzlich isoliert da- 
stehenden Krater sind nur durch eine einzige Kalksteinbergkette und 
ein kleines Stück des Hamäd von dem Vulkangebiet des nördlichen 
Trachons getrennt, und dürften mit diesem zur Zeit ihrer früheren, jetzt 
langst erloschenen Thätigkeit gewiss in unterirdischer Verbindung ge- 
standen haben*). 

Unsere Karawane hatte ihren Weg mehr nördlich am Rande des 
ziemlich bedeutenden mehrreihigen Höhenzuges zu unserer Linken 
genommen, dessen höchster Punkt, (iebel Ras 11 *Ain, um 4' 4 Uhr genau 
links von uns lag. Nordöstlich der beiden Krater dehnte sich eine all- 
mählich sich verbreiternde, durch nur leicht wellenförmige Erhöhungen 

unterbrochene Ebene aus, die zur Rechten von dem (fcbel il Butm \^- 

J^\ und den seine Verlängerung bildenden (^ebel isch Schech ^cjlIJ) |b*>. 

begrenzt wurde, beides Fortsetzungen des Abu 1 Kös und des Zubede- 
Gebirges. 

Dieser Gebirgszug, der nunmehr geradezu nordöstliche Richtung 
hält, nimmt in der Folge bis nach Palmyra in seinen Erhebungen 

immer neue Namen an, nämlich: (iebel in Nasräni .l\ »^äIM L>-, Gebel 

il Kuhle i^UÖl L>-, ('iebel irRotiis •^yj\ U» (icbel il Bäride L>. 



K ^^^^^^ oben Kap. III S. 90. 



Kap. VII, Der Razu am I;Iiifeijir. 207 

SijUl, Öebel 'Ain il Wü'iil J »c Jl /^«^ , U- und Öebel Haijäl Jl A \^. 

Jenseits der Bergkette im Süden beginnt die grosse Steppe des Hamäd. 
Nach Norden zu hören die kleineren Parallelketten, welche die genannten 
Berge von der Ebene von Karjeten trennen, in der Breite des Gebel il 
Bäride auf; letzterem ist nur noch die flache Erhebung des debel Chu- 
(Jrijät vorgelagert, während debel *Ain il WiVül und Gebel Haijäl un- 
mittelbar in die Steppe von il Karjeten abfallen. 

Bald nachdem wir il *Abd wil *Abde verlassen hatten, war uns 
ein niedriges, nicht sehr umfangreiches; blendend weisses Berggebilde 
aufgefallen, welches im Nordosten unweit des Gebel il Kubie die Ebene, 
durch die wir zogen, abzuschliessen schien. Das Gebilde war ein zer- 



« j 



klüfteter Kreidefelsen, il Hufeijir j^^^ genannt. Thatsächlich vereinigten 

sich hier die unsere Ebene zur Linken abschliessenden Erhebungen, nach- 
dem sie einen grossen Bogen nach Norden gemacht, wieder mit den 
südlich von uns ziehenden vorgenannten grösseren Bergen. Der Hufeijir 
hat im Westen eine breite thalartige Einsenkung, die im Winter die 
Abwässer der nördlichen Höhenzüge in sich aufnehmen dürfte. Mehr 
im Osten soll der Berg einen das ganze Jahr hindurch Wasser hallenden 
Brunnen oder eine Quelle besitzen. Hier beabsichtigten wir, unser Lager 
aufzuschlagen. Durch eine unvorhergesehene Begegnung sollten wir je- 
doch daran verhindert werden. 

Während unsere Karawane in ziemlicher Entfernung hinter uns in 
einer nördlicheren Linie marschierte, hatten wir Reiter, die wir den Abstecher 
nachil *Abd wil *Abde gemacht, aus dem Gebel isch Schcch plötzlich einige 
Beduinen auftauchen sehen. Jetzt begannen sie aus grosser Entfernung auf 
uns zu schiessen. Sofort machten auch wir uns schussbereit und galoppierten 
den Angreifern entgegen, die sich nunmehr hinter den Bergrücken 
zurückzogen. Kurz vor dem Hufeijir trafen wir mit unserer Lastkarawane 
zusammen, die wir seit unserer Mittagspause ausser Gesicht verloren 
hatten. Von unseren Leuten erfuhren wir, dass sie am Nachmittage 
von weitem einen grossen Trupp Beduinen gesehen hatten, der 
aus der Gegend von Karjeten kommend auf die uns von dem Hamäd 
trennenden Gebirge zumarschiert sei. Kr sei etwa 1 50 Kamele stark 
gewesen, von denen eine grosse Anzahl mit je zwei Reitern (Marduf) 
besetzt gewesen sei. Unzweifelhaft hatten wir es also mit einem Raub- 
zug zu thun, der uns aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Wasser- 
stelle des Hufeijir auflauern würde. Nur mit aller Vorsicht wurde da- 
her weiter marschiert. Die Quelle sollte sich jenseits, im Osten der 
zerklüfteten Kreidefelsen, befinden, da aber keiner meiner Leute, eben- 
sowenig wie Schech Man.sfir oder einer von den Zaptije, sie persönlich 



268 Kap. VII. Der kazu am Hafeijir. 

gesehen hatte, so wurde einer der letzteren auf die Suche geschickt, 
gleichzeitig mit dem Auftrage, im Falle er den Brunnen von einer zu 
starken Uebermacht von Beduinen besetzt finden sollte, ein Signal in 
Gestalt eines Doppelschusses aus seinem Repetier- Karabiner abzugeben. 
Als (icrüder musste er einen aus der Ferne hergekommenen Raubzug 
von den Beduinen der dortigen Gegend unterscheiden können. Es 
dauerte nicht lange, so hörten wir das verabredete Signal und bald darauf 
weitere Schüsse. Wie wir später erfuhren, war unser Mann auf einen 
Zug von über loo Beduinen gestossen, die wohl an der von uns ge- 
suchten Quelle lagerten und wahrscheinlich mit dem von unserer 
Karawane am Nachmittage erblickten Trupp identisch waren. Meine 
Leute und Tiere waren des Wassers dringend bedürftig. Da wir der 
Ueberzeugung gelebt hatten, diesen Abend wieder Wasser im Hufeijir zu 
finden, hatten wir ausser einigen Zemzemijes keine Schläuche mit Wasser 
gefüllt, um den Kamelen, welche noch immer an den Folgen des 
furchtbaren Marsches durch die Harra litten, möglichst geringe Lasten 
aufzuladen. Besondere Wasserkamele hatten wir von Dumcr aus nicht 
mehr mitgenommen, weil wir jeden Tag einen Brunnen oder eine Quelle 
zu finden sicher waren. Da uns jetzt das Wasser des Hufeijir gesperrt 
war, mussten wir daran denken, uns sofort in Sicherheit zu bringen. Nach 
einer der nach Palmyra zu gelegenen Wasserstellen weiter zu marschieren, 
erschien ausgeschlossen, der *Ain il Ade, angeblich jenseits der südlichen 
Berge am Rande des Haniäd, einige Stunden südöstlich des debel ir 
Rotüs, und der *Ain il Wu'ül waren zu weit entfernt. Der letztere 
sollte ohnehin durch einen Heuschreckenschwarm verschüttet oder doch 
ungeniessbar gewordcMi sein. Die nächste Wasserstelle wäre der *Ain 
il Bäride gewesen. Aber um zu diesem zu gelangen, hätten wir 
den Hufeijir umreiten müssen und hätten mit Leichtigkeit von den Be- 
duinen abgefangen werden k^mnen. Es blieb uns daher nichts übrig, 
als uns nordwestlich über die Höhenzüge nach Karjeten zu wenden. 
Alsbald änderten wir, nachdem die Schüsse gefallen waren, unsere 
Marschroute nach Nordwesten, und marschierten unter dem Schutze der 
Dunkelheit und des pfadlosen welligen Terrains, das wir betraten, eines 
Ueberfalles immer noch gewärtig, wir Reiter in der Nachhut, in der 
Richtung nach Karjeten. Erst nach längerer Zeit stiess der ausgesandte 
Zaptije ^vieder zu uns. Der Verabredung gemäss war er, um die Beduinen 
irre zu führen, eine ganze Strecke weit auf den *Ain il Bäride zu geritten, 
verfolgt von den Kamelreitern, die ihm nicht nachkommen konnten. 

Nachdem wir den Hufeijir verlassen hatten, überschritten wir einige 
kleine Hügelreihen und gelangten auf ein langgestrecktes Plateau, von 
dessen nördlicher Abdachung wir in der l-'erne Lichtschein erblickten, das 
unser neues Ziel Karjeten ankündigte. Am Rande des Plateaus kamen wir zu 



Kap. VU. 11 tiKrjetcD. 



36S1 



einer wohl erhaltenen Burgruine, an deren Fuss sich ein grosses, wasser- 
haltiges Bassin mit abgestürzten Rändern befand, Riis ü 'Ain jull i_rO 

genannt. Darauf folgten einige Bijär und die Spuren einer nach dem 
Orte Karjeten führenden Wasserleitung, Wir laschten unsern brennenden 
Durst und gelangten, auf steil abfallendem Wege eiliß vorwärts .strebend, 
von hier aus in einer halben Stunde nach Karjeten. 

Es war nach Mitternacht, als wir in dem Hause des Schoch.s von 

Karjeten, Faijäd Ära \i-\ ^_^\j, gastliches Obdach fanden. Das Haus 




zeugte von dem Wohlstände des Besitzer^, die Wände w;iren iiiil orn:i 
mentierten Steinen geschmückt, 'lie zum Teil aus l'airnyra h'Tlni;;(-h'jli 
waren. Wir erfuhren hier, dass der Schcch -.clbst iriit einctii yja-^ cti 'I i-il'- 
der «affenfähigen Manner des Ortes sich zur Auf urhun;; und \'.-r(oli;uri(; 
eines starken Razu aufgemacht ha!*c. d'.-r d;': N.-^.ht /.-./'«r iii <U<: 'l'-rj < Hl 
in weitem L'mkrei-! um^^ebenden ''»arten •■\i];ii:ti\i'u ■■•.:it ntjd d;r: •\iiit 
aufgestapelte <jctre;de •A':imc":h\>-]j]'*. ii;i'*'r. ■.\-'.'.'r.' ':.' der,';!.'- I'.uib/u;^, 
der uns von der Q-ac':.': d'.-^ Ibjf'.-;;:: ;.l,;:':-.'Jji.:i-':r, i.^i'i.. 

macht gsrjz ccr: K r'iru'.V: -,::';.' -^'rr.'.r-: . i>:- iU,-.-! :.:.•: '.j.- ii. 
hangende .Sti^tniij'rr '■...'A-.ri. •W: ::t. '.-t '"';';•■; 



I I'..li(.jr4_j 



270 Klip. Vn. 11 l>»rjneo, 

wirkliches Thor besitzt. Die Bevölkerung besteht teils aus syrischen 
Bauern, teils aus sesshaft gewordenen Beduinen, und mag zusammen 
etwa I200 bis ijoo Seelen betragen; den überwiegenden Teil bilden 
die Muhammedaner. Wie mir mitgeteilt wurde, waren in Karjeten die 




l'.ilniyrtiiische Fif;ur, eint;eir.;iiieri im Haust i!c< Sclicch lu Karjeleo. 

Sekten der Chidnjin ^^ .C*>- durch sieben Mitglieder, die Badawije 

A-jAi (Aliniedije <JJ-' i durch einige wenige und die der Gindije <i Aj- 
durch ein Mitglied vL-rtrctcn; die berüchtigten Seniisi _-_jL_ waren hier 
ganz unbekannt. Die angeblich ;oo bis 600 Christen (Jakobiten), die 



Kap. VII. Die Brunnen von il Karjeten. 271 

anscheinend friedlich mit den Muhammedanern leben, besitzen ihre eigene 
Kirche mit einem Geistlichen. Von dem baufälligen Minaret der Moschee 
geniesst man eine herrliche Aussicht über die weissgraue Steppe und das 
sie im Süden abschliessende kahle Gebirge. Von hier aus wurden mir 
auch die Quellen gezeigt, die den Ort mit Wasser versorgen, und zwar 
in so reichlichem Masse, dass die Gärten noch in dieser vorgerückten 
Sommerszeit in üppigem Grün prangten. Die Namen der i6 Quellen 
wurden mir wie folgt bezeichnet: 

Ras il *Ain Jj\iJ^ c/*^-^ ™ ^' 

Kanät Käsim il 'Assäf v^L^\ <«^if ö\l3 im S. 

V 

Kanät il *Awäsi ^^^yi^ Slä im O. 

•Ainäte ilLp im O. 

a. 

*Ain is Suchne <l5tJ\ ^ys- im O. 

*Ain HaW Muhannä \U^ ^ Ia>- /np im O. 

'Ain il Mubammadije ijU^^ *nP im O. 

*Ain is Sarire o -uLä)^ 'ap ini (). 

6abb Kattäsch J^IÜ ,^^ im O. 



•Ain Schiba AäJL 'nP im \0. 

•Ain -Kam *LaP 'nP im N^^ 



•Ain Ab-.: <;idar j -^ •? ' **\P i"' N^^- 



, \' 






* T • f T ■ ■ • 









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272 Kap. VII. Die Karawanenstrasse Damaskiis-Palmyra 

Mehrere dieser Quellen sind durch unterirdische Wasserleitungen, die 
mit grossen Luftöffnungen versehen sind (Kahriz)*), mit dem Orte verbunden. 

Ohne Frage wegen des Wasserreichtums hat sich hier schon seit 
alten Zeiten eine Ansiedelung befunden, was aus verschiedenen antiken 
Bauüberresten und namentlich Inschriften hervorgeht KarjetSn ist das 
römische Nezala der Tabula Peutingerana, das Nazala der Notitia 
dignitatum*). Der Name Karjeten (»die zwei Dörfer«) ist schon den 
arabischen Geographen bekannt. 

Die Moschee von Karjeten ist nach einer von Kremer entdeckten 
Inschrift im Jahre 1084 d. H. (1673 n. Chr.) errichtet worden. Ohne Frage 
sind dazu zahlreiche ältere Baureste verwandt worden. Zur Zeit der An- 
wesenheit Kremers in Karjeten (1850) sprachen angeblich einzelne der 
Bewohner neben dem Arabischen das heute dort ganz vergessene Alt- 
syrische^). 

Mit Karjeten hatte ich die gewöhnliche Karawanenstrasse erreicht. 
welche heute Damaskus mit Palmyra verbindet. Die Strasse führt zunächst 
von Damaskus nordöstlich über Nebk bezw. (lerüd nach Karjeten und 
dann weiter durch die Steppe nördlich des von uns verlassenen gebirgigen 
Terrains. Noch im Anfange und in der Mitte dieses Jahrhunderts bot 
diese Strasse grosse Gefahr. Erst in den 60er bezw. 70er Jahren, als 
die Pacifizierung der Distrikte östlich der Linie Damaskus-Aleppo ernstlich 
in die Hand genommen wurde, räumte die Regierung mit dem räuberischen 
Treiben der noch ganz oder halb nomadisierenden kleineren Beduinen- 
Stämme der Steppe von Karjeten und der dortigen Dorfbewohner gründlich 
auf. Zunächst wurde Militär nach Karjeten gelegt und sodann, nach dem 
russisch-türkischen Kriege, die Obhut der dortigen Gegend der Gendarmerie 
und endlich dem Dorfschcch von Karjeten übertragen, der in ähnlicher 
Weise wie der Schcch von Gcrud eine irreguläre berittene, von der 
Regierung bezahlte und bewaffnete Miliz (Chaijäle, d. h. Reiter) gebildet hat. 
Pluropäischen Reisenden werden gegen Entrichtung eines halben Me^di für 
den Tag einer oder zwei dieser Chaijäle auf dem Wege nach Palmyra mit- 
gegeben. Alle Beduinenstämme der Steppe von Karjeten sind jetzt unter- 
worfen und zahlen Steuern: einen halben Megidi für jedes Kamel und 
vier Piaster für jedes Schaf. 

' Verjjl. V. Kremer, Mittelsyrien und Damaskus. Wien, 1S53, S. 193. 

^ \ ergl. Notitia (iignitatum cd. Seeck Berlin 1S76, S. 67; ferner Waddinf^on a. a. O. 
So. 2571; V. Krcmer, a. a. O. S. 19S, 199; Mordtmann. Neue Beiträge zur Kunde 
Palmyras Sitzungsberichte K. B. Akad. d. Wisscnsch. München 1S75, S. 85 ff.; Sachau, 
Reise in Syrien uml Mesopotamien, Leipzig 18S3, S. 3off. , und Palnuyrenische In- 
schriften Z. D. M. G. Bd. 35, S. 747; Moritz a. a. (). S. 12 und Syrische Inschriften ans 
.Syrien und Mesopotamien ^.Miilh. a. d. Seminar f. Orient. Sprachen}, Berlin 189S, S. 7. 

^] Ver;^l. V. Krerner a. a. O. S. 196. 



i. 




Kap. VII. Das WUstenschloss Ka§r il Her. 273 

Nach einem Ruhetage brachen wir am 23. Juli um 4^/2 Uhr morgens 
auf. Es hatte sich uns eine kleine Gruppe von sesshaft gewordenen 
Beduinen aus der Umgegend des Ortes angeschlossen, darunter ein 
junges hübsches Mädchen, das von seinen Verwandten dem zukünftigen 

Gatten aus dem Stamme der Benu 'Amur J^>^ ^ nördlich von Palmyra 

zugeführt wurde. Zunächst ostwärts marschierend, erreichten wir um 

6V4 Uhr das Gebiet ArcJ ir Raucja i^jjl ^j^J^ <i2is einmal im Jahre, 

entweder im Winter oder im Sommer, angebaut wird. Gegen g^j% Uhr 

wurde der Turm des Kasr il Her jr^\ j^/i^ sichtbar. Die Marschrichtung 

wurde jetzt NO. Um io\'i Uhr überschritten wir den breiten Wädi il 

Kebir juxH (^^^^ und gelangten 11^* nach dem Ka§r il Hör. Die Ruine ^), 

ein Bau aus dem römischen Altertum, der Anlage nach ein kleines Kastell, 
scheint in der arabischen Chalifenzeit renoviert zu sein; wenigstens ist in 
einer kufischen Inschrift davon die Rede, dass der Omaijaden-Chalife 
^Abdallah Hischäm'^) das Kasr il Her neu gebaut habe. Von diesem 
arabischen Bau ist aber nichts mehr zu sehen, denn die erhaltenen Reste 
stammen zweifellos aus der römisch-palmyrenischen Zeit. Besonders be- 
merkenswert sind die hochragenden Mauern des einst viereckigen 
Turmes, sowie die mit ausserordentlich schönen Ornamenten ge- 
schmückten oberen Steinbalken eines monumentalen Portals. Im Norden 
dehnt sich ein nicht sehr umfangreiches, mit Bautrümmern bedecktes 
Ruinenfeld aus. Weiter finden sich die Spuren eines verfallenen Wasser- 
reservoirs nebst denen einer Wasserleitung, welche von SSW., an- 
scheinend von *Ain il Bäride, hierher geführt hat. Zahlreiche Vögel 
nisteten im Turme, und in den Erdlöchern der umgebenden Ruinen 
hauste eine Menge von Kaninchen. 

Wir verliessen das Kaj?r il Her gegen Sonnenuntergang und mar- 
schierten zunächst einige Stunden auf der Karawanenstrasse vorwärts. 
Unter einer solchen Strasse hat man sich keinen geebneten Weg, 
sondern schmale, durch die Tiere der Karawanen ausgetretene Fuss- 
pfade vorzustellen, welche, oft ein Dutzend an Zahl, in geringer 
oder grösserer Entfernung nebeneinander herlaufen. In der Nähe von 
bewohnten Orten oder Brunnen pflegen sich diese Pfade bis zu Hunderten 
zu vermehren und dann ein ganzes Netz von Wegen zu bilden. Uebrigens 
war dieser Teil der Wüste durchaus nicht menschenleer. Mehrfach 



*) Verjfl. Porter» Five Years in Damuscus, London 1855, Bd. I, S. 250. Moritr r». a. O. 
S. 12. Sachaa a. a. O. S. 49, u. a. 

*) Vcrgl. Mordtmann a. a, O. S. 87, 

Friir. Y. Oppeahehn, Vom Mittelmeer zum Persischen Goh. 




274 



Kap, VII. 'Ain il Bc^ä. 



begegneten uns Bauern, die einzeln oder in kleinen Trupps von Palmyra 
herkamen und Semen (flüssige Butter) auf den Markt brachten. Selbst 
Wagenspuren entdeckten wir, doch sollten sie nach Angabe unserer 
Begleiter schon mehrere Jahre alt sein. Häufig fanden wir Aschenhaufen, 

die von dem Verbrennen einer 'Uschnän jU-i^ genannten, in der 

ganzen Syrischen Wüste verbreiteten Pflanze herrührten; die Rückstande 
beim Verbrennen ergeben 
eine Art Pottasche, arabisch 

kttu ^, die in Damaskus 

auf den Markt gebracht 
wird, aber mit nicht mehr 
als I \'2 türkische Pfund per 
Kintär (56 Kilo) bezahlt 
werden soll. 

Wir marschierten bis 
gegen Mitternacht auf der 
allgemeinen Karawanen- 
strasse und zo^en dann in 
die pfadlose Wüste hinein, 
um den Brunnen 'Ain il 

Bcdä lui.vM Vp, die einzige 

Wasserstelle auf diesem 
Wege nach Palmyra, auf- 
zusuchen. P>st spät in der 
Nacht, um 3^/2 Uhr, nach- 
dem wir unterwegs eine 
Stunde gerastet, erreichten 
wir den Brunnen. Zum 

Schutze der Wasserstelle hat die Regierung im Jahre 1886 eine kleine 
Kischla angelegt, deren Besatzung jetzt militärisch zu Der ez Zör ge- 
hört und aus 7 bis 12 Zaptije besteht. Der Brunnen ist etwa 15 m tief 
und hat reichliches, aber stark schwefliges Wasser. Daneben lagerten 
einige Sleb-F'amilien mit ihren Schafherden. Pline Stunde östlich der 
heutigen Kischla finden sich die deutlichen Spuren eines kleinen Forts 
aus palmyrenischcr Zeit, das zu der Reihe befestigter Punkte gehört haben 
dürfte, welche in der Glanzzeit Palmyras die Oasenstadt mit dem eigent- 
lichen Syrien verbanden. 

*Ain il Bedä liegt schon auf der Strasse Palmyra-Hom§, eine gute 
Stunde südlich von dem Höhenzuge, der von Palmyra aus nach Westen 




BRONNEN 

a 



Kischla bei 'Ain il Be4ä. 



Kap. VII. Sandstarm. 27$ 

verläuft. Die bedeutenderen Kuppen dieser Bergkette liegen näher nach 
Palmyra hin; es sind dies der öebel il Abjad /ja-'VI J^, »das weisse 

Gebirge«, und der (lebel Marbit *Antar JllP ^t/^ J^> *^^^ Berg» wo 

*Antar (der arabische Nationalheld) angebunden hatte« sc. sein Pferd ^). 
Bei Palmyra vereinigt sich dieser Höhenzug mit dem öebel Haijäl, dem 
letzten Ausläufer der nach Nordosten streichenden Verlängerung des 
Abu 1 Kös. 

Nach unserem Aufbruch von *Ain il Bedä um 3^/4 Uhr nach- 
mittags passierten wir eine grosse sandige Ebene Widjän ir Raml jl^j 
Uj\ (»Sandwädis«). Hier wurden wir Zeugen eines grossartigen 

Naturschauspiels: Gegen 5 Uhr erhob sich plötzlich ein heftiger, eine 
Unmenge Sandes mit sich führender Sturm aus Westsüdwest; der 
Himmel verdüsterte sich so, dass die Luft nahezu schwarz erschien; es 
begann fein zu regten, und dann verbreitete sich über den ganzen oberen 
Teil des Himmels, aus den tiefer hängenden Wolkenschichten hervor- 
glühend, ein intensives Blutrot, welches mit dem tiefen Schwarz der 
Wolkenwand seltsam kontrastierte. Die Dunkelheit und das Treiben der 
Sandwolken war so dicht, dass wir es aufgaben, die verschiedenen Ruinen 
aus der palmyrenischen Zeit, so die etwa eine halbe Stunde nördlich 
der Karawanenstrasse befindlichen drei Altarsteine aus dem Anfange des 
zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, zu besuchen. Aus demselben 
Grunde konnten wir uns auch bei den interessanten Brunnen von Abu '1 
Fawäris nicht aufhalten, die ebenfalls aus der Blütezeit Palmyras stammen 
und einem Vororte dieser Stadt die Existenz ermöglicht haben. Auch 
heutzutage sind diese Brunnen zum Teil in brauchbarem Zustande, sie 
spenden das nötige Wasser, um auf dem umliegenden guten Ackerboden 
Getreide, hauptsächlich Dura, aber auch Gerste und Weizen bauen zu 
können. In den Besitz der Brunnen und der Felder teilen sich der 
Schech Mubammed 'Abdallah von Palmyra, sowie die Schechs von 
Karjeten und trcrüd. 

Das Unwetter dauerte etwa zwei Stunden. Als es sich verzogen hatte, 
sahen wir die Grabtürme von Palmyra, welche für die von Westen 
kommenden Reisenden das Wahrzeichen der alten Stadt bilden. Erst 



*) VerjfL Otto Friedrich von Richter, WaUfahrten im Mor^enlande, Berlin 1822, 
S. 216. In der Nähe »des Ortes im Gebirge, wo einst *Antar sein Pferd angebunden«« fand 
Richter im Jahre 18 15 einen Beduinenstamm mit besonderem, yon den übrigen Arabern ver- 
■chiedenem Typus, die Mezzieh, die er für Südaraber, Jemeni, hielt, TieUeicht Nach- 
kommen der sabäischen Hauränier oder Hirenser. 



2?6 Kap. Yll. Das Grlberthal von Palmyri. 

beim Näherkommen erblickten wir die niedrige Höhenreihe, welche vom 
Nordende des dicht vor l'almyra plötzlich abbrechenden (»ebel Haijäl 
zu der Gebirgsgruppe des (^ebel il Abjad und ('icbel Marbit 'Antar als 
Verbindungsglied herüber7ieht. An der Stelle, wo dieser verbindende 
Höhenzug mit dem Marbit 'Antar zusammenstösst, befindet sich eine 
passartige Einsenkung, durch welche man aus der von uns durchrittenen 
Steppe auf holperigem Pfade in die Ebene von Palmyra gelangt Der 
Pass ist auf beiden Seiten mit Grabtürmen und monumentalen Gräbern 



besetzt und heisst darum Wädi il Kubür 



j^\ ^il^, 



»das Gräberthal <. 




Hat man das Ortende des l'asses, der sich zuletzt ein wenig nach 
Süden herumbiegt, erreicht, so übersieht man plötzlich das ausgedehnte 
Ruinenfeld von Palmyra und weiter nach Osten die unendliche Steppe 
des Hamäd. Gegen 7' » Uhr waren wir am Ausgange des Passes an- 
gelangt und wandten uns über das Trümmerfeld nach dem grossen 

Tempel, in welchem sich die Häuser des modernen Tudmur ^-»-Ju 

befinden. Einer der beiden Dorfschcchs, Namens Selim, nahm uns in 
seinem Hause auf, wo wir nach der Gluthitze des Tages und der recht 
erheblichen Abkühlung, die der Sturm und der Sonnenuntergang her\*or- 
gebracht. Erholung fanden. In gastfreundlichster Weise wurde uns sofort 
Essen und ein Trunk Wasser vorgesetzt. Unsere Karawane traf sehr viel 



Kap. VII. Ankunft in Palmyra. 277 

später ein, und erst am nächsten Morgen bezogen wir wieder unsere Zelte, 
die wir im Norden des Tempeibaues neben der riesigen alten Säulen- 
strasse aufgeschlagen fanden. 

Mein Aufenthalt in Palmyra dauerte nur zwei Tage. Diese genügten 
aber bei gründlicher Ausnutzung der Zeit zu einer Orientierung in den ge- 
waltigen Bauresten der Oasenstadt. Um Studien anzustellen, die mit 
Ausgrabungen verbunden sein müssten, würden Monate erforderlich sein. 



Ä 



VIII. KAPITEL. 



Palmyra. 



Der Name Palmyra -Tudmur. — Die Lage und die Entstehung der Stadt. — Palmyra als 
Centrum des Transithandels der Syrischen Wüste. — Wohlstand und Bürgersinn. — Trachten 
der alten Palmyrener. — Thonsiegel und Inschriften. — Sprache und Einwohnerschaft. — 
Die Stellung Palmyras zu Rom. — Hairanes I., Odenath I., Hairanes IL, Odenath IL — 
Kämpfe der Römer und Palmyrener gegen den Perserkönig Sapor. — Die Glanzzeit Pal- 
myras. — Die Königin Zenobia. — Ihre Abstammung und Persönlichkeit. — Kämpfe mit 
Rom. — Kaiser Aurelian. — Niederlage Zenobias in Eg>'pten. — Die Schlacht in der Ebene 
von *Aml^. — Zenobias Flucht. — Belagerung und Fall Palmyras. — Zenobias Demütiganf^ 
und Ende. — Palmyra wird christlich. — Der Einzug des Islam. — Palmyra bei den 
arabischen Geographen des Mittelalters. — Wiederentdeckung der Oasenstadt durch euro- 
päische Reisende. — Die Ruinen von Palmyra. — Die Säulenalleen und der Sonnentempel. 
— Die Grabtürme. — Mumien. — Das KaPat ibn Ma'n. — (Quellen und Brunnen. — 

Das moderne Tudmur. 



Das ausgedehnte Ruinenfeld von Palmyra giebt einen Begriff von 
dem, was die Stadt zu ihrer Blütezeit gewesen sein muss. 

Die älteste Erwähnung Palmyras hat man lange Zeit der Auslegung 
des Flavius Josephus ^) entsprechend in der Bibel im i. Buch der Könige, 
Kap. DC, i8 und hieraus wiederholt im 2. Buch der Chronica, Kap. VIII, 4 
finden wollen. Dort ist gesagt, dass König Salomo die Stadt Tadmor 
in der Wüste gebaut hat. Man übersetzte das hebräische Tadmor 
ita^ri durch Palmenstadt und hielt »Palmyra« für eine griechische Wort- 
bildung unter Zugrundelegung des lateinischen Wortes Palma = Palme *). 
Aber bis zu Flavius Josephus, der 34 n. Chr. geboren wurde, wird 
Tadmor in keinen weiteren jüdischen Quellen genannt, und die moderne 
Kritik hat längst nachgewiesen, dass mit dem biblischen Tadmor (richtiger 



*) Flav. Josephus, Jüdische Altertümer, 8. Buch, Kap. VI, i, Vergl. auch Ritter 
a. a. O. Bd. XVII. S. 1493. 

') Kd. Schultens, Bohadini vita Saladini, Leyden 1752, Index geof^raphicus, ad yocem 
Tadmora, leitet dem Laute nach Palmyra von Tadmora — Talmura ab. 



Kap. Vlir. Der Niune Polmyri -Tadmnr. 




lieh von Hebron gemeint ist. 

Merkwürdiger Weise huldigen 
die Legenden der Araber der An- 
sicht, dass Palmyra thatsächlich 
von Salomo mit Hilfe der dinnen 
(Geister) erbaut sei, und dass ihn 
hier Balkis, die Königin von Saba, 
besucht habe. Selbst der Name 
dieser Königin ist noch in der 
modernen Bezeichnung für den 
grossen Schwefelbach von Palmyra 

als Hammäni Balkis ^r—^ T"^' 
Bad der Balkis'), erhalten. Doch 
weist diese Ansicht schon der 
arabische Geograph Jäküt'). der die 
Sage von der Gründung Palmyras 
nach dem Zeugnisse Näbira id 
Dubjanis, eines der besten vormu- 
hammedanischen Dichter, wieder- 
giebt, mit dem Bemerken zurück, 
dass seine Landsleute die Errichtung 
wunderbarer Bauwerke Salomo oder 
Geistern zuzuschreiben liebten*), 
griechisch-römische Wortbildung. Tudmor 

-*jj hiess die Oa.senstadt in der Syrischen Wüste vor ihrer Berührung 

mit der griechischen Kultur des westlichen Syriens und mit den Römern, 
und Tudmur wird das Ruinendorf heute von den Eingeborenen und den 
regierenden Türken genannt. Aber der griechisch-römische Name Pal- 
myra ist vom Occident beibehalten worden. Die assyrischen und 
scicucidischen Quellenwerke erwähnen I^almyra noch nicht. Auch bei 
Strabo (60 v. Chr. geb.) wird ihr Name noch nicht genannt. In der 




l'almyra ,nach \Vi 



Der Name Palmyra ist e 



') JUagat hat ein deutscher Gelehrier. Dr. G. Rügch, die JDleresaaDte Eptdeckunif 
l-emacht, dass der Name Ball^ig nkhis mehr upd nichts miDÜer iat als das eriechische Wort 
nuXXaxi; ^ Kebsweib, charakteristisch fUr die Anschauung, die mao im Atlertum von dicicr 
Königin hatte. 

') Jacat, Geograph. Wörterbach, ed. WUslenfeld, Leipzig iS66, Bd. I, S. SiS. 

*) Tadmor = Tedmur ^ Wunder? Veif;1- Mordtoiann, Eine Republik dei orien- 
laliachcD Altertomt, Beilage inr Allgent. Zeimng, Aagsburf; 1874 No. 50. 



28o Kap. VIII. La^^e and EotstehHOf? Palmyras. 

Geschichte tritt die Stadt zum ersten*) Male im letzten vorchristlichen 
Jahrhundert auf, und zwar anlässlich eines Zusammenstosses mit den 
Römern*). Wir verdanken die betreffende Notiz Appian, der im zweiten 
nachchristlichen Jahrhundert schrieb^). Die Einwohner von Palmyra 
müssen damals schon so wohlhabend gewesen sein, dass sie die Habsucht 
des Antonius reizten, der im Jahre 41 vor Chr. einen Raubzug gegen 
die Oasenstadt unternahm. Für dieses Vorgehen wird das zweideutige 
Benehmen der Palmyrener in den Verwickelungen der Römer mit den 
Parthem angegeben. Die Einwohner von Palmyra brachten sich und ihre 
Schätze auf dem linken Euphratufer in Sicherheit, und die römische 
Reiterei machte vor den trefflichen palmyrenischen Bogenschützen kehrt. 

Die älteste Inschrift, die bisher in den Ruinen Palmyras gefunden 
wurde, stammt aus dem Jahre 9 vor Chr. Sie gehört zu einem der 
wichtigsten der noch heute erhaltenen Grabtürme der Stadt, und ist, ab- 
gesehen von diesem Umstände, für die Geschichte derselben bedeutungslos. 
Aber ein Grabmal, das ein gewisser Jamlichus 83 nach Chr. gebaut hat, 
trägt eine Inschrift, in welcher dessen Linearascendenten einschliesslich 
des Ururgrossvaters genannt und als Palmyrener (Tudmurier) bezeichnet 
werden. Daraus, dass Jamlichus ferner das Grab ausdrücklich fiir seine 
Kinder und Kindeskinder bestimmt hat, lässt sich der Schluss ziehen*), 
dass zur Zeit der Errichtung des Grabes wenigstens des Jamlichus Kinder 
schon gelebt haben, so dass etwa 180 — 200 Jahre vorher und demnach 
etwa IOC Jahre vor Christi Geburt Palmyras Bestehen nachzuweisen wäre. 
Weiter können wir dasselbe bis jetzt weder auf Grund von Inschriften, 
noch von Geschichtswerken zurückdatieren. 

PHnius (23 nach Chr. geboren) weist in seiner Naturgeschichte*) 
in bezeichnender Weise auf die Lage der Stadt hin. Er schreibt: »Die 
Stadt Palmyra ist berühmt durch ihre Lage, durch die Ergiebigkeit des 
Bodens und anmutige Wässer; im weiten Umkreise sind ihre Aecker 
von Sandwüsten umschlossen; durch die Natur gleichsam von allen 
übrigen Ländern abgeschieden, liegt sie unabhängig zwischen zwei 
mächtigen Reichen, dem römischen und parthischen, und wird bei jedem 



\' Die Bemerkung (in Malalas Chronojjraphie ed. Dindorf 1831, S. 426; bei Ritter 
a. a. O., Bd. XVII, S. 1503), '>dass Nebuchodonosor auf seinem Kriegszuge gegen Jemsalem 
und Tyrus die Stadt Palmyra nicht habe im Rücken liegen lassen wollen, da eine starke 
jüdische Besatzung darin gelegen, die er nach vieler Mühe besiegte, und dass er den Ort dann in 
Brand aufgehen Hess,« ist in anderer Weise noch nicht belegt. Vergl. jedoch unten S. 281, Anm. 2, 

■^ Vergl. Mommsen, Römische Geschichte, Berlin 1894, Bd. V, S. 423 ff. VergL 
auch Bull. Corresp. Hellenique V^I, 1882, S. 441. 

3) Appian, De hello civili lib. V, 10, ii. 

*) Vergl. Mordtmann a. a. O. No. 50. 

^) Plinius, IlisL Nat. V, 21, übers, v. Wittstein, Leipzig 1881, Bd. I, S. 388. 



Kap. VIIL Pftlmyra als Centrnm des TransithandelB der Syrischen Wttste. 28 1 

Zwiste auf beiden Seiten zu gewinnen gesucht. Von der parthischen 
Stadt Seleucia am Tigris ist sie 337 000 Schritte entfernt, von der 
nächsten Küste Syriens aber 203 000; Damaskus liegt 27 000 Schritte 
näher, c 

An einer anderen Stelle^) sagt er, dass in Petra die Strassen zu- 
sammen kommen, welche von Syrien nach Palmyra, bezw. nach Gaza 
(und Egypten) führen. Durch diese beiden Mitteilungen giebt uns 
Plinius den Grund für die Entstehung und das Gedeihen der merk- 
würdigen, mitten in der Wüste gelegenen Stadt, der es zum Segen 
gereichte, dass sie an der grossen Karawanenstrasse lag, welche Syrien 
mit Seleucia (Ktesiphon), das Mittelmeer mit dem Persischen Golf 
verband. 

Eine kleine Niederlassung mag bei den für die Wüste immerhin 
als bedeutend erscheinenden Bächlein von Palmyra, denen die dortige 
Oase ihr Dasein verdankt, schon seit langem bestanden haben # in 
ähnlicher Art vielleicht wie in den letztverflossenen Jahrhunderten^). 
Jene Wasserläufe wurden zudem gewiss ihres starken Schwefelgehaltes 
wegen als heilkräftig angesehen und aufgesucht. Aber das eigentliche 
Emporblühen der Stadt und der Beginn der Errichtung jener Bauten, 
deren Trümmer noch heute unsere Bewunderung erregen, fallt in die 
vorerwähnte Zeit der ersten Berührung Palmyras mit den Römern, also 
in das letzte Jahrhundert v. Chr. Aus kleinen Anfängen schwangen sich 
die Palmyrener zu den Hauptvermittlern des Handels zwischen dem Osten 
und dem Westen empor, der sich immer kräftiger entwickelte, je grösser 
die durch die Ausdehnung des römischen Reiches der Civilisation er- 
schlossenen Gebiete wurden, je mehr die Bedürfnisse der immer prunk- 
voller und verschwenderischer werdenden Hauptstadt Rom selbst wuchsen. 
Die Handelszüge der Palmyrener brachten feine Seidenstoffe, edle Steine 
und Metalle neben Gewürzen und gewöhnlicheren Artikeln des fernen 
Ostens nach Syrien und Rom. Die Waren wurden in Charax Hys- 
paosinis (palmyrenisch: Karak - Ispasina) am Einflüsse des Schatt el 
*Arab in den Persischen Golf oder in Seleucia -Ktesiphon, bezw. in 
Forath und Vologesias, zwei parthischen Handelsstädten am Euphrat**), 
in Empfang genommen. Was heute der Sueskanal ist, war früher in 
erster Linie der Landweg durch die Syrische Wüste, und Mesopotamien. 
Und auf diesem Wege hatten die Palmyrener Jahrhunderte lang in 



^) Plinius a. a. O. VI, 32. 

*) Ohne Frage haben schon zu assyrischer Zeit, wenn nicht schon früher, die 
QueUcn von Palmyra als Halteplatz auf der Karawanenstrasse durch die Syrische Wüste ge- 
dient, vielleicht hat dort auch schon eine Befestipunj? irjiifend welcher Art bestanden. 
Vergl. Winckler, Altorientalische Forschungen S. 147, und Kap. II dieses Werkes, S. 51. 

'} Vergl. Vogtt^, Inscript. Semiti(|uety S. 9. 



282 



Kap. VIII. Wohlstand qdiI Bürf^eninc 



gewisser Art das Monopol') des Transportes und des Handels in der 
Hand. Die Besitzer der grössten Wasserstelle in der Mitte zwischen 
dem eigentlichen Syrien und dem Euphrat verstanden es, die Beduinen- 
stämnic der Syrischen Wüste sich dienstbar zu machen, welche, ihrem 
eigenen Interesse gehorchend, den Valmyrenern gegen entsprechendes 
Entgelt ihre grossen Kamelherden, das einzige Transportmittel io der 
Wüste, zur Verfügung stellten, im Falle der Not aber auch ihren Brotherren 
auf dem Kriegspfade folgten. Die Durchfuhrung der grossen Karawanen- 
reisen erforderte Unternehmungsgeist und Energie und erzog nach und 
nach in den Palmyrenern ein kühne^^, in den WafTen geübtes Handelsvolk 




Au« den Ruinen 



nach Wood'. 



mit kriegerischem Geist, bereit, seine Interessen auch mächtigen Feinden 
gegenüber zu verteidigen. Die Führer von »Karawanen«, oder vielmehr 
von organisierten Transportgenossenschaften, wurden in der aufblühenden 
Gemeinde die angesehensten Männer, ebenso wie die Kaufleute, welche 
in Palmyra selbst grosse Transitläger und Stapdplätze für alle vom 
Westen wie vom Osten begehrten Waren anlegten. Während die Völker 
des vorderen Asiens in beständigen blutigen Kriegen mit einander tagen, 
entwickelte sich Palmyra in friedlicher Arbeit, und den Werken des 
Friedens, welche die Stadt gross gemacht, zollte die Bürgerschaft Dank 
und Anerkennung durch die Errichtung von Denkmälern und die Ein- 
zelnen erteilte Erlaubnis, solche öffentlich aufzustellen. Zahlreiche Inschriften 



Uaä hatte [ 



ler, wohl weniger bcK^ingen^r Weg ging von Charax.llyspaoMDU beiir. TOm 
ra und tlaza, eine dritte, bedeutend lani;ere Verbindung mit dem Abend- 
ED Wnsaer durch das Rote Meer und dann Über Egypten. 




und Statuen in l'alniyra dienten zur Verlicrrlichiing der Karawane nfii liier 
und Grosskaufleute. Auf Inschriften und auf Thontäfelchen sind Kamele 
dargestellt als Sinnbild für den Ursprung des Reichtums des Besitzers. 

Mit dem Wohlstand blülite auch der Kunstsinn in Palmyra auf. 
Die griechische Civilisation traf sich hier mit der Kultur des Ostens. 
Aber massgebend wurde die griechisch-römische Kunstrichtung. Sie erhielt 
in Palmyra namenthch in der Haukunst eine derartig prunkvolle und 
manchmal geradezu überladene Ausgestaltung, wie sie im Altertum niemals 
an irgend einem andern Ort erreicht worden ist. Die ihres Reichtums frohen 
Palmyrener verlangten ohne Frage von ihren Haumeistern Werke, weiche die 
bisher in Syrien bekannten an Glan;; und Schönheit überstrahlen sollten, 
und so entstanden jene Haudenkmäler, die Jahrhunderte zu überbrücken 
und uns mitten in die Zeit der modernen Renaissance zu versetzen scheinen. 

Auch die gewaltige, von keiner antiken Ruincnsladt übertroffene 
Menge der heute noch erhaltenen Haureste legt einen Iteiveis für die 
Prachtliebe der Palmyrener ab. Die Bildhauerkunst wurde stark in 
Anspruch genommen, für Tote und Lebende setzte man zahllose Statuen 
und Büsten, und um diesen Hang besser befriedigen zu können, erfand 
man steinerne Sockel, die etwa in Drittel Höhe der Säulen jener Kolonaden 
angebracht wurden, mit denen man die Öffentüchen Plätze und Strassen 
schmückte, und die bestimmt waren, die Bildni.sse von Burgern aufzunehmen. 
Das feine Kunsthandwerk hatte, wie wir aus Inschriften wissen, seine Gilden 
in Palmyra, so die Gold- und Silberschmiede und die (ioldwirker, zweifellos 
blühten auch alle anderen dekorativen Kunstübungen und Handwerke. 

Aus zahlreichen Büsten, Statuen, Siegeln u. s. w. ersehen wir, dass 
die Kostüme der Palmyrener ausserordentlich reich waren. Die Frauen 



284 Kap. Vni. Trachten der alten Palmyrencr. 

liebten es, sich mit Schmuck zu beladen. Neben Ringen waren Arm-, 
Hals-, Schulter- und Stirnspangen der verschiedensten Art im Gebrauch, 
der Kopfputz bestand aus einer dem heutigen Fez (Tarbusch) nicht 
unähnlichen Bekleidung, die mit Turbantüchern umwickelt war. Dieser 
Fez war aber in seinem oberen Teile weiter als in seinem unteren. Als 
Kopfbedeckung der Männer von Palmyra ^ndet sich gleichfalls ein Fez 
von cylindrischer, nach oben sich verbreiternder Form, aber ohne Tur- 
bantuch und ähnlich der Tarbuschtracht, wie sie in Konstant inope) in 
den 30er Jahren dieses Jahrhunderts in Mode war'). Unter diesem Tar- 
busch wurde, wie sich aus einzelnen uns erhaltenen Figuren ergiebt. 




eine dünnere, vielleicht wie heutziitaf-e weifsleinene Kappe getragen. 
VÄnc grosse .-Xnzalil von Statuen zeigt den Kopf der Männer un- 
bedeckt, die Haare nach allklassischcr .Art geordnet. Die Haartracht 
der palmyrenischcn Damen war eine «ichr gepflegte. Männer und Frauen 
kleideten sich in ein faltenreiches, oft verziertes, um die Hüfte durch 
einen Gürtel gerafftes Gewand, das regelmässig den ganzen Körper be- 
deckte, in wohlanständiger W'ei.se nur Gesicht und einen Teil der Arme 
freilassend. Nackte Figuren dürften in Palmyra ebensowenig gefunden 
worden sein, wie jene obscönen Darstellungen, an welchen das Altertum so 
reich ist. Bei den Frauen scheint mir ein den Hinterkopf und Nacken 
bedeckendes, auf die Schultern herabfallendes Tuch nur selten zu fehlen. 
Bei palmyrenischcn Männern kommen faltige Beinkleider vor, ein 
Kleidungsstück, welches den mesopota mischen Völkerschaften schon im 

'; Verul. Mordtm:inQ a. a. ü. — Hic vorstehende Abbililooi; Ul dem Anbab von 
Chaboi, Notes il'Epii;r»phie el d'.\rchfoIogie Orientale, I. Buslea et Inacriptioni de PalmjT«, 



Kap. VllL Thonsiecel. 



SSj 



frühesten Altertum eigentümlich ist. Die Gewandung der Palniyrener ist 
im allgemeinen die griechisch-römische der damaligen Zeit, der Schmuck 
aber weist vielfach orientalische Muster auf, die wir heute noch bei 
Völkern des Ostens wiederfinden. Bezeichnend ist der Halbmond, wie 
wir ihn von den assyrischen und noch älteren Daratelliingen kennen, und 
wie er sich als Sinnbild des Orients im Wappen des Padischah von 
Konstantinopel erhalten hat. 

Ein wertvolles Material für unsere Kcnntniss des Lebens der 
Palmyrener bilden die in grosser Anzahl gefundenen, bereits erwähnten 
Thonsiegel (Tesserae). Sie sind aus einfachem Thon, oder auch 
aus zusammengebackenem oder -geklebtem Wlistensande hergestellt, 




höchsten!! einen Zoll messend, rundlich uder eck];;, 
Pyramiden, Hau-er. Sarkophage. 'yierk'>\/iv. Halb) 
stellend. Auf einer der Seiten 'jdcr auch auf l,ei' 
Stellungen angebracht, die sich Hn:i.-teii;i auf <A-b 
Todesfalle beziehen. Manchmal sind dnr-,e 'Ih'jn 
eine Art von Krkcnnung-ze jeher) ',"ier al- V)Mll-:a 
betrachten. Hmzclne dicirr - \')Mtkartcn' tragen 
des Inhabers oder (.-in Symb'vl für dat 'j<rM:l)alt, 
anderen Hallen scheiiT.-n sie au'.h als IjiHdU.-i 'jii- 
oder als Sjnibolc bei rciigi',^.>en J'"i:^ilc)i '^^K'inin y,u lia 
wurden nicht an Schnuren bek-stigt, .■jotid-Tii Iom; gi 

' \ergl. Mi.rdin.>.i.i. * ». ';. ui.'i ü..- Aov!:-;-!.;.. ., ^.-. : 
wir Kcspuii« Piilmjrai in ■■•=!• Ai.i.auilj, Ctf K^' t-..>rf. A<.iil. 
187s. 1>K Mwrdiiuaiiii ■H:i.tii 'I i.t.u!al«kL. u UliU<l-:ii b,.;!. jcU'. ,1 



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286 Ksip. Vni. Inschriften. — Sprache. 

Die ältesten auf Stein gemeisselten Inschriften, welche wir in Pal- 
myra kennen, zeigen einfache und eckige Buchstaben« aber die späteren 
haben Schriftzeichen, welche im Gegensatz zu verwandten Schreibweisen 
eine besonders charaktervolle und dekorative Eigenart gewonnen haben, 
ein Umstand, der allein schon ein Beweis für die Generationen hindurch 
gefertigte geistige Entwicklung der Bewohner der Oasenstadt ist. Dieses 
gilt für die Zeit von et>\'a 128 — 271 n. Chr., die eigentliche Glanzzeit 
Palmyras, aus welcher besonders zahlreiche Steintexte vorliegen. Nach 
dieser Zeit, also nach dem Sturze Zenobias und ihres Reiches, können 
wir keine palmyrenische Inschrift mehr datieren^). Sachau glaubt aUer- 
dings aus Kriterien der Schrift schliessen zu können, dass die erklären- 
den Notizen auf einzelnen der in der Nekropole von Palmyra gefundenen 
Büsten der Zeit nach der Zerstörung der Stadt durch Aurelian ange- 
hören*). Die grösste Inschrift Palmyras befindet sich auf einem 2 m 
hohen und 5 m langen Stein; sie zählt 160 Zeilen und enthält einen 
Steuertarif^). Die Inschrift ist zweisprachig, palmyrenisch und griechisch, 
wie manche andere Inschriften aus dem zweiten und dritten nachchristlichen 
Jahrhundert. Abweichend von der Schrift der in Stein gemeisselten, als 
offiziell zu bezeichnenden Inschriften ist eine populäre Schreibweise, 
von der uns farbige Graffiti in Palmyra selbst, sowie auch weitere 
Proben ausserhalb Palmyras, in Rom, Afrika und selbst in England er- 
halten sind, die letzteren niedergeschrieben von Palmyrenern, die mit 
den römischen Heeren in allen Weltgegenden eine neue Heimat fanden. 
Berger weist dieser Schreibart den Platz in der Mitte zwischen der 
hebräischen Quadratschrift' und dem altsyrischen Estrangelo an*). 

Die Sprache, welche in Palmyra seit dem Beginne ihres Bestehens 
bis zu ihrer Zerstörung durch die Römer und wohl auch bis zum Ein- 
gang des Islams ges])rochen wurde, war ein Dialekt des Aramäischen, 
und zwar eine zu der südwestlichen, der palästinensischen, Abteilung ge- 
hörende Mundart^). Als im Laufe der Zeit das Christentum nach 
Palmyra kam, wird dort wohl die Sprache und Schrift des Edesse- 
nischen, eines anderen aramäischen Dialektes, der bei den Christen in 
Syrien damals allgemein im Gebrauche stand, das Alt - Palmyrenische 
mehr und mehr verdrängt haben*), bis zur Zeit des Islam das Arabische 



' Vergl. Berger, Histoire de recriture dans TAnliquit^, Paris 1891, S. 265. 

'^ Vergl. Sachau a. a. O. S. 46. 

^? Vergl. de Vogüe, Inscriptions palmyr^ennes inedites. Un Urif sons Tempire 
romain. Paris 1883. 

*) Vergl. Berger a. a. O. S. 269. 

^) Vergl. Nöldeke, Beiträge zur Kenntnis der aramäischen Dialekte Z. D. M. G., 
Bd. XXIV, 1870, S. 108. 

«) VergL Nöldekc a. a. O. S. 109. 





Aus <ien Ruinen von Palmyra (nach Wood). 



Kap. Vni. Einwohnerschaft. 28? 

auch in Palmyra zur Herrschaft gelangte. Aus Inschriften ist dieser 
Entwicklungsgang allerdings noch nicht nachzuweisen. 

Papyri oder andere Texte neben den erwähnten Steininschriften 
und Graffitis sind bisher noch nicht gefunden worden. Glücklicherweise 
aber ist uns manches Dokument in Stein gemeisselt erhalten. Die alten 
Palmyrener liebten es augenscheinlich, alle möglichen Ereignisse durch 
Inschriften zu verewigen, und in ihrem ausgeprägten Familiensinne wie 
die übrigen semitischen Völker fast regelmässig ihren Stammbaum oft 
mehrere Generationen zurück der Nennung ihres Namens beizufügen. 
Ausserdem besitzen wir eine ganze Menge von Münzen, welche über die 
Geschichte Palmyras uns manches lehren, uns aber auch manches Rätsel 
aufgeben. An niedergeschriebenem Quellenmaterial zur Geschichte Pal- 
myras sind wir nicht reich. Für die Glanzzeit der Stadt sind wir nur 
auf die zum Teil mit Vorsicht aufzunehmenden und sich oft genug 
widersprechenden Biographen der römischen Kaiser angewiesen^). Nach 
ihrer Zerstörung durch den Kaiser Aurelian hat Palmyra nie mehr eine 
bedeutende Rolle gespielt, unsere Nachrichten über die Stadt werden von 
da ab noch spärlicher. Bis zum Einzüge des Islam haben wir nur wenige 
Notizen aus byzantinischen und kirchlichen Quellen und für die muhamme- 
danische Zeit lediglich ganz kurze Erwähnungen bei den arabischen 
Geographen und Geschichtsschreibern. 

Die in den Steininschriften aufp^cfundenen Namen weisen mit 
Sicherheit darauf hin, dass die ersten Ansiedler der Oase von Palmyra 
dem Kerne nach Syrier (Aramäer) waren, und zwar, wie die Dörfler 
der heutigen syrischen Steppe, gewiss vermengt mit dem Blute der rein 
arabischen Wüstenbewohner, dem in der Folge griechische, und, wie wir 
aus einzelnen Namen ersehen, auch arische (armenische) und jüdische^), 
sowie wohl auch persische Elemente sich beimischten, nachdem die 
Stadt immer grösser geworden war und infolge ihrer Lage und ihrer 
Handelsbeziehungen einen halbinternationalen Charakter angenommen 
hatte. Das griechisch - römische Element in Palmyra war auch später, 
als die Beziehungen der Oasenstadt zu Rom immer engere wurden, nicht 
stark genug, um die einheimische Sprache und Schrift zu verdrängen. Die 
griechischen Inschriften, welche den palmyrenischen Texten vielfach bei- 
gegeben wurden, dürften von den wenigsten Palmyrencrn verstanden 
worden sein'), ebenso wenig wie die in Palmyra wirkenden Beamten 

^' Trebelliua PoUio, Flavius Vopiscus, Zosimus; Cornelius Capitolinus u. a. 

') Euting fand in Palmyra die Reste einer Syuaijojje nebst einer hebräischen Inschrift 
aus dem 3. Jahrhundert. Vergl. Landauer, Uebcr die von Eutins in Palmyra gefundene 
Synaf^o^eninschrift. Sitzunt^benchte der Kgl. Preuss. Akademie der Wissenschaften 1884, S.933. 

') Vcrf^l. Nöldekc, Ueber Mommsens Darstellung der römischen Herrschaft und 
römischen Politik im Orient, Z. D. M. G., Bd. XXXIX, Sep. - Abdruck, I^ipzig 1885, S. 3. 



288 ^P- VlIL Die Stellimg Palmjru zu Rom. 

• 

des Palmyrenischen kundig sein mochten, was sich aus der Verschiedenheit 
im Texte einzelner politischer Inschriften zu ergeben scheint. Als auf etwas 
besonderes weisen die Geschichtsschreiber darauf hin, dass Zenobia das 
Griechische sprach und im Lateinischen sich verständlich machen konnte. 

Mochte die Bevölkerung von Palmyra auch eine buntscheckige ge- 
worden sein, so hielt sie doch nach innen und aussen jedenfalls fest 
zusammen. Bürgersinn und Bürgerstolz steigerten sich in Palmyra in 
dem Masse, wie die Handelsbeziehungen sich entwickelten und das 
neue Gemeinwesen aufblühte. So wuchs die Oasenstadt zu einem Staats- 
gebilde heran, das aus den bereits von Plinius erkannten Gründen 
nach und nach zu einem Pufferstaat wurde zwischen dem in Vorder- 
asien immer festeren Fuss fassenden römischen Reiche und demjenigen 
der Parther und später der sassanidischen Herrscher von Persien. Von 
beiden Teilen als Bundesgenosse begehrt, war seine Haltung wegen der 
Transportmittel, über die es gebot, ebensowohl wie wegen der Kriegs- 
tüchtigkeit seiner Bürger und der ihnen folgenden Beduinenhorden in 
Verwickelungen von grösster Bedeutung. Dieses Umstandes waren die 
schlauen Kaufleute von Palmyra sich ohne Frage wohl bewusst. Alle An- 
zeichen sprechen dafür, dass sie aus den Kriegen der feindlichen Mächte 
immer wieder ihren eigenen Vorteil gezogen haben. 

Im Grunde genommen hielt es Palmyra mit den Römern. Seinen 
Bürgern wird es überlassen worden sein, die Beduinen der Syrischen 
Wüste von lunfällen in das fruchtbare Syrien abzuhalten und dieses 
auch gegen die östlicheren Feinde zu sichern. Die römischen Gar- 
nisonen standen mehr nördlich am Euphrat, von Biregik bis Rakka, 
bezw. südlich im Haurängebiete *). Aber die Stadt hatte in ihrem Verhältnisse 
zu Rom vom ersten Augenblicke an eine Ausnahmestellung eingenommen, 
die sie sich bis zu ihrem politischen Untergange zu bewahren wusste. 
Sie hatte ihre eigene Verwaltung, eigenes Militär und eigene, von der 
Gemeinde zu erhebende Zölle, sowie in Palmyra selbst geschlagene 
Münzen. In der Folge erhielten wohl hervorragende Männer römische 
Ehrenbezeichnungen, die Titulaturen der Beamten wurden römisch, manche 
Bürger nahmen den Geschlechtsnamen, das Gentile römischer Kaiser 
und wohl auch hochstehender Beamten an, und selbst gewöhnUche Leute 
liebten es, ihre Namen, der Mode folgend, bei der Festigung des 
griechisch-römischen Einflusses zu gräcisieren. Aber auch im offiziellen 
Verkehr blieb die Landessprache, wie wir gesehen, das Aramäische*), 



^) Krst später, nach der Vernichtung der Macht der Palmyrener durch die Römer 
im 3. nachchristlichen Jahrhundert, erhielt auch die Palm\'rene, wie wir aus der Notitia 
dig^tatum wissen, starke römische Besatzungen. Vergl. Mommsen, Römische Geschichte, 
Bd. V, S. 424 und 425. 

^; Vergl. Nöldekc a, a. O. S. 3. 



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Tf-. _' Ti,^.'v-'-; ^".". 







Au3 den Ruinen von l'almyra ,niLh Wood}. 



I 



i| 



Kap. VnL IlairaneB L 289 

wenn auch in späterer Zeit griechische Texte den aramäischen Erlassen 
beigefügt wurden. Die Palmy rener wurden nicht gezwungen, wie dieses 
sonst in unmittelbar römischem Gebiete zu geschehen pflegte, eine der 
beiden offiziellen Reichssprachen, das Lateinische oder Griechische^), 
anzunehmen. Auch in der Zeitrechnung behielten sie ihre Eigen- 
tümhchkeiten^). 

Der Kaiser Hadrian besuchte im Jahre 130 oder 131 n. Chr. Pal- 
myra, aber nicht als Eroberer, sondern als Freund. Die Stadt erhielt 
seinen Namen, Hadrianopolis, ohne dass dieser wohl allgemein gebräuch- 
lich geworden sein mag, und von dieser Zeit an figuriert in Inschriften 
ein »Senat« neben der »Bürgerschaft« von Palmyra. Seither mögen die 
Beziehungen zwischen ihr und dem Kaiserreiche engere geworden sein. 
Aber an den Freiheiten der Stadt wurde nicht gerüttelt. Ihre politische 
Macht hatte sich inzwischen bereits weit über ihr Weichbild hinaus erstreckt. 
Der Geograph Ptolemaeus (um 140 n. Chr.) führt eine ganze Reihe von 
Städten in der Palmyrene, also zu Palmyra gehörig, namentlich an^). 

Der Kaiser Septimius Severus (193 — 211), der die zur Zeit seiner 
letzten Vorgänger sehr erschütterte Machtstellung Roms im Osten wieder 
herstellte und durch Erweiterung und Befestigung der Grenzen ihr zu 
neuem Ansehen verhalf, erhob Palmyra zur römischen Kolonie, über- 
liess der Stadt aber nach wie vor die Regelung ihrer inneren An- 
gelegenheiten. 

Um diese Zeit stand ein Mann an der Spitze des kleinen Staats- 
wesens, dessen Geschlecht die Blütezeit, aber auch den Sturz des 
Oasenreiches kennzeichnet: Hairanes, der Sohn Wahballäts, des Sohnes 
Na§ors — weiter ist uns sein Stammbaum nicht überUefert*). Er wurde der 
Verbündete des Kaisers im Kriege gegen die Parther und erhielt von 
diesem für sich und seine Nachfolger den Familiennamen des Kaisers: 
Septimius. Ob sein Vater und Grossvater bereits die Angelegenheiten 
Palmyras geleitet haben, wissen wir nicht. Der senatoriale Rang wurde 
ihm unter dem Kaiser Alexander Severus (222 — 235) verliehen. Kr war 
eine Art Fürst des bis dahin mehr demokratischen Staates, der von den 
Legaten von Syrien wohl nicht anders abhängig war, als überhaupt 
Klientelfürsten von den benachbarten Reichsstatthaltern **). Macht und 



^' Verp:l. Mommsen a. a. O. S. 425. 

'] Vcrjjl. Mommsen a. ;i. O. S. 4 20. 

•' Ptolemaeus Liber V, Kap. 15, § 24. 

*) Vergl. die Inschrift des Familiengrabes Odenaihs, Nu. 21 bei Vogüe Inscriptions 
Semitiques« S. 23; sowie den weiteren Stammbaum von Voffüe konstruiert a. a. ()., S. 35. 
Ich möchte diesem eher folfifen als demjenigen von Oberdick, Bemerkungen zu den palmy- 
renischen Inschriften. Z. D. M. G. 1864« Bd. XVIII, S. 750. 

') V^n?!' Mommsen a. a. (). S. 422. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mitielmeer zum Pertischen Golf. 19 



290 



Kap. VIII. OdcDsth I., Hairanei 11. 



Würde wurde in seiner Familie erblich, aber die Bestallung oder die Be- 
stätigung ging immer wieder von Rom aus. 

Des Hairanes Sohn, Odenath I., Iiihrte noch ausschliesslich die Be- 
zeichnung Senator. Allem Anscheine nach war er ein ehi^eiziger Mann, 
der völlige Unabhängigkeit von Rom anstrebte. Das Partherreich war 
schon im Jahre 226 in Trümmer gegangen, aus denen eine andere persische 
Dynastie, die der Sassaniden, sich zu neuer Macht erhob. Die kühne 
Eroberungspolitik der unternehmenden ersten Sassanidenkönige wird 
Odenath zu denken gegeben haben, und nachdem der gewaltthatige 




'rhtirboi>en (nach Woi 



Sapor I. in Ktesiphon (im Jahre 241) den Thron bestiegen hatte, scheint 
Odenath mit den Sassaniden in Unterhandlungen getreten zu sein. Noch 
bevor er aber zu irgend welchen Resultaten gekommen war, fiel er durch 
die meuchlerische Hand eines römischen Offiziers, der ihn in dem wohl 
nicht unbegründeten Verdacht hatte, gegen Rom Ränke geschmiedet 
zu haben. 

Ihm folgte sein ältester Sohn Hairanes in der Regierung. Dieser 
wird auf einer Inschrift vom Jahre 251') als »Fürst von Palmyra« ge- 
nannt. Der Titel dürfte ihm gegeben worden sein, um ihn die Ermordung 

'; Vergl, Vogile a. a. O., No. 21, S. 34. 



Kap. VUI. Odcnath II. 29 1 

seines Vaters vergessen zu lassen und ihn Rom als Bundesgenosse zu 
erhalten. Seine Regierungszeit war keine lange. Er starb jung, und 
schon im Jahre 258 figuriert sein Bruder, der grosse Odenath II., auf 
einer uns erhaltenen Inschrift als Herr von Palmyra^). Auf dieser führt 
er aber bereits den Titel vir clarissimus consularis, eine der Kaiserwürde 
nicht mehr fernstehende Bezeichnung^). Odenath II. hatte von seinem 
Grossvater, dessen Namen er trug, Stolz und Ehrgeiz und starken Wage- 
mut geerbt. Rom, das er bewundern mochte, hasste er gleichzeitig, und 
genau kannte er die Schwächen des römischen Regierungssystems im 
Orient. Während sein älterer Bruder Hairanes sich um die inneren 
Angelegenheiten der Stadt kümmerte, hatte er sich mit den Beduinen- 
stämmen der Wüste befreundet und ihr kriegerisches Leben zu dem 
seinigen gemacht. Vielleicht hatte er auch als Führer grosser Karawanen 
den fernen Osten aus eigener Anschauung kennen gelernt. 

Damals waren für Rom schlimme Zeiten in Asien angebrochen. 
Sapor hatte Armenien besetzt, die römischen Grenzgarnisonen aus Meso- 
potamien, Syrien und Kappadokicn vertrieben und war bis an das Mittel- 
ländische Meer vorgedrungen, das flache Land verwüstend, nur hin und 
wieder bei den festen Städten Widerstand findend. Publius Licinius 
Valerianus (253 — 260), ein Greis, aber von grosser Pflichttreue beseelt, 
war verschiedenen kurzlebigen Kaisern auf den Thron gefolgt. Er ent- 
schloss sich, mit einem bedeutenden Heere nach Asien zu ziehen, um 
die alten Reichsgrenzen wieder herzustellen; bei Edessa kam es zur 
Entscheidungsschlacht (260). Sie endete mit der gänzlichen Niederlage 
der Römer und der Gefangennahme des Kaisers. Sapor schleppte den 
alten Valerianus auf allen seinen Zügen mit sich, die ganze Grausamkeit 
eines Barbaren an dem Besiegten auslassend. Nach der Legende soll 
er regelmässig, wenn er in den Sattel stieg, seinen Fuss auf den Nacken 
des auch in der Gefangenschaft mit dem Purpur bekleideten Kaisers ge- 
setzt haben. Nach des Kai.sers Tode soll seine Haut mit Stroh gefüllt 
worden sein, um weiter als Sinnbild der Macht und Stärke Sapors 
öffentlich ausgestellt zu werden^). 

Odenathos von Palmyra versuchte es, sich mit dem Sieger zu ver- 
ständigen und sandte ihm reiche Geschenke. Stolz lehnte diese der 
Perserkönig ab. Da wandte sich das Glück. Bei der Belagerung der 
Hafenstadt Pompeiopolis, unweit des heutigen Adana, entstand Sapor ein 
neuer Gegner in Gestalt eines gewissen Kallistos oder Ballista, der im 



K ^^^^^- Vügüe a. a. O., No. 23, S. 25. Diese Inschrift {jehört zu einer Statue, welche 
die Gold- und Silberarbeitcrgilde Odenath gesetzt hat. 

-) Der Titel wird ihm wohl vom Kaiser Valerian bei dessen Ankunft in Syrien ver- 
liehen worden sein. 

') Verjjl. Rawlinson, The seventh great oriental monarchy, Lon dott 1876 t S. ^(» — 88. 



202 Kjip, VIII. Odeiuth II. — Kampfe gejren den Peneiköni^ Sapor. 

Grunde ohne jede Berechtigung die Schiffe der syrischen Küstenstädte 
und Reste des zersprengten römischen Heeres zusammenfasste und damit 
Sapor empfindliche Verluste beibrachte, ja sogar einen Teil seines Harems 
nahm, so dass der Perserkönig den Rückmarsch nach Mesopotamien an- 
trat. Nun sammelte Odenathos die Flüchtlinge von dem Heere Valerians, 
und mit diesen, den als trefflichen Bogenschützen bekannten, militärisch 
wohlgeschulten Städtern von Palmyra und seinen alten Freunden, den 
Beduinen der syrischen Wüste, zog er Sapor entgegen und brachte ihm, 
noch bevor er den Euphrat erreichte, eine empfindliche Niederlage bei. 
Sapors Rückzug venvandelte sich in Flucht, und wie Trebellius PoUio 
berichtet, fielen den Palmyrenem des Perserkönigs Schätze und der Rest 
seiner Frauen in die Hände. 

Odenathos nutzte seinen Sieg klüglich aus. Rom gegenüber war 
er der treue Bundesgenosse und Vasall: er kämpfte im Namen des 
Sohnes Valerians, des verweichlichten Gallienus. Dieser blieb im Westen 
und überliess zunächst dem Palmyrener die Sorge, den siebzigjährigen 
Kaiser zu befreien, eine Sorge, welche sich jener allerdings nicht be- 
sonders angelegen sein Hess. Antiochien, das kurz vorher zum ersten 
Male den Römern entrissen worden war, und das übrige Syrien wurden 
von den Persern gesäubert. 

Aber Kallistos, der erste Besieger Sapors vor Pompeiopolis, er- 
klärte sich gegen Gallienus. Kr verband sich mit dem römischen Heer- 
führer Macrianu^, der während des Feldzuges Valerians eine zweifelhafte 
Rolle gespielt und damals die römische Kaiserwürde begehrt zu haben 
scheint, und dessen Söhne auch zu Kaisern ausgerufen wurden. Odenathos 
trat ihnen entgegen und vernichtete die Feinde des Gallienus bei Homs 
(Emesa)^). Nun war Odenathos allmächtig im Osten. Von Gallienus 
wurde er als anerkannter Fürst oder König von Palmyra, wenn auch 
nicht zum Mitkaiser (Augustus), so doch zum selbständigen Statthalter 
des Kaisers für den ganzen Osten ernannt: Imperator dux Romanorum 
ArToxoauDo -lVo«T/y;'oc Piounion'-). Dem Namen nach zwar für den 
Kaiser Gallienus, mit dem er die besten Beziehungen unterhielt, in 
Wirklichkeit aber ganz selbständig und für sich, regierte der Herr von 
Palmyra die römischen Provinzen Asiens und auch Egypten. Die 
römischen Legionen Asiens standen unter seinem Befehl. Dem Perser- 
könige Hess er keine Ruhe, zwei Mal zog er siegreich bis vor die Mauern 
von Ktesiphon, und alles Land von Armenien bis nach Arabien ward 
ihm untcrthan. Längst schon hatte er sich, seiner Gattin Zenobia und 

'' Der älteste der neuen Gegenkaiser, Fulvius Mucrianus, war nach dem Westen 
jjezüfi^en und verlor dort Thron und Leben. 

-) Verjjl. Mommsen a. a. O. S. 433. 



Kap. VIII. Die Königin Zenobia. 203 

seinem ältesten Sohne aus seiner ersten Ehe, Herodes ^), den königlichen 
Titel gegeben. Seine Macht im vorderen Asien war derjenigen der 
Sassaniden ebenbürtig und in einer Inschrift*'^) wird er mit der orientalischen 
Bezeichnung »König der Könige« gefeiert. Aber nicht lange sollte sich 
Odenathos der errungenen Erfolge erfreuen. Von einem Neffen, dem 
Sohne Hairans IL, wurde er schon im Jahre 266 oder 267, sechs Jahre 
nach der Besiegung des Kallistos, zu Homs ermordet. Sein ältester Sohn 
Herodes scheint mit ihm umgekommen zu sein*). 

Ihm folgte sein unmündiger Sohn Wahballät (auf Griechisch Uaballa- 
thos oder Athenodoros). Im Einverständnisse mit Rom übernahm für 
diesen seine Mutter, die Witwe Odenaths, die Königin Zenobia, die 
Regierung^). 

Die Abstammung der sagenumwobenen Königin hat zu den ver- 

schiedensten Deutungen Anlass gegeben '*)• Ihr Vater hiess Zabbai ^uj 

• 

(Zabbaeus) "). Er war ein vornehmer Palmyrener, der wie Zenobias Gemahl 
zu den Septimiern gehörte, also wohl mit Odenath selbst verwandt 
war. In den Inschriften wird er als Militärgouverneur (der zweithöchste 
General) der Oasenstadt genannt. Von väterlicher Seite her war Zenobia 
also eine Palmyrenerin , ein Kind der Wüste ^). Die Araber wollen 
ihren Stammbaum sogar auf einen Beduinenschech is Sumcida*") zurück- 
führen. Was ihre Abstammung mütterlicherseits anbelangt, so behauptet 
sie selbst, dass zu ihren Ahnen die Königin Kleopatra^) gehörte, die sie 
sich in ihrem Leben zum Vorbild genommen zu haben scheint. Es ist 

^) Herodes war ohne Frage, den zahlreichen ihm gewidmeten Inschriften zufolp:e, ein 
hervorrafjender und tapferer Feldherr seines Vaters. 

■) Vom Jahre 271, also nach seinem Tode. Vergl. Vogüc a. a. (). No. 28. 

■) Nach Oberdick .^a. a. O. S. 750: wäre Zenobia dem Morde Odenaths nicht fremd 
(gewesen , und zwar weil sie Wahballät — den er als einen Sohn Zenobias aus einer 
früheren ersten Ehe mit einem Bruder Odenaths darstellt — die Thronfolj^^e sichern wollte. 
Vergl. auch Mordtmann, Aa^sb. allj^^em. Ztg. 1874, No. 54. Mordtmann verlegt den Tod 
Odenaths in das Jahr 271. 

*) Vergl. Mommsen a, a. O. S. 436 ;Anm. 4\ und S. 437 i^Anm. i). Vogüe 
(Inscriptions .Semititiues, S. 31 und 33) glaubt, dass Wahballät Lünde 270 gestorben sei 
und dass Zenobia darauf im Namen ihrer beiden jüngsten Söhne Chairän-Herennianus 
und Tem AUdh-Timolaus weiter regiert habe. 

*) Oberdick a. a. O. S. 745 stellt einijje Hypothesen über den Ursprung Zenobias 
zusammen. 

*) Vergl. Nöldeke, Beiträge zur Kenntnis der aramäischen T)ialektef Z. D. M. G., 
1870, XXIV, S. 96. 

^) Die Nachricht, dass Zenobia jüdischer Abstammung sei, erscheint nicht beglaubigt 

*) Vergl. hierzu die Erzählung von Jä.]f.vLi a. a. O., Bd. I, S. 828. 

*) Selbst mit der sagenhaften Königin Semiramis wird Zenobia in Verbindung 
gebracht. 



294 Kap. VIII. Zenobias Abstaminuiig und Persönlichkeit. 

nicht unmöglich, dass ihre Mutter aus Egypten stammte, mit welchem 
Lande Palmyra damals in reger Verbindung gestanden haben mochte; 
jedenfalls sprach Zenobia fertig egyptisch. 

Zenobia^) war ohne Frage eine bedeutende Frau; die Geschichtschreiber 
schildern sie als klug, mit allen Herrschertugenden ausgestattet, würdevoll, 
gerecht und freigebig, von männlicher Thatkraft, persönlich tapfer. Ge- 
legentlich soll sie sich selbst mit dem Panzer umgürtet haben. Der Kaiser 
Aurelian führt die kriegerischen Eigenschaften der Königin in einem von 
Trebellius Pollio verzeichneten Briefe '^) an den Senat zu seiner Entschul- 
digung an gegen den Vorwurf, dass er über ein Weib einen Triumphzug 
abgehalten habe, indem er hinzufügt, dass die Besiegung der Perser durch 
Odenathos in erster Linie dessen königlicher Gattin zuzuschreiben sei. 
Des weiteren wird Zenobia besondere Schönheit nachgerühmt. Die 
Kaiserbiographen berichten, dass sie von dunklem Teint, grossem, 
wunderbar schönem Wuchs und fascinierenden Augen gewesen sei. 
Mit dem Liebreiz ihrer Gestalt und mit einem bezaubernden Wesen, 
das jeden, hoch und niedrig, für sie einnahm, verband sie eine seltene 
Bildung. Ihr Lehrer war vor allem Cassius Longinus, einer der grössten 
Philosophen seiner Zeit. Ausser ihrer Muttersprache und dem Egyp- 
tischen beherrschte sie das Griechische; sie konnte sich mit ihren römischen 
Beamten und Offizieren und mit den Beduinen der Wüste, vielleicht auch 
mit Persern in deren Sprache verständlich machen. Ihr Hof vereinigte 
persischen Pomp mit griechisch-römischem Raffinement. Sie umgab sich 
mit Künstlern und Gelehrten. Die Zünfte und Gilden der Stadt blühten, 
wie überhaupt das geistige Leben Palmyras unter ihrer Herrschaft seinen 
Höhepunkt erreichte. 

Zenobia scheint vom ersten Augenblick ihrer Regierung an ihrem 
früheren Lehrer Cassius Longinus grossen Einfluss eingeräumt zu haben. 
Ein in Emesa geborner Syrier, gehörte er einer als antidynastisch 
bekannten Familie an, seine Studien hatte er in Athen, Rom und 
Alexandrien gemacht, seine philosophische Richtung war ausgesprochen 
heidnischer, reaktionär neuplatonischer Tendenz. Longinus bestärkte die 
junge Königin in ihrem Selbständigkeitsgefühl. Im Innern seines Herzens 
ein Feind Roms, scheint er die römischen Beamten von Palmyra nicht 
besonders begünstigt zu haben, und mit der Möglichkeit rechnend, auch 
gegen Rom kämpfen zu müssen, suchte er mit dem Hofe des Sassaniden- 
Königs Sapor Beziehungen anzuknüpfen 

Gleich in den Beginn der Herrschaft Zenobias fielen kriegerische 
Verwicklungen. Auf die Nachricht von Odenathos' Tode sandte Gallienus 

*) Verjjl. Pater Ronzevalle, 2Sainab (iz Zabbä') malikat Tudmur, d. h. Zenobia (die 
Langhaarig^e) Königin von Palmyra, in der Zeitschrift il Maschri^, Berüt 1898, Heft 10 ff. 
•) Hist. Aug. Triginta Tyranni, Zenobia § 30. 



Kap. VIII. Zenobias Sieg über den Geg^en- Kaiser Probatus. — Kaiser Aarelian. 295 

ein Heer gegen Sapor. Vielleicht trieb ihn die Furcht, dass Palmyra 
unter der Führung eines unmündigen Knaben und einer Frau nicht mehr 
im Stande sein würde, eine immer wieder erwartete Ueberflutung der 
asiatischen Provinzen durch die Perser abzuwehren, vielleicht auch fühlte 
er sich gedrungen, wenigstens einen Versuch zur Befreiung seines Vaters, 
der damals noch in schimpflicher Gefangenschaft gelebt haben muss, 
zu machen. Nicht unmöglich aber ist es, dass Gallienus das Verschwinden 
des starken Odenathos, dessen Ermordung sogar auf das Anstiften des 
Kaisers zurückgeführt worden ist, benutzen wollte, um den Osten wieder 
in grössere Abhängigkeit von Rom zu bringen und die reichen Einnahmen 
aus den Steuern und Zöllen des römischen Orientes, die seit geraumer 
Zeit nach Palmyra flössen, in die kaiserlichen Kassen zurückzuleiten. Wie 
dem sei, die römischen Truppen unter Heraclianus wandten sich gegen 
Zenobia, allem Anscheine nach durch unzufriedene römische Beamte 
direkt hierzu angerufen. Zenobia aber war siegreich und vernichtete 
das römische Heer. Seitdem vermochte es Gallienus nicht mehr, Zenobia 
in den Weg zu treten, ebensowenig wie sein Nachfolger Claudius II. 
(268 — 270). 

Da stand in Plgypten Probatus *) als Gegenkaiser gegen Claudius auf. 
Durch den Egypter Timagenes herbeigerufen, entsapdte Zenobia sofort 
ihren Feldherrn Sabba^) (Zabdä) gegen ihn (268 — 269). Zenobia kämpfte 
wieder im Namen Roms und seines rechtmässigen Kaisers, besiegte Pro- 
batus in der Nähe von Kairo und nahm fortan auch die Verwaltung 
Eg>'ptens in die Hand. 

Im Jahre 270 gelangte zu Rom Aurelianus auf den Thron, ein 
richtiger Soldatenkaiser. Unter ihm sollte sich das Schicksal Palmyras 
wenden. Zunächst bestätigte er Zenobia bezw. deren Sohn als Statthalter 
des Orients. Uns sind in Alexandrien geprägte Münzen aus dem Jahre 270 
erhalten, welche das Bild Wahballäts als Imperator und dasjenige 
Aurelians als Augustus tragen '*). Aber schon ein Jahr später begann der 
Kampf zwischen dem Kaiser des Westens und der Königin des Ostens. 
Wohl war das Auftreten des, starken Odenathos und seiner Gattin für Rom, 
dem er in Zeiten der Not das vordere Asien gegen den Sassanidcnkönig 
zurückerobert hatte, segensreich gewesen; und die natürliche Folge davon 
war es, dass dem treuen Vasallen die Selbständigkeit gewährt und ihm 
der Schutz der asiatischen Gebiete Roms übertragen worden war. Nach- 
dem aber der Palmyrener seine Hand auch nach Egypten ausgestreckt 
hatte und ein thatkräftiger, seines Heeres sicherer Kaiser wieder an die 

*) Von andern ProbuB (renannt, ver;,'!. v. Sallet, I>ie Fürsten von l'almyni unter 
Ciallienus, Claudius und Aurelian, Berlin 1866, S. 44. 

'; VerjjL TrebeUius Pollio ^Claud. 11. und Vogüe a. a. <). S. 34. 
'} Vergl. V. Sallet si- a. O. .S. 13 ff. und S. 71. 



29« 



Kap. yUL Niedoiafcc Zenobiu 1d E^yplen. 



Spitze des Reiches getreten war, musste der Konflikt zwischen Rom und 
Palmyra ausbrechen, wenn ersteres nicht seiner östlichen Besitzungen 
dauernd verlustig gehen wollte. Zenobia nahm den Fehdehandschuh auf und 
Verweigerteden Gehorsam. Aus dem Jahre 271 kennen wir Münzen, auf 
welchen sie für ihren Sohn geradezu den Kaisertitel Augustus usurpiert hat. 
In Egypten erlitt die Fürstin ihre erste Niederlage. Der römische 
Feldherr Probus '} vernichtete das palmyrenische Heer im Nil-Delta. 
Aurelianus selbst zog langsam über den Hellespont durch Kleinasien. 
Dem wohlgeschulten grossen Heere, das er mit sich führte, ergab sich 
Ancyra (Angora), Tyana musste belagert werden und wurde genommen. 
In kluger Vorsicht Hess der Kaiser überall Milde walten, selbst gegen 




*^#ter 




Münikubinett zu BerÜD 



mdrieii ^C|>r3i;l aus <lem Kcl- Milntkabinett in Berlin'. 



Tyana, das Widerstand geleistet. Kr erkannte an, dass Zenobia wie ihre 
Voi^änger im Namen Roms die asiatischen Provinzen beherrscht hatte, 
und verzieh allen denen, die gelobten, in der Zukunft von der RebeUin 
sich abzuwenden und ihm Gehorsam zu leisten. 

Zenobia licss sich durch den Abfall Kleinasiens und den Verlust 
Egyptens nicht erschrecken. Mit grosser Energie betrieb sie persönlich 
die kriegerischen Vorbereitungen, sie überwachte selbst die Abrichtung 
der Beduinen zum Kampfe gegen die römischen Legionen. In drei 
Lagern sammelten sich bei Palmyra die nomadisierenden und die sess- 
haftcn Araberstamme der Syrischen Wüste *), welche mit ihren Last- und 
Reittieren die eigentlichen Träger des damals in höchster Blüte stehenden, 
durch Palmyra gehenden Handelsverkehrs waren und sich in grosser 

■ Der iweilc Nachfolger Aurelians als Kaiicr von Rom (276—182). 
') ^'"e^- Wright, An «cconnt of Palmyra snd Zenobia with tnTcU and ■dvenrare« 
in Baiban nnd the deiert. l.ondon, 1895, S. 139 IT. 



Kap. VIII. Die Schlacht in der Ebene von *AmV. 207 

Anzahl zur Verteidigung ihrer Brotherren einfanden. Die Stämme des 
Hamäd hatten ihr Lager im Südosten der Stadt, die Beduinen der Steppe 
von Karjeten lagerten in der Ebene gegenüber dem Brunnen von Abu 
*1 Fawäris, und die nördlichen und nordwestlichen Stämme bei der Quelle 
des Marbit 'Antar, jenseits des Höhenzuges, welcher von Palmyra nach 
Hom? hin.streicht. Unermüdlich war die Heldenkönigin. Täglich ritt sie, 
umgeben von dem Stabe ihrer Offiziere, von Lager zu Lager, bis sich 
endlich die Scharen in Bewegung setzten, um dem Kaiser den Weg nach 
Antiochia abzuschneiden. In der nördlich vom Orontes gelegenen Ebene 
'Amk, unweit von Immac, kam es zur ersten Schlacht. Zenobia, in 
glänzendem Panzer, feuerte selbst ihr zahlreiches Heer zum Kampfe an. 
Aber die erprobte Kriegskunst des römischen Feldherrn und die ruhige 
Tapferkeit der westländischen Legionen gewannen den Tag. Der Schlacht- 
bericht schreibt den Sieg Aurelians einer Kriegslist zu. Durch eine 
Scheinflucht Hess sich die Palmyrenische Kavallerie, die Kerntruppe der 
Zenobia, deren Reiter schwere Rüstung trugen, zur Verfolgung der 
leichten römischen Reiter verleiten, bis sie, vollständig ermattet, von der 
in einem Hinterhalte am Orontes bereit gehaltenen Infanterie überrascht 
und niedergemacht wurde ^). 

Die Königin warf sich mit ihren geschlagenen Truppen nach 
Antiochia, das sie aber noch in derselben Nacht verliess. Um die lun- 
wohncr der Stadt zum Widerstände zu bewegen, hatte ihr P'eldherr 
Zabdä die List ersonnen, einen dem Kaiser ähnlichen Mann als Kriegs- 
gefangenen durch die Strassen zu führen. Aber Antiochia öffnete Aurelian 
die Thore. Der Kaiser übte auch hier Milde und erreichte damit seinen 
Zweck wie in Kleinasien: die anderen syrischen Städte scheinen ihm 
keinen Widerstand entgegengesetzt zu haben. In den weiteren Kämpfen 
fochten bereits Asiaten auf seiner Seite, und gewiss werden die aus 
früherer Zeit verbliebenen römischen Truppen, welche Zenobia bisher in 
den syrischen Garnisonen gedient hatten, sofort zu dem siegreichen 
Kaiser übergegangen sein. 

Bei Daphne, heute Bct il Mä, scheint das fliehende palmyrenische Heer 
Stand gehalten zu haben, jedoch ohne Erfolg. Nun forderte Aurelian 
die Königin auf, sich zu unterwerfen. Diese aber sandte die stolze Antwort, 
bis jetzt habe er nur ihre Römer besiegt, noch nicht ihre Asiaten, und 
sie erwartete den Feind bei Emesa (Hom.s) zur entscheidenden Schlacht. 
Zenobia hatte neue Reiter erhalten. Die römische Kavallerie unterlag 
vollständig, aber abermals entschieden des Kaisers Legionen den Sieg-). 
Die unglückliche Königin musste an schleunigen Rückzug nach Palmyra 

^) ^'^^1- Zosimus, Geschichte, I. Buch, Kap. 50. 

*) Zosimus a. a. O. Bd. I, S. 53 sagt, data die Fld||||H|W mit Keulen und Prügeln 
gegen die mit Erz und Eisen bepanzerten PalmjrreiMr llJ^^^^^Hlpd dieser Umstand den 



2q8 ^P* VIII. Zenobiaa Flacht. — Die Belajrening Palmjns. 

denken. Noch hoffte sie, hinter den festen, durch alle Mittel der Kriegs- 
kunst geschützten Mauern ihrer inmitten der Wüste gelegenen Vaterstadt 
dem Kaiser Trotz bieten zu können. Aber so überstürzt und rasch war 
ihre Flucht, dass sie ihren Kriegsschatz in Emesa zurücklassen musste. 
Der bequemeren Verwendung wegen scheint sie ihre Schätze von Palmyra 
dorthin in die Hut der Landsleute ihres Beraters Longinus gebracht zu 
haben, die wie dieser heftige Gegner der römischen Herrschaft waren. 
Mit Homs fiel die reiche Beute an Edelsteinen, Gold, Silber und Seide 
in die Hand der Sieger. Dieser Umstand sollte in der Folge für das 
Geschick Palmyras besonders verderblich werden. 

Auf ihrem Rückzug nach Palmyra hatte Zenobia die Brunnen der 
Syrischen Wüste, die in damaliger Zeit die Passierung der mehrere Tage- 
reisen betragenden Strecke selbst für die grössten Heere leicht gemacht 
hatten, zerstört. Aber durch das in Homs vorgefundene Gold liessen die 
Bewohner der Steppe sich bewegen, die Armee des Kaisers auf dem 
Marsche, der gefährlicher war als eine Schlacht, mit Proviant und 
Wasser zu versehen. Die die Truppen beunruhigenden Beduinen wurden 
abgeschlagen. Ohne wesentliche Verluste erlitten zu haben, bezogen die 
Kömer dieselben Lager an denselben unversiegbaren Wasserstellen, 
welche die Streitkräfte der Königin vor dem Ausmarsch des palmy- 
renischen Heeres inne gehabt hatten, und erschienen bald vor den 
Thoren Palmvras. 

Sofort begann die Belagerung, und abermals forderte der Kaiser 
Zenobia zur Unterwerfung auf. In beleidigend herausfordernder Weise 
wurde auch dieser Brief beantwortet. Unermüdlich leitete die Fürstin 
selbst die Verteidigung, immer noch hoffend, dass der Kaiser aus Mangel 
an Unterhalt die Belagerung aufgeben werde. Sie verliess sich auf die 
Stärke ihrer Mauern und die Ausdauer ihrer Palmyrener, die für ihre 
Existenz kämpften. Die Stadt muss damals weitere Wasserstellen gehabt 
haben, die wir heute nicht mehr kennen, ohne Frage aber hatten die 
einzelnen Häuser eigene Reservoirs, in welchen das Regenwasser sich 
sammelte. Mit Proviant war das reiche Palmyra auf Monate versehen. 
Die Wurfmaschinen der Mauern warfen Steine und Feuer auf die Be- 
lagerer, und die Palmyrener selbst verrichteten Wunder der Tapferkeit 
bei der Abweisung der erbitterten Angriffe und Erstürmungsversuche 
der Römer. 

Aber die Hoffnung der Königin, dass der Feind abziehen würde, 
erfüllte sich nicht. Mit ihren eigenen Schätzen, die er in Hom§ genommen, 
gewann der Kaiser die Beduinen, welche ihm Zufuhr brachten. Der 

Ausschlag: zum Sict^e ß^ab, weil die Palmyrener durch diese bisher nie geg^en sie an^wendeten 
Waffen bestürzt wurden, ßekannüich sind noch heutzutage Holzkeulen und schwere eichene 
Stöcke die gewöhnlichen Waffen der palästinensischen Bauern. 



Kap. VIII. Der Fall Palmynis. 2QQ 

Angriffe der Stämme, welche der Königin treu geblieben, erwehrte 
er sich leicht Die weitere Erwartung Zenobias, Hilfe aus Armenien 
und Persien zu erhalten, ward zu nichte. Die sassanidischen Quellen 
ergeben noch nicht mit Sicherheit, ob damals der grosse König Sapor*) 
noch gelebt oder ob ihm bereits sein Sohn Hormizd I. gefolgt ist, oder 
aber ob zur Zeit der Belagerung Palmyras schon Hahräm I.*), welcher 
der Nachfolger des kaum mehr als ein Jahr regierenden Hormizd war, 
auf dem Thron sass. Jedenfalls waren die Beziehungen Zenobias zu 
dem sassanidischen Hofe in der damaligen Zeit vortreffliche. Rs muss 
eine Art von Bundesgenossenschaft zwischen Palmyra und Ktcsiphon be- 
standen haben, deren Spitze zweifellos gegen Rom gerichtet war. In- 
folge der Siege des Kaisers aber zauderten die Perser, ihren Verpflich- 
tungen nachzukommen. Wohl werden persi.sche Truppen unter denen 
erwähnt, gegen welche Aurelian im Jahre 273 in der Nachbarschaft von 
Palmyra zu kämpfen hatte ^), aber die gesandte Hilfe war belanglos. 
Auf die Unterstützung der Armenier war nicht mehr zu rechnen, auch 
sie waren durch des Kaisers Gold gewonnen. 

Als Zenobia sich überzeugen musste, dass der Ansturm der Römer, 
anstatt an Gewalt abzunehmen, immer stärker wurde, und dass die Zahl der 
Feinde stetig wuchs, entschloss sie sich, im Einverständnis mit ihren Rat- 
gebern das letzte zu wagen. Mit wenigen Getreuen brach sie in der Nacht 
durch die Reihen der Belagerer, und auf einer Kamelstute durchzog sie 
die in gewöhnlichen Zeiten fünf Tagesmärsche betragende Strecke durch 
die Wüste nach dem Euphrat, um persönlich Ersatz aus Persien herbei- 
zuholen. Aber der Ausbruch der Königin wurde bemerkt, und gerade 
im Augenblicke, als sie am Euphrat anlangte und bei Der ez Z()r das 
rettende Boot besteigen wollte, das sie auf das gegenüberliegende Ufer 
bringen sollte, wurde sie von den nachgesandten Reitern Aurelians 
ergriffen. Der Kaiser scheint ihrem heroischen Mute Achtung bezeugt 
und sie selbst vor der W^ut der Soldaten, die ihren Tod forderten, 
geschützt zu haben. 

Als die Bürger von Palmyra die Gefangennahme ihrer Königin er- 
fuhren und so ihre letzte Hoffnung vereitelt sahen, iibi-rgabcn sie gegen 
Ende des Jahres 273 die Stadt. (Jetreu .seiner hi^IuMi^n'ii Politik licss 
der Kaiser auch ihr gegenüber Milde walten; er Ici^le c'uyc kleim» Be- 
satzung in die Citadelle und beliess den Palrnx friirm :o.i:n ihn- nlton 
Freiheiten. An den Ratgebern der Kf»nigin .»Nn n^tr .« r-n ^timyr^ 
Gericht Zenobia, welche bis zum letzten Au^mmiMIi Ki tnü .». « I -^i ••:•»* r\ur<i 



I.. ' • . . *•■•.'• .'.-M» 



*) Nöldeke, Tabari-Ucber»etzunp, r^Mdcn i*<7'), S. \i\. «^-t • ». 
I4-Sept.272. VerghdajreRen Kawlinfion a.a.O. S. tvt. ili-t ilm »." ■ • • •• » 1 *'■ .. j: - '^ -■ 



*) VcTjfL RawlioAon a. a. O. S. loi ff 

j Verjfl. VopiscQs, Hwt. Aug. Vit. Aurclifin 



H -• 




Kap. VIII Neuer Anfatand der Palmyreaer. 










Mannes die Vcrlcidigiini^ ihrer Vaterstadt geleitet hatte, machte, ge- 
fangen vor den Kaiser gebracht, die Rechte der Frau geltend und bat 
iini Gnade. Sic sclieint fjcstanden xu haben, dass Lon^'inus der eigent- 
liche Urheber des letzten beleidigenden Schreibens an den Kaiser gewesen, 
und mit mehreren anderen der aiitie.-ehensten Palmyrener wurde der 
römerfeindliche l'iiilosoph in seiner Gcbiirtsstadt Homs enthauptet. Mit 
dem Perserkönig niiiss eine Verständigung stattgefunden haben. Er hatte 
eine Gesandtschaft mit reichen Geschenken an Aurelian gesandt, welche 
dieser annahm. Darauf verliess das römische Heer Syrien, um auf dem- 
selben Wege, den es gekommen, die Rückkehr nach der Heimat anzutreten. 
Aber noch bevor der Hellespont erreicht war, traf die Nachricht 
von einem Aufstand der l'almyrener ein. Sofort kehrte der Kaiser um. In 
unerwartet kurzer Zeit erschien er wieder vor den Mauern Palmyras. 
nahm die Stadt und zerstörte sie diesmal von Grund aus. Die Mauern 
wurden ge.sclileift, die Häuser verstört und selbst die Tempel der Götter 
zertrümmert. Alles Wertvolle, das in Palmyra sich fand, wurde nach Rom 
geschleppt'). Die l'runk.stücke des herrlichen BelTempels von Palmyra 
schmückten in der Folge das neue, an seiner statt in Rom für die 



t dürften » 



; Kapiliile au» Goldbroncc, die 
nUssen, weci^ebracht worden le 



Kap. \1II. Zenobias Demütigimg wid Ende. 2OI 

Gottheit der Sonne des Ostens errichteten Heiligtum *). Ein gründliches 
Beispiel war statuiert. Jetzt, nach der gänzlichen Vernichtung Palmyras, 
konnte der Osten als ruhig und für Rom wieder gewonnen angesehen 
werden. Abermals zog der Kaiser nach dem Hellespont, und während 
er über die Meerenge setzte, Hess er alle palmyrenischen Geiseln ertränken. 
Nur Zenobia und ihren Sohn schonte er. In dem Triumphzuge, den 
er in Rom im Jahre 274 abhielt, musste sie barfuss und barhäuptig, 
mit ihren Juwelen behangen und mit Goldketten um Nacken und Hände 
vor seinem Siegeswagen herschreiten. 

Diese Erniedrigung der unglücklichen Königin blieb nicht ohne 
Widerspruch in dem civilisierten Rom, und damals entstand jener bereits 
erwähnte Brief, den Aurelian zu seiner Entschuldigung an den Senat 
schrieb und der die beste Anerkennung des Wirkens der heldenhaften 
Frau ist. Ucber das Ende Zenobias ijehen die Nachrichten aus- 
einander. Die bestbeglaubigte scheint diejenige zu sein, nach welcher 
sie auf einem Landgute unweit Roms, das ihr der Kaiser geschenkt, 
als Matrone, vermählt mit einem vornehmen römischen Senator, gestorben 
sei. Nach einer anderen Nachricht soll sie Speise und Trank verweigert 
und sich hierdurch selbst das Leben genommen haben-). In späterer Zeit 
sprachen die Historiker von Nachkommen der Zenobia. die in Italien 
als vornehme römische Bürger gelebt haben, ohne zu sagen, ob diese 
von des Odenathos Sohn, Wahballal. abstammen oder auf die römische 
Ehe Zenobias zurückzuführen sind. 

Mit dem Sturz der Familie der Odenathen verschwindet Palmyra 
aus der Weltgeschichte. Das Monopol der palmyrenischen Karawanen- 
führer hörte mit dem Zusammenbruche ihrer Macht und der Zerstörung 
ihrer Stadt auf. Die Warenniederlagen von Palmyra wurden nach anderen, 
der Küste und der unmittelbaren römischen Herrschaft näher gelegenen 
syrischen Orten verlegt. Die Strasse über Palmyra verödete, und der 
Handel vom Mittelmeer mit dem fernen Osten dürfte tortan wieder be- 
sonders über Antiochien gegangen sein**). 

Immerhin Hess sich die Wichtigkeit von Palmyra in seiner stets 
mit Wasser versorgten Oase mitten in der Wüste zur Niederhaltung der 
zu allen Zeiten turbulenten Beduinen, sowie auch als Stutzpunkt gegen 



' Fl:i\-ius Vopiscus berichtet, d;iss Aurelian später th'ii Hefehl iral», «len Soiinen- 
tempel von Palmyra wiederherzustellen. Ob und in wclclicr Weise dieser lU*fehl ausgeführt 
wur«Ie, ist schwer zu ersehen. 

■■ Zosimus. JJd. I, S. 59, lässt Zenobia nach der ersten Kinn.ihme \on Palmyra auf 
dem Marsche sterben, ^'entweder an einer Krankheit oder weil sie keine Speise /u sich nahm^. 

' Ein direkter Verkehr von Ho^rä be7.w. dem im Ilauran emporblühenden sabäischon 
Staatswesen nach Ktesiphon und dem Persischen Golf wird erst nach <lcni Uotl 
Palmyra entstanden sein ;verpl. Spren^^er, Die alle Geographie Arabiens, Uern 




302 Kap. VUI. Pulmyra witJ chri»llich. 

mächtigere Feinde, die im Osten hausenden Perser, nicht verkennen. 
Es ist nicht unmöglich, dass schon damals die gewaltigen Aussen- 
mauern des Sonncntempcis als Citadelle für die kaiserlichen Truppen 
verwandt wurden, jedenfalls wird in byzantinischer Zeit der Sonnentempel 
von Falmyra ausdrücklich ab Festung genannt. 

Aurehan starb bereits zwei Jahre nach seinem Triumphe über Zenobia. 
Unter Diocletian {284 — 305) scheint die Stadt neue Mauern — aller- 
dings in weit geringerer Ausdehnung als zu ihrer Glanzzeit — erhalten 
zu haben. Die Notitia Dignitatuni ') führt Palmyra als Sitz des Stabes 
der ersten illyrischtn Legion an. Aber das Schicksal der Stadt war be- 
siegelt. Ihre politische und militärische Selbständigkeit hatte sie endgiltig 
verloren. Sic kam unter direkte römische Verwaltung, und wie Truppen 
aus westlichen Provinzen in Palmyra standen, dienten palmyrenische 
Truppenteile in cntfürntcn anderen römischen Provinzen. 

Inzwischen war Palmyra christlich geworden'). Die Stadt, deren 
letzter leitender Staatsmann ein Vertreter des strengsten reaktionären 



; Not. Hiutl. cii. Setk, S. 67. 

.Aus dt-r '/.tic der Selbsiiindigltcil l'almyras ist noch keine Inschrift gefanden 
weicht d.irauf schlicsseti liesse, dass damals schon das Christentum dort Eini^Uie 

[1 habe. l)cr Kampf des LTiristeiilums K'geti dag Heidentum ist einer der leitenden 

;ii in \VtlbrandIs .Schauspiel >.I>er Meisler von Paliiiyra<.. 



Kap. VIII. Kaiser Jastinian. 903 

Heidentums gewesen, war Bischofssitz geworden. Im Jahre 325 wird unter 
den Vätern des nicänischen Konzils ein Bischr)f Marinus aus Palmyra') 
erwähnt. Weitere Bischöfe von Palmyra werden im Jahre 451, sowie 
457 und im Anfang des 6. Jahrhunderts genannt. Kai.scr Justinus I. ver- 
bannte 518 bei seinem Regierungsantritte den Bischof Johannes von 
Palmyra wegen seiner monophysitischen Ketzerei^). 

Der grosse Kaiser Justinian wandte Palmyra .seine besondere Auf- 
merksamkeit zu*); er Hess die öffentlichen Gebäude und Kirchen wieder 
herrichten und die Mauern der Stadt, allerdings in noch bedeutend 
engeren Grenzen wie zur Zeit Diocletians, wieder aufbauen. So eng 
wurden die Mauern gezogen, dass man nicht einmal die ^ros-^e Quelle 
Ephka in dieselben einbegritt. Prokop führt an, dass Justinian ausserdem 
Palmyra eine Wasserleitung gab*). Die Notwendigkeit dieser Mass- 
nahme giebt ein Bild von dem Verfall der einst so blühenden und mit 
Wasser reich versorgten Stadt. Justinian legte eine ständige Garnison 
nach Palmyra, das zu einer der hauptsächlichsten Grenzfesten des asia- 
tischen Römerreiches bestimmt wurde ''). Auch soll damals der dux 
orientis in Palmvra installiert worden sein**). 

Von der Zeit Justinians bis zum Auftreten des Propheten Muhammed 
hören wir wenig von Palmyra. Die christlich byzantinischen Quellen 
erwähnen die Stadt nicht, und wir sind auf die arabischen Legenden an- 
gewiesen, welche die im IJaurän und in IJira entstandenen sabäischen 
Reiche behandeln. PLs ist wahrscheinlich, dass nach dem Nicilcrgang 
der römischen Reich.sgewalt in Syrien die genannten beiden arabischen 
Schwesterstaaten die Suprematie über die Beduinenstämme des l.lamäd 
sich streitig gemacht") und wohl mehr als einmal vor den Mauern von 



' Vergl. Monliiiiann, Neue lJcitr:it»e zur KudiIc Palmyras, München 1S75, S. Si. 
Le Quicn, (.)rieDS Christ. T. II, S. S45. 

- Vergl. Assemani, Hi])Ui)theca orienlalis, H.l. II, l>iss. de Monophys, und Le (Juien 
a. a. ().; Mordtmann a. a. ( >. S. S2. 

» Verirl. Ritter, \U\. XN'II, 2, 1503 (die Chronographien von 'rheoi>hanes und Malala' ; 
Prokop. de hello l'crsico II, 5. 

*' Frokop, de ae<liticiis II, II. In WirkUchkeit wird wohl nur der aus der Cilanz- 
zeit Palinyras stammende machlif;c Ai[uädukt wicderherj^cstcUt worden sein. 

•'•' I)ie Notitia tliirnitatum ^yieht uns nicht das Bild der riMnischcn (Garnisonen ru 

einer ganz bestimmten Zeit, sonilern ist eine Zusammenstelluni: der verschiedenen lömischen 

Garnisonorte und der 'rrui>])en, die /u verschiedenen Zeiten in tlensell^en unterj;el>raehl 

waren; vielleicht ist die oben erwähnte illyri.sche Legion erst unter Justinian naeli Palmyra 

gelejjt wonlen. 

•• Vergl. Ritler a. a. ()., Hd. XVII, 2. S. 1503. 

" Aus der Krwühnung des Namens M.i*n in jialmyrenischen In.schriften gelammt 

Sprenger zu der Vermutung, dass die Ma'n, welche er zu den '}•'» rechnet, die von Taima 

nach Palmyra führende Strasse beherrschten (Sprenger, Die alle Geograph ie .Arabiens § 3 

S. 223, 217;. Die Ma*n (vcrgl. Kap. IV dieses Werkes S. 143 ff/- gehorten jedoch la 




304 ^P- ^^l^L L)cr Einzuj^ des Islam. — Die Zerstöning Palinjrras durch Menrän. 

Palmyra mit einander gekämpft haben. Abulfcda^) berichtet, dass der 
Rassanide Aiham II., der Sohn Ciebeles, die Araber der Palmyrene 
regierte und in Palmyra selbst residierte. Diese Mitteilung betrifft die 
Zeit unmittelbar vor dem Auftreten des Islam. 

Dem Vordringen der muhammedanischen Glaubensstreiter hat Pal- 
myra nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt. Chälid Ihn 
Walid*) gewann auf seinem Siegeszuge durch Mesopotamien und Syrien, 
von Hira kommend, im Jahre 12 d. H. (634 n. Chr.) die Oasenstadt (ur 
die neue Religion. 

Während der Kämpfe, welche der endgiltigen Verdrängung der 
Omaijaden Dynastie durch die abbasidischen Chalifen in Syrien vorher- 
gingen, empörte sich Palmyra mit anderen Städten gegen Merwän IL, 
den letzten Chalifen aus dem Hause der Omaijaden. Merwän nahm die 
Stadt nach tapferer Gegenwehr*) ein, verwüstete sie und Hess ihre 
Mauern schleifen (745 n. Chr.). 

Der Geograph Jaküt*) berichtet uns von einer merkwürdigen Legende, 
die mit der Zerstörung Tudmurs durch Merwän in Verbindung gebracht 
wird. Als die Mauern niedergelegt wurden, so schreibt er, wurde eine 
Felsenöffhung frei, welche in eine Höhle führte. In dieser Höhle fand 
Merwän eine Frau, die auf dem Rücken lag und 70 Schmuckgegenstande 
trug. Ihre Fussgelenke waren mit ihren langen Haaren zusammen- 
gebunden, ihre Stirn war mit einer Platte von Gold geschmückt, auf der 
sich die folgende Inschrift befand: Ich rufe Deinen Namen an, o Gott, 
ich bin Tudmur, die Tochter Hassans, möge der Niedergang den treffen, 
der es wagt, in meine Behausung einzudringen.« Darauf fühlte sich 
Merwän genötigt, ohne den Schmuck der Frau anzutasten, schleunigst 
den Ort zu verlassen, nachdem er den Fingang der Höhle wieder mit 
dem Felsblock geschlossen, den er abgehoben hatte. Jäküt sagt weiter, 
dass Merwän bald darauf ermordet wurde und mit ihm die Dynastie der 
Omaijaden zu Grunde ging. Thatsächlich wurde Merwän im Jahre 750 
getötet, und damit machte die Dynastie der Omaijaden den Abbasiden 
Platz. Nach Jäkut war Tudmur der Name der Tochter Hassans, des 
Sohnes Odeinas, des Sohnes is Sumeida's, des Sohnes Mazjads, des Sohnes 



Kabi*a-Stäinmen und somit zu den Nord-Arabern. Der Stammesname der sUdarabischen 
Tai ist vielfach von den Aramäern auf alle Araber ausgedehnt worden (vcrgl. Jacob, Studien in 
arabischen Dichtern, Heft 3: Altarabisches Beduinenleben, 2. Ausgabe, Berlin 1897, S. 37, 38^ 
Der in den palmyrenischcn Inschriften vorkommende Name Ma'n dürfte ein Personen- und 
kein Stammesname sein. 

') Abulfeda, Historia anteislaniica, S. 130, 131. 

'•' Vergl. Al-Beladsori, Liber expugnationis regionum, ed. de Goejc, Leiden 1866, S. iii. 

•'* Vergl, Weil, Geschichte der Chalifen, Berlin 1846, Bd. I, S. 686. 

» ' a. a. (). Bd. I. S. S28. 



Kap. VII I. Palmyra bei den arabischen Geographen des Mittelalters. ^05 

Amliks, des Sohnes Loths, des Sohnes Sems, des Sohnes Noahs. Ob 
in dieser Legende nicht das Andenken an die damals (Jäljiüt starb 1229) 
gewiss bereits sagenhaft gewordene Königin Zenobia zu suchen ist, die 
ja einer Lokal tradition zufolge von den Benu Sumeida* abstammen sollte? 

In der muhammedanischen Zeit fuhren zahlreiche arabische Geo- 
graphen des Mittelalters Palmyra auf, während andere die Stadt nicht 
nennen, ein Beweis, dass sie jedenfalls aufgehört hatte, zu den bedeuten- 
deren Orten Syriens zu zählen. Ibn Churdädbe^) (zwischen 854 u. 857 
gestorben) führt Tudmur an als den Bezirk der Provinz Hom§, in welchem 
Datteln gebaut wurden, und I$tachri^ (um 950 gestorben) nennt in seiner 
Beschreibung Arabiens Tudmur in Verbindung mit Salamja als zu dem 
Gebiete von Hom§ gehörend. Auch Ibn HaukaP) (um 976 gestorben) 
und Moljaddasi ^) (985 gestorben) erwähnen Tudmur als eine Stadt des zu 
Syrien gehörigen Bezirks von Hom§. Von Ibn il Atir wissen wir, dass 
Tudmur im 12. Jahrhundert seine Abgaben an die Eijubiden von 
Damaskus zu leisten hatte, im Jahre 113 5 aber von dem Emir von Hom^ 
gegen Uebergabe seiner eigenen Residenz erworben wurde. Anscheinend 
glaubte der Emir in der Oasenstadt ruhiger und unabhängiger leben zu 
können, als in dem an der grossen Heerstrasse gelegenen Hom§^). Das 
Erdbeben, das im Jahre 11 57 in ganz Syrien furchtbare Verwüstungen 
anrichtete, hat allem Anscheine nach auch Palmyra übel mitgespielt*). 
Der Rabbi Benjamin von Tudela, dessen Angaben allerdings recht über- 
trieben klingen, will immerhin um das Jahr 1173 in Palmyra noch 
2000 kriegerische Juden gefunden haben, welche mit Nur id Din, dem 
Statthalter von Damaskus, in Kämpfe verwickelt waren '). Wenn das zu- 
träfe, müsste damals noch eine stattliche Bevölkerung in Palmyra sich 
befunden haben. 

Die Anarchie, welche nach dem Zerfall des abbasidischen ChaHfen- 
Reiches, den Kämpfen der Kreuzfahrerzeit und dem Ansturm der Mon- 
golen in dem grossen Gebiete zwischen dem Mittelmeere und dem Persischen 
Golf herrschte, war gewiss nicht geeignet,' der Oasenstadt wieder zu neuer 
Blüte zu verhelfen. In Syrien befehdeten sich die Herren der ver- 
schiedenen Städte, und in der Wüste rauften sich die Beduinenstämme. 

^) Ibn Khordadbeh, Le livre des routes et des provinces, cd. Barbier de MejTiard, 
Paris 1865, S. 199. 

'^ I^tachri, Das Buch der Länder cd. Mordtmann, Hamburg 1845, ^- 5» verp^l- auch 
S. 40. Karte von Syrien Xo. 36. 

'} Sprenjfer, Die Post- und Reiserouten des Orients, Leipzig 1864, S. 99. 

*) Ed. de Goeje S. 17. 

'-') Venjl. Ritter a. a. O. S. 1504. 

^] Verf^L Quatremere, Ilistoire des Sultans Mamlouks, Bd. III, S. 255. 

^) Vcrgl. Voyaj^es du Rabbi Benjamin de Tudele, übersetzt von P. Baratier, Am^gJMm 
1734« B^l- Im Kap. XI, S. 124. 

Frhr. v. Oppenhdoit Vom Mittelmecr zoin Pcniicheii GoVL 




306 Kap. VIII. Palmyra bei den arabischen Geographen des Mittelalters. 

Abulfeda*), welcher 1331 starb, bezeichnet Tudmur auch nur als eine 
kleine Stadt in der Provinz Hom?, die mit einer Mauer umgeben sei und 
eine CitadcUe einschliesse, ohne Frage den zur Römerzeit in eine Citadelle 
umgewandelten Sonnentempel. Der grössere Teil ihres Territoriums sei 
von Salz -Sümpfen bedeckt und mit einigen Palmen und Olivenbäumen 
bestanden, und imposante Monumente von hohem Alter mit Säulen und 
riesigen Steinblöcken befänden sich in der Stadt. Er verweist auf den 
älteren 'Azizi (996 n. Chr.), der die fliessenden Wasser, die Fruchtbäume 
und bebauten Felder Palmyras hervorhebt. Interessant ist die Be- 
schreibung der Burg von Palmyra in dem Index Geographicus*) nach 
Abu *Obeida, der vor dem Jahre 11 60 lebte '^). Hiernach wäre diese 
Burg mit einer Steinmauer umgeben gewesen, deren Thore aus steinernen 
Flügelthüren bestanden hätten. Man wird hierbei unwillkürlich an die Bauten 
der sabäischcn Hesiedler des Haurän erinnert. Die Steinthüren stammten 
vielleicht aus der Zeit, da die Rassaniden Palmvra besetzt hielten und 
hätten den späteren Zerstörungswerken ebenso widerstanden, wie wir es 
noch heute in den Hauränstädtcn sehen. Der Index Geographicus 
erwähnt weiter Turmbauten aus alter Zeit, es sind wohl zu Hefestigungs- 
zwecken herangezogene alte Grabtürme gemeint. 

Ibn Hatiita (gestorben 1377*) spricht in seiner Reisebeschreibung 
nur von der Legende der Erbauung Palmyras durch Salomo, während 
er bei der Beschreibung Suchnes länger verweilt. Ibn Chaldün*) beschränkt 
sich auf die Nennung des Namens Tudmur. Ja'kubi*^) sagt, Tudmur 
sei eine alte Stadt mit wunderbaren Bauten, die vom König Salomo 
gegründet sei. Bemerkenswert ist seine Angabe, dass die Palmyrener 
Kelbiten seien; daraus würde hervorgehen, dass damals Nordaraber in 
und um Palmvra hausten. 

Die furchtbare Völkerwanderung der Tataren, welche ganz Syrien 
verwüstete, hat auch Palmyra nicht verschont. Timur schickte, nachdem 
er Damaskus im Jahre 1401 erobert hatte, eine Abteilung seines 
Heeres gegen Tudmur, woselbst sich damals ein Teil des turkmenischen 
Stammes Zulkadr (Du il Kadr) festgesetzt hatte. Der Erfolg war der- 
.selbe wie im übrigen Vorderasien: die Stadt und ihre Umgebung wurden 
gründlich ausgeplündert'). 

» Ver«:!. M. Kenaud, Geographie (l'Abulfeda, Paris 1S4S, Bd. II. S. I18— 119. 

-' Index ( ieographicus in \'itam Saladini ed. Schultcns s. v. Tadmora. 

3 Verjjl. Ritter a. a. O. S. 1 506. 

* Voyaire dlbn Batout:ih ed. Defremery et Sanguinetti. Paris 1S79, S. 315. 

*^ Prolegoniines d'Kbn Khaldoun par (^>uatreniere ^Nutices et extraits des manuscrits 
de la bihliotht<iue Imperiale Bd. XIX; 1S62, S. 132. 

•* Jacubi ed. de Gocje .S. 324.. 

^ Vergl. Ritter a. a. O. S. 1506; ferner Quatremere, Histoire des Sultans Mamlouks, 
Bd. III, S. 255. 



Kap. VIII. Wiederenldcckung Palmyras. — Die Ma'n in der Palmjrrene. 307 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte abermals eine Neu- 
befestigung Palmyras, ein weiterer Beweis für die vorzügliche Lage der 
Oase. Den ersten europäischen Wiederentdeckern von Palmyra, eng- 
lischen Kaufleuten aus Aleppo, die, angezogen durch die Erzählungen 
von der in Trümmer ge.sunkenen Wunderstadt, in den Jahren 1678 und 
1691 eine Explorationsreise dorthin machten, wurde an Ort und Stelle 
die Mitteilung gemacht, dass Man* Ogle (d. i. Ma*n orlu), Fürst der 
Drusen, unter der Regierung Murads III. eine die Stadt beherrschende 
Burg auf dem Bergrücken gebaut habe, der das Stadtgebiet von Palmyra 
von der Ebene von Karjeten trennt. Robert Wood, der im Jahre 1751 
die Ruinen von Palmyra aufsuchte und in seinem Prachtwerke die ersten 
ausführlichen Schilderungen derselben entwirft, giebt an^), dass die 
Araber den Bau der Burg dem aus dem Hause der Ma*n stammenden 
Drusenfürsten Fachr id Din zuschrieben, »welcher sie errichten Hess, 
damit sie ihm als Zufluchtsstätte dienen sollte während der Zeit, dass 
sein Vater sich in Europa aufhielt«. Wood meint, dass keine dieser 
Angaben mit der Geschichte der Drusen in Einklang zu bringen sei. 
Thatsächlich hatten, bevor der Kampf zwischen den Osmanen und Fachr 
id Din zum Ausbruch kam, die Ma'n ihre Herrschaft weit über den 
Libanon hinaus ausgedehnt, und es ist sehr wohl möglich, dass sie sich 
auch in Palmyra festgesetzt haben, um die Beduinen der Syrischen Wüste 
im Zaume zu halten, oder auch, um sich für alle P^'älle eine Zufluchts- 
stättte mitten in der Wüste zu sichern*). Heute noch wird die gedachte 
Burg Kal*at ibn Ma'n^) genannt. In den Kämpfen des siebzehnten 
Jahrhunderts, in denen die Pforte den Ausbreitungsgelüsten der Libanon- 
fürsten ein für alle Mal ein Ende machte, wird auch die heute noch 
als trotzige Ruine erscheinende Burg von Palmyra zerstört worden sein. 
Ob die aus späterer nachrömischer Zeit stammende Thorburg des alten 
Sonnentempels ebenfalls von einem Ma*n gebaut worden ist oder einer 
früheren Periode des arabischen Zeitalters angehört, ist noch nicht 
festgestellt worden. 

Der türkische Reisende Ewlijä, welcher nach seiner eigenen Angabe 
41 Jahre lang die verschiedensten muhammedanischen Gebiete bereist 
und seine Reisen anscheinend 1670 abgeschlossen hat, führt Tudmur in 
Gemeinschaft mit Saidä und Bcrüt als eine der drei Salianeh der osmanischen 
Provinz Damaskus auf, d. h. als einen der Bezirke, welche angeblich 



*; Vergl. Wood, 'l'he niins of Palmyra, otherwise Tadmor in the desert, London 1753, 
No. 27, S. 13 und 31. 

'; Vergl. Kap. IV dieses Werkes S. 146. 

'1 Diener, Libanon, Grundlinien der phjiiachen Geographie ond Geologie von Mittel- 
syrien, Wien 1886. S. 360, nennt die Barff ¥alaN|!yM|Mt||L. 

20* 



308 Kap. VIII. Zustände in der Palmyrene in unserem Jahrhundert. 

eine jährliche »Allowance« erhalten*). Hag^i Chalfa giebt in seiner 
1145 d. H. in Konstantinopel u. d. T. öihännuniä erschienenen Geo- 
graphie einen Bezirk Tudmur an, der einst zu Hom§ gehört habe 
und jetzt seinen eigenen Gouverneur besitze. Er teilt zum ersten 
Male mit, dass der Salzsumpf von Palmyra fiskalisch ausgenutzt 
werde *). 

Die erwähnten englischen Kauf leute aus Aleppo fanden von sesshaften 
Bewohnern nur einige wenige arabische Familien, welche innerhalb des 
Sonnentempels in elenden Hütten wohnten*). Selbst räuberischer Gesinnung 
und zu jeder Plünderung bereit, konnten diese Pal my rener sich nur mit Mühe 
gegen die grossen Beduinenstämme der Syrischen Wüste halten. Dieselben 
Verbältnisse werden uns immer wieder von allen Reisenden, welche in 
der Folge bis in die jüngste Zeit Palmyra besucht haben, berichtet. Im 
17. Jahrhundert verdrängten wohl die *Aneze die damals in der Palm>Tene 
allmächtigen *Amrir-Beduinen, von denen sich Ueberreste bis auf den 
heutigen Tag am Gebirgsrande der nach dem Euphrat zu streichenden 
Ausläufer des Antilibanon erhalten haben*). 

Der Besuch Palmyras war bis zur Mitte dieses Jahrhunderts ein 
gewagtes Unternehmen. Es mussten zunächst verhältnismässig hohe 
Summen für den Durchgang und eine entsprechende Begleitmannschaft 
an die Schcchs der zu passierenden Ortschaften, sowie an die *Aneze 
und an den Schcch von Palmyra gezahlt werden. Trotzdem kamen An- 
griffe und Beraubungen nicht selten vor. Auch die englischen Besucher von 
Palmyra im 17. Jahrhundert wurden bei ihrer ersten Reise (i. J. 1678) 
gänzlich ausgeplündert und konnten nur mit Mühe ihr Leben retten. Seit 
der mit Ende der 60er Jahre beginnenden Neuordnung der Dinge in der 
Syrischen Wüste und in Mesopotamien sind diese Verhältnisse anders ge- 
worden, und gegenwärtig ist der Besuch Palmyras, solange man sich auf 
den gewohnten Karawane nstrassen hält, keine besonders gefährliche Reise. 
Vollständig sicher ist die Umgegend des Ortes allerdings auch heute 
noch nicht. 



\' Vergl. Kvliya Effendi, Narrative of travels in Europe, Asia, and Africa in the scventecnth 
centun', translated from the Turkish by Hammer, London 1850, Vol. 1 S. 93; verg^l. für 
diese Zeit die weitere Notiz Quatremeres a. a. O., Bd. III. S. 256. 

' Vergl. ^lihännumä, Oeographia Orientalis, a. d. Türkischen übersetzt von Nor- 
berij, Lund 1S18, Bd. II, S. 335. 

•\ Die Berichte, die zuerst in den Philosophical Transactions, London 1695, S. 83 — iio, 
125— 137, 138—160, erschienen, sind im Jahre 1890 vom Palestine Exploration Fund nea 
herausgegeben. 

*^ Zu Abulfedas Zeit sollen die Tai bei Palmyra nomadisiert haben ^vergl Ritter a. a. O. 
S. 1507'. Gegenwärtig sind die Ueberreste dieses einst so mächtigen Stammes an den 
nordöstlichen Wüstenrand Mesopotamiens gedrängt. Vergl. Kap. XI dieses Werkes. 



Kap. VIII. Die Ruiaen von Palmyra. — Die Säulenalleen, 



309 



Die uns erhaltenen Reste') des alten Palmyra sind ausser- 
ordentlich zahlreich und machen auf den Beschauer einen überwältigenden 
Eindruck, besonders auch deshalb, weil sie so ganz unvermittelt in der 
Wüste ihm entgegentreten. Von der mehrere Kilometer langen Säulen- 
halle, welche einst die ' Stadt in ihrer ganzen Länge durchzog, giebt 
gegenwärtig noch eine stattliche Anzahl Säulen Zeugnis. Gekreuzt wurde 
diese Säulcnallee von mehreren anderen Strassen, die gleichfalls von 
Säulenreihen eingefasst waren. Die Säulen zeigen etwa in drittel Höhe Kon- 
solen, welche in früherer Zeit die Statuen berühmter Männer getragen haben, 
'von denen heute jedoch keine einzige mehr steht oder intakt zu Tage ge- 
fördert worden ist. Die Säulen-Kapitale sind in einem eigenartigen, mit 
dem korinthischen verwandten Stil gehalten. Ein prachtvolles Thor im 
südöstlichen Teil der Stadt öffnet seine Hauptbogen einer unter rechtem 
Winkel die Säulenallee kreuzenden Querstrasse, während durch zwei 

'; Vergl. Seiff, Reisen in der asiatiachen TUrkei, Leipzig 1875; Socin-BäJeker a, b. ü, 
.S. 3S0 St; Wrighi, An Account of Palmyra and Zenobia; das Kussische Prachlwerk des Fürsten 
Abainelek-Lasarew , Archaeolo^ische Untersuchungen, l'elersburi; 18S5. .\eltere Litleratur 
bei Ritter a. a. (). Bd. XVII. .S. 1508 ff. Wood Hiebt in seinen Tafeln in The ruins 
of Falmyra othcrwise Tadmor in the Desert, London I753, vorzüf:liche Rekonstruktionen und 
Zeichnungen einielner Bauteile und (Irnamenie, von welchen hier verschiedene wjeder- 
U^egeben sind. Ohne Zweifel mus» zur Zeit seines Uesuches, im Jahre 1751, noch weit 
mehr von den Ruinen erhalten {gewesen sein, was schon aus Vergleichen mit seiner Skizze 
der via trinmphalis hervorgebt. 




Aus den Ruinen 



Kap. VIII. Uai Baum. 




kleinere Bogen zwei Nebenstrassen Tuhren, die im spitzen Winkel die 
via triuniphalis schneiden. Sämtliche Bauten von Palmyra bestehen aus 
einem wenig widerslandsfahigen weissen Kalkstein'), der vielfach eine 
{»eibliche Farbe angenommen hat. l^ie aus diesem Material hergestellten 
Säulen haben in ihrem unteren Teil vielfach durch Erosion stark gelitten 
und dadurch das Aussehen von angefaulten Baumstämmen erhalten. 
Höchst auffällig treten dazwischen einige Granitsäulen hervor, deren 
Herkunft ungewiss ist'}. 



■; Nicht Marmor, wie es io m: 
Talmyra vcrwemleleo KalksIelDi soIUd 

* Von fachmänoischer Seile i 
nordea. Thomson will .-illerilingB diese 
an <ler Ostseile des ("lebel il A'ln bei .'^ 



achen Ruisebüchern heisst. Die Steinbrüche dei in 
sich im Giebel il Abjai} befinden. 
t Granit bisher in Syrien noch nicht nachgewieMD 
;ieinirt um (';cbel il AVn' und Drake Homblendegnnil 
Jimja ccfiinden haben >erj;l. Blinckenhorn, Gnmd- 



iflge r 



r Geologie und physikalischen Geographie 



ird-S>Tien S, 9 und aj). 









%f^ ^ ^ tür M vi^ $9^ 






Deckenstacke tat Palmyra (nach Wood). 



Kap. VIII. Der SoDnentempel. 




n Palmyra (nach Woc 



Am Südende der Hauptstrassc steht der grosse Tempel, welcher 
der Lokalgottheit von Palmyra, dem Sonnengotte Bei. geweiht war. Das 
Tempelgebäude hatte einen gewaltigen Umfang. Es stand auf erhöhter 
Terrasse und war mit Mauern umgeben, die 15— i6m hoch waren und 
von denen jede einzelne auf der inneren Seite eine Länge von 235 m hatte '). 
Heute ist der von den Mauern eingeschlossene Raum ein Konglomerat von 
Trümmerresten,- aus denen aber noch ganze Säulenreihen, welche mit 
Architraven geschmückt sind, emporragen. Auch sind noch mehrere 
Deckenplafonds und VVanddekorationen erhalten. Ueber hundert Hütten 




Deckenstücke 



des modernen Palmyra haben in dem Tempel Platz gefunden. Sic sind 
auf dem Schutt, der den Hoden oft mehrere Meter hoch bedeckt, er- 
richtet oder malerisch zwischen herrlichen Bögen und Säulen eingebaut. 
Als Material sind oft die wunderschönen Säulen, Kapitale und reich- 
geschmückten Steine des alten Tempels verwendet. Ganze Strassen 
ziehen sich bergauf bergab im Innern des Riesenbaues hin. Ein kleiner 



', Ver;;). Socin-Büileker a. . 
scheiat eiae t^ruBse Aehnlichkeic z 
Bona et Flandin, Vojage en Pei 



.U.S. 381. Der Grundriss des S 
hibcD mit demjcai);m dei Tempel« 
IC, Bd. I, PI. 23 und 



ipd* 



. V«El. 



3'2 



Kap. VIIL Der SonncDtempel. 



Teil des Tempels muss in alter Zeit schon zu einer Moschee umgewandelt 
worden sein, wir linden hier eine Sure des Korans in kußschen Buch- 
staben, und da, wo vielleicht in alter Zeit ein Altar gestanden, sind jetzt 
Gebetnischen für die Gläubigen angebracht'). Die am schönsten er- 
haltenen Ruinenreste finden sich in dieser Moschee und deren nächster 
Umgebung. Hier sieht man noch wunderliche Plafonds und Wand- 
dekorationen mit Benutzung des Tierkreises und geometrischer Figuren, 
die an orientalische Motive erinnern, femer zierliche Blumenguirlanden, 






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die im Zeitalter dos reinsten Louis XVI entstanden sein könnten, Kapitale, 
Reliefs und Dekorationen der mannigfaltigsten Art, deren buntes Durch- 
einander an die strengen Formen der alten Klassik, die Muster des 
Empire-Stils und die verschiedensten Formen der mittelalterlichen und 
modernen Renaissance gemahnt. Die F'ronten einzelner Bauteile besitzen 
eine auffallende Achnlichkeit mit manchen Fassaden unserer europäischen 
Grossstädte. Auf der anderen Seite zeichnen sich die Aussen-Mauem 
durch ihre gewaltige Einfachheit aus. Modernen Baumeistern wurde 
Palmyra gewiss ein ergiebiges Feld lehrreicher Studien sein. 



Vei^l. V. Kre 



. MiUel-'iyrien und Daniaslcns S. : 



Kap. Vni. GrablOmic. 



313 



Deutlich lassen sich die Spuren der späteren Umbauten der Tempel- 
mauem erkennen, die nach der Bezwingung der Königin Zenobia immer 
wieder als Festungswerke benutzt wurden. Die in muhammedanischer 
Zeit errichteten Mauerteile bilden infolge ihrer weit roheren AusHihrung 
einen lebhaften Gegensatz zu den Resten aus der alteren Zeit Das 
heutige grosse Eingangsthor stammt aus der Periode des Islam. Es ist 
mit einer langen arabischen Inschrift versehen. An der Stelle der einst 
35 m breiten Treppe fuhrt heute eine holprige Strasse durch dieses Thor 
in das Innere. Weit im Norden des Sonnentempels, fast am Rande des 
hier vom Gebirge begrenzten riesigen Ruinenfeldes, ist noch ein anderer, 
zierlicher Tempel in gutem Zustande erhalten. 

Eine charakteristische Eigentümlichkeit von Palmyra bilden die 
zum Teil reich mit Ornamenten ausgestatteten viereckigen Grabtürme, 




Am den Ruinen von Palmyra (nach Wood". 

welche die Erbbegräbnisse der vornehmen palmyrenischen Familien 
darstellen'). Sie finden sich In dem Pass, der den Eingang zu Palmyra 
von Westen her bildet, aber auch an der nördlichen und südwestlichen 
Peripherie der Stadt. Die Türme sind mehrere Stockwerke hoch und 
haben im Innern Kammern, die zur Aufnahme der Särge oder Aschcn- 
urncn dienten. Wright*} hat eines dieser Grabgebäude, das •■Ka.'^r eth 
Thuniyeh«, gemessen, es war iii engl. Fuss hoch und hielt unten 33' a, 
oben 25,8 Fuss im Geviert. Der Turm hatte 6 Stockwerke und Ab- 
teilungen für 4S0 Tote. Innerhalb der Kammern sind Darstellungen der 



i; Vergl. Ritter n. .i. (>. Ttd XVII, ^. S. 1538 ff. und Wrighl a. n. O. S. 74 IT. Uebcr 
weitere niedrigere und Säulen neschmUckte Grttl)dcnl(inäler, die vielleicht pymniideimrli|te 
Anfiälze trugen und an die Dubese bei Rofta erinnern, vergl. Sucbiia u. s. O. S, 40. 

»;■ a. >. o. s. 34. 



3>4 



Kap. V|[I. Grabtürme. 



dort bestatteten Personen im Hochrelief angebracht, gewöhnlich mit In- 
schriften, welche den Namen und das Todesjahr der Verstorbenen nach 
der seleucidischcn Aera enthalten. Der Kunstwert dieser Reliefs — 
meistens sind es Büsten — ist nicht besonders hoch, immerhin sind sie 
von grosser Wichtigkeit für die Kenntnis des Typus und der Trachten 
der alten Palmyrener, Bedauerlicherweise sind diese Büsten und Statuen 




.\iis Jen kuiiieii vod l'almyra >ach Wooj;. 

ein Hauptartikcl des orientalischen Antikenhandels in Syrien gewordeti. 
Behufs leichteren Transports werden sie gewöhnlich zerstückelt und ver- 
stümmelt und so in alle Welt 7,erstreut. Heutzutage findet sich kaum ein 
einziges der Kcliefs noch an seiner ursprünglichen Stelle vor. Neben den 



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Locoli mit BUitCD. 



Grabtürmen liegen noch zahllo.se weniger monumentale Gräber verstreut. 
Wright') fand u. a. eine nntcrirdischc oder im Schutt gelegene Gruft von 
60 Fuss Lange, 27 hWs Breite und 7 -S I-'u.-^s Hohe mit je 9 Abteilungen für 
Tote nuf beiden Längsseiten und 5 Abteilungen auf einer der Schmalseiten. 
iJie andereSchnialseite scheint soinerZeichnung nach eineThüre aufgewiesen 



Kap. VIII. PolmyrcDische Mumien. — Das Kal'at ibn Ma*n. 7 i r 

ZU haben. Die Abteilungen glichen in ihrer Länge und den allgemeinen 
Dimensionen den loculi der Grabtürme; sie waren jedoch an den Seiten 
cementiert, und jede hatte 5 Gestelle (»shelves«) von hart gebackenem 
Töpferwerk, welche in die Abteilungen hineinpassten und cementiert 
waren. Auf diese Gestelle waren die einbalsamierten , mumifizierten 
Leichen gelegt, derart, dass die Schädel mit Cement an der Wand 
befestigt und die Füsse nach aussen gerichtet waren. Mumien sind 
noch anderweitig in den Gräbern von Palmyra gefunden worden, 
auch Reste von Haarflechten und Gewandstücken. Wright^) beschreibt 
eine Mumie, welche sorgfältig in viele Lagen von Stoff gewickelt war, 
dessen Gewebe und Farbe dem heute in Palmyra gebrauchten ähnlich 
sah; eine einer Mumie angehörige Haarflechte, welche Wood'^) mit 
nach England brachte, soll derselben Art gewesen sein, wie die Araberinnen 
zu seiner Zeit ihr Haar trugen. Die Art der Behandlung der Mumien, 
der dazu verwendete Balsam und der Stoff erinnerte Wood an die Ein- 
wicklung und die Präparierung der egyptischen Mumien. Ein von Wright 
gefundener, den palmyrenischen Tesserae in Farbe und Form sehr ähn- 
licher Terrakotta- Scarabaeus trägt den Namen des egyptischen Königs 
Tirhaka und die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Scara- 
baeus ein Beweis dafür sei, dass die Eroberungen Tirhakas sich bis nach 
Palmyra ausgedehnt hätten^). Vielleicht werden die Funde von Tel- 
Amarna auch Licht in die vorrömische Geschichte Palmyras bringen. 

Auf einer Bergspitze im Norden des Gräberthaies von Palmyra 
ragt das mächtige Kastell KaVat ibn Ma*n auf, das, wie bereits 
envähnt, die Lokaltradition einem Drusenfürsten zuschreibt. Ersichtlich 
stammt der Bau in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht aus der alten 
palmyrenischen Zeit, sondern aus dem arabischen Mittelalter, wenn 
nicht aus einer noch jüngeren Periode. Von der Höhe dieser Burg, 
die sehr schwer zugänglich ist, da sie von einem 10 m tiefen, in 
den Felsen gehauenen Wallgraben umgeben ist, über den seiner Zeit 
eine Zugbrücke führte, geniesst man eine grossartige Aussicht über das 
Ruinenfeld von Palmyra und die östlich von der Stadt sich aus- 
dehnende Wüste, während nach Westen hin bei gutem Wetter die 
höchsten Punkte des Antilibanon zu erkennen sein sollen. Gegen Ende 
der sechziger und Anfang der siebenziger Jahre diente das Kastell 
einer türkischen Besatzung als Kaserne und Lazareth. 

Seine Existenz in der Wüste verdankt Palmyra zwei mächtigen 
Quellen. Einige hundert Schritt südlich des Ausgangs des Gräberthaies 



n a. a. O. S. 82. 
*) a. a. O. S. 21 und 23. 

") Vergl. Wright a. a. (). S. 87—89, und Birch in den Transnctions of the Society of 
Biblical Archeology, vol. VII, S. 208. 



ai6 Kap. Vin. QneUcD and BnmneD. 

bricht aus einer tiefen Felsenhöhle ein Bach hervor, dessen warmes und 
stark schwefelhaltiges Wasser man trinkbar macht, indem man es in 
einem Gefass eine Zeit lang stehen lässt und dann nur den oberen Teil 
vorsichtig wegschöpft Eine zweite Quelle mit besserem Wasser ent- 
springt nördlich vom Sonnentempel, umtliesst den Bau auf der Nord- und 
Ostseite und vereinigt sich im Osten desselben mit dem ersten Wasserlanf. 
Diese beiden Bäche bewässern einen die Ruinenstadt im Süden und Osten 
umgebenden Kranz von Gärten, deren üppig grünende Vegetation selbst 
die Gluten der Sommersonne nicht versengen können und die inmitten 
der Wüste mit ihren hohen Granaten, Feigen und Weinanpflanzungen, 
zwischen denen sich malerisch einige Dattelpalmen geltend machen, einen 
bezaubernden Findruck hervorrufen. Den Gärten schliessen sich Ge- 
treidefelder an, die nach Siidosten sich etwa 20 Minuten weit hinziehen. 
Für die Bedürfnisse des alten Paimyra genügten diese beiden 
Quellen samt den zahlreichen Brunnen, von denen noch heute mehrere 
erhalten sind, jedoch nicht. Damals war eine Wasserleitung angelegt 
worden, die aus einem Stauwerk Quell- und Regenwasser der Stadt 
zuführte und deren Spuren sich durch das Gräberthal bis in das Gebirge 
nach Nordwesten hinauf verfolgen lassen; ausserdem dürfte jedes Haus 
eine Sammelstelle für den Regen besessen haben. 

Die Triimmcr von Paimyra sind bisher nur sehr wenig durchforscht, 
weil die alte Stadt von einer vielfach mindestens 3 m hohen Sand- und 
Trünimerschicht bedeckt ist. Wenn schon auf der Oberfläche so zahl- 
lose, höchst wertvolle Inschriften und Haureste gefunden sind, so lässt 
.sich mit Sicherheit schliessen, dass rationelle Ausgrabungen der Wissen- 
schaft reiches Material liefern würden, 
gerade weil sehr bald nach der Zer- 
störung die ausgedehnten Trümmer sich 
mit Sand bedecken mu.ssten und weil seit 
nunmehr über 15 Jahrhunderten hier und 
in der nächsten Nähe keine grössere An- 
siedelung gestanden hat. Allerdings dürfte 
der Wiederaufbau unter Justinian schon 
viele antike Monumente vernichtet haben, 
und auch die gegenwärtig sich vollziehende 
Vergrösserung des Ortes wird den zu Tage 
stehenden Bauresten ohne Frage grossen 
Schaden thun; sind doch neue Ansiedler, 
welche die antiken Reste als Baumaterial 
und zum Kalkbrennen verwenden, die 
gefährlichsten Feinde der archäologischen 
Forschung. Desto wünschenswerter ist es. 




Schech MutniDTncl 'Abdallnh 



II 



Kap. Vin. Das moderne Tudmur. ßlj 

dass die unter dem Sande schlummernden Schätze nun bald in ziel- 
bewusster Arbeit aufgedeckt werden. Der grosse Wohlstand der alten 
Stadt bürgt dafür, dass neben Steininschriften, Papyros u. s. w. auch 
Gegenstände des täglichen Gebrauches und des Kunstgewerbes zu Tage 
gefördert werden würden, welche von der Geschichte und dem Kultur- 
zustand der merkwürdigen , an der Grenze der griechisch - römischen 
unjl der orientalischen Civilisation gelegenen Oase sichere Nachrichten 
geben würden. 

Die heutigen Bewohner von Palmyra sind sesshaft gewordene 
Beduinen verschiedener Stämme. Dem geringfügigen Karawanenverkehr 
in der Syrischen Wüste, der gegenwärtig von Damaskus über Palmyra 
geht, um in Der ez Zör den Euphrat zu erreichen, stehen die Palmyrener 
fern, höchstens sind sie an den Transporten des Salzes urid der Pott- 
asche in der Nachbarschaft der Oase beteiligt. Im übrigen bebauen 
sie die im Südosten der Stadt gelegenen Aecker und arbeiten an der 
Ausbeutung des Salzsees. Die Mehrzahl der Einwohnerschaft wohnt auch 
heute noch innerhalb der schützenden Mauern des Sonnentempels. Vor 
einigen Jahren ist zur Erhöhung der Sicherheit eine grosse Kaserne — 
aus antikem Material — vor dem Nordwestende des Sonnentempels er- 
richtet worden. Seitdem hat sich der Ort nach Osten und Norden, zumal 
aber nach der Westseite zu, nicht unerheblich vergrössert. In diesem 
letzteren Stadtteil befindet sich eine Schule mit einigen 20 Kindern, ferner 
das Haus des Schcch Mohammed 'Abdallah Ibn *Arük^), welcher durch 
seine Begleitung verschiedener europäischer Reisenden bekannt geworden 
und zu grossem Wohlstand gelangt ist. Gegenwärtig soll die Einwohner- 
zahl Palmyras wieder auf etwa 1500 Seelen gestiegen sein. Zu meiner 
Zeit bestand die Besatzung der Kischla nur aus wenigen Zaptije mit 
einem Lieutenant. Die türkische Autorität wurde durch einen Mudir 
repräsentiert, der dem Mutesarrif von Der ez Zör unterstand. Palmyra 
soll vor einigen Jahrzehnten trotz der damals noch geringeren Anzahl 
seiner Einwohner ein lebhafter Markt gewesen sein, auf welchem die 
Beduinen der Wüste ihre Bedürfnisse deckten; in letzter Zeit hat der 
Ort jedoch seine Bedeutung als Handelsplatz an das mehr und mehr 
aufblühende Der ez Zör verloren. Der gegenwärtige kleine Bazar mit 
einem halben Dutzend Läden dient nur den lokalen Bedürfnissen. 

^' Der Ortsbezirk von Palinvr:i hat zwei anerkannte Schechs. 



^ 




IX. KAPITEL. 



Von Palmyra durch die Syrische Wüste 

zum Euphrat. 

Aufbruch von Palmyra. — Der Salzsee. — Der liainäd. — Höhenzüge im Hamäd. — Erek. — 
Suchne. — II Mubetir. — Eine Karawane in der Steppe. — F.itu Morg-ana. — II Gabäi»ib. 
— Ankunft in Der ez Zur am Euphrat. — Der ez Zur einst und jetzt. — Der Ver\vahunirs- 
bczirk von ed Der. — Strassen, Kirchen, Chane. — Der Mutesarrif Sälib Pascha. 

Na'ura und (iird. 



Am Nachmittage des 27. Juli brachen wir von Palmyra auf, um auf der 
durch die früher erwähnten Chane markierten Karawanenstrasse nach Der 
ez Zor weiter zu marschieren. Während unsere Lastkarawane direkt ostwärts 
zog, machte ich mit meinen berittenen Begleitern zunächst einen Ab- 
stecher nach Südsüdosten, um dem in einem grossen Halbkreis sich um 

die Stadt herumziehenden Salzsee (arabisch Sabcha A?fc--j oder Mam- 

laha <Pt!L/) einen Besuch abzustatten. Xach einem Ritte von einer halben 

Stunde durch Gärten und Felder, und dann fast ebensoweit über Steppen - 
boden, gelangten wir an den Rand des Sees, der hier etwa einen Kilo- 
meter breit war, während seine Gesamtlänge 7 — 8 km betragen dürfte. 
Der Salzsumpf von Palmyra ist eine ganz flache Einsenkung zwischen dem 
Stadtgebiet und dem namentlich nach Süden zu etwas ansteigenden 
Wüstenterrain. Dergleichen Salzseen giebt es in Syrien und Mesopo- 
tamien eine ganze Anzahl, doch werden nur wenige auf das Sak 
ausgebeutet, in Syrien nur die Seen von Gerüd, Aleppo und Palmyra. 
Die Salzgewinnung ist in der Türkei Staats- Monopol. Am Rande 
des Sees waren flache Gruben angelegt, in denen sich das sehr stark 
mit Salz gesättigte Wasser sammelt. Die Soole wird, nachdem sie 
eine Zeit lang sich selbst überlassen geblieben ist, mit Eimern heraus- 



Kap. IX. Der Salzsee von Palmyra. — Der Hamäd. 5 IQ 

geschöpft und auf die feste Erde gebracht, wo das Wasser bei der 
grossen Sonnenhitze rasch verdunstet. Das so gewonnene Salz ist aus- 
gezeichnet. Die Arbeit wird von den Fellachen von Palmyra verrichtet. 
Am Ufer des Sees befinden sich mehrere kleinere Wachthäuschen, in 
welchen im ganzen 15 bis 20 tscherkessische Soldaten stationiert sind, 
um die Ausbeutung durch Unberechtigte zu verhindern. Diese Posten 
stehen durch Patrouillen mit der Besatzung von Palmyra in Verbindung. 

Wir zogen am Rande der Sabcha entlang, bis wir, nach halb- 
stündigem Marsche in NO. -Richtung, die nördhchsten, schmalen Aus- 
läufer des Sees durchreiten konnten, wobei unsere Pferde an einzelnen 
Stellen noch bis an die Kniee in den sumpfigen Grund einsanken. Kindlich 
hatten wir wieder den festen Boden des Hamäd unter den Füssen. 

Die Bezeichnung »Wüste< trifft nicht den eigentlichen Charakter 
des Hamäd. Der arabische Name bedeutet vielmehr eine Steppe, die, 
wenn ihr das nötige Wasser zugeführt werden könnte, in vielen Teilen 
der Kultur zugänglich wäre. Die Anbaufähigkeit des Hamäd wird be- 
wiesen durch den reichen Graswuchs, der im Frühjahr überall dort spriesst, 
wo genügendes Wasser vorhanden ist, sowie durch die oasenartigen Gärten, 
die in der Nähe der wenigen Quellen entstanden sind. Nur da, wo der 
den Untergrund bildende Gips- oder Kalksteinboden zu Tage tritt, oder 
wo Sand übergelagert ist, bleibt die Syrische Wüste dauernd steril. 

Im allgemeinen senkt sich der Hamäd von Westen nach Osten 
zum Euphrat hin, stellenweise, namentlich im nördlichsten Teile, dacht 
er sich nach Süden hin ab; nach dieser Richtung hin führen die 
zahlreichen Regenschluchten, von denen er durchfurcht ist und die 
ihm häufig ein wellenförmiges Aussehen geben. Eine starke Tagereise 
vor dem Euphrat steigt das Terrain wieder plöt/.hch an, um dann 
dicht am Flusse jäh in die Thalebene abzufallen. Das Wasser der zahl- 
reichen Regenschluchten sammelt sich teils in grossen, natürlichen, teich- 

artigen Mulden (Radir j JiP), in welchen es jedoch bald wieder verdunstet 

teils vereinigt es sich zu grösseren Regenbächen, wie dem Wädi Rarra 

S^ (3'^^J und dem Wädi Haurän '^J^ e^^^J» welche ihr Wasser dem 

Euphrat zuführen. 

Im Winter und Frühjahr, während und nach der Regenzeit, wenn 
die Steppe von grünender Vegetation überzogen ist, finden sich dort 
zahlreiche Beduinenlager und Gazellenherden; sobald jedoch der Pflanzen- 
wuchs verdorrt, ziehen die Beduinen an den Steppenrand in die Nähe 
bebauter Gegenden oder an den Euphrat, wo sie auch während des 
Sommers W'asser und Futter für ihre Kamele und Schafherden finden, 
und ihnen folgen die Gazellen, ein Verhältnis, welches auch arabische 



120 Kap. IX. Höhenzüge im Ilamäd. 

Sprichwörter bezeichnen. Der Hamäd wird dann zur Einöde, zur »Wüsten- 
steppec, in welcher nur an einigen wenigen besrimmten Orten in künstlich 
geschaffenen Cisternen, Ziehbrunnen oder in einer kleinen Anzahl von 
spärlichen Quellen Wasser zu finden ist. Wegen des W^assermangels 
und aus Furcht vor den Kazu der Beduinen, die ebenfalls auf die 
wenigen Wasserstellen angewiesen sind und denen daher kaum aus- 
gewichen werden kann, wird der Hamäd im Sommer selten von Kara- 
wanen durchzogen. 

Der Charakter der Syrischen Steppe als Ebene wird unterbrochen 
durch grössere und kleinere Erhebungen, deren bedeutendste der Höhen- 
zug ist, welcher das von Damaskus nach Palmyra sich erstreckende 
Gebirge nordöstlich bis zum Euphrat fortsetzt. Unweit südlich dieses 
Gebirgsrückens, welcher sich auch jenseit des Euphrat in Mesopotamien 
noch eine Strecke weiter fortsetzen soll und in seinen einzelnen Teilen 
verschiedene Namen trägt, führt die Damascener Karawanenstrasse nach 
Der ez Zör. Zwischen Palmvra und Erek hat diese Höhenreihe den Namen 
Ciebel il 'Amur, so genannt wohl nach dem Beduinenstamm der 'Amur 

j^>^, die seit langer Zeit in der Syrischen Wüste zu hausen scheinen 

und von den 'Aneze in diese Gebirgsgegend verdrängt worden sind. 

Um 4^2 Uhr hatten wir nach unserem Abstecher zu dem Salzsee 
die Karawanenstrasse wieder erreicht und nun zu unserer Linken den 

Gebel il KotUir jlkAM U>., einen Teil des (lebel *Amür. Direkt süd- 

lieh von uns erblickten wir in grösserer Entfernung den Teil il F'irä 

\ ,£^ t, hinter welchem in noch weiterer Ferne der (iebel il Ruräb 

K^\ jMü^ U>- sichtbar wurde, der nicht weit von der direkten Wüsten- 

postStrasse Damaskus-Bardäd liegt und bereits von Huber passiert wurde. 
In der Nähe des (^ebel il Ruräb, jedoch mehr südwärts, soll sich eine 

*Ain il 'Ulewijat Ol ^-U^ 'ap genannte Quelle befinden. 

Um unsere Karawane, die in der einsamen Steppe immerhin Ge- 
fahren ausgesetzt war, einzuholen, mussten wir ihr in beschleunigter 
Gangart folgen, so dass die Strecke nach Erek in verhältnismässig kurzer 
Zeit zurückgelegt wurde. Um S Uhr IG Min. hatten wir zur Linken eine 
Einscnkung des Gebirges, hinter welcher die Quelle *Ain il Kottär 
(^Tropfquelle-^) liegen soll. Nördlich davon wurde eine weitere Quelle 

genannt: *Ain il Malluh -^jU^ j/s^ (»Salzquelle«). Im Süden erschien 

ein Plateau, dessen dunkle Farbe sich von dem Grau weiss des 



Kap. IX. Erek. 32 1 

Hamäd auffallend abhob; östlich davon ragte der Gebel i<J Dob* 
AJUtf)\ lx>- (»Hyänenberg«) aus der Ebene hervor. 

Die Fortsetzung des Gebel il Kottä** wurde von 5 Uhr 20 Min. an 
als tiebel it Tuletuwäh dl^^iil^l Ja>- bezeichnet, hinter dem eine Parallel- 
kette, Gebel Abu 'd Duhür Jj^\ y\ Ja> (»Rückenberg«) genannt, 
sichtbar wurde. Bald darauf passierten wir ebenfalls links eine am Fusse 

des Gebirges gelegene Chan-Ruine, das Ka§r il Ahmar y^ii\ y-a^ (»das 

rote Schlosse). Von demselben sind nur mehr die Reste der Grundmauern 
vorhanden, welche ein im Vergleich zu anderen Chanen nicht sehr be- 
deutendes Viereck bilden. Nachdem wir drei ausgetrocknete Wädis über- 
schritten hatten, langten wir gegen 7 Uhr 15 Min. in Erek iJjl an. 

Die Hauptrichtung des Marsches von Palmyra nach Erek war zunächst 
ONO., zuletzt ganz östlich gewesen. 

Das Dörfchen Erek liegt in einem kleinen, von niedrigen Höhen 
umgebenen Thalkessel und enthält gegenwärtig 15 bis 20 von Fellachen- 
familien bewohnte Häuser. Wenige Minuten nordöstlich steht auf einer 
kleinen Anhöhe eine Kischla, in der einige Zaptije stationiert sind. Da 
die westlich von dieser Kischla gelegene Quelle, die einzige des Ortes, 
wenig wasserreich ist, so hat die Ansicdlung niemals gross sein können. 
Das Wasser ist schwefelhaltig, aber nicht in dem Masse wie das der 
Quelle von Palmyra. Peinige »Karm«, Weinfelder, und kleine Flecken 
Ackerland sind alles, was an Kulturland zu sehen ist. Mehrere un- 
bedeutende Ruinen zeugen davon, dass schon im Altertum hier 
eine Niederlassung bestanden hat. Ptolemäus, Tabula Pcutingerana 
und Notitia dignitatum kennen bereits den Ort als \A6aya (statt 
14^a;|ra), Harae (statt Harac) und Anatha oder Aratha (statt Aracha)*). 
In neuerer Zeit wird Erek zum erstenmal erwähnt von Halifax und seinen 
Begleitern, Mitgliedern der englischen Ilandelsfaktorei von Aleppo, welche 
anlässlich ihrer Expedition nach Palmyra im Jahre 1691*) auf ihrem 
Rückweg die von mir gewählte Route bis Suchne eingeschlagen haben. 
Der Name wird von ihnen Yarecca geschrieben, das den Reisenden 
an Ort und Stelle merkwürdigenveise dahin erklärt wurde, dass es von 
einem Siege der Türken über die Mamluken sich herleite. Nach diesem 

*) VerjTl. Moritz a. a. (). S. 26; ferner Inschrift No. 634 in Stcrrett, The Wolfe 
Expedition, Papers of the American school of classical studies nt Athens, Vol. III 1884/ 1885. 

^) Verjrl. Kap. VIII dieses Werkes S. 308; Ritter a. a. O. Bd. X, S. 1095. Bd. XVII, 2. 
.S. 144 1; Palestine Exploration Fund 1890 S. 295 ff. 

Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer ^um Pertischen Golf. 21 



^22 Kap. IX. Zwischen Erek und Suchne. 

Bericht mussten die wenigen Einwohner damals die Summe von 300 Dollars 
an Assyne-abasse (jedenfalls Husen *Abbäs), den »König der Araber<, 
zahlen. Leider haben die Reisenden verabsäumt, sich nach dem Namen 
des Tribut heischenden Stammes zu erkundigen, so dass nicht zu ent- 
scheiden ist, ob mit diesen Arabern schon die *Aneze gemeint sind, 
deren Einwanderung in die Syrische Wüste damals begonnen haben 
muss, oder ob es noch die alten Beduinen des Hamäd waren. Wir 
selbst fanden ein Zeltlager von Benu *Amür bei der Kischia von Erek 
aufgeschlagen. 

Am folgenden Tage um 7 Uhr 40 Min. morgens traten wir 
den Weitermarsch in NNO. -Richtung an und hatten um 8 Uhr 
den Rand des Thalkessels erstiegen, in welchem Erek liegt. Unsere 
Marschrichtung blieb von jetzt bis zum Sonnenuntergang NO. 

Um 8 Uhr 40 Min. lag die Ruine des Chan it Tumcd JU%i)\ j\i 

links von der Strasse, gleichzeitig überschritten wir einen Wädi gleichen 
Namens. Um 9 Uhr 10 Min. ging es über den Wädi ir Ramämil 

|u^U^^ ^^Ij, während links in einiger Entfernung der Höhenzug des 

öebel il Läbide iJü^Ul L>- sichtbar wurde M. 

Um 1 1 Uhr 5 Min. fanden wir zu unserer Linken ein rechteckiges 
Wasserreservoir von 7 : 10 m, daneben einen Schutthaufen, sowie die 
Grundrisse von Häuserruinen und zahlreiche Gräber; Umstände, die auf 
eine «grössere Niederlassung aus muhaniniedanischcr Zeit schliessen 
lassen. Darauf deutete auch die Form des (irabschmuckes hin, welche 
dieselbe war, die noch heute in vielen muhammedanischen Städten des 
Orients üblich ist: zwei aufrecht stehende Steinplatten am Kopf und am 
Küssende, und eine dritte, zwischen beiden auf dem Grabe liegende 
ähnliche Platte. Im vorliegenden Falle waren diese Platten von dunkler 
Farbe. Um 11 Uhr 40 Min. rasteten wir in der Steppe am Abhang 
einer kleinen, rechts von uns beginnenden Anhöhe. Von hier aus 
konnten wir am Fusse des links von uns sich hinziehenden Gebirgs- 
zuges deutlich mehrere grosse Bäume erkennen, die uns als Butm 
(Pistacia terebintus) bezeichnet wurden; im Westen wurde in einiger 

Entfernung der Oiebel Dabbäs . t^l^ L>- sichtbar. 

Um 3 Uhr 55 Min. brachen wir von unserm Lagerplatz wieder auf, 
und um 4 Uhr 15 Min. hatten wir den Chan il Kuleilät O^^J^'^ o'^ 



V Cernik, Technische Studien -Expedition durch die Gebiete des Euphrat und 
Ti$^ns in Pctcrmanns Mittcilungenf Ergänzunp^sheft 44, 45« verzeichnet hier einen OebeL L£bdi. 



Kap. IX. Suchne. ^23 

ZU unserer Rechten. Kurz darauf passierten wir eine kleine verfallene Kubbe, 
nach welcher der rechts von uns bis nachSuchne streichende, schon erwähnte 

Höhenzug Tulül il Kubbe <Ju\ J^ genanntwird. Die zu unserer Linken sich 

hinziehende Höhenkette wurde uns hier als öebel id Däbik ciA>.UÄ)\ L>. 

bezeichnet, ein Name, der für das Gebirge bis über Suchne hinaus bei- 
behalten wird. Hinter 'dem öebel id Däbik erblickten wir den 

öebel il Mul^eibra SjjuÜl L>- (»Berg mit kleinem Kirchhof«). Um 5 Uhr 

30 Min. überschritten wir den Wädi il Kebir j)Si\ (^^\j und langten 

kurz vor 6 Uhr in Suchne AliJl an. 

Suchne, »die Heisse«, hat seinen Namen von den in nächster 
Nähe des Ortes entspringenden warmen Schwefelquellen, deren Wasser, 
nachdem es längere Zeit gestanden hat, freilich von schlechtem Geschmack, 
aber dennoch trinkbar ist. In der Nähe der Quellen haben sich Tümpel 
gebildet, die den Bewohnern des Ortes zum Baden dienen^). Bereits in 
alter Zeit hat hier eine Stadt bestanden, Namens Cholle^). Im Jahre 
1850^) sollen die Leute von Suchne im Stande gewesen sein, 400 Flinten 
ins Feld zu schicken. Der deutsche Arzt Bischof*), der im Jahre 
1873 auf seiner Reise von Aleppo nach Palmyra Suchne berührte, giebt 
an, dass die Einwohnerzahl noch für den Anfang der sechziger Jahre 
auf 1200 bis 2000 zu schätzen sei, während er selbst nur noch 600 bis 
700 Menschen vorgefunden hat. Seitdem ist die Einwohnerzahl noch 
mehr zurückgegangen, und man versicherte mir, dass die Aus- 
wanderung, die sich mehr und mehr nach den grossen syrischen Städten 
Aleppo, Hamä und Hom§, aber auch nach Der ez Zör hinwendet, 
weiter fortdauere. Das moderne Dorf dürfte etwa 100 Häuser umfassen; 
auch von diesen steht eine ganze Anzahl leer. Die heutige Einwohner- 
schaft lebt in überaus dürftigen Verhältnissen, kaum dass das dem eigenen 
Bedarf genügende Getreide angebaut wird. Der Rückgang des Ortes ist 
wohl vor allem dem Emporkommen von Der ez Zör zuzuschreiben, in 
welchem sich jetzt der Handel der ganzen Wüste koncentriert, während früher 
Suchne ebenso wie Palmyra ein Markt für die Beduinen gewesen ist. 

*) Der Tümpel, in welchem meine Pferde ß^etränkt wurden, muss eine grosse Anzahl 
▼on Blutegeln enthalten haben, die sich im Rachen der Tiere weiter entwickelt und fort- 
gepflanzt zu haben scheinen. Jedenfalls fanden sich seit unserer Abreise aus Suchne bei 
mehreren unserer Pferde wochenlang im Munde diese E^el vor. 

'} Verjjl. Kitter, Erdkunde, V. Teil, 3. Buch, Berlin 1843, S. 1091 und die Aus- 
führungen von Moritz a. a. O. S. 27. 

■) Verjjl. V. Kreracr, Mittelsyrien und Damaskus, S. 200. 

*) Verj^l. Bischof, Reise von Palmyra nach Aleppo, pnbliciert von Prof. Sachau im 
Globus, Bd. XL, No. 23, S. 363. 

TB? 



324 Kap. IX. Straisen von Suchne durch die Wüste. 

Eine grosse befestigte Kischia mit ziemlich starker Garnison schützt 
Suchne gegen feindUche Razu. 

Im Norden Suchnes haben in römischer Zeit nach dem Euphrat 
hin verschiedene kleinere und grössere Städte bestanden; auch in der 
Zeit des arabischen Mittelalters war die nördliche Palmyrene zum Teil 
von einer sesshaften Bevölkerung bewohnt. Gegenwärtig dürften hier 
nur mehr die Ruinen der früheren Niederlassungen anzutreffen sein. 

Von Suchne aus zweigen sich verschiedene Strassen ab. Die eine, welche 
Dr. Bischof begangen hat, führt durch die von verschiedenen Höhenzügen 
unterbrochene Steppe in NW.-Richtung nach Aleppo, eine zweite, unlängst 
von Oestrup*) erforschte, geht direkt nördlich nach it Taijibe und weiter 

über ir Resäfe A3\^j\ zum Euphrat nach Rakka, während die dritte, von 

uns benutzte, in nordöstlicher Richtung den Euphrat bei Der ez Zör erreicht. 

Nachdem wir mit dem schlechten Schwefelwasser den Wasser\-orrat 

in unseren Schläuchen ergänzt hatten, traten wir am 29. Juli um 8 Uhr 

morgens den zweitägigen Marsch nach der nächsten Wasserstelle Bir 

Kabäkib (ausgesprochen Gabägib) ^^\i jm an. Rechts öffnete sich als- 

• 

bald der Blick nach Süden in den unendlichen Hamäd, während auf der 
linken Seite der (iebel icj Dähik, der stellenweise ziemlich steil zur Ebene 
abstürzt, uns weiter begleitete. Um 9 Uhr 5 Min. hatten wir den Teil 

il Maijaliit O^ vJL^ t zu unserer Rechten. Gegen 9 Uhr 40 Min. be- 

gann links beim Weg eine lange Hügelreihc, (icbcl id Duwebik 

st\^ ya^\ L>- genannt, die in ONO.-Richtung verläuft und sich in zwei 

Höhen scheidet. Das Ende der ersten, die von weisslichem Ansehen 
ist, erreichten wir um 11 Uhr 30 Min., das der zweiten, welche rötlich 
schimmert, gegen 12 Uhr 5 Min. Um diese Zeit machten wir Mittags- 
rast bis 3 Uhr 35 Min. Um 4 Uhr lag rechts weit ab in der Steppe 

der (iebel in Negib ..^..^tl'^ L>-, bei welchem sich ein um diese Jahres- 

zeit ausgetrockneter Brunnen befinden soll; 4 Uhr 40 Min., gleichfalls 

rechts, der debel il Huweb ^^' «J^ L>-. Um 5 Uhr 45 Min. entfernte 

• ^^ 

sich das Ciebirge zur Linken mehr und mehr von der Strasse und nahm 
hier den Namen Gebel il Hi.schri ^^.Jji^ L>- an; dieser Höhenzug stösst 

*' VergL ( >estrup, Historisk topogratiske Bidra«; til Kendskabet til den syriske Örken, 
Kopenhai^en 1S05 Schriften der Kgl. ninischen Wiss. Ges. ö. Reihe, Hist.-phiL Abteüunj^ IV, 2>. 
Die Ergebnisse einer Reise, die Professor Ilartmann in die Palmyrene untemathm und aber die er 
bisher nichts publiciert hat, sind in der diesem Werke beiire^ebenen Kiepertschen Karte 



Ka|>. I\. II Mubiiti 



325 



eine Tagereise nördlich von cd Der tin den Kuplirat und soll sich jenseits 
des Stromes in Mcsoj>otamien bis zum 'Abd el "A/iz fortsetzen. 

Um ft Uhr 40 Min. lant,rten wir in il Miilitifir yLsi* an. Der Xame 

bedeutet den lOrt, wo (irabungen voffjenommcn worden sind«. Hier, 
etwa halbwegs zwi.schcn Suchne und Kabal>ib, hat die Regierung vor 
einigen Jahren in einer Uodensenkung den nach 60 m tiefen Bohrungen 
noch erfolglosen Versuch gemacht, einen ßnmnen ku graben, um den 
Karawanen die Möglichkeit zu geben, auf dieser gefiirchteten Strecke 







Das Was 






Wasser -m nehmen. Das ISohrloi 
einer anderen Minscnkuiig Radu' ii 
W'a.-sc 



lag etwa eim- -Stinide hinter 
IVr ^\ jJS. ( VogeltiimpeU). 
welche in der Regenzeit viel \\'a>ser halten soll, sich aber zu cneiner 
Zeit in keiner Weise von dem übrigen .Stej>]ienteirain llnl^■r^chied. .An 
beiden Stellen sollen sich in fnilicrcr Zeit Itrunnen befunden h;ibcn, 
welche offenbar versehiittet worden und jel/t nicht mehr jviiftindbar sind. 
Wir marschierten an diesem Tage bis ;■ Uhr 30 Min, abenils und 
lagerten dann in einer ausgedehnten llin-enkung mitten in der Wiiste, 
in der Nähe einer gro.s.scn, von '.Xgel g(-fuhrten liandclskaraivanc, die 
etwa 120 Kamele zählte und von Hardäd mit Teppichen nach liiima-^tvvs 



^ 



226 Kap. TX. Eine Karawane in der Steppe. 

angeblich bereits seit 40 Tagen unterwegs war. Sie marschierte nur 
nachts wenige Stunden und rastete während des Tages. Die *Agel 
w-aren ergraute Karawanenleute; mit den hier gewöhnlich streifenden 
Beduinen waren sie gut bekannt, sie zahlten Chüwe an sämtliche 
Stämme, denen sie begegneten. Ihr Lager war derartig aufgeschlagen, 
dass die wallartig zusammengeschichteten Ballen eine Seite eines Recht- 
ecks ausmachten, während die Kamele, deren Vorderbeine am Knie zu- 
sammengebunden waren, zwei andere Seiten bildeten. Die Tiere standen 
mit den Köpfen der Innenseite des Lagers zugewendet und empfingen so 
ihr abendliches Futter. In der Mitte des Lagerplatzes hockten die *Agcl 
um ein Feuer, an welchem sie ihr Brot gebacken hatten und ihren Kaffee 

kochten. Mehrere Wachen (Nätür jj^\)) umkreisten unausgesetzt den 

Lagerplatz und Hessen von Zeit zu Zeit den allen Wüstenreisenden be- 
kannten leisen und feinen Pfiff hören. Noch stundenlang sass ich mit 
ihnen am Feuer und hörte ihren Räuber- und Pferdegeschichten zu, den 
beliebtesten Themen aller Karawanenführer. Kurz vor Mitternacht brach 
die Karawane auf. Lautlos wurden die Tiere beladen und ebenso lautlos 
setzte sich der ganze grosse Zug gespensterartig in Bewegung. Die 
Kamele waren aneinandergebunden und zogen einzeln hintereinander 
her. Trotz der mondhellen Nacht waren sie schon nach wenigen Minuten 
unseren Blicken vollständig entschwunden. 

Um 6 Uhr 35 Min. verliessen auch wir unsere Lagerstätte, und zwar in 
nordöstlicher Richtung. Zu unserer Rechten lagen in grösserer Entfernung 

der öebel il Hcl L>.^ L>. und der öebel il Murabba* ^ 1\ L>-. Um 

8 Uhr 45 Min. befanden wir uns auf der Höhe einer leichten Terrainwelle und 
sahen in weiter Ferne die Kischla von Gabägib vor uns liegen. Getrennt 
von ihr waren wir durch eine mehrere Stunden lang sich hinziehende 

Thalmulde, Namens il Fcdät OIJa.oM, in die wir jetzt hinabstiegen, so 

.. 

dass uns die Aussicht auf die Kischla bald wieder entzogen wurde. 
Auch der Cebel il Bischri war von dem vorenvähnten, hochgelegenen 
Punkte aus wieder gut sichtbar geworden, und dahinter erschien ein 
ihn überragender Berg, der deshalb den Namen Gebel in Näzira 

Ä^iiu\ [^ (»der Ueberragende«) führte. Um 9 Uhr passierten wir den 

wasserlosen Wädi id Dafajin JfliJ^ c5^^ J » ^^ welchem sich links vom 

.. 

Wege ein Ziehbrunnen Bir il Kutebät OLxiXJ^ »m befinden soll, und 

zwar in der Schlucht des gleichnamigen Berges, auf dem der Wädi ent- 
springt. 



Kap. IX. Fata Morj^^a. — II Gabaf^b. 327 

Wiederholt hatten wir während unserer Wanderung durch die 
Wüstensteppe Luftspiegelungen, verursacht durch die intensive Sonnen- 
glut, erblickt: Die niedrigen Terrainwellen erschienen als gewaltige 
Gebirgsrücken, die kleinen, kümmerlich gedeihenden Wüstenstauden als 
breitwipfelige Bäume, ausgetrocknete Tümpel als blinkende Teiche und 
Seen. Besonders deutlich war die Fata Morgana an diesem Tage, als 
wir um 9 Uhr 30 Min. den tiefsten Punkt der Fedät erreicht hatten: Eine 
längliche Hügelkette schien sich vor uns zu spalten und den Ausblick 
auf ein dahinterliegendes Thal mit einer grünen Oase zu eröffnen. Als 
wir die Terrainwelle weiter emporstiegen, verschwand das leckende 
Trugbild. 

Um 9 Uhr 45 Min. befanden wir uns an dem ausgetrockneten Wädi 

Sch*aib id Dafajin (jvijjl .„^^^.^ <^^^J» ^o Uhr 20 Min. hatten wir 

das Ende der Thalmulde erreicht und begannen auf das Plateau hinauf- 
zusteigen, das sich von hier bis an das Euphratthal erstreckt. Am 
obersten Rande erhebt sich die Kischla von Bir Gabägib, bei der wir um 
12 Uhr 55 Min. ankamen. Der Boden besteht hier meist aus Gips, der zum 
Teil in glänzenden Kristallen zu Tage tritt. Diese Formation setzt sich 
durch das ganze nördliche Mesopotamien bis zum Tigris hin fort. 

Wenige Schritte von der Kischla entfernt liegt der Brunnen, der 
sehr alt sein muss, denn in seine Steinumrandung haben die Seile 
der Schöpfeimer besonders starke Rillen eingeschnitten. Die Tiefe des 
Brunnens beträgt über 20 m. Das Wasser ist zwar infolge des Gipsbodens 
bitter, schmeckt aber doch viel angenehmer als das schwefelhaltige 
Wasser von Suchne. Gabägib (Kabäkib) wird schon von alten 
Historikern, z. B. Abulfeda, als Brunnen genannt, es war damals die 
letzte Station auf dem Wege von Syrien nach Rahaba. Etwa eine Stunde 
westlich sollen sich die Reste einer alten Wasserleitung befinden, die zu 

einem Sammelbecken in der Ebene il Chabra ij^\ führte ^) Die 

Kischla von Gabägib ist ein kleines Gebäude mit engem Hof und 
bietet höchstens einem Dutzend Soldaten Unterkunft. Zu meiner Zeit 
befanden sich nur drei Mann dort, der Proviant wird ihnen wöchentlich 
von ed Der zugeführt. 

Neben dem Bir sahen wir ein lahmes, verschmachtendes Kamel 
liegen, welches als nicht mehr marschfähig von einer Karawane hier 
zurückgelassen worden war. Die dienstuntauglichen, hilflosen Tiere werden 
sich selbst überlassen und oft noch bei lebendigem Leibe von Geiern 
oder Schakalen zerfleischt. Es gilt als Sünde, den gequälten Wesen 
den Gnadenschuss zu geben. 



^ Vergl. Lady Anne Blaut, Bedouin tribes of the Euphrates, London 1879. Bd. II, S. 33. ^^ 



9 28 Kap. IX. Das Terrain vor dem Eaphrat. 

Am nächsten Morgen verliessen wir um 6 Uhr 40 Min. Gabägib und durch- 
zogen die nach dem Euphrat sich langsam abdachende Hochebene, zunächst 
in ONO.-, dann in O.-Richtung, bis wir 9 Uhr 10 Min. zum Kabr in Na^räni 

^\ -äI!^ ji^ gelangten. Dieser Punkt hat seinen Namen davon, dass hier 

vor einiger Zeit ein von seiner Karawane abgekommener Christ, der auf 
seinem Pferde eingeschlafen war, sich in der Wüste verirrte und verdurstete. 
Alle Nachforschungen nach ihm waren vergebens. Dergleichen Unglücks- 
fälle sind durchaus nicht in das Bereich der Märchen zu verweisen, sondern 
kommen in der Wüste thatsächlich oft genug vor; besonders gefürchtet 
ist die Strecke von Suchne nach ed Der, weil hier auf dem zumeist harten 
Hamäd-Boden die Wegespuren sich an vielen Stellen sehr leicht verwischen, 
und der Reisende, der den Brunnen von Gabägib verfehlt, unrettbar ver- 
loren ist. 

Um io\2 Uhr machten wir bei dem Wädi il Rirr ^'\ ^^ i Halt, 

in dessen Nähe auf dem Hutzel gleichen Namens, zwischen zahlreichen 
glänzenden Gipskristallen, kleine, kaum wahrnehmbare Ruinenreste standen, 
die offenbar von einem befestigten Chan herstammten, einem weiteren 
GUede in der Reihe der bisher von mir erwähnten Chane. Sonstige 
Trümmerreste habe ich von hier auf der Route nach Der ez Zör nicht 
finden können, auch keiner meiner Begleiter erinnerte sich, hier Ruinen 
gesehen zu haben. 

Wir rasteten bis 3 Uhr 45 Min. und kamen um 4 Uhr 30 Min. zum 

Wädi il Mälha i^li^ ^^^^j; um 5 Uhr 5 Min. und 5 Uhr 15 Min. 

überschritten wir zwei weitere Wädi, die sich links von unserem Weee 
vereinigten. 6 Uhr, 6 Uhr 5, 6 Uhr 15 Min. wurde je ein Wädi passiert. 



^ ^ j 



der letzte Wadi il Ku.seijibe Ax^^^tall iA^\ i genannt. Die Vermutung, 

dass hier links am Wege gutes Wasser zu haben sei, erwies sich als 
irrig. Dagegen fanden wir in östlicher Richtung, in einer Einsenkung^ 

des Wädi unweit einer leichten Erhebung, Namens Teil Dimme i/*i |i», 

mehrere Lachen, deren Wasser sich jedoch infolge der starken Verdunstung 
als sehr salzhaltig erwies und zum Trinken nicht geeignet war. Hier 
sollen sich nachts die Gazellenjäger auf den Anstand begeben. 

6 Uhr 20 Min. begann ein breites Thal, abermals il Mälba iLlll 

(»die salzige Quelle) genannt, in welchem sich sämtliche Wädis ver- 
einigen, die im Winter aus der ganzen Umgebung dem Euphrat Wasser 
zuführen. 



Kap. IX. Ankunft in Der ci Zör am Eaphrat. 329 

Um 7 Uhr hatten wir den Rand des Plateaus erreicht, das steil in 
das Stromthal des Euphrat abstürzt. Die grünen Gärten von ed Der, die 
Häuser der Stadt und dahinter die gelben Fluten des Euphrat wurden 
sichtbar. Es ist unmöglich, die Empfindungen zu schildern, welche 
dieser Anblick in mir hervorrief. Freudiger können die Griechen mit 
ihrem Ruf Tn^äXarra, ödkarrat die blauen Wogen des ewigen Meeres 
nicht begrüsst haben, als wir nach dem längen furchtbaren Ritt durch 
die wasserlose Wüste den segenbringenden und Erquickung verheissenden 
Strom. Von der verderblichen Glut der Sonne hatten zahlreiche Skelette 
von Pferden und Kamelen gezeugt, die unseren Weg von Suchne bis 
nach ed Der kennzeichneten. Wir selbst hatten wenige Stunden, bevor wir 
das Ziel erreichten, eines unserer besten Pferde verloren. Jetzt wirkte 
der Anblick des Euphratthalcs mit seiner üppigen Vegetation wahre 
Wunder auf die Spannkraft der Menschen und Tiere. 

Fern in Mesopotamien tauchte in der Steppe ein isolierter Hügel, 

Namens Teil Hug^cf el Gezire Ij ^\ ^ju^t>' t auf, oberhalb von ed Der 

auf dem syrischen Euphratufer wurde eine ähnliche Erhebung sichtbar, 

Hug^ef esch Schäm auJ^ ^Ja^j/o- genannt. Wir kamen an einigen 

Ruinenresten vorbei, dann wandte sich unser Weg nordwärts, und um 8 Uhr 
30 Minuten hatten wir ed Der oder genauer Der ez Z()r erreicht. Unser 
Lagerschlugen wir im Norden der Stadt, in unmittelb.'irer Nähe des Flusses, an 
einer von blühenden und grünenden Gärten umgebenen Stelle auf. Nie werde 
ich das Frohgefühl vergessen, mit dem ich am anderen Morgen das Hild des 
Stromes in mir aufnahm, der von zahlreichen, aus aufgeblasenen Schaf- und 
Ziegenhäuten hergestellten Flössen belebt war, auf welchen die Bewohner 
der oberhalb ed Der gelegenen Dörfer Wassermelonen heranbrachten. Mit 
Behagen fröhnte ich jetzt auch dem seit Wochen entbehrten Genüsse eines 
Bades, — hatte sich doch in der Wüste infolge des Wassermangels 
unsere Toilette manchmal darauf beschränkt, dass wir uns etwas Wasser 
in die Hände schütteten und damit das Gesicht bespritzten, um dann 
noch die zurückfliessenden Tropfen, die nicht verloren gehen sollten, 
begierig aufzutrinken. Jetzt ergaben wir uns auf einige Tage einem 
wohligen Genussleben, und es traf sich gut, dass in einem uns benach- 
barten Garten ein Cafetier seine Bude aufgeschlagen hatte, der uns mit 
seinem duftigen Getränk oder mit einem Nargileh erquickte, ohne da-^s 
meine Leute sich darum zu sorgen brauchten. 

Der bedeutet »Kloster«, und thatsächlich mag hier früher ein Kloster 
gestanden haben. Die ältere Geschichte der Stadt ist in Dunkel gehüllt, 
ebenso wie ihr eigentlicher früherer Name *). Grössere Schutthaufen 

\' H. Kiepert setzt im Atlas Anti({uus das Birtha des IHoleinaeus an die SteHe von cd Der« 



9JO ^^P- I^> ^^r ^' '^^^ cii^Bt und jeut. 

und Mauerreste, die sich namentlich unterhalb des gegenwärtigen 
Stadtbezirks befinden, sprechen dafür, dass in früherer Zeit hier eine 
Niederlassung bestanden hat, die dem heutigen ed Der gewiss nichts nach- 
gegeben hat. Ein grosser, langgezogener, dem Euphrat parallel laufender 
Damm, der jetzt eine Strasse des modernen ed Der bildet, sowie die Reste 
anderer Stauwerke geben Zeugnis davon, dass in früherer Zeit das Euphratthal, 
welches gerade bei ed Der eine grosse Ausbuchtung bildet, wohl bebaut 
gewesen sein muss. In der armenischen Kirche des heutigen ed Der haben 
Kapitale und andere Ueberreste vormuhammedanischer Kunst Ver- 
wendung gefunden. Die erste Ewähnung von ed Der scheint in Abulfedas 
Chronik unter dem Jahre 1331 vorzuliegen, woselbst von einer Zerstörung 
des Dammes von Der Basir durch den übergetretenen Strom die Rede 
ist. Der deutsche Arzt und Hotaniker L. Rauwolff*) berührte den Ort 
im Jahre 1573 auf seiner denkwürdigen Euphratfahrt von Bire^k 

ctA>-^ nach Felluga. Damals war ed Der eine dichtbevölkerte, von Mauern 

umgebene Stadt, welche von den Reisenden einen Zoll erhob. In 
späterer Zeit muss sie sehr zurückgegangen sein, ihre nominelle 
Selbständigkeit scheint sie aber bis in unser Jahrhundert hinein sich 
bewahrt zu haben. Chesney fand auf seiner Expedition im Jahre 1837 
noch keine türkischen Hehörden dort vor, vielmehr wurde die Stadt 
von einem Schcch verwaltet, der allerdings einen jährlichen Tribut an 
den Sultan abführte. 

Er^t 1867 wurde eine direkte türkische \'erwaltung in ed Der einge* 
führt, als *Omar Pascha auf seinem Zug von Aleppo nach Bardäd auch am 
Euphrat festen Eu<s fasste und ed Der nach einer regelrechten Belagerung 
und Erstürmung in Besitz nahm. Bis zu dieser Zeit war infolge der Höhe 
der Durchgantyszöllc, welche die Beduinen von den Reisenden und 
Karawanen forderten, ein regelmässiger Verkehr auf der Euphratstrasse 
fast unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, dass durch die Zahlung 
dieses Tributs die Sicherheit nur so lange gewährleistet war, wie der 
Reisende sich in dem Machtbezirk des betreflenden Wüstenstammes 
befand. Der Verkehr zwischen Damaskus und Bardad bezw. Aleppo und 
Bardäd machte deshalb den grossen Umweg durch Nordmesopotamien über 

L'rfa A3j\ Mardin /r^J^» Ciezire, Mösul l^ A\ und Kerkük. Noch 

jetzt wird dieser Weg, der ausserhalb des l^ercichs der Beduinen li^^, 
von manchen Bardad-Karawanen vorgezogen. In jüng-^ter Zeit erfreut sich 
jedoch die Strasse Aleppo —Bardad, welche von Meskene bis Felluga 
auf dem rechten Euphratufer fuhrt, einer verhältnismässig grossen Sicher- 

' 1-. Rauwolff, Ai£jentlicht' IJjschreibunj; der Reiss. so er in die Morgenländer voll- 
bracht. Au^sburp; 1582. S. 1Ü2H. 



Kap. IX. Der Verwallungsbezirk y 




.Syrischei 



heit, dank den kleinen, mit Zaptije besetzten Kischlas, welche die ganze 
Strecke in Abständen von einigen Stunden besetzt halten. 

Der heutige Verwaltungsbezirk von cd Der, der ein wichtiges Glied 
zwischen Syrien und Mesopotamien bildet, ist sehr umfangreich. Seine 
Grenze ist im Westen Karjeten, im Norden das St.idtchen Käs il 'Ain, im 
Nordwesten läuft die Grenzlinie dicht unterhalb Kakka und im Südosten 
etwas oberhalb 'Ana. An der Spitze des Distriktes steht ein Mutcsarrif, der 
direkt von dem Ministerium des Innern in Konstantinopel ressortiert. Ihm 
fällt vor allem die Aufgabe zu, die Beduinen in Schach zu halten. Zu diesem 
Zweck befindet sich in ed Der eine ziemlich starke und leicht bewegliche 
Militärmacht, nämlich ein Bataillon regulärer Infanterie, das auf Maultieren 
beritten ist, sowie eine grössere Abteilung Zaptije zu I'ferde. Infolge dieser 
Jahre hindurch fortgesetzten Machtentfaltung hat Der ez Zör einen rapiden 
Aufschwung genommen, der begünstigt wurde durch die glückliche Lage der 
Stadt, die gegenwärtig den Knotenpunkt der beiden Hauptkarawanenstrassen 
des nördlichen Arabiens, von Habylonicn nach Nordsyrien und von Nord- 
mesopotamien nach Siidsyrien, bildet'). In römischer Zeit, wie auch wohl 
in der (ilanzzeit der arabischen Chalifate lag dieser Knotenpunkt nur eine 
Tagereise stromabwärts bei der Mündung des Chäbür in den Kuphrat. 



! Zör is. jelit 



ijch Telegraphen 



^^2 ^^'^P- I'^' Strassen, Kirchen, Chane. — Der Mutetiarrif Silib Paschiu 

Der ez Zor ist gegenwärtig der Hauptmarkt für die Bedürfnisse 
nicht nur der durchziehenden Karawanen, sondern auch der Beduinen eines 
grossen Teiles der Syrischen und Mesopotamischen Steppe geworden. 
die hier die Gegenstände, welche sie selber nicht verfertigen, gegen ihre 
eigenen Produkte, vor allem Tiere und Wolle, einhandeln. In den 
letzten Jahren sind in ed Der breite und gerade boulevardartige Strassen 
angelegt worden, welche sogar Petroleumbeleuchtung haben. Allerdings 
entsprechen die in grösseren Zwischenräumen errichteten Häuser noch 
nicht diesen Strassenanlagen. Die älteren Hütten der Stadt liegen an 
kleinen krummen Gässchen, hauptsächlich in der Nähe des erwähnten 
alten Dammes. Der ez Zor hat zwei Moscheen, deren jüngste erst vor 
einem Jahr vollendet war, sowie zwei christliche Kirchen. Die Be- 
völkenmg, etwa 6000 bis 7000 Muhammedaner und 700 Christen, ist 
in stetem Zuwachs be^^Tififen. l'nter den Christen findet man die ver- 
schiedensten Hekenntnisformen: unierte Svrier, Alt-Svrier, orthodoxe 
Griechen, katholische Griechen und Armenier. 

Dem starken \'erkchr dienen grosse geräumige Chane. Die Bazare 
der Stadt sind reichlich versehen, und man findet hier sogar europäische 
LuxuNgegensthndc. Die Hemerkung des englischen Touristen Swainson- 
CowperM, der aufzählt, was er hier alles nicht gefunden hat — es sei ihm 
in ed Der nicht möglich gewesen, einen Napoleon zu wechseln, einen Fisch 
zu kaufen oder einen Korb oder eine Blechbuchse sich zu verschaffen — 
klingt sehr merkwürdig und mag auf die von ihm selbst eingestandene 
Unfahii:^keit, sich auch nur seinem Dragoman verständlich zu machen, 
zurückzufuhren sein. Ich seihst habe mir in ed Der durch die Vermittelung 
i\cir> Mutesarrif von einem syrischen Christen 200 blanke Napoleons, 
einen für die dortii^^Mi \'crhaltni>>e gewiss sehr hohen Betrag, auszahlen 
lassen kennen, für die er sich hei einem Geschäftsfreund in Urfa decken 
wollte, auf welchen mein von der Firma J-ankhänel ^v: Schittner in Damaskus 
ausgestellter Kreditbrief lautete. 

Ich besuchte den Mutesarrif wiederholt in seinem Serai, das am 
Südostende der alten Stadt hart am luiphrat lag. Das Serai besteht aus 
einem weitliuulgen lief und den nach dem Fluss zu belegenen Räumen 
der Verwaltung; zu dem Cxebaudecomplex gehörte eine kleine Moschee. 
Der Mutesarrif Salih Pascha machte den lundruck eines energischen und 
wohlorientierten Mannes. Mehrfach nahmen wir an seinem Frühstück 
im Regierungsgebäude teil. Die obersten Beamten des Bezirks waren 
dauernd seine Ciäste, der Rest der Mahlzeit ging an die Unterbeamten. 
Die Speisen waren sehr schmackhaft nach türkischer Art zubereitet. 
F\ir uns war es ein besonderer Genuss, jeden Tag frisches Fleisch 

' Vrr^l. Swains«>n-(.'<)vv]>er. riirki>h-Aral)ia, I.uiiilon 1S94, S. 164. 



I 

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1' 



Kiip. IX, Kä'i 



333 



und frisches Gemüse und sogar Obst verschiedener Art auf die Tafel 
zu bekommen. 

Dem heutigen ed Der gerade vorgelagert ist eine grosse lang- 
gestreckte Insel, durch welche der majestätische Euphral kurz oberhalb 
der Stadt in zwei Arme gespalten wird. Die Verbindung mit der Insel 
wird bei dem Serai durch eine hölzerne, feststehende Brücke, der ersten 
und letzten auf dem liuphrat von Meskene an, hergestellt. Die Insel 
ist wohl angebaut und wird von mehreren Wasserschöpfwerken, Nü'ura 



äjjct und Cikd 2j>-. bewässert. 




Die Xfriira sind unseren Haggcrniaschineu ähnlich, mit einem in 
dem Fluss befindlichen Rade, das von der Strimiuntj selbst getrieben 
wird. Die an dem Rade befestigten Thongcfasse entleeren sich in eine 
Rinne, welche das Wasser landeinwärts führt. Um den Wasserdruck zu 
verstärken, ist gewöhnlich ein Steindamm stromaufwärts in den l'"luss 
hineingebaut. Die Nä'iira von ed Der sahen gebrechlich aus, weil die 
hier wachsenden ra]>pe!n und 'ramariskon kein geeignetes Bauholz liefern. 
Obgleich der grosstc Teil des Wassers bei den Umdrehungen dieser 
primitiven Schöpfwerke \crlorcn geht, bevor es sich in die Rinnen ent- 
leert, ist ihre Leistung eine ziemlich beträchtliche. Sie .stehen gewohnlich 
Tag und Nacht in Betrieb, haben aber den grossen Uebelstand, dass 
sie zu arbeiten aufhören, sobald das Niveau des Flusses unter die 



334 



Kap. IX. Gird. 



Peripherie des Rades tällL Mit der Erbauung dieser Schöpfwerke be- 
schäftigt sich eine eigene Klasse von Einwohnern, deren Kunst sich vom 
Vater auf den Sohn vererbt. Die geschicktesten Handwerker sollen in 
Syrien leben, wo diese Wasserräder stellenweise riesige Dimensionen er- 
reichen'). Viel primitiver noch sind die Gird, galgenartige Gerüste, 
über deren Querbalken ein oder mehrere Stricke laufen, durch welche 




Gird, 

mit Was-ier ^'cfullte Gef.issc von Tieren emporgczogen werden, die eine 
schiefe Kbene hinub.-icli reiten. Eine andere Art des Wasserschöpfens ist 
am unteren TifTri.-; gebräuchlich; dieselbe besteht darin, dass zwei Arbeiter 
gemeinschaftlich ein flaches, schiisselartiges Gefäss an einem Stricke takt- 
mä-f<ig in das Wasser tauchen und den Inhalt ausschwenken. Pumpen 
sind in Syrien und Mesopotamien fast noch ganz unbekannt; nur in 
Hardäd sah ich spater ein paar Dampfpumpen im Gebrauch. 



r .S(.-i,lt Ilsn 






sich 



in lolches \V«i»erTad lon Ober 




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